Erik Heier

Das Ableben der Anderen

Seit einem Jahr verarbeitet Gunther von Hagens im brandenburgischen Guben Menschen zu anatomischen Kunstwerken. Die Gubener leben inzwischen ganz gut mit den Leichen, die Proteste sind verstummt, denn schließlich bietet das Plastinatorium Jobs.

TIP Stadtmagazin 24/07

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Fröhlich erzählt Diana Masso von ihrem ungebrochenen Appetit auf Steaks, während sie mit Pinzette und Skalpell Fleischfetzen aus einem grünlich schimmernden Menschenfuß polkt.

Vor der 44-Jährigen liegt ein toter Mensch, vollgepumpt mit Formalin, das ist gegen die Verwesung. Später, wenn seine Muskelstränge und Organbatzen bloßgelegt sind, sein Körperwasser durch Azeton ersetzt ist und dieses wiederum durch Silikonkautschuk, wenn er mit Drähten, Klammern, Nadeln und Schaumstoff positioniert und mit Gas gehärtet ist, wird er ein anatomisches Kunstwerk sein. Vielleicht auch in Scheiben, millimeterfein.

Jedenfalls ein neuer Bürger der bizarren "Körperwelten", mit denen der Anatom Gunther von Hagens seit 1996 durch die Welt tourt, oft umstritten, aber bitte, 20 Millionen Besucher seither. Trotzdem: eine Leiche.

"Es ist eine Arbeit wie jede andere auch", sagt Diana Masso. Manche Leute in ihrer Heimatstadt Guben sehen das anders.

Wenn Diana Massos Arbeitsplatz, das Plastinarium, am 16. November ein Jahr alt wird, dürfte es trotzdem ein ruhiger Geburtstag werden. Dort, wo rund 300 Besucher täglich auf 2500 Quadratmetern von Freitag bis Sonntag den gesamten Fertigungsprozess von Körperscheiben und Ganzkörperplastinaten verfolgen können.

Nicht einmal Gunther von Hagens selbst feiert den Jahrestag. Plötzlich eilt der Mann mit dem kerbigen Joseph- Beuys-Gesicht durch den Raum, wie der Künstler unvermeidlich mit Hut, jedoch dem Tulphut der Anatomen, Beuys bevorzugte den Stetson. Hagens nimmt einem Mitarbeiter eine Schweineniere aus der Hand, schneidet mit einem Messer hindurch. Seine Angestellten staunen "den Gunther" an, als wäre er gerade über die Neiße gegangen. Der Heiland. Hagens doziert: "Nicht aufhören, nicht aufhören und weiter und weiter." Er starrt ärgerlich auf die zu kurze Klinge. "Ich habe mich schon gewundert, warum das nur 20 Euro gekostet hat, sonst sind Lachsmesser viel teurer." Seine Sparsamkeit ist legendär.

Später sagt Gunther von Hagens eine Etage höher im Büro, er würde nicht einmal seine Geburtstage feiern, wieso also den Jahrestag? "So was empfinde ich als zu viel Selbstlob." Seine Sätze sind zäh, voller langer Denkpausen. An seinem 32. Geburtstag werkelte er im Labor mit Kunststoff an einem Nierenstück. An diesem 10. Januar 1977 hatte er sein erstes plastiniertes Präparat fertig.

Von Hagens' effektvoll ausgeleuchtete, dezent klassisch beschallte Fabriketage des Backsteinbaus, in der einst Gubener Wolle produziert wurde und zuletzt das Rathaus war, öffnet einen seltsamen Kontrast zum allein gelassenen Stadtviertel nahe der Neiße. Marode Jugendstilvillen, düstere Straßen. Gegenüber von Hagens' Leichengewölbe hofft Toms Culinarium auf Imbisskunden mit dem Appetit von Diana Masso. Der Kracher ist der "Plastinatorteller", 7,50 Euro.

Es sieht aus, als habe sich der heftige Widerstand gegen das Plastinarium, vor allem der Kirche und der Linkspartei, aber auch einzelner anderer Abgeordneter des Städteparlaments, verflüchtigt wie die Körperflüssigkeiten von Gunther von Hagens' Leichen im Azetonbad. Bis vor einem Jahr schien er groß. Vielleicht war er auch nur laut.

Im Frühjahr 2005 stand die Sekretärin des Bürgermeisters Klaus-Dieter Hübner irritiert in der Tür ihres Chefs. Gunther von Hagens sei am Telefon. Warum rief der Mann, der in Kirgisien oder China Tote konservierte und verarbeitete, was ihm Spitznamen wie "Herr der Leichen" eintrug, oder, in Großbritannien, "spooky Kraut" und "Fritz the Ripper" warum also rief dieser Hagens ausgerechnet in Guben an?

Der Stadt steht die deutsche Geschichte ins Stadtbild geschrieben. Im Krieg zerbombt, danach geteilt, das historische Zentrum ist auf der polnischen Neiße-Seite, in Gubin, Guben musste die alte Industrievorstadt reichen. In den 60er Jahren entstand das Chemiefaserkombinat, Guben wuchs bis 1981 auf fast 37.000 Einwohner. Davon sind noch 20.000 übrig, und eine Arbeitslosenquote von 15,6 Prozent, Tendenz immerhin sinkend.

Einst galt Guben als "Perle der Lausitz". Das klingt nach einem Ist-Zustand, der aber schon lange vorbei ist. Der neue Slogan "eine Stadt im Aufbruch" ist anders. Kein Ist, ein Soll. Vielleicht ein Muss. Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Hagens war damals gerade in Polen gescheitert, dort hatten Proteste seine Werkstattpläne verhindert. Davon las ein gewisser Wolfgang Teske in der Zeitung, Anfang 70, Gubener Naturschützer, Ausflugsgaststättenwirt mit Heimatzoo, daher sein Spitzname "Affen-Teske".

Teske wohnt in einer der alten Villen an der ehemaligen Tuchfabrik. Eines Abends rief er von Hagens in seinem Institut in Heidelberg an: "Herr Professor, wenn die Polen Sie nicht wollen, kommen Sie doch nach Guben."

Das erzählt Teske atemlos am Telefon, weil er gerade nicht raus kommt, Zeh gebrochen, aber im Bett telefoniert es sich ja auch schön. Mehrere Anekdoten später ist der Handy-Akku des Reporters fast leer. Teske beschreibt gerade, wie oft er mit von Hagens' Vater telefoniert. "Ach was, täglich, jawohl." Und überhaupt sei er doch erstaunt, wieso nicht alle Angestellten im Plastinarium Nichtraucher seien, bei der dort ausgestellten Teerlunge, und Körperspender seien auch nicht alle Kräfte der Belegschaft, komisch.

Schließlich sollen 75 Gubener ihren Körper nach ihrem Tod bereits dem Plastinarium versprochen haben. Der örtliche Bestatter Bernd Neumann kann nur hoffen, dass ihm Gunther von Hagens nicht die Kunden wegnimmt. "Die Leute, die dorthin gehen, sind diejenigen, die sowieso kein Geld haben", sagt er.

Auch Bürgermeister Hübner mag sich nicht in Scheiben schneiden lassen. Und die Lust auf Zigaretten ist ihm nach dem Besuch im Plastinarium auch nur einen Tag lang vergangen. Seit gut einem Jahr sitzt er im neuen Rathaus, der früheren Hutfabrik von Carl Gottlob Wilke, die Guben zur Hutmetropole machte. Vor wenigen Jahren noch Ruine, gehört es jetzt zum neuen Zentrum der flächig zersiedelten Stadt.

Der ehemalige Immobilienmanager ist seit 2002 im Amt, FDP-Mitglied und trotzdem direkt gewählt. Hübners breiter Rücken lässt vermuten, dass er Prügel aushalten kann. Prügel, wie sie über ihn und den Landrat hereinbrachen, als die zunächst informellen Gespräche über den Verkauf des alten Rathauses an Hagens publik wurden. Kirche und Linkspartei riefen ein "Aktionsbündnis für Menschenwürde" aus. Die finale Abstimmung in der Stadtverordnetenversammlung ging denkbar knapp aus, 13 Stimmen dafür, zwölf dagegen.

Auch die Schreiber der großen Zeitungen wussten plötzlich wieder, wo Guben liegt. "Stern", "Spiegel", "Süddeutsche". Man konnte meinen, die Stadt wäre auf dem Weg zur "Gunther-von-Hagens-Stadt Guben". Eine Stadt, die ihr wankendes Schicksal an den sogenannten "Doktor Tod" verkaufte. Die für ein bisschen Aufschwung über Leichen geht. Gegen jede Moral.

Aber Vereinfachungen machen es nicht immer einfacher.

Das Plastinarium beschäftigt derzeit 106 Leute, meist aus der Region. Auch viele Ältere, die auf dem Arbeitsmarkt längst Fremdkörper sind. Menschen wie den gelernten Fleischer Joachim Bauer, dem sie vor zwei Jahren beim Gubener Arbeitsamt erzählten, dass er mit 54 sowieso keinen Job mehr finden werde. Oder für den ausgebildeten Müller Klaus Noak, zuletzt Angestellter einer pleite gegangenen Cottbusser Bäckerei, der nun Schädel mit Erbsen in Wasserbehälter versenkt, damit das aufquellende Gemüse diese Köpfe aufsprengt. 2200 Leute haben Hagens ihre Bewerbungspapiere geschickt. Gubens größter Arbeitgeber, der Polyesterfaserproduzent Trevira, bietet mehr als 800 Jobs.

Als sich Anfang September hunderte künftiger Körperspender im Plastinarium trafen, trat das "Aktionsbündnis für Menschenwürde" erst gar nicht mehr zum Protest an. "Es geht Hagens um den Tabubruch, da sind ihm alle willkommen", sagt einer der Wortführer, der evangelische Pfarrer Michael Domke. Man könne ja keinen Dauerprotest aufrechterhalten. Der 60-Jährige klingt ein wenig resigniert.

Vor der Ansiedlung hatte Hagens in Guben eine Emnid-Umfrage machen lassen. 71 Prozent waren für seine Werkstatt.

So hat er nun seine Plastinierungswerkstätten in China weitgehend abgebaut, weil man ihm dort die Arbeit nicht nur verdarb, sondern sie auch kopierte, und nach Guben geschafft. Ursprünglich hieß es in der NeißeStadt beschwichtigend, dort würden nur Scheibenplastinate hergestellt, keine Menschen plastiniert. Jetzt ist das Gubener Plastinarium das größte der Welt.

"Alles, was wir als Chance definiert haben, hat sich komplett bewahrheitet", sagt Bürgermeister Hübner zufrieden. Das marode Textilgelände ist verkauft, die Umgebung aufgewertet, sodass dort wieder Grundstücke nachgefragt werden. Bislang hat von Hagens nach eigenen Angaben in Guben 9,5 Millionen Euro ausgegeben, im Wesentlichen für die lokale Handwerkerschaft. Nicht einmal Subventionen habe er gewollt, staunt Hübner: "Der macht bisher alles richtig."

Ganz anders Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht, wenn man Hübner fragt. Der Minister verbot Schulklassen den Besuch der Anatomie-Schau, das ließ die Besucherprognosen taumeln. Die senkrechten Falten zwischen Hübners Augenbrauen werden zu Zornesgräben: "Unverständlich, völlig unverständlich."

Es ist Abend geworden in der Kleinstadt, das Plastinarium hat geschlossen, die Straßen liegen menschenleer im spärlichen Laternenlicht. Einsam stehen zwei Taxifahrer vor ihren Wagen. "Ich habe mehr von dem Ding erwartet", sagt der eine. "Die gehen doch alle vom Bahnhof zu Fuß rüber, oder hast du schon mal einen dahin gefahren?", fragt er den Kumpel. "Nö."

Ein paar Straßen weiter sitzt ein 68-jähriger Rentner in einer

Kneipe, die Prellbock heißt, rustikale Holzvertäfelung, die Wirtin mit borstigem Charme, der nur Stammgäste nicht abschreckt. Sie bringt ihm sein viertes oder siebtes Bier. "Ich habe angenommen, dass der Hagens auch so ein Schaumschläger ist, der nur auf Subventionen aus ist", brummt der Rentner. "Weil wir so was oft genug kennengelernt haben hier in der Provinz. Aber der hat ja wirklich Leuten Arbeit gegeben." Anfangs war er gegen das Plastinarium. Dann ging er zweimal hin. "Nun bin ich auch dafür."

So ist das wohl. Es gibt kaum noch Widerrede. Der Pulverdampf der Debatte ist verraucht. Gunther von Hagens macht weiter mit dem, was er "Demokratisierung der Anatomie" nennt. Was er zum Beispiel vorhat: eine "Körperkirche", das stößt Pfarrer Domke bitter auf, klar. Gunther von Hagens zuckt die Schultern: "Ich fühle mich ganz wohl in der Kontroverse."

Im Gästebuch des Plastinariums findet man beinahe keine kritischen Notizen. Seite für Seite: "total begeistert", "positiv überrascht", "very interesting".

Eine Frau schreibt nur: "Ich war hier." Vielleicht kommt sie ja wieder so oder so.

Erik Heier

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