Erik Heier

Briefgeheimnis

Sehr beunruhigend: Ich bekomme seit Monaten Post für einen Unbekannten. Es sind Gerichtsvorladungen

Märkische Allgemeine, April 2007

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Post von Gerichten macht mir Angst. Das geht vermutlich jedem Bürger so. Es sei denn, er wäre, sagen wir, ständiges Mitglied einer Intensivtäterkartei, Betriebsrat bei ausgewählten deutschen Großunternehmen oder Gelegenheitsurlauber in Nord-Pakistan. Oder Anwalt. Ich kriege zwar nie Briefe von Gerichten. Meine Angst vor solchen Schreiben ist die Reflexangst des reinen Gewissens. Eigentlich ist es eine gute Angst. Wahrscheinlich wird man, wenn man älter wird, auch altmodischer.

Seit einigen Monaten bekomme ich jedoch Briefe, die mich beunruhigen. Sie sind nicht an mich, sondern an Herrn Andreas S. gerichtet. Seine Adresse ist stets durchgestrichen. Dafür steht dann dort eine neue Anschrift. Meine Anschrift.

Ich kenne aber keinen Andreas S. Schon gar nicht ist er bei mir gemeldet. Davon müsste ich wissen.

Offensichtlich scheint dieser Herr S. massive Probleme zu haben. Die Briefe sind ausschließlich gerichtliche Vorladungen oder Mahnbescheide. Das volle Programm. Ich finde, sie wirken von Mal zu Mal bedrohlicher. Geradezu unheilschwanger. Soweit man das von Kuverts sagen kann. Ich habe nämlich noch keines der Schreiben geöffnet. Schließlich achte ich das Briefgeheimnis. Was vielleicht auch altmodisch ist. Aber so bin ich nun mal. Erziehungsfrage, wahrscheinlich.

So schrieb ich zunächst immer "Empfänger unbekannt!!!" auf die Briefe, in Großbuchstaben. Dann warf ich sie in einen gelben Briefkasten. Außer mir scheint das aber niemanden zu bekümmern. Bis zur nächsten Post für S. dauert es meist nicht lange.

Vielleicht sollte ich doch mal eines der Schreiben aufmachen. Briefgeheimnis hin oder her. Was weiß denn ich, weswegen das Gericht so dringend nach Andreas S. verlangt. Er könnte Mietschulden haben. Er könnte eines Mordes verdächtig sein. Er könnte in einer terroristischen Vereinigung mittun. Man liest einfach zuviel Zeitung. Das kann einen ganz kirre machen. Oder gleich paranoid.

Unwillkürlich dachte ich an den Bundesinnenminister. Der Schäuble und seine neue Antiterrordatei. Und was der noch alles vorhat. Rasterfahndung, Online-Durchsuchungen, Maut-Überwachungen. Gefahrenabwehr. Ich möchte aber keine Gefahr sein.

Man weiß es ja nicht. Vielleicht gibt es bei der Polizei schon längst eine komplette Sondereinheit, die nur nach Andreas S. fahndet. Oder beim Verfassungsschutz, beim BND. Gerade in diesem Augenblick könnten stechäugige Ermittler vor einer riesigen Stadtkarte an der Wand grübeln, an der mit Stecknadeln die letzten bekannten Aufenthaltsorte von Herrn S. markiert sind. Und die allerletzte Nadel steckt an meiner Adresse. Vielleicht halten die mich längst für S.’ Komplizen. "Jetzt langt’s mir!", höre ich einen Ermittler sagen. "Morgen früh machen wir diese Wohnung aber sowas von platt. Sondereinsatzkommando, volle Montur, Einsatz Punkt vier Uhr." Den Gedanken finde ich beängstigend. Nicht nur, weil ich gern länger schlafe als nur bis vier Uhr. Fliegt eigentlich die CIA noch ihre Charterlinie Europa-Guantánamo?

Irgendetwas macht etwas mit meinem Leben. Nur verstehe ich nicht, was. Es ist wie bei Franz Kafkas "Der Prozess". "Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Ich begann mich wie Josef K. zu fühlen. Alles nur wegen Andreas S. So konnte es doch nicht weitergehen. Ich sagte mir: Du musst in die Offensive. Präventiv agieren. Gefahrenabwehr. Gestern fing ich an: Ich ging zur Post. Wo eine Nachsendung, da auch ein Nachsendeauftrag. So dachte ich. Doch die Postangestellte schaute mich an wie einen Irren.

Sie: "Was kommen Sie damit zu mir?" Ich: "Zu wem sonst? Sie sind doch die Post." Sie: "Aber der Brief ist nicht von uns transportiert worden, sondern von einem Kurierdienst." Ich: "Und was bitte soll ich jetzt tun?" Sie: "Wieso schreiben Sie nicht einfach mal ,Empfänger unbekannt' drauf und werfen ihn in einen Briefkasten?"

Ich lachte schrill auf. Die Frau am Schalter sah mich erschrocken an. Sie hielt mich wohl endgültig für plemplem. Als ich nach Hause kam, war schon der nächste Brief an Andreas S. da. Eine Vorladung. Vom Gericht. Ganz dringend.

Hallo, Herr S.! Könnten Sie sich bitte bei mir melden? Wir müssen dringend einmal miteinander reden. Meine Adresse haben Sie ja.

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