Der alte Mann wollte keine Kinder. Neben ihm sitzt sein Sohn.
Das Leben ist manchmal so. "Er ist doch gut gelungen", sagt
der Vater. Stolz vibriert in seiner Stimme. Die beiden schauen
sich an. Lange, innig, liebevoll.
"Dein Rabenvater". So hat er oft Briefe an seinen Sohn
unterzeichnet. Zum ersten Mal tat er das bereits vier Wochen
nach der Geburt von Igor. Das ist gut 35 Jahre her. Er schrieb
oft, er war ja selten bei ihm. Dort, in Nikolassee, im südlichen
Westberlin. Ständig reiste der Vater durch die weite Welt. Oder
er fuhr zurück in seine eigene, andere, engere. Er fuhr wieder
nach Ostberlin.
Weil er Generalmusikdirektor an der Staatsoper Unter den
Linden war. Weil man den begnadeten Chefdirigenten der
Staatskapelle Berlin international buchte. Weil er Otmar Suitner
ist.
Gerade haben beide den aktualisierten Personeneintrag
Suitners im Munzinger-Archiv gegengelesen. Bisher stand dort
nichts von einem Kind. Sie dachten: "Jetzt schreiben wir das
mal rein."
Also ist Igor nun offiziell, sozusagen.
Mit der Mutter seines Sohnes ist Suitner seit 42 Jahren ein
Paar. Länger zusammen lebt er nur mit seiner Ehefrau, fast
sechs Jahrzehnte. Und natürlich mit der Musik. Mit der am
allerlängsten.
Sein Sohn hat jetzt einen Dokumentarfilm über seinen Vater
und sich gedreht. "Nach der Musik" läuft am kommenden
Donnerstag, 14.30 Uhr, im Kino Babylon Mitte als
Teampremiere. Einen Tag davor, am 16. Mai, wird Otmar Suitner 85 Jahre alt.
Dies sollte eine Geschichte über Grenzen werden. Über das
hermetisch Trennende, das sie meist verkörpern. Das war die
Idee. Da wäre die weltpolitische Grenze durch Berlin. Und die
Grenze im Privaten. Zwischen Ehefrau und Geliebter, zwischen
Vater und Sohn. Aber diese Idee will sich nicht stimmig
zusammenfügen. Sie funktioniert einfach nicht.
Das liegt vor allem an Suitner selbst. Bei ihm musste jede
stereotype Ost-West-Grenzziehung fehlgehen. Ein weltoffener
Österreicher in der ummauerten DDR, ein gläubiger Katholik
und zweifacher Nationalpreisträger. Das Geld dafür spendete
er der Kirche. Papst Paul VI. empfing ihn zur Audienz. Über
den SED-Chefideologen Kurt Hager hielt er den Kontakt zur
Staatsmacht. Otmar Suitner stand über allen Grenzen.
In Ostberlin lebte er mit seiner Ehefrau Marita. Nach Westberlin
fuhr er am Wochenende, zur Geliebten Renate Heitzmann und
dem Sohn Igor. Eine Ehe hüben, eine Familie drüben. Alle
wussten voneinander. Das war von Beginn an so. "Ich bin ein
guter Diplomat", sagt Suitner.
Unwichtig sei es, dass dazwischen die Mauer stand, findet er.
Unwichtig für das Funktionieren seines Doppellebens.
Kontrollieren durften die Grenzer ihn nie. Nicht wegen seines
österreicherischen Passes. "Meine Befreiung von jeder
Kontrolle stammte vom russischen Oberkommandierenden in
der DDR."
Nein, Grenzen kommen dieser Geschichte nicht bei. Sie sind
nicht relevant dafür, allenfalls paradoxes Beiwerk. Der Kern
liegt woanders.
1966 holt Ottmar Suitner die studierte Germanistin und
Theaterwissenschaftlerin Renate Heitzmann an die Staatsoper.
Offiziell als wissenschaftliche Beraterin. Da sind sie schon ein
Paar. Im Haus bleibt ihr Verhältnis nicht geheim. Auch ein
Stasi-IM vermutet "intime Beziehungen". Wenn Suitner in der
Lindenoper dirigiert, sitzt seine Frau in ihrer Loge. Im Parkett
schwelgt seine Geliebte. Sie versäumt nicht eine Aufführung.
Man wirft ein, das müsse doch eine bizarre Situation gewesen
sein. Suitner zuckt die Schultern. "Also gut, zwei Frauen . Das
ist halt so passiert." Sein österreichischer Dialekt ist von
nonchalantem Charme. Sein Sohn berlinert. Igor Heitzmann ist
schmaler als der Vater, auch kleiner. Die beiden ähneln sich
kaum. Otmar Suitner ist noch immer eine imposante Gestalt,
seine Statur von gravitätischer Wucht, sein markantes Gesicht
voller kerbiger Charakterschwere. Auch wenn sein Gang
wankend geworden ist, seine faltigen Hände schwer zittern.
Das kommt vom Alter und von der Krankheit, die dem
Parkinson-Syndrom ähnelt. Seit mehr als 20 Jahren martert sie seinen Körper. 1990 muss er deshalb seine "herrliche Kapelle"
aufgeben.
Unter seinem Nachfolger Daniel Barenboim ist sie weiter
erblüht. Ohne Suitners Grundlagen wäre ihr Ruhm aber kaum
vorstellbar. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang hat er sie
geformt. Suitner wollte immer sparsam agieren, wie sein
Vorbild Richard Strauss. Den hat er noch persönlich getroffen.
Wenn er sich in Archivaufnahmen sieht, ärgert er sich
gelegentlich. "Manches Mal fuchtele ich. Das wäre nicht nötig."
Igor Heitzmann hat Otmar Suitner als liebevollen, gütigen,
völlig antiautoritären Vater erlebt. Er liebt klassische Musik,
gemeinsam hören sie oft alte Platten. Heitzmann hat sogar
eine Weile Klavier geübt. Opern aber waren ihm immer herzlich
egal. Suitner sah er kaum einmal am Pult. Sein Film ist deshalb
auch eine mehrfache Annäherung geworden. An den Vater, an
den großen Dirigenten, an die Geschichte seiner Eltern.
Wenn man Otmar Suitner fragt, ob er an das Schicksal glaubt,
bekommt man ohne Zögern ein "Ja". Man kann es tatsächlich
"schicksalhaft" verstehen, wie vieles auf die erste Begegnung
mit seiner zweiten Frau seines Lebens hinausläuft. In
Bayreuth.
Der Chef der Wagner-Festspiele, Wieland Wagner, will zuvor
die Dresdner Staatskapelle als Orchester auf den Grünen
Hügel holen. Was nicht gelingt. Aber Suitner ist seit 1960
Generalmusikdirektor in Dresden. Wagners Einladung nach
Bayreuth kommt für ihn wie aus dem Nichts. Er erfährt davon
aus der Zeitung. Von 1964 an würde er dort vier Sommer lang
am Pult stehen. "Tannhäuser", "Der Fliegende Holländer",
zweimal der "Ring".
1965 ist er schon jenseits der 40 und seit 17 Jahren
verheiratet, seine Frau Marita begleitet ihn stets zu den
Festspielen. Dort trifft er Renate Heitzmann. Eine junge
Studentin, Anfang 20. Zart, anmutig, interessiert. Eigentlich aus
Schleswig-Holstein, lebt sie in Westberlin. In Bayreuth arbeitet
sie für Wagner. Im künstlerischen Betriebsbüro wird sie Otmar
Suitner vorgestellt.
Sie denkt: Oh, der hat aber schöne Augen.
Er denkt: Die ist aber hübsch. Die muss ich mir schnappen.
Sofort.
Suitner kommt ab dann öfter vorbei. Er schnorrt bei ihr
Zigaretten. Dann lädt er sie zum Abendessen in ein Hotel ein.
Sie lässt sich darauf ein. Er schlägt vor, dort zu übernachten.
Das will sie nicht. Hat ihn das gekränkt? Suitner blinzelt
vergnügt. "Ja, ja. Der große Festspieldirigent - und die kleine
Sekretärin lehnt ab."
Eines Abends spazieren sie zu einem Pavillon. Suitner kennt
den Weg genau. Vier Jahrzehnte später kehren sie für den
Film dorthin zurück.
Sie: "Da haben wir so'n bisschen rumgemacht."
Er: "Ja, rumgemacht ist gut."
Sie lacht.
Er: "Sehr zahm ausgedrückt."
An dieser Stelle des Films denkt man: Jetzt sollte die Leinwand
sich schlagartig verdunkeln. Dann müsste man doch Funken
fliegen sehen.
Man fühlt aber auch mit Suitners Ehefrau. Wie Marita Suitner
offen in die Kamera des Sohnes ihres Mannes blickt. Fast
aristokratisch scheint ihre Würde dabei. "Es gab Momente, wo
er anderweitig interessiert war, an verschiedenen
Weiblichkeiten. Aber nie so ganz ernsthaft. Mit einer
Ausnahme. Diese Ausnahme ist deine Mutter." Und: "Ich weiß
nicht, ob ich stark war. Vielleicht war ich nur blöd." Sie lacht.
So gilt auch für Marita Suitner, was ihre Nebenbuhlerin Renate
Heitzmann von einer Freundin zu hören bekam. "Wenn du dich
mit diesem Mann einlässt, muss dir klar sein, dass die Musik
immer an erster Stelle stehen wird."
Als Otmar Suitner 1960 in die DDR geht, hadern Verwandte, er
habe sich mit dem Teufel eingelassen. Da steht noch nicht
einmal die Mauer. Er hat doch andere Angebote. Hamburg,
Hannover. Warum diese komische DDR?
Am Mozarteum in Salzburg ist Suitner von Clemens Krauss
zum Pianisten und Dirigenten ausgebildet worden. Er leitet das
Pfalzorchester in Ludwigshafen, als für die weltberühmte
Dresdener Staatskapelle ein neuer Dirigent gesucht wird.
Richard Strauss' Lieblingsorchester. Ein Traum. Dagegen
kommt nun mal keine Weltpolitik an.
1960 wird Suitner Chef der Staatskapelle an der Staatsoper in
Dresden. 1964 wechselt er nach Berlin an die Lindenoper, gibt
die Leitung 1971 ab, übernimmt sie 1974 wieder. Er dirigiert
Wagner, Strauss, Mozart, Schönberg, Pfitzner, Bruckner,
Dessau. Gastiert auf vier Kontinenten, nur in Australien nicht.
1973 ernennt ihn das Tokioter NHK Symphony Orchestra zum
Ehrendirigenten.
Von der SED lässt Suitner sich nie vereinnahmen. Staatsakte
dirigiert er nicht. Die DDR-Nationalhymne nur einmal. Ulbricht
sagt ihm, das könne er sowieso nicht. Suitner muss nichts
müssen.
Fast nichts. Einmal trägt ihm die Westberliner Hochschule der
Künste an, dort zu unterrichten. Das ginge dann doch zu weit, erklärt ihm ein stellvertretender Minister. Überall gern, aber
bitte nicht in Westberlin. Suitner lenkt ein. Er nimmt eine
Professur an der Musikhochschule in Wien an. Vorher hat er
schon Sommerkurse in Salzburg gegeben. "Ich war ein gütiger
Lehrer."
Igor Heitzmann sagt, er habe aus zwei Stunden am Klavier mit
seinem Vater am Wochenende mehr mitgenommen als aus
zweiwöchigem Üben allein. Trotzdem will er lieber Filme
machen. Schon mit 14. Sein Vater ist erst nicht so ganz erbaut
davon. "Weil das Filmemachen ein schwieriges Geschäft ist",
sagt Suitner. Nun hat er erstmals den Film seines Sohnes
gesehen. "Ich habe jetzt noch größere Hochachtung vor dir."
Vater und Sohn haben sich fast nie gestritten. Vielleicht blieb
dafür auch einfach keine Zeit.
Das zeitliche Korsett von Suitners doppeltem Familienleben
bleibt bestehen, als die Grenzen längst gefallen sind. "Der Witz
dabei ist: Es hatte sich so eingeschliffen, dass die Mauer dafür
nicht mehr notwendig war", sagt Heitzmann. Nie habe er sich
seinen Vater rund um die Uhr an seiner Seite gewünscht. Der
Gedanke war zu abwegig. Für ihn, für seine Mutter, für Suitner,
für seine Frau. "Ich halte von Scheidungen nicht viel", sagt
Otmar Suitner. "Es kommt nichts dabei heraus."
An einer Stelle im Film heißt es, er verlasse nie einen
Menschen. Nicht freiwillig jedenfalls.
So ist diese Geschichte bei ihrer nur scheinbar paradoxen
Konsequenz angelangt. Es ist eine Geschichte über eine
doppelte Treue. Diese Treue hat oft seltsame Biegungen
genommen. Aber vielleicht ist sie genau deshalb so stark
geblieben.
Jetzt, wo das Ehepaar Suitner viel Hilfe braucht, sorgen
Renate und Igor Heitzmann für sie. Er wäre gern früher Vater
geworden, seufzt Otmar Suitner. "Weil ich jetzt so alt bin."
Dann geht er davon. Er stützt sich auf seinen Sohn dabei. In
einiger Entfernung scheinen die beiden Silhouetten
miteinander zu verschmelzen.
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