Erik Heier

Ich gut, du böse, wir billig

"Bianca - Wege zum Glück": In Babelsberg betritt das ZDF mit der 200-Folgen-Serie Neuland

Märkische Allgemeine, Oktober 2004

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Der Masseur soll ein kerniger Kneter sein, kein sanfter Weichstreichler. So sagt man in Haus 3 von Studio Babelsberg, da liegt seine Liste für Voranmeldungen aus. So einen kann man dort auch brauchen, wo seit drei Monaten die neue ZDF-Vorabendserie "Bianca - Wege zum Glück" gedreht wird. Fünf Folgen pro Woche, 42 Minuten pro Tag. Bei Daily Soaps sind es 23 Minuten. Und das ist schon Fernsehindustrie von der herben Sorte.

Aber "Bianca" ist keine Daily Soap, sondern noch seifiger: eine Telenovela. Die erste in Deutschland. Das Format stammt aus Südamerika, es ist dort ein Straßenfeger. Langzeit- Schmonzetten mit garantiertem Happy End. Alles wird gut, außer für die Bösen.

Ab Montag startet die Serie wochentäglich um 16.15 Uhr, ein Jahr lang. Wenn alles rund läuft, dürfen sich die Produktionsfirmen Grundy Ufa und Teamworx sowie das ZDF als Trendsetter fühlen. Große Gefühle mit schlichtem Schema zu kleinen Kosten: Ich gut, du böse, wir billig.

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Grundy-Ufa-Produzent Christian Popp (37) hätte vermutlich beim Casting für "Bianca" keine üble Figur gemacht. Starkes Kinn. Halblanges dunkles Scheitelhaar. Er sieht ein bisschen aus wie Tom Cruise. Popp ist freilich größer. Patrik Fichte, der den Bankierssohn Oliver Wellinghoff mimt, auch. Tanja Wedhorn als Bianca Berger, seine zunächst heimliche Herzdame mit, na ja, dunklem Geheimnis, ist vor allem engelsblond. Schöne Menschen, schöne Illusionen. Krummbeine und Hasenscharten haben in einer Telenovela nichts verloren.

Grundy Ufa kennt sich aus mit seichten Serien: "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", "Verbotene Liebe", "Unter uns". Eine Telenovela sei aber keine Daily Soap mit anderem Namen, beharrt Popp. Telenovelas begleiten eine Hauptheldin. Nach einem Jahr ist Schluss. Auch bei hoher Quote. Die tägliche Seifenoper dagegen verarztet mehrere Hauptpersonen und läuft ewig. Theoretisch. Nichts kann sie stoppen. Außer das Desinteresse des Zuschauers. Was seit geraumer Zeit aber häufiger vorkommt.

Grundy Ufa selbst hat 1999 die 60-teilige Serie "Mallorca" tief in den Balearen-Sand gesetzt. Der Fernsehseifenmarkt schien gesättigt. Deshalb winkten die Sender ab, als die Firma vor etwa vier Jahren erstmals mit Telenovela-Konzepten hausieren ging. Jetzt aber hofft Grundy Ufa auf eine Ausweitung der Kernkompetenz. Eine zweite Telenovela ist platziert: ab Februar bei Sat.1.

"Bianca", sagt Popp, sei "das wichtigste Projekt, das das ZDF in diesem Herbst startet". Ein Versuch, mit Rosamunde- Pilcher-Stil das Vorabendpublikum zu verjüngen. Die Kernzielgruppe ist zwischen 30 und 55 Jahre alt und weiblich. Quotenvorgabe? "Zweistellig", sagt Popp vorsichtig. "Wir glauben, dass dies ein klarer Versuch ist, sich abzugrenzen von den anderen Vorabendformaten". Von den krawalligen Gerichtsshows. Den pseudodokumentarischen Serien. Stattdessen: hochglanzpolierte Bilder mit dem sogenannten "Glow"-Effekt. "Neo-Romantik" nennt es Popp. Die Erzählweise ist bedächtig. Oder, wie Popp sie deutet: "Emotionale Slow-Motion". 60 Folgen sind abgedreht, von geplanten 200. Sollte die Zuschauerverzückung ausbleiben, sagt Popp, gäbe es einen "Plan B" für ein vorzeitiges Ende. Natürlich trotzdem ein glückliches. Zumindest für die Bianca und den Oliver.

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Am Set in Haus 3, Studio Babelsberg. Familie Wellinghoff am Frühstückstisch. Vater, Mutter, Sohn. Die Pressefrau mahnt, bei Szenenfotos nicht die oberen Ränder der Studiodekoration abzulichten. Das schnöde Hallendach könnte die Illusion zerstören.

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Christa Mühl (57) hätte nicht gedacht, dass sie noch einmal in dieses Studio zurückkehren würde. Dort drehte sie ihren ersten Defa-Streifen, "Die Rache des Kapitän Mitchell", 1979. Sie hat Brecht, Fontane und Seghers verfilmt. Jetzt ist sie eine von vier "Bianca"-Regisseuren. "Ich bin zwar die Älteste", sagt sie. "Aber auch so eine Art Azubi. Mit drei Kameras habe ich noch nie gedreht." Im Team auch nicht.

An ihrer Bürotür hängt die Kopie eines Warnschildes: "Besucher ohne Grenzausweis, bitte den Personalausweis vorlegen". Das Original hütet sie daheim. Einst prangte es beim Pförtner an der "Stalin- Villa" in Babelsberg. Die lag im Grenzgebiet. In der Villa bettete sich der sowjetische Diktator während der Nachkriegskonferenz der Siegermächte. Später zog der Direktor der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) ein. Als Christa Mühl 1973 ihr HFF-Studium abschloss, schraubte sie das Schild kurzerhand ab.

Scheint so, als wäre sie eher der unkomplizierte Typ. Klein, kupferroter Kurzhaarschnitt, offenes Lachen. Anfangs habe sie "ein schreckliches Wort" gehört: "Industrielle Produktion". Sicher, zwei Drehteams sind parallel im Einsatz: ein Regisseur arbeitet eine Woche lang in einem der beiden, 660 Quadratmeter großen Studios, einer bei den Außenaufnahmen am Schloss Petzow nahe Potsdam. Die anderen beiden Regisseure bereiten ihre Drehs für die Wochen darauf vor. "Ist nicht ohne, 30 Bilder am Tag zu drehen und dreimal die Deko zu wechseln", sagt Christa Mühl. Aber sie kann sich trotzdem an Details freuen. An der feinen Arbeitsatmosphäre. An den Schauspielern, die sie allesamt großartig findet. Sogar an dem Kitsch, den sie tagtäglich inszeniert. "Ich bin ja Kitsch-verschrieen", sagt sie munter. Hat sie doch auch mal am "Traumschiff" mitgedreht, der Urform allen Schipperns durch die Seichtgewässer des deutschen Fernsehens. "Für mich ist das alles total spannend", lächelt Christa Mühl.

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Oliver-Darsteller Patrik Fichte hat sich beim Kartoffelschneiden die Hand aufgefräst - in der heimischen Küche. Binnen einer Viertelstunde musste eine Szene improvisiert werden: Oliver schneidet sich an einem Glas. Falscher Unfall, echter Verband. Sind den Schauspielern eigentlich Beinfrakturen oder Windpocken vertraglich verboten?

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Chefautor Rasi Levinas (51) hat sich das Rauchen nicht wieder angewöhnt. Obwohl pro Woche fünf Drehbücher fertig werden müssen. "Die große Kunst ist, sich einzureden, es gäbe keinen Zeitdruck." Trotzdem hastet der Boss des zwölfköpfigen Autorenteams durch die Sätze, als wäre er auf der Flucht. Teamwork? "Wir funktionieren alle als ein Autor mit 13 Herzen". Arbeitsspaß? "Es ist viel leichter, echte Orgasmen zu produzieren als sie zu simulieren." Kitsch? "Wir wollen nicht ein sozialkritisch graues Küchendrama machen. Wir erzählen Märchen in großen Bögen." Zitierfähiges wie vom Fließband.

Für die Drehbuchschaffe findet der Chefautor den Begriff "Fließband" freilich weniger passend. Er habe ja keine Spezialisten, die nur Dialoge schreiben oder nur Storyfäden weiterspinnen, wie bei Daily Soaps. "Dann bräuchte ich 40 Autoren." Jeder macht alles, kann alles. Muss alles können.

Am Telefon meldet sich Levinas schlicht mit: "Ja, Rasi?" An seiner Wand hängt eine Zeitachse von "Bianca - Wege zum Glück". Als Pfeile stehen dort: "Große Gefühle" und "Großes Drama". Die Grafik ist simpel. Märchen sind so.

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