Atmo:
Frau ruft: Peterle, Peterle, Hühner gackern
Sprecherin:
50 Lei – rund 14 Euro - und eine Tafel Schokolade hat Sara Dootz für ihren Peterle bezahlt, einen jungen Rehbock. Das Tier läuft auf die alte Bäuerin zu, über den Hof, vorbei an Hühnern und Gänsen.
O-Ton Sara:
Peterle, der war nur eine Woche alt, Peterle, jetzt willst du was. Zum Lohn nicht wahr? Peterle. Komm ich geb dir was. Ist ja auch lieb, so ein niedliches Tierchen. Bubili, komm ich gebe dir ein wenig was, Bubichen.
Sprecherin:
Manchmal nimmt Sara Dootz das Reh sogar mit in die Küche. Das ist selbst hier, in Deutsch-Weißkirch, ein kleines, abgelegenes Dorf in Transsilvanien, ungewöhnlich.
Atmo:
Dorf, Pferdewagen
Sprecherin:
Der Besuch in Deutsch-Weißkirch, auf rumänisch Viscri, ist eine Zeitreise. Über die unbefestigte Straße holpert ein Pferdewagen, Ochsen ziehen noch den Pflug übers Feld und in jedem Hof steht ein Plumpsklo. Sara Dootz lebt seit 69 Jahren hier - ihr ganzes Leben. Früher sprach sie mit den Dorfbewohnern Sächsisch. Das war vor dem Sturz von Diktator Nicolai Ceausescu. Nach dessen Tod, Ende 1989, ergriffen die Siebenbürger Sachsen die Flucht. Die Angst vor einem neuen totalitären System war groß. Nahezu die gesamte deutsche Minderheit wanderte aus. Die meisten nach Deutschland. Sara Dootz blieb mit ihrer Familie. Irgendjemand musste sich ja um das Dorf, die Kirchenburg, die leerstehenden Häuser kümmern. Die alte Frau hat es nicht bereut.
O-Ton Sara:
Ich war mit meinem Mann sieben Mal in Deutschland. Und jedes Mal, wenn wir zurück kamen, waren wir so froh, dass wir wieder Zuhause waren. In unserer Ruhe, in unserem Zuhause. Wirklich. Uns tendiert kein Luxus oder ich weiß nicht was, komfortables Leben. Wir haben hier alles, was wir brauchen.
Atmo:
Carolina telefoniert, spricht sächsisch
Sprecherin:
Heute bestimmt vor allem die Tochter von Sara Dootz, Carolina Fernolend, das Dorfleben. Die 42-Jährige ist seit 1992 die Ortsvorsteherin und kümmert sich um alles: Sozialhilfe auszahlen, Medizin verteilen, Schulbus organisieren. Vor allem der Erhalt der sächsischen Häuser liegt ihr am Herzen. Viele standen in Deutsch-Weißkirch lange leer, in andere zogen Rumänen und vor allem Roma ein. Welten prallten aufeinander.
O-Ton Carolina
90, als die Leute weggegangen sind, haben wir mit Trauer gesehen, wie Kulturdenkmäler in Gefahr sind und vieles kaputt geht und verschwindet. Und dann haben wir versucht, Leute zu motivieren, uns zu helfen, das zu erhalten, was wir noch haben.
Sprecherin:
Carolina Fernolend nahm Kontakt mit der englischen Mihai-Eminescu-Stiftung auf, die Prinz Charles vertritt. Die Ortsvorsteherin erreichte ihr Ziel: Deutsch-Weißkirch und andere Sachsen-Dörfer der Region bekommen seit Jahren Geld für den Erhalt ihrer Häuser und die Ausbildung von Handwerkern. Andere Regionen in Rumänien können davon nur träumen.
O-Ton Carolina:
Ich habe Projekte mit der Weltbank gemacht. Zwei. Die gingen über das Kulturministerium. Die haben zuerst Studien gemacht. Ein Haufen Geld ist in die Studien gegangen, anstatt an die Kirchenburg. Aber das waren die Vorschriften. Ja ich bin ziemlich enttäuscht von diesen Geldern. Mit den englischen Stiftungen ist es so, dass das Geld von privaten Stiftern kommt. Da läuft das nicht so, dass so viel verloren geht. Deshalb kann man mit weniger Geld mehr machen, als mit Geld von der Weltbank oder wahrscheinlich diesen europäischen Geldern. Viele wundern sich. Wir haben 400 Projekte in fünf Jahren gemacht mit der englischen Stiftung.
Atmo:
Kühe laufen durchs Dorf, Schafe
Sprecherin:
Carolina Fernolend hat nicht nur den Erhalt der sächsischen Kultur im Blick, sondern auch die Zukunft. Was wird aus den Bauern nach dem EU-Beitritt? Sie setzt auf ein Öko-Tourismus-Projekt. Über mehrere Hundert Besucher kommen schon im Jahr, meistens Slowfood-Touristen aus Frankreich. Sie schlafen in alten Holzbetten und essen sächsische Gerichte draußen im Hof, zwischen den Hühnern und Katzen. Reisebusse sind unerwünscht, weil sie das Dorfleben zu sehr stören würden. Die sieben Kilometer lange Straße bis Deutsch-Weißkirch wurde deshalb extra nicht geteert.
O-Ton Carolina:
Wir sagen immer, das diese Schotterstraße ein Filter ist. Man sagt immer: Das ist die schlechte Straße für die guten Touristen, das hält die Busse auf.
Atmo:
Gerda verjagt Spinne
Sprecherin:
Die Bewohner von Deutsch-Weißkirch sollen von den Besuchern profitieren – nicht unter ihnen leiden. Gerda Gherghiceanu, eine Cousine von Carolina Fernolend, ist über ihr neues Leben glücklich. Sie kam mit ihrem Mann aus der Stadt ins Dorf zurück, nach Jahren. Dort arbeitete sie in einer Fabrik.
O-Ton Gerda:
Es ist etwas ganz anderes. Dort war es ein monotones Leben. An der Arbeit und Zuhause. Jetzt kennen wir immer neue Leute. Ich kann sagen, wir haben mehr Arbeit, aber die macht Spaß. Und wir haben Freunde in der ganzen Welt.
Sprecherin:
Im Haus ihrer Eltern hat Gerda Gherghiceanu nun sechs Gästebetten, 40 sind es im ganzen Dorf. Ohne Cousine Carolina hätte sie den Neuanfang nicht gewagt.
O-Ton Gerda:
Wir sind ja auch nicht gewohnt mit solchen Sachen und es ist sehr schwer, damit etwas anzufangen, weil wir lange unter dem Kommunismus gewesen sind. Da wusste man nur an die Arbeit gehen und nach Hause. Jemand musste dir die Arbeit geben. Jetzt ist es was ganz anderes. Und viele getrauen sich nicht. Wir hatten auch ein wenig Angst, aber es geht gut.
Sprecherin:
Im Winter, wenn keine Gäste kommen, lernen die Frauen von Deutsch-Weißkirch Englisch und Französisch. Sara Dootz, die 69-jährige Bäuerin, hat schon geübt.
O-Ton Sara (wird zur Atmo)
Wenn sie kommen, sag ich: spricht französisch
Sprecherin:
Das Touristen-Modell Deutsch-Weißkirch macht Schule. 28 Frauen aus den umliegenden Dörfern wollen jetzt auch Fremdsprachen lernen und auch die Ausbildung absolvieren, die die EU vorschreibt, wenn sie Gäste bewirten und beherbergen wollen.
Atmo:
Dorf
Sprecherin:
Sara Dootz ist mit ihren Führungen rauf zur kleinen Kirchenburg voll ausgelastet.
O-Ton Sara:
Meine Töchter sagen immer: Mutter, dann verkalkst du nicht, dann bleibst du fit auch im Kopf und den Füßen, wenn du zehnmal hinauf läufst. Die bedauern mich nicht, sondern sagen, das tut mir gut und ich denk fast auch so.
Atmo:
Dorf
Sprecherin:
Oben auf der Burg, vom Speck-Turm aus, reicht der Blick weit über das Repser Hügelland. Sara Dootz erinnert sich gerne an die Anfänge, als sogar Prinz Charles zu Besuch kam.
O-Ton Sara:
Hier unter der Burg haben wir den Tisch gedeckt. Jaja, wir haben die Suppe ganz glühend heiß raufgebracht. Wir hatten schon Arbeit, für einen Prinzen zu kochen. Wir hatten Hausbrot und allerhand Käse. Ganz sympathisch, ganz lieb war er. So interessiert, über jede Blume gebeugt und hat gesagt: Ein schönes Grün. War es auch wirklich. Schauen sie, ein schönes Grün. Ein schöner Tag war das im Mai.
zurück zum Textanfang 