Der Petersdom ist nur ein Butzehaus gegen die gewaltigen Klangkathedralen von Arcade Fire. Darin haben Platz:
Kirchenorgel, Drehleier, Mariachi-Bläser, Akkordeon, Glöckchen, Streicher, ein Budapester Männerchor,
Gitarren, Bass, Schlagzeug, Synthesizer. Und düstere Träume von Verfall und Untergang, Bedrohung und
Vergänglichkeit. Aber auch: Erlösung. Dazu hätte das kanadische Indie-Kollektiv sein zweites Album "Neon
Bible" gar nicht in einer Kirche südlich von Montreal einspielen müssen. Obendrein wurde das Ergebnis im
Frühjahr live erstmals auch noch in der barocken Londoner St. Johns Church zu Gehör gebracht. Das ist fast
schon zuviel. Aber die kennen da nix. Dieses zweite Arcade-Fire-Album musste man sich schon im Frühjahr als
Kandidaten auf das Album des Jahres vormerken. Jetzt, wo der Herbst die Blätter golden tüncht und
Nachmittage in melancholischem Schummerlicht vergehen lässt, wirkt es fast noch besser. Da trifft es sich gut,
dass Arcade Fire mit reiflicher Verspätung endlich wieder in Berlin konzertieren.
Sänger Win Butlers Stirnhöhlenerkrankung, die ihn im März zum Abbruch der Europa-Tour (und damit auch der
Absage an Berlin) zwang, ist auskuriert. Schmerzen hat der gute Mann auch so offenbar genug. Schon der
Bandname "Arcade Fire" geht angeblich auf ein verheerendes Feuer in einer Spielhalle zurück, das dem
heranwachsenden Butler jahrlang die Urängste auskleidete. Das 2004er Debüt hieß "Funeral" (Begräbnis), weil
kurz vor seiner Fertigstellung mehrere Familienangehörige der Band das Zeitliche segneten.
Man möchte wirklich nicht eines Morgens durch einen dummen Streich des Schöpfers im Kopf von Butler
aufwachen. Was sich dort alles herumtreiben muss. Schwarze Spiegel, die kein Bild zurückgeben. Eine
sterbende Familie. Stöhnende Soldaten. Ozeane der Gewalt. Da tut dann Erlösung auch bitter not. Es darf auch
geweint werden. Deshalb bitte aufpassen, liebe Konzertbesucher. Der Mann, der in stiller Ergriffenheit neben
Ihnen sein Bier in gefährlicher Nähe zu Ihrer Ausgehjacke vergisst, könnte ein Musikkritiker sein. Oder
irgendein Popstar.
Man weiß nämlich gar nicht, was einem unheimlicher ist. Diese apokalyptischen Umtriebe in "Rebellion (Lies)"
von "Funeral" oder "Intervention" von "Neon Bible". Oder aber die hymnische Verehrung allerlei verdienter
Kollegen, von David Bowie über Ex-Talking-Head David Byrne und Coldplay’s Chris Martin bis zu U2’s Bono.
Kürzlich erst wurde das tonangebende Ehepaar, der texanische Extheologiestudent Butler und die
Multiinstrumentalistin mit Wurzeln in Haiti, Régine Chassagne, bei einem Konzert von Bruce Springsteen in
Ontario gesichtet. Und zwar mit ihm auf der Bühne. Womöglich ist das ganz schön viel Ballast für eine immer
noch sehr eigenwillige Band, die binnen dreier Jahre und mit viel Internet-Geflüstere vom in altertümliches
Farmerzivil gewandeten Geheimtipp zu gloriosen Rettern der Rockmusik hochgejazzt wurde. Arcade Fire wollen
doch nur mit aller Pathoshingabe ihre Songwunderwerke hegen. Sympathisch genug, lassen sie bei Konzerten als
Bühnen-Achter gern ihre Instrumente kreisen. Große Ambitionen scheinen ihnen ein Graus zu sein. Aber das
besorgen ja andere. Jetzt müssen sich Arcade Fire auch noch von Rod Steward gut finden lassen. Man soll doch
bitte mal die Kirche im Dorf lassen.
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