Es gibt eben solche Abende. Seine Gitarre klimpert kaum hörbar. Die Sequenzer dagegen scheppern, als heizte ein Schrotttransporter über Kopfsteinpflaster. Der Sound ist noch schlimmer als die gelblich braune Tapete an den Wänden. Gitarre lauter, Mikro auch. Wird nicht besser. Es klingt, als würde er ins Klo singen.
Nur zwei Dutzend Zuschauer haben an diesem Donnerstagabend den Weg ins Kaffee Burger in der Berliner Torstraße gefunden, wahrscheinlich viele eher zufällig. Zum ersten Gig einer Zwei-Mann- Band namens Gasherbrum. In den Zeitungen stand beim Kaffee Burger nur: Konzert. Na ja. Ein paar alte Fans haben doch mitbekommen, wer da auftritt. Die den spindeldürren Mann mit den kurzen grellblonden Haaren am Mikrofon verehren, seit Jahren. Für die dieser Kai-Uwe Kohlschmidt immer noch der Sänger, nein, Ex-Sänger einer legendären Cottbusser Band namens Sandow ist.
Kohlschmidt braucht drei, vier Songs, bis er einigermaßen reinkommt, wieder diesen starren, irgendwie besessenen Blick draufkriegt. In sein Mikrofon brüllt. Die Gitarre, hochgepegelt, wie eine Kreissäge wüten lässt. Bis es ein bisschen so ist wie früher. Aber was heißt das schon: Wie früher?
"Wir bauen auf und tapezieren nicht mit / Wir sind sehr stolz auf KatarinaWitt / Katarina / Katarina / was BORN IN THE GDR." 1988 hatte Kohlschmidt diesen zynischen, wütenden, schier brodelnden Song geschrieben. Der zumMarkenzeichen dieser jungen Band geriet, die bis dato nach ihren ersten sechs Jahren schon 100 eigene Stücke gemacht hatte. Als Zwölfjähriger hatte Kohlschmidt mit Kumpels zum Fasching eine Band gemimt, mit Pappgitarren. Die Mädchen tobten. Im nächsten Jahr waren die Gitarren echt und die Musik auch.
Kohlschmidts Vater ist Historiker, seine Mutter Puppenspielerin. Vielleicht liegt es an diesem Genpool, dass Kohlschmidt mit 14 schon "den ganzen Brecht" gelesen und mit 19 sein erstes Theaterstück geschrieben hatte, "Aufbruch und Aufruhr".
Er hat es schnell verstanden, seinen gelegentlich mit Nihilismus flirtenden Alltagsfrust in eine schwer deutbare, in viele Richtungen mäandernde Lyrik zu verpacken. "Er ist anders als all die anderen", brüllte er in Jugendklubs wie dem Cottbusser Gladhouse in sein Mikrofon, mit markant gerolltem "R". Ein hochaufgeschossener Teenager, gern in Militärklamotten gewandet, mit wildem Haarschopf. Der durch den Cottbusser Pückler-Park streifte oder durch Tagebaue der Lausitz. Nach Ruhe suchend, und doch ruhelos.
Es gab viele Jugendliche in der DDR, die anders sein wollten, ihre Haare anders trugen als der Staat es mochte, anders dachten, andere Musik hörten. Nicht die "DDR-Show"- kompatiblen Vorzeigerocker Puhdys, City, Karat. Ihre Bands hießen Feeling B, Herbst in Peking, Die Skeptiker, AG Geige,WK13, Die Anderen. Und eben Sandow. Diese "anderen Bands" reizten die Grenzen aus. Sie tanzten auf der Kante, wild. Beim Bezirkskabinett für Kulturarbeit saßen Leute, die vorsichtig die Nischen weiteten. Die dafür sorgten, dass Bands wie Sandow eine Einstufung bekamen, nach der ziemlich seltsamen Prozedur, vor Gremien aus vielen Kadern und wenigen Kennern vorzuspielen. Ohne Einstufung keine Gigs. Mit ihr ein festgelegter Stundensatz Gage. Quasi ein Flächentarifvertrag für Musiker.
Zwischen den Zeilen war manches möglich, wenn die Zeilen selbst nur vage genug blieben. Wer zu deutlich wurde, stürzte von der Kante ab. Wie Herbst in Peking, die sich ausgerechnet bei einem FDJKonzert in Brandenburg mit der blutig niedergeschlagenen Demokratiebewegung in China solidarisierten - und prompt verboten wurden.
"Der Osten hat einen doch in Metaphorik geschult", sagt Kohlschmidt heute und zieht das Knie ganz nah an den Körper. Genau wie er es vor mehr als 15 Jahren bei einer Interview- Einstellung in "Flüstern und Schreien" tat, diesem legendären ersten Defa-Dokumentarfilm mit Spielfilmbudget. Zuvor unvorstellbar, wurden darin einige dieser Bands samt ihrer Szene porträtiert. Im Herbst 1988 hatte der Film im Berliner Kino "Colosseum" Premiere. Etwa zu der Zeit, als Sandow "Born in the GDR" in ihr Konzertprogramm aufnahmen.
Es war das Konzert von Bruce Springsteen in Berlin-Weißensee im Sommer 1988, das Kohlschmidt zu diesem Song inspirierte. Als 160 000 DDRBürger "I was born in the USA" skandierten, Springsteens oft missverstandenen Anti-Vietnam-Kriegs-Choral donnernd zum Protest gegen den realsozialistischen Staat sublimierten. Wegen "Born in the GDR" erschien die erste Sandow-Platte "Stationen einer Sucht", die sie noch zu DDR-Zeiten aufnahmen, erst nach der Wende. "Wir können bis an unsere Grenzen gehen / Hast du schon einmal drüber hinweg gesehen / Ich habe 160 000 Menschen gesehen / Die sangen so schön /.../ BORN IN THE GDR." Klar, dass die Kulturverantwortlichen des Staates bei diesen Zeilen Unwohlsein befiel.
",Flüstern und Schreien' hat uns viele Türen geöffnet", sagt Kohlschmidt. Sänger Kohlschmidt, Schlagzeuger Tilman Berg, Bassist Tilman Fürstenau und Gitarrist Chris Hinze befanden sich auf dem Höhepunkt. Die Konzertsäle waren voll. Die Hörer der DT 64-Sendung "Parocktikum", in der die "anderen Bands" erstmals Airplay bekamen, wählten "Born in the GDR" 1989 zu einem der besten Songs des Jahres.
Nach der Wende ging es schnell auf Tour, nach Westdeutschland, ins Ausland. Aber die Spielregeln des kommerziellen Musikbusiness, die begriffen Sandow so schnell nicht. Oder wollten sie nicht begreifen. Campino, Sänger der Toten Hosen, hatte ihnen mal gesagt, man müsse das Spiel der Branche mitspielen. Sich mit der Jugendpostille "Bravo" arrangieren, zum Beispiel. In der Schublade bleiben. Kompromisse machen.
Sandow aber schmissen die "Bravo"-Leute aus dem Backstage-Bereich. Ersoffen sich bei Medienterminen einen soliden Rüpelstatus. Boykottierten Festivals. Machten mit jeder neuen Platte eine andere Schublade auf. Flirteten mit dem Stil der EinstürzendenNeubauten, adaptierten den schizophren Schriftsteller Artonin Artaud, führten orchestrale und experimentelle Klangwand-Epen auf. Strichen gar "Born in the GDR" aus dem Konzertprogramm, als der Song zunehmend als DDR-Nostalgie- Stück missverstanden wurde. "Wir haben uns immer gewandelt", sagt Kohlschmidt. "Das hielten wir für eine Prämisse der Arbeit." Heute würde er vielleicht strategischer vorgehen. "Denn wir gerieten ins kommerzielle Abseits."
"Wo kein Gegner, du selbst dein Gegner", heißt es in einemSandow- Song. Geschrieben drei Jahre vor einem Autounfall in Cottbus, bei dem Anfang der 90er Jahre Sandows Manager starb. Kohlschmidt hatte am Steuer gesessen. Seine Schuld am Tod des Freundes erklärt er auch auf seiner Homepage www.kaiuwekohlschmidt.de. "Das war mein einziger Weg, mich dem zu stellen", sagt Kohlschmidt leise. "Diese Tatsache ist so ungeheuerlich, dass ich nur so damit umgehen kann."
Während die Puhdys durch keine Rockerrentenreform zu stoppen scheinen, implodierte Sandow letztendlich an internen Konflikten. 1999 war Schluss. Kai-Uwe Kohlschmidt hatte sich schon seit Ende der 80er Jahre ein neues Standbein aufgebaut, aufbauen müssen. Hat für Fernsehen, Theater, Radio, Kino gearbeitet. Der Soundtrack des Films "Pigs will fly" (2002) von Regisseur Eoin Morore stammt von Chris Whitley, Warner Poland und ihm. In zwei Berliner Bands, Ozeancity und Russ & the Velvets, steht er seit drei Jahren auf der Bühne, schreibt die Songs mit, programmiert den Sound. Er nennt diese Projekte auch "eine Ego-Heilschule". Lernen, sich einzuordnen. Nicht die erste Gitarre spielen.
Mit 33 Jahren ist Kai-Uwe Kohlschmidt eigentlich zu jung für einen Neuanfang. Und vielleicht zu entspannt für ein Comeback. Längst ist er nach Berlin gezogen. Verheiratet. Zwei Kinder. Gasherbrum ist seine erste Band nach Sandow, in der er wieder singt. Wo er Frontman ist. Mal gucken, was geht.
Kohlschmidt hat eine Affinität zum Philosophen Friedrich Nietzsche, dessen "rücksichtsloser Drang nach Erkenntnis" ihn beeindruckt. Auch zumDramatiker Heiner Müller, zu den Gedichten von Charles Baudelaire. Und zu den die Psyche aufwühlenden Filmen von Andrej Tarkowski ("Stalker"). "Alles, was damit zusammenhängt, dass einer aufbricht, um etwas über sich selbst zu erfahren, das hat mich immer fasziniert." Vielleicht haben ihn daher die Bücher Reinhold Messners so tief berührt. Diese Berichte aus der Todeszone, in einer Höhe weit über 7000 Meter. Der Name seiner neuen Band Gasherbrum ist der eines Bergmassivs mit zwei Achttausendern im Himalaya. Sein Studio imKeller eines Mietshauses in Berlin heißt "Himalaya Lounge".
Denn in der Todeszone taumeln die Sinne. Als Messner 1978 als Erster den Mount Everest ohne Sauerstoffgerät erklomm, packte er ein Diktiergerät ein. An einer Stelle hört man, wie ermehrere Versuche braucht,umden richtigen Wochentag zusammenzubringen. Seine hervorgekeuchten Worte klingen, als habe er nicht mehr alle Tassen im Schrank. Die meisten Menschen würden meinen, wer dorthin geht, hat sie sowieso nicht mehr alle.
Wer in die Zone geht, sagt Kai-Uwe Kohlschmidt, sucht nach sich selbst. Nach seinem Innersten. Deswegen will er dorthin, im kommenden Jahr: zum Nanga Parbat, dem"nackten Berg". 8125 Meter hohe Tuchfühlung mit den Göttern. Kohlschmidt wird alsMitglied einer "Deutschen Kunstexpedition" die Druckwellenlaute der Lawinen aufnehmen, den schweren Atem der Menschen in der Zone und ihre Steiggeräusche. Hinterher wird er die Klangwelt des Berges durch den Sampler jagen und von einem Orchester innerhalb einer Komposition vertonen lassen. Er hat das Konzept an Messner geschickt. Eine Symphonie der Todeszone.
Ganz hochsteigen wird er freilich nicht. Denn Kai-Uwe Kohlschmidt ist nicht schwindelfrei. Er kann nur bis an seine eigene Grenze gehen.
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