Anja Kretschmer

„Unermüdlich und regelwidrig wird das anonyme Gräberfeld bepflanzt“

( FAZ vom 27.Juli 00)

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„Bei uns werden Sie keine anonymen Beisetzungen finden, auch wenn das jetzt modern ist.“

„Anonyme Beisetzungen - eine zeitgemäße Bestattung“ - inseriert ein Berliner Discount-Bestatter und schickt Formulare als Postwurfsendung, bei denen Interessenten nur noch unterschreiben müssen, und schon ist ein Platz unter der grünen Wiese gebucht.

In Hohenschönhausen werden 30-40% aller Urnen in der UGA, der Urnengemeinschaftsanlage versenkt. Im Osten Berlins wurden zu DDR-Zeiten ganze Urnen-Brigaden zur gemeinschaftlichen Beisetzung für die Zeitung fotografiert. Doch obwohl solcherart gemeinschaftliches Tun seinen Glanz mittlerweile eingebüßt hat, steigt die Zahl anonymer Beisetzungen von Jahr zu Jahr - im Westen wie im Osten der Stadt.

Zwei ältere Damen mit Gummihandschuhen bis über die Ellenbogen ziehen mit dem Rechen Muster in den Kies. "„Wir sind Zwillinge," erklärt die eine, weil sie das Staunen ob der Ähnlichkeit offensichtlich gewöhnt ist. „Uns gehört der ganze Friedhof hier“, scherzt die andere, „wir pflegen die ganze Reihe mit, weil da kommt ja niemand, das finden wir schrecklich.“ “Jetzt bringen wir die ersten Frühlingsblümchen.“ Blau und gelb leuchten die Stiefmütterchen zwischen den im Fischgrätmuster ausgelegten Tannenzweigen. „Was gibt es Schöneres? Aber wir gehen nicht hier her später, wir gehen unter die Grüne Wiese, wir haben ja niemanden, der dann zu unserem Grab kommt." "Traurig ist das schon, aber das machen doch alle.“

Das Ehepaar Recklies studiert seit Tagen Bestattungskataloge. Herr Recklies betreibt ansonsten Ahnenforschung und dabei entdeckte der Rentner, daß im Stammbaum der Recklies alle 10 Jahre einschneidende Geschehnisse eintreffen. In absehbarer Zeit erwarten die Recklies deshalb ihren Todesfall. Hinter ihnen auf der Couchgarnitur sind sorgsam Teddybären zwischen Zierkissen plaziert. „Wenn man das ganze Leben lang ein ordentlicher Mensch war,„ meint Frau Recklies, „und über einem später das Unkraut wuchert, das tut einem dann irgendwie weh. Gut, man merkt es zwar nicht, aber ... ich finde es nicht schön.“ Die Recklies haben zwei erwachsene Kinder, aber wer weiß, ob die Zeit haben werden zur Grabpflege, oder nicht vielleicht sowieso „wegen der Arbeit wegziehen“. „Unsere Tochter meinte ja, sie hätte es am liebsten wie in Amerika, wo die Urnen im Wohnzimmerschrank stehen und wenn man umzieht, nimmt man sie mit. Unsere Tochter hat schon mit ihrem Bruder gesprochen, daß sie dann abwechseln würden, mal nimmt der eine die Mutter, und der andere den Vater, mal umgekehrt."

Sollten dem Ehepaar entgegen der Stammbaum-Statistik noch einige Jahre Lebenszeit zur Verfügung stehen, dann wäre der Urnentausch durchaus möglich. Deutschland ist eines der wenigen Länder, in dem noch „Friedhofszwang“ herrscht (einzige Ausnahme: die Seebestattung), doch das könnte sich im Zuge der EU-Angleichung bald ändern. „Das darf man aber nicht zu laut sagen.“ Herrn Bartenstein, Verwalter des evangelischen Friedhofs in Hohenschönhausen, erschreckt die Vorstellung von Friedhöfen ohne Gräber. „Hier haben wir in mühevoller Kleinarbeit die abgelaufenen Gräber eingeebnet,“ er zeigt auf eine baumbestandene Wiese mit vereinzelten Grabsteinen, „und hier,“ der Stolz in seiner Stimme wandelt sich in Scham, “hat seit Jahrzehnten niemand mehr Hand angelegt.“

Überwucherte Baumriesen, Gestrüpp, umgefallene Grabsteine - ein Miniatur-Urwald liegt hinter dem Rücken des Verwalters, kaum zu durchqueren. Verschwiegene Areale, deren Gräber seit Jahrzehnten abgelaufen sind - 1400 potentielle Fußballfelder sollen die ungenutzten Friedhofsflächen Berlins umfassen. „Der Friedhofsflächenüberhang resultiert aus dem veränderten Sterbe- und Bestattungsverhalten,“ doziert Herr Bartenstein. Viele, deren Lebenszeit nun ablaufen würde, sind bereits im Krieg gestorben, der Rest lebt immer länger. Aus den Zeiten der Mauer stammt die Preispolitik zugunsten platzsparender Urnengräber. Eine Erdbeisetzung braucht drei mal so viel Platz und ist immer noch entsprechend teuer, obwohl die Friedhofsverwalter längst über Brachen klagen.

„Die Leute trauen sich ja nicht mehr her, nur noch die Grufties.“ Herr Bartenstein mag deshalb auch keine anonymen Beisetzungen. Die liegen auf seinem Friedhof vorne bei den Giesskannen, ein Rasenstreifen von ca.10 x 40 Metern für mehrere tausend Urnen, eine Reihe Löcher ist bereits vorgebohrt, umkränzt von Tannenzweigen. Hier und da stecken Blumen in der Erde, zum Ärger des Verwalters. „Unsere Freundschaft Ruthchen,“ erzählen die Recklies, “bringt ihrem Mann auch immer Blumen auf die grüne Wiese. Die ist noch nicht ganz vom Friedhof runter, da sind die auch schon abgeräumt.“

Die „Grünen Wiesen“ Berlins werden auf diese Weise täglich ebenso unermüdlich wie vergeblich regelwidrig bepflanzt. Den Angehörigen reicht die „Blumenabwurfstelle der UGA“ nicht, sie suchen nach der konkreten Ruhestätte. Auch „Freundschaft Ruthchen“ vergewissert sich bei jedem gemeinsamen Friedhofsgang, ob ihr Mann drei oder vier Meter vom Wegrand entfernt liege. Grund genug für Frau Herrmann, eine ältere Dame mit bedeutungsvollem Augenaufschlag, ihren Mann umbetten zu lassen.

Seit 1985 lag Horst Herrmann in der UGA eines Tempelhofer Friedhofs, „wo die Leute immer auf den Köpfen der Toten rumgetrampelt sind.“ Jetzt besitzt Frau Herrmann eine „Eigentumswohnung mit Terrasse“, in der sie neben Horst auch einmal Platz haben wird - ein namentlich gekennzeichnetes Fach in der Unrnenwand. Anträge auf Umbettung liegen den Friedhöfen immer häufiger vor, oft werden sie - aus Sorge um die Totenruhe - nicht bewilligt. Zumeist lassen sich die anonym beigesetzten Urnen dank der Friedhofsunterlagen wiederfinden - nur teuer ist es. „Der Name ist doch wesentlich.“ Herr Weber von der zentralen katholischen Friedhofsverwaltung hat mit dafür gesorgt, daß es auf den katholischen Friedhöfen Namens-Steelen an den Urnengemeinschaftsgräbern stehen. “Wenn der Name verschwindet, verschwindet die Identität.“

Das neue Krematorium in Treptow empfängt die Trauernden mit nüchterner Erhabenheit. Ein Stockwerk tiefer werden die Särge in Empfang genommen, jeder erhält ein Etikett mit Strichcode, eingescannt von Hand wie an der Supermarktkasse, und wird dann in einen automatischen Hades entlassen. In dieser Unterwelt regiert die sanfte Eleganz der Apparate, jede Bewegung zwischen Kühlregalen und Brennofen wird vom Abgleichen der Strichcodes begleitet. Noch die zu Asche zerstampften Überbleibsel der stundenlangen Verbrennung und die Urne selbst werden per Zettel und Etikett erkennungsdienstlich behandelt.

Wozu eigentlich, wenn später lediglich die UGA und keine Auferstehung wartet? Und doch fürchten viele Menschen die Vermischung ihrer Asche ebenso sehr wie das Unkraut auf ihren Gräbern. Eine kaum rationale Angst vor einer Unordnung, der man sich als Toter hilflos unterlegen fühlt?

„Der Bestatter ist ja als erster an der Leiche,“ meint Friedhofsverwalter Bartenstein und vermutet, daß wenigstens die Bestatter bei anonymen Beerdigungen verdienen. Das müssen sie, der Konkurrenzkampf ist hart. Von einem Pfarrer werden in Berlin nur noch 10% aller Beerdigungen begleitet. Die jahrhundertealten Rituale werden als unpassend empfunden, an ihre Stelle tritt häufig nichts als ein pragmatischer Geschäftsakt. Wer weiß schon, daß ein Verstorbener nicht sofort wie ein Seuchenherd aus dem Haus geschafft werden müßte? Und wer weiß schon, wie zauberisch die ungepflegten Gräber beispielsweise auf dem Stahnsdorfer Friedhof wirken - überwuchert, eingewoben, aufgehoben im Werden und Vergehen.

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