Am vergangenen Freitagabend saß ein Großteil der knapp 40 Redakteure der Schweizer
Wochenzeitung "Die Weltwoche" noch einmal in der Förrlibuckstraße 10 in Zürich
beisammen. Anlass: Der bisherige Chefredakteur Fredy Gsteiger gab seinen Ausstand.
Und zwar "mit gemischten Gefühlen": Einerseits, sagt Gsteiger, empfände er "Wehmut,
ein tolles Team zu verlassen", andererseits aber auch "ein bisschen Erleichterung".
Zur gleichen Zeit gingen in Le Prese, einige hundert Kilometer weiter südlich im
malerischen Puschlav-Tal Gsteigers Nachfolger, Roger Köppel und Kenneth Angst, in
Klausur. Wenn sie am heutigen Montag gemeinsam die Chefredaktion der "Weltwoche"
übernehmen, dürfte das mehr als eine Zäsur in der wechselvollen Geschichte des 1933
gegründeten Blattes sein. Vergleichbar mit der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit",
ist die in Akzentuierung und Layout etwas behäbige "Weltwoche" bislang tendenziell im
linksliberalen Spektrum angesiedelt und hat ähnliche Probleme bei Auflage und
Anzeigenerlösen. Hinzu kommt das Dilemma aller Wochenzeitungen: "Die
Tageszeitungen sind zu täglichen Wochenzeitungen geworden. Die Wochenzeitungen
müssen heute etwas Zusätzliches bieten", sagt Köppel. Es deutet also alles darauf hin,
dass Köppel und Angst der "Weltwoche" ein drastisches Facelifting verordnen werden.
Man werde die Zeitung nicht wiedererkennen, verspricht Köppel. Für manche klingt das
eher wie eine Drohung.
Ein "New Yorker" für die Schweiz
Roger Köppel macht keinen einen Hehl aus seiner Bewunderung für die amerikanische
Blattmacherin Tina Brown. Brown krempelte vor einigen Jahren den traditionsreichen
"New Yorker" um. "Sie hat eine literarisch etwas verstaubte Zeitschrift mit
hervorragendem Ruf und großartiger Vergangenheit radikal aktualisiert, ohne aber die
Kerntugenden über Bord zu werfen", sagt Köppel. Ähnliches hat auch der ehemalige
"NZZ"-Sportredakteur bereits mit großem Echo betrieben: Zuletzt lüftete er das
"Magazin" des "Tagesanzeiger" ordentlich durch. Und zum Magazinformat, so viel ist
aus seinen markigen Ankündigungen zu schließen, möchte der erst 36-jährige Köppel
wohl auch die "Weltwoche" umstricken: zu einer "Souffleuse des intelligenten
Tischgesprächs" nämlich. "Man wird sich wegbewegen müssen von dieser allzu starken
Aktualitätsausrichtung", sagt Köppel. Was seine journalistischen Grundprinzipien -
"kein Dünkel, keine Langeweile, kein Obskurantismus" - konkret bedeuten, erfährt die
Redaktion freilich erst heute. Bislang haben sich die beiden Neuen nur sporadisch in
der Förrlibuckstraße sehen lassen. Auf einem DIN-A 4-Zettel bekam die Belegschaft
vage Richtungsangaben für die Zukunft vorgelegt. Zum Beispiel: "Intelligenter
Nonkonformismus gegen linke und rechte Denkverbote." Seinen letzten Artikel
überschrieb Fredy Gsteiger in der vergangenen Woche jedenfalls doppeldeutig mit
"Abschied von der Weltwoche". Der ehemalige Frankreich-Korrespondent der "Zeit"
sagt: "Ich hätte die Neuausrichtung nicht mehr glaubwürdig vertreten können." Also geht er nach viereinhalb Jahren, will eine Auszeit nehmen, ein Buch schreiben. Er
verlässt einen Posten, den Matthias Hagemann, als "extremen Verschleißjob"
bezeichnet.
Raus aus den roten Zahlen
Hagemann ist der Präsident der Baseler Medien Gruppe (BMG), der fünftgrößten
Verlagsgruppe der Schweiz. Im Gegensatz zu den "drei Großen" (Ringier, Tamedia und
die NZZ-Gruppe der "Neuen Züricher Zeitung") ist die BMG eher ein regionales
Medienunternehmen. Um in der publizistischen Hauptstadt Zürich Fuß zu fassen, hatte
die BMG 1993 für angeblich 70 Millionen Franken (77,5 Millionen Mark) die Jean Frey
AG gekauft, den Herausgeber der seinerzeit von Verlagsskandalen gebeutelten
"Weltwoche". Branchenkenner glauben, dass die "Weltwoche" heute unter ihrem
journalistischen Wert rangiert, weil ihr seit Jahren das Verlierer-Image anhafte: Die
Auflage ist von knapp 110 000 Exemplaren Mitte der 90er Jahre auf derzeit 84 000
gesunken. Gemessen am deutschen Markt, rechnete Gsteiger in seinem
Abschiedsartikel vor, wäre diese Auflage doppelt so hoch wie die "Spiegel"-Auflage. Hilft
nichts, weil der Werbemarkt bei viereinhalb Millionen Deutsch-Schweizern sehr
begrenzt ist. Pro Jahr muss die BMG bis zu acht Millionen Franken (rund 10 Millionen
Mark) zuschießen.
Dieser Kosten überdrüssig, versuchte Hagemann Ende des vergangenen Jahres die
"Weltwoche" der "NZZ" anzudienen. Als das misslang und die "NZZ" statt dessen für
das kommende Frühjahr eine eigene Sonntagszeitung ankündigte, die den ohnehin
gesättigten Schweizer Anzeigenmarkt noch weiter aufrollen wird, berief er Köppel zum
Chefredakteur. Köppel holte sich den bisherigen stellvertretenden "NZZ"-Chefredakteur
Kenneth Angst hinzu und versprach, das Blatt innerhalb von drei Jahren aus den roten
Zahlen zu führen. Dafür ließ Köppel den Job als künftiger New-York-Korrespondent für
den "Tagesanzeiger" und eine Anmeldung bei der Havard-University sausen.
Auf dem deutsch-Schweizer Zeitungmarkt geht es aufgrund der "Weltwoche"-
Umgestaltung und der "NZZ"-Pläne für eine Sonntagszeitung momentan - zumindest
für gemeinhin gemütliche Schweizer Verhältnisse - rasant zur Sache. Zwischen den
einzelnen Redaktionen wird heftig hin- und hertelefoniert: Jeder versucht, sich die
besten Leute zu sichern. "Es ist das erste Mal, dass der Schweizer Markt der
Qualitätszeitungen derart aufgemischt wird", sagt ein Branchenkenner. Köppel war
seinerseits "sehr aktiv an der Personalfront", sagt er. Einige Leute aus seinem
"Magazin"-Team werden zur "Weltwoche" wechsel.
Rette sich, wer kann
Die Redaktionsrunde bei der "Weltwoche" dürfte heute dennoch ziemlich ausgedünnt
sein. Die Personalabteilung der "Weltwoche" hat gut zu tun. Motto: Rette sich, wer
kann. Einer der beiden stellvertretenden Chefredakteure, Oliver Fahrni, hatte bereits
vor Wochen seinen Wechsel zur "Woche" angekündigt. Nun verabschieden sich auch
Gsteigers zweiter Vize, Ludwig Hasler, die Wirtschaftsredakteure Dominik Flammer
und Martina Egli, Inlands-Redakteur Martin Furrer, Bundeshauskorrespondent Urs
Paul Engeler sowie der Ressortleiter Wissen, Matthias Meili, und seine Stellvertreterin
Kathrin Meyer-Rust.
"Vorfreude und Spannung" - beides will BMG-Präsident Matthias Hagemann in der
Redaktion beobachtet haben - sehen jedenfalls anders aus.
zurück zum Textanfang
