Es hört einfach nicht auf. Ein paar Tage vorher war er beim Arzt. Der fand neue Schatten. An der
Lendenwirbelsäule, an der Bauchhauptschlagader. Wo vorher keine waren. Dort noch nicht. Er weiß, was das
bedeutet. Chemotherapie. Schon morgen. Schon wieder. Verdammt.
An dem Tag davor klammert sich der schlaksige Mann mit beiden Händen an einem Geländer fest. Hinter ihm
drückt sich das ostthüringische Städtchen Ronneburg an einen Hügel. Da liegen sie also vor ihm, die Jahre. Seine
Bergmannsvergangenheit, zwölf Jahre, dieses dreckige Dutzend. Doch ist jetzt alles so sauber hier. So fremd.
Wo einst Ödland war, ein über ein halbes Jahrhundert vom Uranerzbergbau grausam malträtierter Landstrich,
blüht die Landschaft. Weiße Baumblüten, Blumenbeete, Stauden. Es ist ein seltsamer Ort für eine
Bundesgartenschau, die Bundespräsident Horst Köhler am heutigen Freitag eröffnet.
Und der Blick des Mannes, der auch Köhler heißt, Andreas Köhler, findet die Spuren seiner Vergangenheit nicht
mehr. Darin hatte er dem Gestein in Schächten rund um das Städtchen Uranerz abgerungen. Erz für die SDAG
Wismut, bei der bis zuletzt, 1991, die Sowjets die Kontrolle behielten. Für diesem Moloch zwischen Gera,
Johanngeorgenstadt und dem sächsischen Königstein. Er verschlang Dörfer – auch Ronneburg soll zeitweilig
davon bedroht gewesen sein –, aber machte die DDR mit insgesamt 231.000 geförderten Tonnen zum
drittgrößten Uranproduzenten der Welt.
1991 hörte die „alte“ Wismut auf zu existieren. Ihr Nachfolger gehört dem Bund. Die gesamte Sanierung kostet
diesen 6,2 Milliarden Euro, zwei Drittel davon sind bereits ausgegeben.
In den vergangenen Jahren hat man im Ronneburger Revier zwei 100 Meter hohe spitze Abraumpyramidenpaare
abgetragen, Schächte versiegelt, ein Tal wieder freigegraben und einen unermesslichen Tagebau verfüllt.
Und die Wismut-Geschichte von Andreas Köhler, dem ehemaligen Hauer, sie ist verschütt gegangen dabei, wie
von Zehntausenden ehemaligen Wismut-Kumpel. Aber bei ihm hat sie sich andere Wege gesucht, um zu bleiben.
Andreas Köhler trägt seine Geschichte im Gesicht.
Sein Mund steht schief. Die Zähne verschieben sich bizarr gegeneinander. Worte kann er kaum formen. Lippen
und Zunge brennen beim Sprechen. Die Ärzte haben ihm Knochen aus dem Kiefer geschält und Muskeln aus
dem Gesicht. Sie haben Haut transplantiert und Tumore mit Chemotherapien traktiert. Er habe sich
vorgenommen, 50 zu werden, sagt Köhler. Das sind noch zwei Jahre bis dahin.
1997 wurde das erste Krebsgeschwür in seinem Kopf entdeckt. Der Chefarzt in Gera musste erst einen Professor
konsultieren. So einen Tumor hatte er vorher noch nie gesehen. Eine Ärztin fragte: „Könnte es an der Wismut
liegen?“ An der radioaktiven Strahlung unter Tage. Am giftigen Radongas, das er dort eingeatmet haben könnte.
Und doch lässt Köhler noch heute, 17 Jahre nach seinem Abschied von der Wismut, kein Schaubergwerk aus,
wie es auch eines in Ronneburg gibt, unweit vom Buga-Gelände im Ort. „Ich wollte doch diese Arbeit. Das war
ja mein Leben“, sagt er. „Sonst müsste ich sagen: Mein Leben wäre eine Lüge.“
Vielleicht ist es mit der Wismut ein bisschen so wie mit der DDR an sich. Wo die Zahlen von außen betrachtet
suggerieren, dass vieles verheerend war am Uranerzbergbau - knapp 3700 Hektar zu sanierende Flächen, 1400
Kilometer lange Stollen, 1500 als Berufskrankheiten anerkannte Silikose- und 5300 Lungenkrebsfälle allein bis
1990 – beharren die Menschen in der Region, dass nicht alles schlecht war. Für sie ist Wismut keine Altlast,
sondern ein Lebensgefühl. Eines, das man sich nicht schlecht reden lässt.
Dieses Lebensgefühl lässt sich nicht aus den schlimmen Statistiken destillieren. Dafür muss man zum Beispiel
mit einem ehemaligen Kumpel wie Jürgen Reinhardt (44) einfach eine große Runde um Ronneburg machen. Man
sieht ihn vor der versiegelten Abraumhalde von Beerwalde im Dörrgras herumstochern, wo Ruinen seines
einstigen Jugendbergbaubetriebs „Ernst Thälmann“ traurig gegen den Wind anstehen. Man fährt mit ihm zu einer
Sandwüste, wo einst die aus Abraum aufgetürmten Spitzkegelpyramiden standen, wie Landmarken, die Wahrzeichen Ronneburgs. Die beiden Paare erinnerten die Kumpel an Brüste enormen Ausmaßes. Dass sie bis
Ende 2006 abgetragen wurden, haben viele Ronneburger nicht verwunden. Reinhardt sagt: „Alle Ex-Bergleute
würden heute sofort wieder einfahren, wenn sie könnten.“
So beginnt man zu erspüren, welche Bedeutung hinter dem Spruch „Ich bin Bergmann – wer ist mehr?“ stand.
Weshalb die Frauengymnastikgruppe, die sich an einem Dienstagabend in der rustikalen Ronneburger Kneipe
„Kölbel’s Gaststübel“ bei Bier und Korn trifft und deren Männer und Söhne fast allesamt im Berg waren, sich
zwar sehr auf die Buga freut, vor allem das Konzert der „Prinzen“ am 5. Mai, aber darüber schimpft, dass nach
der Wende hier „alles kaputtgemacht werden musste“ und „wir alle arbeitslos wurden“. Dass ein schon in den
80er Jahren gegründeter kirchlicher Umweltkreis, der die Sanierung kritisch begleitet, viele Investoren
verschreckt hätte: „Die dachten doch, wir sind alle verstrahlt.“
Dabei ist einiges getan worden in Ronneburg, die Straßen wurden saniert, der Stadtpark auch. Alles für die Buga.
Vom Falschparken bis zum Strafzettel dauert es ganze zwei Minuten. Ronneburg ist bereit für die Welt. Die Stadt
macht wieder Sinn.
Der Bergbau hat sich die Biografien im Erzgebirge untertan gemacht. Die Wismut zog die Männer mit für DDRVerhältnisse
astronomischen, weil leistungsbezogenen Lohnaussichten an, die einem später vor allem als Hauer
winkte. Damit warb die Gesellschaft sogar in den Schulen, im ganzen Land. 2500 Mark konnten es werden,
manchmal mit Prämien bis zu 4500 Mark im November.
Und da lockte auch der „Wismut-Fusel“, auch „Kumpeltod“ genannt. Das war „akzisefreier Trinkbranntwein“,
den es mit Marken nur für Wismut-Leute gab, bei Planüberfüllung bis zu sechs Liter, pro Mann, pro Monat. Sie
arbeiteten viel, sie soffen viel. Vielleicht gehörte das zusammen. Den Schnaps nahm man auch als zweites
Zahlungsmittel, man beglich schon mal Handwerkerrechnungen damit. Auch wenn auf dem Etikett stand:
„Weiterverkauf wird strafrechtlich verfolgt!“ Ex-Hauer Reinhardt hat nur einmal einen Bergmann heulen
gesehen: als ihm seine Sechsliterration aus den Armen glitt und zerschellte.
Man nannte die Wismut auch den „16. DDR-Bezirk“, offiziell hatte diese 15. Wenn vor der Schicht die
unzähligen Busse die Kumpels auf dem zentralen Busplatz ausluden, wurden Ampeln für sie auf Dauergrün
umgestellt. Die Wismut hatte eigene Lebensmittelläden, eine eigene Polizei, eine eigene SED-Parteiorganisation,
eigene Kur- und Ferienheime, eigene Krankenhäuser und Kurkliniken.
Im Ronneburger Schaubergwerk hält der hiesige Bergbauver mit nachgestellten Stollen seit 1998 diese Tradition
aufrecht. So gut es geht. Dort trifft man den Vereinschef, Ekkehard Riedl, der 63 ist, vier Jahrzehnte bei der
Wismut einfuhr und es wie Köhler vom Hauer zum Brigadier schaffte.
Riedl sitzt an einem groben Tisch, an der Wand hängen Urkunden mit dem Schriftzug „Dem Frieden die
Freiheit“ und Nelken, wie man sie zu den Demonstrationen am 1. Mai trug. Er pafft eine Zigarette nach der
anderen, ein Kerl wie ein Baum mit polterigem Humor. „Ich brauchte Leute, die viel saufen, viel vögeln und
viele Kinder haben.“ Wieso? „Weil sie dann Geld brauchen.“ Sein Lachen donnert durch das Gewölbe. Er trägt
zwei Hörgeräte.
Es war nicht nur das Geld, das den Stolz der Bergleute nährte. Es war das große Ganze. Eine strategische Volte
der Weltpolitik, für die das Mantra „Erz für den Frieden“ stand. Die meisten Kumpel waren in der SED. Ein
zweiter Wismut-Veteran ist hereingekommen, er sieht mehr nach Büro aus, glattes Gesicht, Windjacke,
Handgelenkstäschchen. Heinz Kley, 76, davon 35 Jahre Wismut, über und unter Tage. Er sagt: „Wesentlich war,
dass 1946 Churchill sagte: Wenn wir die Sowjetunion nicht mit heißem Krieg kaputt machen, dann mit einem
kalten Krieg.“ Dafür brauchten die Russen nach dem Krieg das Uran, das sie selbst kaum hatten.
Also schickte Stalin schon wenige Tage nach Kriegsende Geologen ins Erzgebirge. Die Wismut war mit Abstand
der größte Auslandsbetrieb der Sowjetunion, ihr Zweck war laut Satzung die „Gewinnung von Buntmetall“, der
Name Tarnung. Von Uran sprach anfangs keiner. So rollte der Raubbau an der Landschaft und an den Menschen
mit beispielloser Wucht an. In den ersten, den „wilden“ Jahren wurden elementare Gesundheitsschutzmaßnahmen
missachtet. Später trat anstelle von Zwangsverpflichtungen ein ausdifferenziertes, beinahe kapitalistisch
gespreiztes Lohnanreizsystem. Und das berüchtigte Trockenbohren, das den tödlichen Radonstaub aufwirbelte,
wurde bald verboten.
Deshalb nennen Bergleute wie Riedl, Kley oder Reinhardt die Gesundheitsvorsorge in den 70er und 80er Jahren
„beispielhaft.“
Riedl: „Wenn du nicht zur vorgeschriebenen jährlichen Untersuchung gegangen bist, durftest du am nächsten Tag
nicht einfahren“. Kley: „Das ist Diktatur. Du bist zu allem gezwungen worden. Das war gut so.“ Riedl:
„Demokratie funktioniert nicht ohne Diktatur. Du musst Leuten in den Arsch treten.“ Sie sehen sich an und
nicken.
Man habe doch gewusst, was man da tat, sagen sie. Jeder wusste, was Strahlung anrichten konnte. Seit
Hiroshima. Man habe halt gehofft, verschont zu bleiben. Oder man dachte einfach nicht drüber nach.
Auch Andreas Köhler, der Bergmann mit den wuchernden Metastasen, sagt das. „Keine Ahnung, warum.“ Er
stockt, träufelt sich Creme auf die wunden Lippen. „Hm, wieso habe wir uns damals keine Gedanken gemacht?“
Dann flucht er: „Weil uns niemand über die Strahlendosis genau aufgeklärt hat.“
Jetzt ist Köhler unwahrscheinlich krank. Das hat er schriftlich. Von der Bergbau-Berufsgenossenschaft. Es hilft
ihm nichts. Im Ablehnungsbescheid von Köhlers erstem Antrag von 1997 beziffert sie bei Köhler die
„Verursachungswahrscheinlichkeit“ seiner Krankheit wegen ionisierender Strahlung auf 8,5 Prozent. So klein
war also die Wahrscheinlichkeit für das Ardenokarziom an Stirn-, Kiefern- und Nasennebenhöhle und am
Gaumen. So unwahrscheinlich. Er bekam es trotzdem. Erst einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent wird eine
Berufskrankheit anerkannt.
Aber der Krebs schert sich nicht um Statistiken.
Und: Köhler hat den falschen Tumor. Lungenkrebs erkennt die Berufsgenossenschaft meist an, zwischen 1991
und 2006 immerhin 2989 von 6076 abgezeigten Fälle. Bei anderen Tumorarten kamen von 2409 Anträgen nur
123 durch. Deshalb ist Köhler weniger auf die Wismut wütend als vielmehr auf die Geraer Berbau-
Berufsgenossenschaft, die nach der Wende umgerechnet mehr als 200 Millionen Euro für
Berufskrankheitsentschädigungen vom Bund bekam. Deren Abteilungsleiter der Leistungsabteilung, Matthias
Zschockelt (49), sagt: „Kulanz haben wir nicht. Wir haben keinen Ermessensspielraum bei der Anerkennung. Das
Recht setzen nicht wir, sondern die Bundesregierung.“
Es gibt einen Selbsthilfeverein, der etwas unglücklich „Atomopfer“ heißt und seit Jahren vergeblich auf eine
Gesetzesänderung dringt. Bislang erfolglos. Er hat 25 Mitglieder und ein Netzwerk von etwa 100 Leuten. Die
meisten sind Hinterbliebene von ehemaligen Bergleuten. Gerade hat ihr Vorsitzender Michael Löffler, dem der
Kehlkopfkrebs beinahe die Stimme genommen hat, die Mitglieder aufgefordert, persönliche Petitionen an den
Bundestag zu schicken. Löffler sagt, dass zu wenige Betroffene vor die Gerichte ziehen würden. „Die meisten,
die es betrifft, kommen gar nicht darauf, ihre Krankheiten auf ihre Wismut-Tätigkeit zurückzuführen. Weil die
doch Jahre her ist.“
Andreas Köhler hat beschlossen, zu kämpfen. „Ich bin eben ein sturer Hund.“ Gegen die Berufsgenossenschaft
und gegen seine Krankheit. Jede noch so kleine Hoffnung nimmt er dankbar mit. Er muss.
Am Tag, nachdem er auf dem Buga-Gelände in die „neue Landschaft Ronneburg“ guckte, sitzt er in seinem
kleinen Gartenhäuschen aus Holz in einem Tal nahe Gera, das so satt grün ist wie Gartenschau. Die
Chemotherapie am Morgen ist abgeblasen worden. Es könnte sein, dass zumindest die eine dunkle Stelle auf dem
Ultraschallbild am Rücken doch keine Metastase ist. Genau dort ist ihm mal im Schacht ein Stein ins Kreuz
geflogen. „Jetzt habe ich erst mal zwei bis drei Wochen Luft“, lächelt er. „Dann kommt die Chemo aber auf
jedem Fall.“
In seinem Garten steht eine Spielzeugeisenbahn. Dort schiebt eine Bergmannsfigur einen vollbeladenen Wagen.
Sie trägt einen Helm, das Gesicht ist schwarz. Es lächelt breit. Die kleine Figur sieht glücklich aus.
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