Der Sensenmann muss lange mit sich gerungen haben. Er hatte sein Arbeitsgerät geschwungen über dem Mann mit dem schwarzen Hemd, wieder und wieder, fast unschlüssig. Soll ich? Darf ich? Muss ich?
Aber vielleicht wollte er ihn wieder und wieder verfehlen, oder auf Anweisung von ganz oben. Lass dem Mann noch einen Moment, lass ihm noch seine Stimme. Und er hat ihn noch diesen einen Song schreiben lassen, seinen allerletzten überhaupt, "Like the 309". Noch einmal rollt der Zug los, noch einmal ist der Mann in Schwarz unterwegs, sein dunkler Bariton längst aufgeraut von den Krankheiten, vom Alter, vom Leben. Von so viel Leben. Und der Sensenmann sah, dass es gut war. Dann holte er Johnny Cash zu sich.
Fast fröhlich sind sie, diese letzten Worte, und lässig. "Es sollte noch eine Weile dauern, bis ich Doktor Tod sehe/ Aber es wäre sicher schön/ Wenn ich noch Atem holen könnte." Die Besen schleifen über das Schlagzeugbecken, die Akustikgitarre rumpelt. Fast erwartet man sein legendäres "Boom-Chick-A-Boom"-Schnarren aus den fünfziger Jahren in Memphis, Tennessee. Aber es bleibt aus, es ist Vergangenheit, dieses Stück Papier, das sich Johnny Cash einst zwischen die Gitarrensaiten klemmte, um einen Schlagzeugsound zu imitieren; anfangs hatten er und seine "Tennessee Two" (mit Gitarrist Luther Perkins und Bassist Marshall Grant) einfach keinen Drummer. Damals, als der Vertreter für Elektrogeräte bei Sam Phillips vorspielte, dem legendären Chef der Sun Records. Das war jene Plattenfirma, die auch einen gewissen Elvis Presley unter Vertrag hatte.
Sehnsüchtig haben Cash-Jünger dieses Album erwartet, das in dieser Woche in Deutschland und am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, in den USA erscheint, "American V: A Hundred Highways". Auf der deutschen Fan-Page schreiben sie "Endlich !!!!!", wirklich mit fünf Ausrufezeichen. Ob es wirklich das letzte Album der faszinierenden, akustischen "American Recordings"-Serie bleibt, muss man abwarten.
Man hat ja schon so oft Abschied genommen von ihm. All diese vagen Krankheitsdiagnosen seit Ende der neunziger Jahre. Erst sollte es Parkinson sein, dann das Shy-Drager-Syndrom mit ähnlichen Symptomen, dann eine womöglich Diabetes-befeuerte Krankheit des zentralen Nervensystems. Bereits das vierte Album der "American Recordings", "The Man Comes Around" vom November 2002, war ja ein Requiem, sparsam instrumentiert, fast sakral. Und wer beim Depeche-Mode-Cover "Personal Jesus", Simon & Garfunkels "Bridge over Troubled Water" oder Cashs eigenem, gewaltigen Titelstück keine Schauer auf seinem Rücken spürte, musste ein Herz aus Stein haben und eine Haut aus Leder.
Die "American Recordings" sind so etwas wie Johnny Cashs zweite große Rettung. Immer wenn der überaus religiöse Cash ganz dringend einen Engel brauchte, bekam er ihn. Gott wusste, was er an seinem besten Sänger hatte. 1965 reißt ihn seine zweite Ehefrau, die streng gläubige June Carter, von den Drogen weg und vom Alkohol. Und dann kommt Anfang der neunziger Jahre ein zottelig frisierter Jungspund auf ihn zu, kaum 30 Jahre alt, ein Musikproduzent. Engel Nummer zwei. Der Mann heißt Rick Rubin. Er hat bislang eher Lärm zurechtgeregelt, für die wütenden Hip-Hopper Run DMC und Beastie Boys oder für die Metall-Combo Slayer. Jetzt möchte er mit dem damals 61-Jährigen eine ruhige Platte machen. Cash versteht nicht ganz, wieso.
Er war ja damals eigentlich schon tot, lange bevor er am 12. November 2003 wirklich starb. Seine Musik hing am Tropf, weil seine Plattenfirma CBS den Mann aus Arkansas Ende der achtziger Jahre schändlich aus seinem Vertrag rausekelte. Er, der ihr doch drei Jahrzehnte lang den großen Reibach beschert hatte mit Millionen verkauften Alben, mit Hits wie "I Walk the Line", "Folsom Prison Blues", "Ring of Fire", "Don't Take Your Guns to Town". Der von Anfang an die Rastlosen besungen hatte, die Verlorenen, die Suchenden. Die Außenseiter, Indianer, Afroamerikaner. Cash gab der Country-Musik eine gleichsam end-, nein: ewig gültige Form. Das bleibt für immer.
Wo Gier ist, ist auch Dummheit. Die großen Plattenfirmen in Nashville und anderswo haben seit den sechziger Jahren zunehmend die Country-Musik mit Weichspüler verschnitten, um im Mainstream abzusahnen. Was auch gelang. Aber um welchen Preis, mit welch ekelerregender Schunkel- Soße. So schien Country auf Ewigkeit ruiniert, dem Kommerz ausgeliefert, und der Kommerz hat kräftig zugebissen. Ein Garth Brooks füllte die Arenen. Aber Johnny Cash füllte die Herzen. Was viel, viel wichtiger ist.
Fast möchte man absurd nennen, dass ihn das gleich erste "American Recordings"- Album (1994) dann doch in den Mainstream führte. Aber das ist es nicht. Rick Rubin hat ihn einfach das machen lassen, was er seit Jahrzehnten tun wollte und nicht durfte. Ein Mann, eine Gitarre, eine Stimme. Dazu Streicher oder Orgeln, aber nicht zu viel. Er gab Cash Songs aktueller Bands und Musiker wie Nine Inch Nails oder Nick Cave an die Hand, und Cash machte sie zu seinen eigenen.
Johnny Cash hatte immer gesungen, als ginge es um sein Leben. Jetzt aber ging es um seinen Tod. Im Mai 2003 war seine Ehefrau June Carter nach einer Herzklappenoperation verstorben, 73-jährig. Die Einschläge kamen näher. Nach "The Man Comes Around" ging Cash sofort wieder an die Arbeit. Er arbeitete, wann immer die knappe Luft es zuließ. Noch ein Song, noch ein Song. Die Begleitmusiker wie Mike Campbell (Gitarre) oder Benmont Tench (Keyboards) von Tom Pettys Begleitband Heartbreakers und Toningenieur David Ferguson standen ständig auf Abruf bereit.
Wenn "American V" wirklich Cash's"finales Statement" (Rubin) ist, wenn seine definitiv letzte Session tatsächlich auch die letzte sein sollte, die veröffentlicht wird (man glaubt nicht recht daran), dann ist es eines, dessen Würde kaum zu überbieten ist. Sanft geleiten ihn flirrende Streicher durch Bruce Springsteens "Further on up the Road" und ein Händeklatschen und knarziges Schlagzeugstampfen durch das traditionelle "God's Gonna Cut You Down". Mit fragiler Stimme bittet der 71-jährige Todgeweihte in Larry Gatlins "Help Me" und seinem eigenen, älteren Song "I Came to Believe" den Allmächtigen um Hilfe, um Erlösung. Mehr Trost geht nicht.
Und nun rollt Zug 309 los, "er wird mich höher tragen als eine Georgia-Pinie". Nächster Halt: Wolke sieben. Endstation. Alles aussteigen, bitte. Auch der Herr dort hinten. Der ganz in Schwarz.
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