Erik Heier

Der Balanceakt

Er ist Österreicher, er hat 26 Jahre lang an der Staatsoper Berlin dirigiert. Was öffentlich nicht bekannt war: Otmar Suitner führte eine Ehe in Ost- und hatte eine Familie in Westberlin. Jetzt hat sein Sohn darüber einen Film gedreht

Berliner Zeitung, Magazin, Mai 2007

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Der alte Mann wollte keine Kinder. Neben ihm sitzt sein Sohn. Das Leben ist manchmal so. "Er ist doch gut gelungen", sagt der Vater. Stolz vibriert in seiner Stimme. Die beiden schauen sich an. Lange, innig, liebevoll.

"Dein Rabenvater". So hat er oft Briefe an seinen Sohn unterzeichnet. Zum ersten Mal tat er das bereits vier Wochen nach der Geburt von Igor. Das ist gut 35 Jahre her. Er schrieb oft, er war ja selten bei ihm. Dort, in Nikolassee, im südlichen Westberlin. Ständig reiste der Vater durch die weite Welt. Oder er fuhr zurück in seine eigene, andere, engere. Er fuhr wieder nach Ostberlin.

Weil er Generalmusikdirektor an der Staatsoper Unter den Linden war. Weil man den begnadeten Chefdirigenten der Staatskapelle Berlin international buchte. Weil er Otmar Suitner ist.

Gerade haben beide den aktualisierten Personeneintrag Suitners im Munzinger-Archiv gegengelesen. Bisher stand dort nichts von einem Kind. Sie dachten: "Jetzt schreiben wir das mal rein."

Also ist Igor nun offiziell, sozusagen.

Mit der Mutter seines Sohnes ist Suitner seit 42 Jahren ein Paar. Länger zusammen lebt er nur mit seiner Ehefrau, fast sechs Jahrzehnte. Und natürlich mit der Musik. Mit der am allerlängsten.

Sein Sohn hat jetzt einen Dokumentarfilm über seinen Vater und sich gedreht. "Nach der Musik" läuft am kommenden Donnerstag, 14.30 Uhr, im Kino Babylon Mitte als Teampremiere. Einen Tag davor, am 16. Mai, wird Otmar Suitner 85 Jahre alt.

Dies sollte eine Geschichte über Grenzen werden. Über das hermetisch Trennende, das sie meist verkörpern. Das war die Idee. Da wäre die weltpolitische Grenze durch Berlin. Und die Grenze im Privaten. Zwischen Ehefrau und Geliebter, zwischen Vater und Sohn. Aber diese Idee will sich nicht stimmig zusammenfügen. Sie funktioniert einfach nicht.

Das liegt vor allem an Suitner selbst. Bei ihm musste jede stereotype Ost-West-Grenzziehung fehlgehen. Ein weltoffener Österreicher in der ummauerten DDR, ein gläubiger Katholik und zweifacher Nationalpreisträger. Das Geld dafür spendete er der Kirche. Papst Paul VI. empfing ihn zur Audienz. Über den SED-Chefideologen Kurt Hager hielt er den Kontakt zur Staatsmacht. Otmar Suitner stand über allen Grenzen.

In Ostberlin lebte er mit seiner Ehefrau Marita. Nach Westberlin fuhr er am Wochenende, zur Geliebten Renate Heitzmann und dem Sohn Igor. Eine Ehe hüben, eine Familie drüben. Alle wussten voneinander. Das war von Beginn an so. "Ich bin ein guter Diplomat", sagt Suitner.

Unwichtig sei es, dass dazwischen die Mauer stand, findet er. Unwichtig für das Funktionieren seines Doppellebens. Kontrollieren durften die Grenzer ihn nie. Nicht wegen seines österreicherischen Passes. "Meine Befreiung von jeder Kontrolle stammte vom russischen Oberkommandierenden in der DDR."

Nein, Grenzen kommen dieser Geschichte nicht bei. Sie sind nicht relevant dafür, allenfalls paradoxes Beiwerk. Der Kern liegt woanders.

1966 holt Ottmar Suitner die studierte Germanistin und Theaterwissenschaftlerin Renate Heitzmann an die Staatsoper. Offiziell als wissenschaftliche Beraterin. Da sind sie schon ein Paar. Im Haus bleibt ihr Verhältnis nicht geheim. Auch ein Stasi-IM vermutet "intime Beziehungen". Wenn Suitner in der Lindenoper dirigiert, sitzt seine Frau in ihrer Loge. Im Parkett schwelgt seine Geliebte. Sie versäumt nicht eine Aufführung.

Man wirft ein, das müsse doch eine bizarre Situation gewesen sein. Suitner zuckt die Schultern. "Also gut, zwei Frauen . Das ist halt so passiert." Sein österreichischer Dialekt ist von nonchalantem Charme. Sein Sohn berlinert. Igor Heitzmann ist schmaler als der Vater, auch kleiner. Die beiden ähneln sich kaum. Otmar Suitner ist noch immer eine imposante Gestalt, seine Statur von gravitätischer Wucht, sein markantes Gesicht voller kerbiger Charakterschwere. Auch wenn sein Gang wankend geworden ist, seine faltigen Hände schwer zittern. Das kommt vom Alter und von der Krankheit, die dem Parkinson-Syndrom ähnelt. Seit mehr als 20 Jahren martert sie seinen Körper. 1990 muss er deshalb seine "herrliche Kapelle" aufgeben.

Unter seinem Nachfolger Daniel Barenboim ist sie weiter erblüht. Ohne Suitners Grundlagen wäre ihr Ruhm aber kaum vorstellbar. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang hat er sie geformt. Suitner wollte immer sparsam agieren, wie sein Vorbild Richard Strauss. Den hat er noch persönlich getroffen. Wenn er sich in Archivaufnahmen sieht, ärgert er sich gelegentlich. "Manches Mal fuchtele ich. Das wäre nicht nötig."

Igor Heitzmann hat Otmar Suitner als liebevollen, gütigen, völlig antiautoritären Vater erlebt. Er liebt klassische Musik, gemeinsam hören sie oft alte Platten. Heitzmann hat sogar eine Weile Klavier geübt. Opern aber waren ihm immer herzlich egal. Suitner sah er kaum einmal am Pult. Sein Film ist deshalb auch eine mehrfache Annäherung geworden. An den Vater, an den großen Dirigenten, an die Geschichte seiner Eltern.

Wenn man Otmar Suitner fragt, ob er an das Schicksal glaubt, bekommt man ohne Zögern ein "Ja". Man kann es tatsächlich "schicksalhaft" verstehen, wie vieles auf die erste Begegnung mit seiner zweiten Frau seines Lebens hinausläuft. In Bayreuth.

Der Chef der Wagner-Festspiele, Wieland Wagner, will zuvor die Dresdner Staatskapelle als Orchester auf den Grünen Hügel holen. Was nicht gelingt. Aber Suitner ist seit 1960 Generalmusikdirektor in Dresden. Wagners Einladung nach Bayreuth kommt für ihn wie aus dem Nichts. Er erfährt davon aus der Zeitung. Von 1964 an würde er dort vier Sommer lang am Pult stehen. "Tannhäuser", "Der Fliegende Holländer", zweimal der "Ring".

1965 ist er schon jenseits der 40 und seit 17 Jahren verheiratet, seine Frau Marita begleitet ihn stets zu den Festspielen. Dort trifft er Renate Heitzmann. Eine junge Studentin, Anfang 20. Zart, anmutig, interessiert. Eigentlich aus Schleswig-Holstein, lebt sie in Westberlin. In Bayreuth arbeitet sie für Wagner. Im künstlerischen Betriebsbüro wird sie Otmar Suitner vorgestellt.

Sie denkt: Oh, der hat aber schöne Augen.

Er denkt: Die ist aber hübsch. Die muss ich mir schnappen. Sofort.

Suitner kommt ab dann öfter vorbei. Er schnorrt bei ihr Zigaretten. Dann lädt er sie zum Abendessen in ein Hotel ein. Sie lässt sich darauf ein. Er schlägt vor, dort zu übernachten. Das will sie nicht. Hat ihn das gekränkt? Suitner blinzelt vergnügt. "Ja, ja. Der große Festspieldirigent - und die kleine Sekretärin lehnt ab."

Eines Abends spazieren sie zu einem Pavillon. Suitner kennt den Weg genau. Vier Jahrzehnte später kehren sie für den Film dorthin zurück.

Sie: "Da haben wir so'n bisschen rumgemacht."

Er: "Ja, rumgemacht ist gut."

Sie lacht.

Er: "Sehr zahm ausgedrückt."

An dieser Stelle des Films denkt man: Jetzt sollte die Leinwand sich schlagartig verdunkeln. Dann müsste man doch Funken fliegen sehen.

Man fühlt aber auch mit Suitners Ehefrau. Wie Marita Suitner offen in die Kamera des Sohnes ihres Mannes blickt. Fast aristokratisch scheint ihre Würde dabei. "Es gab Momente, wo er anderweitig interessiert war, an verschiedenen Weiblichkeiten. Aber nie so ganz ernsthaft. Mit einer Ausnahme. Diese Ausnahme ist deine Mutter." Und: "Ich weiß nicht, ob ich stark war. Vielleicht war ich nur blöd." Sie lacht.

So gilt auch für Marita Suitner, was ihre Nebenbuhlerin Renate Heitzmann von einer Freundin zu hören bekam. "Wenn du dich mit diesem Mann einlässt, muss dir klar sein, dass die Musik immer an erster Stelle stehen wird."

Als Otmar Suitner 1960 in die DDR geht, hadern Verwandte, er habe sich mit dem Teufel eingelassen. Da steht noch nicht einmal die Mauer. Er hat doch andere Angebote. Hamburg, Hannover. Warum diese komische DDR?

Am Mozarteum in Salzburg ist Suitner von Clemens Krauss zum Pianisten und Dirigenten ausgebildet worden. Er leitet das Pfalzorchester in Ludwigshafen, als für die weltberühmte Dresdener Staatskapelle ein neuer Dirigent gesucht wird. Richard Strauss' Lieblingsorchester. Ein Traum. Dagegen kommt nun mal keine Weltpolitik an.

1960 wird Suitner Chef der Staatskapelle an der Staatsoper in Dresden. 1964 wechselt er nach Berlin an die Lindenoper, gibt die Leitung 1971 ab, übernimmt sie 1974 wieder. Er dirigiert Wagner, Strauss, Mozart, Schönberg, Pfitzner, Bruckner, Dessau. Gastiert auf vier Kontinenten, nur in Australien nicht. 1973 ernennt ihn das Tokioter NHK Symphony Orchestra zum Ehrendirigenten.

Von der SED lässt Suitner sich nie vereinnahmen. Staatsakte dirigiert er nicht. Die DDR-Nationalhymne nur einmal. Ulbricht sagt ihm, das könne er sowieso nicht. Suitner muss nichts müssen.

Fast nichts. Einmal trägt ihm die Westberliner Hochschule der Künste an, dort zu unterrichten. Das ginge dann doch zu weit, erklärt ihm ein stellvertretender Minister. Überall gern, aber bitte nicht in Westberlin. Suitner lenkt ein. Er nimmt eine Professur an der Musikhochschule in Wien an. Vorher hat er schon Sommerkurse in Salzburg gegeben. "Ich war ein gütiger Lehrer."

Igor Heitzmann sagt, er habe aus zwei Stunden am Klavier mit seinem Vater am Wochenende mehr mitgenommen als aus zweiwöchigem Üben allein. Trotzdem will er lieber Filme machen. Schon mit 14. Sein Vater ist erst nicht so ganz erbaut davon. "Weil das Filmemachen ein schwieriges Geschäft ist", sagt Suitner. Nun hat er erstmals den Film seines Sohnes gesehen. "Ich habe jetzt noch größere Hochachtung vor dir."

Vater und Sohn haben sich fast nie gestritten. Vielleicht blieb dafür auch einfach keine Zeit.

Das zeitliche Korsett von Suitners doppeltem Familienleben bleibt bestehen, als die Grenzen längst gefallen sind. "Der Witz dabei ist: Es hatte sich so eingeschliffen, dass die Mauer dafür nicht mehr notwendig war", sagt Heitzmann. Nie habe er sich seinen Vater rund um die Uhr an seiner Seite gewünscht. Der Gedanke war zu abwegig. Für ihn, für seine Mutter, für Suitner, für seine Frau. "Ich halte von Scheidungen nicht viel", sagt Otmar Suitner. "Es kommt nichts dabei heraus."

An einer Stelle im Film heißt es, er verlasse nie einen Menschen. Nicht freiwillig jedenfalls.

So ist diese Geschichte bei ihrer nur scheinbar paradoxen Konsequenz angelangt. Es ist eine Geschichte über eine doppelte Treue. Diese Treue hat oft seltsame Biegungen genommen. Aber vielleicht ist sie genau deshalb so stark geblieben.

Jetzt, wo das Ehepaar Suitner viel Hilfe braucht, sorgen Renate und Igor Heitzmann für sie. Er wäre gern früher Vater geworden, seufzt Otmar Suitner. "Weil ich jetzt so alt bin."

Dann geht er davon. Er stützt sich auf seinen Sohn dabei. In einiger Entfernung scheinen die beiden Silhouetten miteinander zu verschmelzen.

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