Erik Heier

Von der Rolle

Die Öko-Wagenburg im Berliner Norden - eine kleine Idylle. Bis nebenan junge Punks mit ihren Hängern einzogen. Seitdem weiß man hier: Toleranz ist endlich

Die Tageszeitung taz, Januar 2007, unredigierte Autorenversion

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Man spürt die nahe Autobahn, noch bevor man sie sieht. Ihr Dröhnen vergeht nie, es liegt beständig über den Bauwagen, Eisenbahnwagons, Wohnanhängern, Ex-Zirkuswagen. Daran stört sich im Öko-Wagendorf des Vereins Pankgräfin e. V. im Norden Berlins keiner. Irgendwann nimmt man es nicht mehr wahr.

Mit dem Dröhnen, das ihre neuen Nachbarn gern mal herüberschicken, ist das nicht so einfach. Auch die wohnen auf Rädern. Ähnlicher Daseinsentwurf eigentlich: alternatives Leben, großes Miteinander, Toleranz. So weit die Klischees.

Aber die neuen Rollheimer von nebenan sind junge Punks. Und Punks feiern, dass es kracht. Nachtruhe ist ihnen nicht so wichtig. Halloween war es wieder arg. Wie so oft seit Mai, als die Punks ankamen. Sie haben heftige Lautsprecherboxen, nur bislang keine eigene Stromversorgung. Die muss ihnen derzeit die Öko-Wagenburg liefern. Dort zog jemand in dieser Halloween-Nacht entnervt den Stecker; nicht zum ersten Mal.

Dann war zunächst Ruhe. Genauer: ein Luftholen.

In derselben Nacht war plötzlich auch bei einem der Pankgräfin-Wagen der Saft weg. Dort hatte jemand ein Kabel durchtrennt. Mit einem Beil.

*

Das Grundstück an der nordöstlichen Berliner Stadtgrenze war während der Nazizeit ein Zwangsarbeiterlager, in der DDR ein Schweinezuchtbetrieb. 1993 zogen Rollheimer dorthin, gründeten den Verein „Pankgräfin e.V.“, bekamen einen Pachtvertrag. 65 Erwachsene und 20 Kinder sind es jetzt: Künstler, Studenten, Freiberufler, Stützeempfänger, Aussteiger, Trinker, sogar ein Studienrat. Das rissige Betonplattenband, das das Dorf teilt, nennen sie „Sesamstraße“.

Viele lassen hier ihr Leben in Ruhe. Doch, Idylle ist machbar.

Direkt neben ihrem Gelände wohnen schon seit zehn Jahren Alt-Punks. Ihre Wagen hatten davor im ehemaligen Mauerstreifen geparkt. Das war damals eine besonders üble Rollheimer-Adresse: Drogen, Dreck, Tbc. Heute sind sie ganz friedlich.

Weil das gut geklappt hat, schleppte die Verwaltung im Mai dieses Jahres eine weitere Punk-Wagenburg an. Die war im Bezirk Friedrichshain unangenehm aufgefallen. Das zuständige Bezirksamt hatte davor beim Pankgräfin- Verein angefragt, ob die Punks direkt bei ihnen unterkommen könnten. Der lehnte ab. Die Wagen wurden trotzdem herangekarrt – neben das Öko-Wagendorf, vielleicht ein Dutzend Leute, gleich bei den Alt-Punks.

Die neue Bleibe musste gefeiert werden. Sofort, ausgiebig, ausufernd.

Bald lagen die Nerven der Öko-Rollheimer blank. Bei einigen ist das bis heute so. Dass sogar mal die Polizei anrücken musste, sagt viel. Die Ordnungshüter bemüht man eigentlich nicht so gern. Aber auch die beste Toleranz ist endlich.

Für das Bezirksamt findet hier kaum jemand nette Worte.

*

Manchmal vermisst Sascha seine einstige Hardcore-Band. Jahre her, das. Er legt eine CD ein, lässt sich aufs Sofa fallen, schließt die Augen. Man hört, wie er sich damals die Seele aus dem Leib schrie, wie bleischwere Saitenakkorde über seiner Stimme wüteten. Jetzt ist er 31, um einige Träume ärmer und um viele „alternative Gedanken“ reicher. Zwei Gitarren und ein Bass lehnen an der Wand, neben dem Computer.

Saschas Wagen steht am Zaun, direkt neben den Punks. Es ist spätabends. Eigentlich wollte er sich mit seiner Freundin einen gemütlichen Fernsehabend machen. Ab 30 wird man ja doch ruhiger. Nun aber soll er erzählen. Über die Punks, den Krach, den Ärger. Er holt Bier, dabei redet es sich besser.

Dann erzählt er, wie er zwei Monate lang kaum schlafen konnte. Wie er fast durchgedreht wäre, irgendwann. Er, der Ex-Hardcore-Rocker. „Einer von uns hat mal die Dezibel von drüben gemessen. Lauter als ein Flugzeug.“

Seit zehn Jahren werkelt Sascha an seinen 38-Quadratmeter-Refugium, das mal ein „Ost-Bienenwagen“ war. Innen ist viel Holz an den Wänden, die Decke mit Tuch verkleidet. Der Kohleofen bollert. „Wir bauen uns doch etwas auf“, sagt er. „Wir haben doch ein Projekt.“

Aber es ist alles ziemlich vertrackt. „Ich mag die da drüben doch, verstehst du? Das wissen die auch.“ Man sieht es ihm an, wie er mit sich ringt. Wie er nach einem diplomatischen Mittelweg sucht, wenigstens vor sich selbst. „Ich mag die wirklich.“ Ein wenig ratlos klingt das.

Dann horcht Sascha hinaus, in die Nacht. Stille, diesmal.

*

Das Image - irgendwo geht es den Öko-Wagenburglern auch darum. Sie bauen Obstbäume auf einstigen Rieselfeldern an. Sie züchten eine ungarische Wollschweinrasse, der natürlich das Aussterben droht. Sie trennen in ihren Toiletten streng ökologisch Urin von Kot. Wollte man sich Vorzeige-Alternative vorstellen, dann womöglich etwa so.

Bis die sich Punks, rasch eingelebt, bemerkbar machten. Nicht nur im Wagendorf selbst. Auch bei den Anwohnen im nahen Stadtviertel. Weil sie beim Verbrauchermarkt im nahen Wohnviertel Passanten anschnorrten. Und weil das für die Anwohner so scheinen mochte, als gehörten die Punks zur den Pankgräfin- Rollheimern. Für manche Leute ist Wagenburg gleich Wagenburg.

Eines Tages hängten die Pankgräfin-Leute im Wohnviertel einen offenen Brief aus. Der Tenor fiel bewusst holzschnittartig aus: Wir sind die Guten, die sind die Bösen. Die sind nicht wir. Die müssen weg.

Danach waren die Punks erst recht angefressen. Sie drehten richtig auf. Lauter, aggressiver.

*

Punk-Wagenburg am nächsten Morgen, erster Besuchsversuch, um zehn. Die Sesamstraße endet an einem Loch im Drahtzaun. Dort quert ein Holzsteg einen trockenen Graben. Der führt zu grellbunten Wagen. Die der Alt-Punks sind rechts, die der Neu-Punks links. An einem Buswrack steht „Bier“ geschrieben. Innen türmt sich ein Gebirge aus „Sternburg“-Kisten auf. Struppige Hunde keulen herbei, von vielen Seiten. Da muss man dann ruhig weitergehen.

Der Eingang eines der Wagen links ist mit einer Plastikfolie dürftig verhängt. Eine Promenadenmischung lugt heraus. Leises Knurren. Man geht sachte näher. Der Köter knurrt lauter. Man klopft laut an. Er kläfft los. Innen tobt Gebell los. Vier Hunde, mindestens. Sonst rührt sich nichts.

Rückzug, ganz schnell.

*

Die Eskalation hat er nüchtern durchkalkuliert. Dieser offenen Brief, der die Wogen auftürmte. Lutz wusste, was er auslösen würde, als er ihn schrieb. „Wir hatten dort drüben eskalöse Zustände. Etliche blaue Flecke, herausgeschlagene Zähne.“ Etwas musste geschehen.

Lutz, 38, hat zum Frühstück eingeladen, er gießt Tee auf, holt Aufschnitt aus dem Kühlschrank. Sein Heim ist eine Wagenburg in der Wagenburg. Wohnzimmerwagen mit Teppich und Wildscheinfell auf dem Boden, Schlafkammer mit Lukeneinstieg und Dachfenster zu den Sternen, Küchenwagen, Gästewagen, Wintergarten mit Badewanne und Kamin, ein Werkstattwagen. Ein Hänger gehört „Sohnemann“ (15).

Hager und drahtig, sieht Lutz fast asketisch aus. Seit 18 Jahren wohnt er in Wagenburgen, meistens in Berlin, vor fünf Jahren rollte er hier ein. Dabei kommt er aus Niederbayern, das hört man auch. Bis vor kurzem saß er im dreiköpfigen Vereinsvorstand, also mitten in der Selbstverwaltung des Wagendorfes.

Schon unter den Öko-Rollheimern selbst sei ja genügend Spannungspotenzial da, sagt Lutz. Wie in jeder Gemeinschaft, in der Menschen miteinander klarkommen müssen. Mal debattiert man sehr ausführlich über Müllgebühren, mal über Mietschuldner, oder über Laternen. Jetzt kommen die Probleme auch noch von außen. Das macht es nicht leichter.

Lutz glaubt, erst nach seinem Schreiben hätten sowohl Pankgräfin-Leute als auch Punks eingesehen, dass sie miteinander reden mussten. Erste Versuche: ein gemeinsames Frühstück, und ein Konzert, für das die Punks die Bühne der Pankgräfin-Wagenburg nutzen durften. „Das lief so semi.“ Aber die lärmigen Punk-Partys wurden seltener. Und das Bezirksamt klinkte sich auch nicht länger aus dem Konflikt aus. Anfang November versuchten alle Beteiligten, vor Ort in einem Gespräch auf einen Nenner zu kommen.

Jetzt soll das Grundstück der beiden Punk-Wagenburgen eingezäunt werden, auch eigene Wasser- und Stromanschlüsse erhalten. Lutz sagt: „Es brauchte die Eskalation mit dem Brief, damit sich etwas bewegen konnte. Der Streit hätte sonst ewig gegärt.“ Die Punks wollen nun sogar einen Verein gründen. Das schafft Ansprechpartner, das erleichtert Versorgungs- und Pachtverträge. Das schafft Eigenverantwortung.

Aber bringt es auch Ruhe?

*

Punk-Wagenburg, zweiter Versuch, zwölf Uhr mittags. Aus einem Wagen fällt eine verhuntzelte Gestalt heraus, das Innere ist eine Müllhalde. Nebenan fühlen sich drei osteuropäische Punks überhaupt nicht auskunftsfähig. Es ist einfach zu früh zum Aufstehen, zum Waschen oder auch nur zum Lüften.

Nächster Wagen. Ein Schild an der Tür warnt: „Abgase gefährden die Gesundheit. Vermeiden Sie längeren Aufenthalt.“ Man klopft trotzdem. Eine Mädchenstimme ruft: „Ja?“

Na bitte, es geht doch.

Das Innere, eine Überraschung: keine Müllhalde, ein Kinderzimmer. So sieht es wirklich aus: Ordentlich, Fotos an den Wänden, eine Totenkopffahne auch. Ein junges Punk-Pärchen kauert auf dem Sofa. Das Fernsehen bringt den Papst an den Frühstückstisch. „Kaffee?“

Sarah, 18, ausrasierte Schläfen, versteht die ganze Aufregung nicht. Ja, man hat halt viel gefeiert anfangs, jeden Tag, wie sich das gehört.“ Und der offene Brief, diese Kampfansage? Gregor, 22, Irokesenhaartracht, winkt ab: „Total übertrieben. Im Prinzip machen wir uns darüber eher lustig. Wir nehmen die nicht ernst. Das sind halt Hippies. Vielleicht kommen die auch einfach in die Jahre.“

Aber die Punks sind doch leiser geworden, oder? „Na klar, wird ja Herbst“, grinst Gregor. „Da kriegen alle ihre Depression“. Der Typ mit der fetten Stereoanlage sei auch nicht mehr da. Ein anderer habe extra seine Box weggedreht. Nette Geste.

Draußen läuft Gregor in engen Jeans, rustikaler Lederjacke und Stiefeln herum. Wie ein Punk eben aussieht. Im Wagen aber schlüpft er in eine weite Jogginghose und ein sauberes Kapuzenshirt. Fehlen nur noch Hauspantoffel mit Bommeln. „Ich bin doch zu Hause. Da will ich es bequem haben.“

Dann guckt Gregor zu Sarah: „Aber im Frühjahr geht’s wieder richtig los, oder?“

„Ja, klar“, sagt Sarah.

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