Ja ja ja, trümmert es endlich weg, dieses ICC, ehe doch ein paar Außerirdische vorbeirauschen und denken: Guck mal, da isser ja, unser alter Raumkreuzer. Und dann haben wir sie am Hals, die übellaunigen Klingonen, gegen dieHartz IV, Oskar Lafontaine oder Edmund Stoiber regelrechten Frohsinn verheißen.
Aber benennt das ICC vorher noch um, in "BCC", "Boss- Convention-Center". Weil der Boss, weil Bruce Springsteen am Dienstagabend schon zum zweiten Mal nach 1996 das Zauberstück hinbekam, den öden Saal auf gefühlte Club-, nein: Wohnzimmergröße zusammenzudampfen, ganz allein. Indem er mal die Stille zelebrierte, nur mit der flachen Hand die Stahlstricke der Akustikgitarre liebkoste, und mal auf der Zwölfsaitigen Krachgewitter entfesselte; lauter als manche Stompaband.
Mit seiner Präsenz, seinem Charisma hat der 55-jährige Mann aus New Jersey uns, das Publikum, fest in der Hand in diesen zweieinhalb kurzen Stunden. Vom ersten Moment an, dem wahrhaft erschütternden 1978er "Adam raised a Cain" auf dem Banjo und gleich darauf dem durchs Mundharmonika-Mikro bis zur Unkenntlichkeit gesangsverzerrten 1982er "Reason to believe" ,mit an Tom Waits gemahnendem Stiefelstampfen.
Es war beinahe eine Andacht, eine Messe. Wenn er uns in atemlose Stille stieß, weil er oft meterweit vom Mikrofon zurücktrat und seine Gitarre, seine Stimme wie aus der Ferne zu uns herüberhallte; wahrhaftmagische Momente. Ehe er dann, zurück am Mikro, in einem seiner vielen Lieder, die von Aufbruch, von Neubeginn, von Selbstbehauptung künden, "This hard Land", laut das Mantra "Stay hard, stay hungry, stay alive" anstimmte. Und wir sangen alle mit. Wir waren alle eins.
Wirklich: wir alle. Nicht nur jene Fans, die dem Boss auf der einmonatigen Europatour zum leisen "Devils & Dust"-Album folgten - "meine Stalker" nennt sie Springsteen -; auch jene, die ihn erstmals sahen, in dieser untypischen Solomanier. Ohne die gewaltige, ihn oft auch einschnürende E-Street-Band. So musste er nicht die ewigen Gassenhauer bringen. Kein "Badlands", kein "Born to run", kein "Born in the U.S.A.". Nein, es waren die verborgenen Seiten seines Songbooks, die er aufschlug.
Wie "For you" von 1972, diese ergreifende, sich am Klavier auftürmende Verzweiflung des Mannes neben der Freundin nach ihrem Selbstmordversuch. Wie "Part Man, Part Monkey", dem einzigen E-Gitarren-Stück, eine Abrechnung mit amerikanischen Evolutionsleugnern. Wie "Real World", auf dem "Human Touch"-Fehltritt (1992) totproduziert, das am Piano seine ganze Grazie zurückeroberte.
Ein besseres, beseelteres Konzert hat Springsteen in Berlin womöglich noch nie gegeben. Außer vielleicht dem legendären Berlin-Gig 1988 vor 160 000 DDR-Bürgern; aber auch nur vielleicht. Dass Gast Wolle Niedecken den einzigen Hit der Nacht, "Hungry Heart", ruinierte, obendrein auf BAP-"Kölsch", störte nur kurz. Dann war es vorbei, das 25. Lied, ein sakrales Cover der Elektro-Urväter "Suicide": "Dream Baby Dream". Und es hallte weiter in unseren Ohren, als wir benommen in den Sommerabend hinauswankten, weg vom ICC-Ungetüm an der Stadtautobahn.
Jetzt könnt ihr es abreißen.
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