Was bitte ist das bloß für eine Welt? Eine Welt, in der man mit der Freundin auf dem Sofa kauert und "Fernsehen mit deiner Schwester" gucken muss. In der man eigentlich nicht nach Hannover wollte und dann doch fährt, wegen der Anhalterin, die gleich bei irgendeinem glücklichen Idioten liegen wird. In der man der Lebensabschnittsgefährtin "Wir sind zweimal zweite Wahl, wir sind ein unattraktives Paar" ins Ohr säuselt. Was ist das bitte für eine Welt, was für ein Verständnis von Romantik?
Natürlich ist das unsere Welt. Wenn es blöd läuft. Oder nur suboptimal. Vor allem aber ist es Bernd Begemanns Welt. Die Welt in vielen seiner oft herzerweichenden, gelegentlich bösen, platten und ganz selten auch ärgerlichen Songs. Die Welt, die er ausbreitet bei seinen oft dreistündigen Auftritten, seit November auch mit regelmäßiger monatlicher Begeclub- Präsenz im Berliner BKA-Theater am Mehringdamm.
Wie am vergangenen Montag. Aller Anfang ist Melancholie. Begemann blinzelt schräg hoch. Die roten Scheinwerfer hängen tief. Er knautscht sein Gesicht in Falten. Er schüttelt den Hals seiner Gitarre, als hätte sie die Vogelgrippe. Und er singt: "Bleib zu Hause im Sommer". Das ist ein sehnsüchtiges, unfassbar schönes Lied. "Und es ist nicht schlimm / dass es keinen Strand gibt / der Strand ist überall / wenn man sich wirklich liebt."
Er spielt es intensiv, beseelt. Dabei guckt er zuweilen ein bisschen so, als hätte er Angst. Gleich darauf gibt er den Dieter Thomas Heck auf Speed. Armausholendes Ranschmeißergehabe, formvollendeter Hüftschwung. Nach wenigen Songs befreit er sich vom weißen Jackett und vom gelben Schlips. "Früher war das der Teil, den die Frauen genüsslich antizipierten. Heute muss man einfach darüber hinwegsehen." Begemanns Gewichtsschwankungen erinnern an die von Joschka Fischer.
Seit mehr als einem Jahrzehnt karrt der Wahlhamburger Bernd Begemann seinen antiken Verstärker, seinen dreißig Jahre alten roten koreanischen Gibson-Gitarren- Nachbau, kurzum: seine ganze Show eigenhändig am Steuer seines Autos von Stadt zu Stadt, Kaff zu Kaff, Bühne zu Bühne. Er durchkreuzt dieses Land, das er verstehen will, wie er in dem wunderbaren Lied "Deutsche Hymne ohne Refrain" von 1993 singt. Dafür war er übrigens bitter angefeindet von der linken Szene in Hamburg. Dieses Land habe man ja wohl nicht verstehen, sondern zerstören zu wollen. Was ihn "aus allen Wolken" fallen ließe. Keine weiche Landung übrigens. Aber das nur am Rande.
Bernd Begemann, Geburtsjahr 1962, kein Abitur, keine Berufsausbildung, nennt sich "Der elektrische Liedermacher". Anderswo steht: "Der FC St. Pauli des deutschsprachigen Liedgutes". Auf der Bühne ist er manchmal der große Bruder und manchmal der arrogante Besserwisser und Besserkönner, ein wandelndes Musiklexikon obendrein. Manchmal der extrem fokussierte Songperformer undmanchmal der schwadronierende Selbstbemitleider. Seine Fans halten ihn mit seiner One-Man-Revue für den besten Live-Entertainer Deutschlands. Kann sein.
Aber irgendetwas passt trotzdem nicht zusammen.
Rund 1200 Lieder hat er gemacht. Sagt er. Seine Soloplatten haben schon mal mehr als 20 Songs, zwei versteckte Bonuslieder nicht eingerechnet. In einer Mappe gibt es eine Liste mit Songtiteln, zu denen er noch die Stücke sucht. Es wäre Zeit, da mal wieder was durchzustreichen, weil erledigt. Ein neues Lied heißt "Wir sind alle in der Ikea-Falle". Er hat mit dem Regisseur Matthias Glasner ("Die Mediocen, Sexy Sadie") zusammengearbeitet, der Schauspielerin Sophie Rois gesungen, mit dem ehemaligen Echt-Sänger Kim Frank und mit Dirk Darmstädter von den Jeremy Days, und er hat auch beim im Februar erscheinenden Popalbum von Ex-"Blümchen" Jasmin Wagner eifrig mitgemischt.
Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, er käme nicht so richtig vom Fleck. Warum hat er nicht längst den wenigstens leidlich fetten Plattenvertrag? Oder immerhin ein bisschen von dem Erfolg der langjährigen Kumpels Tocotronik, Die Sterne, Blumfeld, Kettcar?
Diese Frage steht auch in manchem Artikel über ihn; die Fassungslosigkeit darüber, dass einer wie Bernd Begemann noch nicht einmal einen Roadie hat, der ihm das bisschen Equipment auf die Bühne hoch wuchtet und hinterher wieder runter. Dass ein Mann, den manche den Wegbereiter der so genannten Hamburger Schule nennen, nach dem Konzert persönlich seine 13 CDs und neuerdings auch eine DVD aus einem Koffer feilbietet.
Bernd Begemann kennt die Frage nach dem Erfolg. Seine Antworten darauf klingen wie auf Autopilot. Er sei eben gern unabhängig von den Launen anderer. "Manchmal denke ich, ich sei ein Monster, weil ich gern allein bin."
Seine Lieder sind ja wirklich nicht wie das, was man sonst so im Radio oder auf Konzerten hört. Nicht unbedingt besser, aber anders. Alltagspräziser. Aufgeschnapptes Lebenskondensat aus unzähligen Billigjobs der Marke Arbeitsamt in mageren Zeiten: als Müllmann auf der Messe, als Hafenarbeiter, als Kinokartenabreißer. Eines seiner Lieblingsworte heißt: transzendieren. Aus kleinen Situationen auf das große Ganze schließen. "Du schwebst über dem Land und verbindest dich gleichzeitig mit ihm", sagt Begemann.
Seine erste Soloplatte, "Rezession, Baby!" (1993), hat er daheim in der Küche seiner Sozialwohnung im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort, in der er zwölf Jahre lang wohnte, eingespielt. Für eine Hand voll D-Mark. Auf einem Kassettenrekorder. Gelegentlich kamen Freunde vorbei und machten ein bisschen mit. Wie das ausgesehen haben muss, konnte man 1996 bei seiner Fernsehshow "Bernd im Bademantel" betrachten, live aus eben dieser Küche. Gleich in der ersten Folge schrammelten Tocotronik "Du bist hier nicht in Seattle, Dirk" herunter. Nachts wäre die Show der Knaller gewesen, vielleicht. Leider lief sie am Sonntagmorgen. Eigentlich war der Bade- ja auch ein Morgenmantel. Trotzdem kippte der NDR die Lo-Fi-Show nach drei Folgen. Wegen der Quoten. Es ist immer noch schade.
"Rezession, Baby" war ein Neuanfang. Einer von vielen. Seine Band, Die Antwort, hatte sich zuvor nicht eben friedlich aufgelöst. Schon deren 150 000D-Mark teure Major- Label-Debütplatte "1987" (1987) mit reichlich freundlichem Schlagerpop war gefloppt. Kurz darauf verließ ihn seine Frau. Das war Bernadette Hengst, Sängerin der inzwischen ebenfalls nicht mehr existierenden Band "Die Braut haut ins Auge". Obendrein fuhr sie noch seinen Wagen zu Schrott.
Die Songs auf "Rezession, Baby!" hießen "Die Apokalypse erreicht Borkhorst", "Buddy, nimm lieber den Bus (auch ich bin ein Jonathan- Richman-Fan)" oder "Rambo III mit Jochen Distelmeyer im Autokino". Distelmeyer ist übrigens der Sänger der Diskurslyrikband Blumfeld. Beide, Distelmeyer und Begemann, stammen aus Bad Salzuflen. Wie übrigens auch Frank Spilker, Sänger der Gruppe Die Sterne, oder Jürgen von der Lippe, Moderator mit Kinnbart. Diese nordrhein-westfälische Mittelgroßkleinstadt muss man sich vermutlich genau so vorstellen, wie ihr Slogan auf der Internetpräsenz klingt: ". . . fühl dich wohl". Man kann auch Begemanns Song "Bad Salzuflen - weltweit" zu Rate ziehen, nach dem alle Kriege weltweit aufhören würden, wenn alle wie Bad Salzufler werden.
Vielleicht musste man in so einem sozialen Umfeld einfach Brandlöcher in Sporthemden brennen und zum Punk werden wie der mit ein paar Monaten adoptierte Sohn des Tierarztes Begemann. Mit acht Jahren spielte der kleine Bernd der Mutter sein erstes selbst komponiertes Lied vor, "Sonntags auf der Autobahn". Die Moderatorlegenden John Peel auf BFBS und Mal Sandock aufWDR2 eröffneten ihm den Kosmos der englischen Pop- und Punkplatten. Aber die anderen Schüler hörten eben lieber Kansas statt Sex Pistols. Da wird man schnell zum Außenseiter.
Jedenfalls zog Bernd Begemann an die Alster und bislang nicht wieder weg. Er hat vor ein paar Jahren ein ganzes Album über den Großstadttrubel gemacht, "Sag Hallo zur Hölle".
Neuerdings tourt er gelegentlich auch wieder mit einer Band. Sie heißt Die Befreiung. Ihre erste Platte "Unsere Liebe ist ein Aufstand" ist recht rockig und nicht übel, aber auch nicht wirklich groß. Wieder ein Neuanfang eben. Die Jungs hat er über Aushänge in Plattenläden gefunden, sie sind mindestens fünfzehn Jahre jünger als er. Er würde gern mal wieder in die Charts, liest man hier und da. Aber vielleicht ist sein Problem, dass seine Songs erst auf der Bühne ihre gültige Form annehmen, und dass diese Gültigkeit nur für diesen einen Auftritt gilt und beim nächsten schon wieder ganz anders klingen könnte.
So etwas funktioniert einfach nicht auf großen Bühnen und bei den Radiosendern. So sehr man es ihm doch wünscht. Sicher könnte man all diese kleinen Alltagssituationen mit der ihnen eigenen lakonischen Komik glatter, harmonischer, polierter singen. Hitheischender eben. Und nicht wie einen flüchtigen Gedanken, der jetzt gerade kommt oder eben erst später. Aber das wäre nicht mehr Begemann. Vielleicht ist das eben das Los der Eigenwilligen. "Ich fühle mich extrem erfolgreich", sagt er. "Ich fühle mich extrem gut." Er ist gut.
In einem höchst sehenswerten Dokumentarfilm, "Bleib zu Hause im Sommer" von Bastian Günther, sagt Begemann: "Ruhm und Ehre strebe ich an. Bekanntheit? Nein." An diesem Sonntag ist er zur Aufzeichnung für das ZDF-Nachtstudio eingeladen, der Gesprächssendung für Schlafgestörte am Sonntag nach Mitternacht mit Volker Panzer. Bernd Begemann freut sich darauf.
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