Gerlind Vollmer

Zugvögel am Bodensee

VJ-Reportage, DW-TV, Oktober 2009

zurück

Reporterin: „Was ist das jetzt für ein Vogel?“
Prof. Berthold: „Das sind Zugvögel und zwar Rohrammern.“

Nicht immer geht es leicht. Ich staune über die Fingerfertigkeit des Professors. Prof. Berthold: „Und was man jetzt macht. Man hebt ihn möglichst am Bein heraus, von der richtigen Seite. Dann hat man schon mal das Beinchen frei. So, jetzt wird ein Beinchen frei gemacht. Dann muss man schön gucken, wo die Maschen über das nächste drüber gehen.“

Ein Rotkehlchen. Während Heidi Schmid es sicher verpackt, holt Peter Berthold einen Zilp-Zalp aus den Maschen.

Prof. Berthold: ((lacht)) „Gehört schon zu den wirklichen kleinen Winzlingen. Reporterin: „Ist das denn auch ein Zugvogel?“ Prof. Berthold: „Auch ein Zugvogel. Ziehen alle weg. Die hätten im Winter keine Chance. Sind Insektenfresser, sieht man an dem dünnen Schnäbelchen hier. Und der frisst praktisch nur Insekten und die gehen natürlich irgendwann dann jetzt zur Neige und dann muss er weg.“

--Atmo frei--

Die Bodensee-Gegend ist für die Zugvögel ein beliebter Rastplatz auf dem Weg in den Mittelmeerraum oder nach Afrika. Das haben Professor Berthold und seine Mitarbeiterin durch das Beringen der Zugvögel festgestellt.

Ich frage mich, ob sich die Vögel in den Stoffbeuteln wohl fühlen. Der Professor beruhigt mich.

--Atmo frei--

Dieser Zilp-Zalp macht die Prozedur zum zweiten Mal durch. Seine Ringnummer hat Peter Berthold schon vor einer Woche notiert.

Die Handgriffe sitzen. Heidi Schmid arbeitet schnell und sicher. Ringgröße B für diese zarten Beinchen. Anpassen, zudrücken, fertig. Der Professor bestimmt Geschlecht und Art der Vögel. Nur sieben Gramm bringt der Zilp-Zalp auf die Waage, trotzdem schafft er es bis in die Sahara.

Reporterin: „Was messen Sie jetzt?“
Heidi Schmid + Prof. Berthold: „Die Flügellänge, die Gesamtlänge vom Flügel.“
Heidi Schmid: „66“

Ich will wissen ob der Vogel schon bereit für den Zug ist. Heidi Schmid schaut nach. Schimmert es unter den Federn rosa, ist die Fettschicht schon dick genug.

Prof. Berthold: “So, was schätzen wir?17,2.”
Heidi Schmid: „Ja, höchstens.“
Heidi Schmid: „Oii, 18,2.“

Atmo frei: wegfliegen

Vor 30 Jahren hat Peter Berthold die Fangstation gegründet. Seitdem beringt er Zugvögel und dokumentiert so ihre Reisen. Was für eine Sisyphus-Arbeit denke ich.

Reporterin: „Wie oft sind Sie denn noch draußen, jetzt hier zum Beispiel zum Vögel beringen, was wir heute gemacht haben?“ Prof. Berthold: „Also hier auf der Station bin ich relativ selten. Ich hab’ aber mehrere eigene Stationen, wo ich verschiedene Programme durchführe.“

Zum Beispiel an diesem Weiher. Vor vier Jahren hat ihn Peter Berthold zusammen mit dem verstorbenen Tierfilmer Heinz Sielmann angelegt.

Prof. Berthold: „Jede Ente, die hier oben drüber fliegt, jeder Schwan sieht unten so ein blinkendes Weiher oder Teichauge leuchten. Kreist zwei Mal, kommt runter, findet einen wunderbaren Platz, wo er rasten kann.“

Viele Vögel sind schon weg, erklärt mir der Professor.

Prof. Berthold „Es ist eigentlich jetzt schon, kann man sagen, eh, ja, Frühwinter von der Jahreszeit her. Jetzt ist hier auch relativ wenig zu fressen, die Wasserpflanzen sterben jetzt größtenteils ab und im See ist natürlich im Augenblick großes Nahrungsangebot.“

Vertrocknetes Schilf und letzte Blüten – Auf die Nachzügler warten noch einige Leckerbissen.

Prof. Berthold: „Das sind die Faulbäume hier, mit diesen schwarzen Beeren, die man hier sieht und Schneeball, andere schwarze, Liguster, die es auf der Mettnau nicht gibt, da ist es draußen zu feucht, die mögen nicht ganz so gerne so feuchte Standplätze, hier vorne ist wieder der rote Schneeball.“

Prof. Berthold :„Da oben sehe ich gerade ist eine Goldammer aufgetaucht, wenn Sie mal draufschauen wollen.“
Reporterin: „Ja gern.“
Prof. Berthold : „Die sitzt in der Weide oben links drin.“

Prof. Berthold: „Das war wieder die Blaumeise.“
Reporterin: „ Wie war das noch mal?“
Prof. Berthold: „Zi, Zi, Dididididit. , Zi, Zi, Dididididit.”

--Atmo frei Vögel-Tschirpen—

Prof. Berthold: “Jetzt wieder.”

Überall hört und sieht Peter Berthold Vögel. Ich bekomme nur einen Bruchteil davon mit. Er werde mir noch mehr Vögel zeigen, verspricht mir der Professor und fährt mich zur Vogelwarte im Schloss Möggingen.

--Atmo frei: Türklacken

Nicht weit von hier hat er eine große Futterstation mit Beobachtungshütte eingerichtet. Hierher kommen Sie alle, verspricht er mir. Zugvögel und auch solche, die hier überwintern. Ruhig soll ich mich verhalten, Geduld haben, sagt Peter Berthold und sperrt mich ein.

Ich warte eine Dreiviertelstunde. Es passiert nichts.

Doch dann geht es los. Es ist als ob diese Blaumeise den Bann gebrochen hat. Plötzlich kommen sie alle: ein Sperling nach dem anderen, ein Grünling und wieder Sperlinge. Füttern sollte man das ganze Jahr über, sagt Professor Berthold, denn in der modernen aufgeräumten Welt finden die Vögel kaum mehr genügend Körner. Doch selbst hier gibt es Futterneid.

Ich bin beeindruckt von der Vogel-Vielfalt. Von meinem Berliner Balkon aus sehe ich meistens nur graue Stadt-Tauben und die sind bei weitem nicht so schön wie die Haus-Taube des Professors.

Atmo frei: Professor pfeift, Dohle antwortet

Der hat gerade kein Ohr für mich. Was er den Dohlen in der Voliere wohl sagt?

Zurück in seinem Büro zeigt er mir, wie er die Vögel von Hand aufgezogen hat und in Versuchen mit beweglichen Stangen herausbekam, wann der Zugtrieb einsetzt. 30 Jahre Forschung im Schnelldurchlauf. Mir schwirrt der Kopf.

In der Nähe sei eine Storchenstation, sagt er, da müsse ich unbedingt noch hin.

--Atmo frei: Professor Berthold: „Die gebe ich Ihnen mit.“

Also fahre ich los, diesmal ohne Professor. Er hat nicht zu viel versprochen. Auch die Störche tragen Ringe, bemerke ich sofort. Peter Berthold hat meinen Blick verändert.

Die Station ist eine Touristen-Attraktion, besonders am Mittag, wenn die Störche ihre Fleisch-Ration bekommen - frisch geschlüpfte Küken.

--Atmo frei: Störche fliegen

Nichts für zart besaitete Besucher.

Jochen Dambacher, Storchenstation Affenberg Salem „Storchenfütterung im Affenberg Salem. Was ich eben verfüttert habe, das sind männliche Eintagsküken, die in der Produktion großer Hühnerfabriken keine weitere Verwendung mehr finden und so an Futtermittelhändler weiter verkauft werden.“

-- Atmo frei: Klatschen

Tourist: „War schön, gell, auch da oben, wenn da mal 10, 12 Stück da oben stehen.“

Ich nehme mir noch ein wenig Zeit, beobachte Blesshühner und Wildgänse. Nach diesem Tag fühle ich mich, als ob ich ein halbes Biologie-Studium hinter mir hätte. Und daran ist allein einer schuld: Professor Peter Berthold.

Prof. Berthold: „So, Wolfgang, schönes Wochenende, gell"
Wolfgang: „Gleichfalls“
Prof. Berthold: „Ja, Tschüß“

zurück zum Textanfang