Erik Heier

Sockenreform

In die Vorsätze des neuen Jahres muss endlich mehr Realismus hinein. Sonst bringen sie nichts

Märkische Allgemeine, Januar 2007

zurück {short description of image}

Ich würde gern mal wissen, warum man sich ausgerechnet zu Beginn des Jahres immer irgendwelche Vorsätze vornimmt. Das überfrachtet den Jahresauftakt unnötig. Vielleicht sollte mal jemand im Bundestag den Antrag auf einen Bundesvorsatztag einbringen. Ich schlage den 1. April vor. Die meisten Vorsätze platzen sowieso. Dann lassen sie sich wenigstens zum Scherz umdeuten. Aber soweit sind wir noch nicht.

Bis dahin empfehle ich deshalb, sich unter den Vorsätzen mindestens einen zu suchen, den man ganz sicher erfüllen kann. Ich zum Beispiel habe daran gedacht, noch mehr mit dem Rauchen aufzuhören, sieben Kilogramm abzunehmen und den Kisch-Preis zu gewinnen. Dann beschloss ich, realistisch anzufangen. Mit Socken.

Socken sind das vermutlich am meisten vernachlässigte Kleidungsstück des Durchschnittsmannes. Es gibt Herren, die damit einen befremdlichen Humor ausleben. Ich kann niemanden ernst nehmen, bei dem unter einer Bügelfaltenanzughose Socken mit Disney-Motiven hervorlugen. Frauenstrümpfe haben eine erotische Komponente. Aber Herrensocken? Ich weiß ja nicht.

Entsprechend sehen die Socken aus, die ich kaufe. Zehnerpack, schwarz, saubillig. Die Sockenlobby kann von mir kaum Impulse für den Aufschwung erhoffen.

Gebürtige DDR-Bürger haben den Hang, nichts wegzuwerfen. Das kommt von der Mangelplanwirtschaft, das geht nicht mehr raus. So ist es bei mir mit Socken.

Bei Kleidung pflege ich ein gewisses Stilbewusstsein. Hemden ziehe ich irgendwann nicht mehr an. Hosen werden leider eher früher als später zu knapp. Socken bleiben. Über viele Jahre habe ich meine Socken in ein Schubfach geschmissen. Neue wurden gekauft, die kamen obendrauf. Die alten blieben unten liegen, wurden vergessen. Man muss sich den Inhalt meines Sockenschubfachs wie eine geologische Ablagerung vorstellen. Vielleicht wird eines fernen Tages etwas daraus, bei dem man entdeckt, dass es als fossiler Brennstoff für Kraftwerke all unsere Energieprobleme löst. Aber so lange wollte ich dann doch nicht warten.

Irgendwann war das Schubfach voll. Gestern fing ich deshalb an, darin zu graben. Zu evaluieren. Auszusortieren. Wegzuwerfen.

Ich nannte es: Sockenreform. Ein starker Titel hilft den Vorsätzen. Das Wort "Reform" können die Deutschen nicht mehr hören. Wir haben ja viele derzeit, deren Ruf nicht gut ist. Die Steuerreform mag keiner. Die Gesundheitsreform versteht keiner. Im Kino hatten wir gerade die Hitler-Reform. Das ist auch ein schwieriges Thema.

Ich grub und grub, das Schubfach leerte sich. Es war erschreckend. Weiße Tennissocken. Wann habe ich zuletzt Tennissocken gemocht? Einzelne Socken mit Retro-Muster, die ich gern behalten hätte. Vollständige Paare, die ich nie wieder sehen wollte. Socken mit Löchern. Die sind bei Besuchen peinlich, wenn man unversehens die Schuhe ausziehen soll.

Dann war der Müllsack voll und das Schubfach leer. Da lag sie nun, meine Sockentradition. Man konnte fast melancholisch werden.

Reformen müssen wehtun, sonst bringen sie nichts. Mit Vorsätzen ist das ganz ähnlich. Ich wollte eine Sockenreform ohne Kompromisse. Sonst wirkt sie nicht nachhaltig. Dann könnte ich ja am 1. April gleich wieder damit anfangen.

Wenn Angela Merkel und Ulla Schmidt daraus einen Ratschlag für die Gesundheitsreform lesen wollen, soll mir das recht sein.

zurück zum Textanfang {short description of image}