Erik Heier

Bombastisches im Albtraumdorf

Apokalypse und Erlösung: Die kanadische Band "Arcade Fire" spielt endlich wieder in Berlin

Märkische Allgemeine, November 2007

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Der Petersdom ist nur ein Butzehaus gegen die gewaltigen Klangkathedralen von Arcade Fire. Darin haben Platz: Kirchenorgel, Drehleier, Mariachi-Bläser, Akkordeon, Glöckchen, Streicher, ein Budapester Männerchor, Gitarren, Bass, Schlagzeug, Synthesizer. Und düstere Träume von Verfall und Untergang, Bedrohung und Vergänglichkeit. Aber auch: Erlösung. Dazu hätte das kanadische Indie-Kollektiv sein zweites Album "Neon Bible" gar nicht in einer Kirche südlich von Montreal einspielen müssen. Obendrein wurde das Ergebnis im Frühjahr live erstmals auch noch in der barocken Londoner St. Johns Church zu Gehör gebracht. Das ist fast schon zuviel. Aber die kennen da nix. Dieses zweite Arcade-Fire-Album musste man sich schon im Frühjahr als Kandidaten auf das Album des Jahres vormerken. Jetzt, wo der Herbst die Blätter golden tüncht und Nachmittage in melancholischem Schummerlicht vergehen lässt, wirkt es fast noch besser. Da trifft es sich gut, dass Arcade Fire mit reiflicher Verspätung endlich wieder in Berlin konzertieren.

Sänger Win Butlers Stirnhöhlenerkrankung, die ihn im März zum Abbruch der Europa-Tour (und damit auch der Absage an Berlin) zwang, ist auskuriert. Schmerzen hat der gute Mann auch so offenbar genug. Schon der Bandname "Arcade Fire" geht angeblich auf ein verheerendes Feuer in einer Spielhalle zurück, das dem heranwachsenden Butler jahrlang die Urängste auskleidete. Das 2004er Debüt hieß "Funeral" (Begräbnis), weil kurz vor seiner Fertigstellung mehrere Familienangehörige der Band das Zeitliche segneten.

Man möchte wirklich nicht eines Morgens durch einen dummen Streich des Schöpfers im Kopf von Butler aufwachen. Was sich dort alles herumtreiben muss. Schwarze Spiegel, die kein Bild zurückgeben. Eine sterbende Familie. Stöhnende Soldaten. Ozeane der Gewalt. Da tut dann Erlösung auch bitter not. Es darf auch geweint werden. Deshalb bitte aufpassen, liebe Konzertbesucher. Der Mann, der in stiller Ergriffenheit neben Ihnen sein Bier in gefährlicher Nähe zu Ihrer Ausgehjacke vergisst, könnte ein Musikkritiker sein. Oder irgendein Popstar.

Man weiß nämlich gar nicht, was einem unheimlicher ist. Diese apokalyptischen Umtriebe in "Rebellion (Lies)" von "Funeral" oder "Intervention" von "Neon Bible". Oder aber die hymnische Verehrung allerlei verdienter Kollegen, von David Bowie über Ex-Talking-Head David Byrne und Coldplay’s Chris Martin bis zu U2’s Bono.

Kürzlich erst wurde das tonangebende Ehepaar, der texanische Extheologiestudent Butler und die Multiinstrumentalistin mit Wurzeln in Haiti, Régine Chassagne, bei einem Konzert von Bruce Springsteen in Ontario gesichtet. Und zwar mit ihm auf der Bühne. Womöglich ist das ganz schön viel Ballast für eine immer noch sehr eigenwillige Band, die binnen dreier Jahre und mit viel Internet-Geflüstere vom in altertümliches Farmerzivil gewandeten Geheimtipp zu gloriosen Rettern der Rockmusik hochgejazzt wurde. Arcade Fire wollen doch nur mit aller Pathoshingabe ihre Songwunderwerke hegen. Sympathisch genug, lassen sie bei Konzerten als Bühnen-Achter gern ihre Instrumente kreisen. Große Ambitionen scheinen ihnen ein Graus zu sein. Aber das besorgen ja andere. Jetzt müssen sich Arcade Fire auch noch von Rod Steward gut finden lassen. Man soll doch bitte mal die Kirche im Dorf lassen.

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