Bei uns werden Sie keine anonymen Beisetzungen finden, auch
wenn das jetzt modern ist.
Anonyme Beisetzungen - eine zeitgemäße Bestattung
- inseriert ein Berliner Discount-Bestatter und schickt Formulare
als Postwurfsendung, bei denen Interessenten nur noch unterschreiben
müssen, und schon ist ein Platz unter der grünen Wiese
gebucht.
In Hohenschönhausen werden 30-40% aller Urnen in der UGA, der
Urnengemeinschaftsanlage versenkt. Im Osten Berlins wurden zu
DDR-Zeiten ganze Urnen-Brigaden zur gemeinschaftlichen Beisetzung für
die Zeitung fotografiert. Doch obwohl solcherart gemeinschaftliches
Tun seinen Glanz mittlerweile eingebüßt hat, steigt die
Zahl anonymer Beisetzungen von Jahr zu Jahr - im Westen wie im Osten
der Stadt.
Zwei ältere Damen mit Gummihandschuhen bis über die
Ellenbogen ziehen mit dem Rechen Muster in den Kies. "Wir
sind Zwillinge," erklärt die eine, weil sie das Staunen ob
der Ähnlichkeit offensichtlich gewöhnt ist. Uns gehört
der ganze Friedhof hier, scherzt die andere, wir pflegen
die ganze Reihe mit, weil da kommt ja niemand, das finden wir
schrecklich. Jetzt bringen wir die ersten Frühlingsblümchen.
Blau und gelb leuchten die Stiefmütterchen zwischen den im
Fischgrätmuster ausgelegten Tannenzweigen. Was gibt es
Schöneres? Aber wir gehen nicht hier her später, wir gehen
unter die Grüne Wiese, wir haben ja niemanden, der dann zu
unserem Grab kommt." "Traurig ist das schon, aber das
machen doch alle.
Das Ehepaar Recklies studiert seit Tagen Bestattungskataloge. Herr
Recklies betreibt ansonsten Ahnenforschung und dabei entdeckte der
Rentner, daß im Stammbaum der Recklies alle 10 Jahre
einschneidende Geschehnisse eintreffen. In absehbarer Zeit erwarten
die Recklies deshalb ihren Todesfall. Hinter ihnen auf der
Couchgarnitur sind sorgsam Teddybären zwischen Zierkissen
plaziert. Wenn man das ganze Leben lang ein ordentlicher
Mensch war, meint Frau Recklies, und über einem später
das Unkraut wuchert, das tut einem dann irgendwie weh. Gut, man
merkt es zwar nicht, aber ... ich finde es nicht schön.
Die Recklies haben zwei erwachsene Kinder, aber wer weiß, ob
die Zeit haben werden zur Grabpflege, oder nicht vielleicht sowieso
wegen der Arbeit wegziehen. Unsere Tochter meinte
ja, sie hätte es am liebsten wie in Amerika, wo die Urnen im
Wohnzimmerschrank stehen und wenn man umzieht, nimmt man sie mit.
Unsere Tochter hat schon mit ihrem Bruder gesprochen, daß sie
dann abwechseln würden, mal nimmt der eine die Mutter, und der
andere den Vater, mal umgekehrt."
Sollten dem Ehepaar entgegen der Stammbaum-Statistik noch einige
Jahre Lebenszeit zur Verfügung stehen, dann wäre der
Urnentausch durchaus möglich. Deutschland ist eines der wenigen
Länder, in dem noch Friedhofszwang herrscht
(einzige Ausnahme: die Seebestattung), doch das könnte sich im
Zuge der EU-Angleichung bald ändern. Das darf man aber
nicht zu laut sagen. Herrn Bartenstein, Verwalter des
evangelischen Friedhofs in Hohenschönhausen, erschreckt die
Vorstellung von Friedhöfen ohne Gräber. Hier haben
wir in mühevoller Kleinarbeit die abgelaufenen Gräber
eingeebnet, er zeigt auf eine baumbestandene Wiese mit
vereinzelten Grabsteinen, und hier, der Stolz in seiner
Stimme wandelt sich in Scham, hat seit Jahrzehnten niemand
mehr Hand angelegt.
Überwucherte Baumriesen, Gestrüpp, umgefallene
Grabsteine - ein Miniatur-Urwald liegt hinter dem Rücken des
Verwalters, kaum zu durchqueren. Verschwiegene Areale, deren Gräber
seit Jahrzehnten abgelaufen sind - 1400 potentielle Fußballfelder
sollen die ungenutzten Friedhofsflächen Berlins umfassen. Der
Friedhofsflächenüberhang resultiert aus dem veränderten
Sterbe- und Bestattungsverhalten, doziert Herr Bartenstein.
Viele, deren Lebenszeit nun ablaufen würde, sind bereits im
Krieg gestorben, der Rest lebt immer länger. Aus den Zeiten der
Mauer stammt die Preispolitik zugunsten platzsparender Urnengräber.
Eine Erdbeisetzung braucht drei mal so viel Platz und ist immer noch
entsprechend teuer, obwohl die Friedhofsverwalter längst über
Brachen klagen.
Die Leute trauen sich ja nicht mehr her, nur noch die
Grufties. Herr Bartenstein mag deshalb auch keine anonymen
Beisetzungen. Die liegen auf seinem Friedhof vorne bei den
Giesskannen, ein Rasenstreifen von ca.10 x 40 Metern für
mehrere tausend Urnen, eine Reihe Löcher ist bereits
vorgebohrt, umkränzt von Tannenzweigen. Hier und da stecken
Blumen in der Erde, zum Ärger des Verwalters. Unsere
Freundschaft Ruthchen, erzählen die Recklies, bringt
ihrem Mann auch immer Blumen auf die grüne Wiese. Die ist noch
nicht ganz vom Friedhof runter, da sind die auch schon abgeräumt.
Die Grünen Wiesen Berlins werden auf diese Weise
täglich ebenso unermüdlich wie vergeblich regelwidrig
bepflanzt. Den Angehörigen reicht die Blumenabwurfstelle
der UGA nicht, sie suchen nach der konkreten Ruhestätte.
Auch Freundschaft Ruthchen vergewissert sich bei jedem
gemeinsamen Friedhofsgang, ob ihr Mann drei oder vier Meter vom
Wegrand entfernt liege. Grund genug für Frau Herrmann, eine ältere
Dame mit bedeutungsvollem Augenaufschlag, ihren Mann umbetten zu
lassen.
Seit 1985 lag Horst Herrmann in der UGA eines Tempelhofer
Friedhofs, wo die Leute immer auf den Köpfen der Toten
rumgetrampelt sind. Jetzt besitzt Frau Herrmann eine Eigentumswohnung
mit Terrasse, in der sie neben Horst auch einmal Platz haben
wird - ein namentlich gekennzeichnetes Fach in der Unrnenwand. Anträge
auf Umbettung liegen den Friedhöfen immer häufiger vor,
oft werden sie - aus Sorge um die Totenruhe - nicht bewilligt.
Zumeist lassen sich die anonym beigesetzten Urnen dank der
Friedhofsunterlagen wiederfinden - nur teuer ist es. Der Name
ist doch wesentlich. Herr Weber von der zentralen katholischen
Friedhofsverwaltung hat mit dafür gesorgt, daß es auf den
katholischen Friedhöfen Namens-Steelen an den
Urnengemeinschaftsgräbern stehen. Wenn der Name
verschwindet, verschwindet die Identität.
Das neue Krematorium in Treptow empfängt die Trauernden mit nüchterner
Erhabenheit. Ein Stockwerk tiefer werden die Särge in Empfang
genommen, jeder erhält ein Etikett mit Strichcode, eingescannt
von Hand wie an der Supermarktkasse, und wird dann in einen
automatischen Hades entlassen. In dieser Unterwelt regiert die
sanfte Eleganz der Apparate, jede Bewegung zwischen Kühlregalen
und Brennofen wird vom Abgleichen der Strichcodes begleitet. Noch
die zu Asche zerstampften Überbleibsel der stundenlangen
Verbrennung und die Urne selbst werden per Zettel und Etikett
erkennungsdienstlich behandelt.
Wozu eigentlich, wenn später lediglich die UGA und keine
Auferstehung wartet? Und doch fürchten viele Menschen die
Vermischung ihrer Asche ebenso sehr wie das Unkraut auf ihren Gräbern.
Eine kaum rationale Angst vor einer Unordnung, der man sich als
Toter hilflos unterlegen fühlt?
Der Bestatter ist ja als erster an der Leiche, meint
Friedhofsverwalter Bartenstein und vermutet, daß wenigstens
die Bestatter bei anonymen Beerdigungen verdienen. Das müssen
sie, der Konkurrenzkampf ist hart. Von einem Pfarrer werden in
Berlin nur noch 10% aller Beerdigungen begleitet. Die
jahrhundertealten Rituale werden als unpassend empfunden, an ihre
Stelle tritt häufig nichts als ein pragmatischer Geschäftsakt.
Wer weiß schon, daß ein Verstorbener nicht sofort wie
ein Seuchenherd aus dem Haus geschafft werden müßte? Und
wer weiß schon, wie zauberisch die ungepflegten Gräber
beispielsweise auf dem Stahnsdorfer Friedhof wirken - überwuchert,
eingewoben, aufgehoben im Werden und Vergehen.
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