Ich würde gern mal wissen, warum man sich ausgerechnet zu Beginn des Jahres immer irgendwelche Vorsätze
vornimmt. Das überfrachtet den Jahresauftakt unnötig. Vielleicht sollte mal jemand im Bundestag den Antrag
auf einen Bundesvorsatztag einbringen. Ich schlage den 1. April vor. Die meisten Vorsätze platzen sowieso.
Dann lassen sie sich wenigstens zum Scherz umdeuten. Aber soweit sind wir noch nicht.
Bis dahin empfehle ich deshalb, sich unter den Vorsätzen mindestens einen zu suchen, den man ganz sicher
erfüllen kann. Ich zum Beispiel habe daran gedacht, noch mehr mit dem Rauchen aufzuhören, sieben Kilogramm
abzunehmen und den Kisch-Preis zu gewinnen. Dann beschloss ich, realistisch anzufangen. Mit Socken.
Socken sind das vermutlich am meisten vernachlässigte Kleidungsstück des Durchschnittsmannes. Es gibt
Herren, die damit einen befremdlichen Humor ausleben. Ich kann niemanden ernst nehmen, bei dem unter einer
Bügelfaltenanzughose Socken mit Disney-Motiven hervorlugen. Frauenstrümpfe haben eine erotische
Komponente. Aber Herrensocken? Ich weiß ja nicht.
Entsprechend sehen die Socken aus, die ich kaufe. Zehnerpack, schwarz, saubillig. Die Sockenlobby kann von
mir kaum Impulse für den Aufschwung erhoffen.
Gebürtige DDR-Bürger haben den Hang, nichts wegzuwerfen. Das kommt von der Mangelplanwirtschaft, das
geht nicht mehr raus. So ist es bei mir mit Socken.
Bei Kleidung pflege ich ein gewisses Stilbewusstsein. Hemden ziehe ich irgendwann nicht mehr an. Hosen
werden leider eher früher als später zu knapp. Socken bleiben. Über viele Jahre habe ich meine Socken in ein
Schubfach geschmissen. Neue wurden gekauft, die kamen obendrauf. Die alten blieben unten liegen, wurden
vergessen. Man muss sich den Inhalt meines Sockenschubfachs wie eine geologische Ablagerung vorstellen.
Vielleicht wird eines fernen Tages etwas daraus, bei dem man entdeckt, dass es als fossiler Brennstoff für
Kraftwerke all unsere Energieprobleme löst. Aber so lange wollte ich dann doch nicht warten.
Irgendwann war das Schubfach voll. Gestern fing ich deshalb an, darin zu graben. Zu evaluieren. Auszusortieren.
Wegzuwerfen.
Ich nannte es: Sockenreform. Ein starker Titel hilft den Vorsätzen. Das Wort "Reform" können die Deutschen
nicht mehr hören. Wir haben ja viele derzeit, deren Ruf nicht gut ist. Die Steuerreform mag keiner. Die
Gesundheitsreform versteht keiner. Im Kino hatten wir gerade die Hitler-Reform. Das ist auch ein schwieriges
Thema.
Ich grub und grub, das Schubfach leerte sich. Es war erschreckend. Weiße Tennissocken. Wann habe ich zuletzt
Tennissocken gemocht? Einzelne Socken mit Retro-Muster, die ich gern behalten hätte. Vollständige Paare, die
ich nie wieder sehen wollte. Socken mit Löchern. Die sind bei Besuchen peinlich, wenn man unversehens die
Schuhe ausziehen soll.
Dann war der Müllsack voll und das Schubfach leer. Da lag sie nun, meine Sockentradition. Man konnte fast
melancholisch werden.
Reformen müssen wehtun, sonst bringen sie nichts. Mit Vorsätzen ist das ganz ähnlich. Ich wollte eine
Sockenreform ohne Kompromisse. Sonst wirkt sie nicht nachhaltig. Dann könnte ich ja am 1. April gleich
wieder damit anfangen.
Wenn Angela Merkel und Ulla Schmidt daraus einen Ratschlag für die Gesundheitsreform lesen wollen, soll mir
das recht sein.
zurück zum Textanfang
