Erik Heier

Durch Leiden

Oft hatte Martha in 60 Jahren Ehe Walter am Krankenbett gepflegt. Bis sie selbst plötzlich todkrank wurde

Märkische Allgemeine, April 2004

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Ihre mageren Finger schieben sich unter den welligen Rand des Fotos. Heben die vergilbte Aufnahme vom Tisch auf. Holen sie an ihre großflächigen Brillengläser heran, in ihren Rollstuhl hinein, von dem knöcherne Füßchen in weißen Socken herunterhängen. Wie leblos.

Eine, vielleicht zwei Sekunden betrachtet Martha Franke das Foto. Schaut in zwei junge Gesichter. Das Mädchen mit dem Luftwaffenkäppi, der junge Infanterist mit dem schnurgerade gescheitelten Blondhaar. Im kommenden August wird das Foto 60 Jahre alt sein. Ihres und Walters Hochzeitsfoto. Von 1943.

Ach ja, der 60. Hochzeitstag. Noch lange hin, drei Monate. So weit weg.

Vor drei Jahren hatte Martha aufgehört zu leben. Und angefangen zu sterben.

In ihrem Brustkorb steckt unter einem Mullpflaster eine Plastikröhre, für die Dialyse, zu der sie dreimal wöchentlich muss. Mit zwei Abzweigungen, die in ihr Inneres führen. Ihr 82 Jahre altes, kaputtes Inneres, das nicht mehr zu reparieren ist. Haben dieWeißkittel gesagt.

Der Zucker. Die erschöpften Nieren. Die grausam engen Adern.

Walter beugt sich neben ihr vor, mit wachen blauen Augen. Seine Handkante schwingt auf die geblümte Tischdecke zu. Er erzählt gerade vom Krieg. Von Polen, von Russland. Die scharfe senkrechte Kerbe über seinem Mund, vom Minen-Schrapnell anno '41 einige hundert Kilometer vor Moskau hineingefetzt, zuckt. Marthas Blick irrlichtert an ihm vorbei. Zum regentrüben Münchener Himmel, eingerahmt von grünen Vorhängen, gefiltert von weißen Gardinen. Dann noch einmal zum Foto.

Vielleicht denkt Martha gerade, dass das irgendwie nicht gerecht sei. Dass sie das alles einfach nicht verdient hatte. Den Rollstuhl. Die Plastikröhren. Den dünnen grauen Haarschopf, den die Krankheit aus ihrer hohen Stirn nach hinten weggedrängt hat. Der jungen, rosigen Martha auf dem Foto quellen keck volle dunkelblonde Locken unter dem Käppi hervor.

Im Badezimmer hängt eine Perücke.

Martha lässt das Foto auf den Tisch fallen. Kaum, dass sich ein Muskel in ihrem Gesicht regt.

"Alles hat seine Vorgeschichte", sagt Walter, steht auf und stützt sich auf seinen Gehstock.

Wenn man die kleine Münchener Altenwohnung betritt, blickt man als Erstes auf das Stadtwappen von Leipzig. Walters' Geburtsort. Es hängt neben der Tür, er hat es gebastelt. Der heute 84-Jährige hat auch all die Gemälde gemalt, die an den Wänden hängen. Berge, Schlösser, Wälder; auf Leinwand. Hat Modelle zusammengefügt, von der "Titanic", dem "Zeppelin", und schon als Konditorlehrling Marzipanmodelliert. Und hat sich selbst einige Zaubertricks beigebracht.

Und, und, und.

Martha dagegen las gern Groschenromane, früher. Genoss imKinodunkel die Wohlfühlstreifen der Ufa, noch früher. Mit den Albers, Hörbigers, Mosers, Rühmanns, Trenckers. War ein schüchternes Landmädchen aus dem thüringischen Eckartsberga gewesen, das Walter in einem plüschigen Leipziger Lokal mit Ramba-Zamba-Kapelle zum Tanz aufforderte, 1939. Immer ein wenig der Luftikus, verpasste Walter ihre erste gemeinsame Verabredung. Musste dann zurück zum Westwall, Bunker bauen, Schützengräben ausheben. Und in Ramstein Stollen ins Berggestein sprengen, für einen neuen Flugplatz. Hitler hatte gerade Polen überfallen, im Westen würde es auch bald losgehen.

Nach einem halben Jahr liefen sie sich in Leipzig über den Weg. "Nur durch Zufall!", ruft Walter begeistert, lässt seine Hand durch das graue Haar gleiten, immer noch scheitelgenau, nur wenig lichter geworden. 1943, als Martha mit ihrem einzigen Kind schwanger wurde, heirateten sie. Die Tochter war auch dabei, als Martha 1950, ein halbes Jahr nach Walter, die gemeinsame Parterrewohnung in Leipzig- Connewitz verließ, über die Zonengrenze flüchtete und ihrem Mann nach München folgte. Die DDR hatte Walter zum Uranbergbau bei der Wismut zwangsverpflichten wollen.

Zum Tod auf Raten.

"Aber das ist ja dann schon wieder eine andere Geschichte", sagt Walter.

Niemals hatte ihr Körper Martha im Stich gelassen, in all den schweren Jahren. Walter war es doch gewesen, den die Ärzte immer wieder zusammenflicken mussten. Dem sie den zerschmetterten Kiefer verdrahtet, die Tuberkulose aus dem Körper getrieben, die geschwürige Prostata herausgeschält, zehn Zentimeter Dünndarm weggeschnitten hatten. Walter schiebt sein Hemd hoch, deutet auf die senkrechte Narbe, die seinen Bauch gleichsam teilt.

"Sehen Sie!", sagt er.

Unzählige Stunden hatte Martha bei Walter auf Intensivstationen und inUnfallkliniken ausgeharrt. Hatte gebangt. Gezweifelt. Gehofft. Wieder und wieder.

"Meine Frau musste mit mir so viel durchmachen", sagt Walter. "Vielleicht hatte sie deswegen keine Kraft mehr, als es um sie selbst ging."

Damals, vor drei Jahren.

Plötzlich schwand das Gefühl in Marthas Beinen. Nur die Füße schmerzten fürchterlich. Ein Zeh wurde schwarz. Durchblutungsstörungen, immer schlimmer. Diabetes. Morgens wachte sie teilnahmslos auf, stand nicht auf. "Weiberl, was möchtest du denn?", hatte Walter flehend gefragt. "Sterben." Mehr brachte Martha nicht heraus. Irgendwann rief Walter den Notarzt. Mit einer Dialyse spülte man in einem Münchener Krankenhaus ihr Blut sauber. Schob ihr Adern aus Plastik in Arme und Beine.

Martha spricht wenig, lässt Walter erzählen. Wenn sie mal etwas sagt, fällt er ihr ja doch alsbald ins Wort. Nicht böswillig. Eher impulsiv. Überquellend vor Geschichten.

Eigentlich müsse er sein verrücktes Leben mal aufschreiben, sagt Walter. Zahllose Relikte hat er akribisch hinter den bräunlichen glattpolierten Spanplatten der Anbauwand aufgeschichtet, Entlassungspapiere aus der Kriegsgefangenschaft in Folien sortiert, Fotos in Lederalben geordnet, vergilbte Zeitungsseiten mit Tesafilm zusammengehalten. Manchmal entgleitet ihmder Erzählfaden. So viele Details.

"Ich verliere mich wieder", sagt Walter. "Ich merke es", sagt Martha.

Eineinhalb Jahre lag sie apathisch in der Klinik, rührte die reichliche Krankenhauskost nicht an; sie konnte sowieso nichts im Leib halten. Erkannte ihren Walter nicht mehr. Sah in der Sprinkleranlage über ihrem Krankenbett Kameras, die ihr Sterben ausspionierten. Dämmerte dem Tod entgegen.

Beinahe widerstandslos.

Vor acht Wochen dann holte Walter seine Martha zurück in die gemeinsame Wohnung, "ins Vati-Heim",wie sie sagt. Alle vierzehn Tage kam eine Frau von der Hospiz-Gruppe "Da sein" vorbei. Als Sterbebegleitung in den eigenen vier Wänden. Wenn der Hausarzt wieder ging, schaute er draußen vor derWohnungstür Walter traurig an und schüttelte den Kopf.

"Aber ich habe mir gesagt: Ich bringe sie durch." Walter schlägt die Faust auf den Tisch, einmal, zweimal, dreimal. Er hat den Pinsel kaum angerührt in diesen ersten Wochen, keine Landschaften auf Leinwand gebannt. Hat den Papierkram um Pflegegelder und Krankentransporte niedergekämpft. Hat ihr Krankenbett im Wohnzimmer aufstellen lassen, nicht im Schlafraum: "Sie kommt mittendrin in die Stube, habe ich gesagt. Sie ist die Chefin." Als Erstes brachte er ihr Hackepeterbrötchen, die sie immer so gemocht hatte, ans Bett.

Und Martha aß.

Das Leben in der kleinen Wohnung, es drehte sich um sie. Und dann fand das Leben zu Martha zurück. Das "Vati-Heim" begann zu wirken. Nach wenigen Wochen stand sie das erste Mal auf, unsicher, mit wackligen Beinen. Beim Hospiz-Verein spricht man heute von einem Wunder. Die Sterbebegleiterin kommt nicht mehr, wozu auch. Der Hausarzt staunt. Marthas Zustand bessert sich fast täglich.

Walter malt wieder. Drei Tage für ein Stillleben. Nebenbei hastet er durchs Haus, zu bettlägerigen Nachbarn. Fenster schließen, wenn der Regen naht.

All sowas.

Martha kann nun schon selbst ein wenig laufen, mit einem Wägelchen als Gehhilfe. Morgen kommen die Tochter, die beiden Enkel und die dreiUrenkel. Zu ihrer Geburtstagsfeier. Zukunft misst sie wieder in Jahren, nicht mehr in Stunden. Konkretere Pläne vermeidet sie freilich. Zu Hause, in Thüringen, gab es ein Sprichwort: "Rechne nix aus, es wird nix draus."

Ja, der 60. Hochzeitstag, im August. Das wird schön. Mit Walter. "Ohne ihn", sagt Martha, "wäre ich heute längst tot". Vor ihr liegt ein Groschenroman.

Er ist aufgeschlagen, schon in der zweiten Hälfte.

Der Autor ist Volontär derMärkischen Allgemeinen. Für diesen im Mai vergangenen Jahres entstandenen Text erhielt er am Mittwoch den Reportage- Preis 2003 derAkademie der Bayerischen Presse in München. Martha Franke verstarb im August 2003 - wenige Tage nach ihrem 60. Hochzeitstag.

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