Ranger: „Das ist ein Lebensraum auf den zweiten Blick. Also vieles erschließt sich erst, wenn man genauer hinschaut, aber dann ist es wirklich faszinierend. Also von der Kieselalge, eine Million Kieselalgen auf einem Quadratzentimeter Wattboden. Also mehr Einwohner als Hamburg hat, auf einem Quadratzentimeter Wattboden, eine Million Kieselalgen. Das geht dann weiter über die Wattschnecken, hunderttausende auf einem Quadtratmeter, von den ernähren sich dann wiederum andere wie der Knutt zum Beispiel, der 690 in einer Viertelstunde frisst, von den Wattschnecken.“
Für die Vögel - ein Schlaraffenland. Mit denen kennt sich der Ornithologe aus. Sein Wissen gibt er weiter, an die Nationalpark-Praktikantin Barbara Schmitt. Zum Beispiel wie Möven die Herzmuschel aus dem Schlick freistampfen.
--Atmo frei: Schlickstampfen--
Reporterin: „Das hat ja was von Ostereiersuchen, oder?“
Ranger: „Ja, nur, dass man eigentlich bei so einem produktivem Lebensraum sicher sein kann, dass man auch was findet. Beim Ostereiersammeln war ich nie, fast nie so erfolgreich wie hier.“
Barbara leiht mir ihr Fernrohr. Ich sehe eine dunkle Silhouette.
Das könnte der Kadaver von einem Heuler, also einem verlassenen Seehund-Baby sein, erklärt der Ranger. Da muss er hin. Das muss er überprüfen.
--Atmo frei: Wattwandern—
Als wir ankommen – Entwarnung. Es ist nur ein Haufen Torf. Barbara untersucht den Erdblock.
Ich habe mich mittlerweile an das Gehen im feucht-schlabbrigen Untergrund gewöhnt. Rainer ist schon längst wieder weiter. Mit dem so genannten Grieb – einem Netz am Stock – durchpflügt er das Wasser. Und er macht reiche Beute. Im Netz verfangen: Strandkrabben. Das ist ein Männchen, erklärt Rainer der Praktikantin Barbara, denn an der Nationalparkstation auf der Hallig muss sie den Besuchern Rede und Antwort stehen.
Solange wir in der Nähe sind, verharrt das Männchen mit weit ausgespreizten Scheren in Verteidigungshaltung.
Ranger: “Jetzt gräbt er sich ein.”
Ich bin beeindruckt von der Tarnung. So hätte ich die Strandkrabbe niemals entdeckt. Allein die Vorstellung, zufällig auf so eine Krabbe zu treten, lässt mich erschaudern.
Atmo frei: Strandkrabbe gräbt sich ein.
Bald kommt das Wasser zurück. Mit der Flut steigt der Meeresspiegel um drei Meter. Rainer mahnt zur Rückkehr. Ich bin als erste an Land, freue mich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Sechs Stunden und 15 Minuten dauert es, bis das Wasser abfließt und genauso lange, bis es zurückkommt. Der ewige Wechsel zwischen Ebbe und Flut fasziniert die Touristen.
Charlotte Schräder, Touristin:„Dass man sich drauf freuen kann, wenn das Wasser kommt. Dass die Natur sich verändert und nicht immer gleich ist, wie an der Ostsee.“
Christian Salopek, Tourist:„Dat Wasser kommt und geht und dat man ein bisschen wat anderes sieht.“
Rainer erklärt den Gästen, was alles im Watt verborgen ist. Auch Einheimische kommen. Bürgermeister Johannes Volkwartsen und seine Frau sind gern hier.
(Dialog Ranger mit Bürgermeister + Familie)
Ranger: „Frau Volkwartsen.“
Bürgermeisterfrau: „Moin Herr Rehm.“
Ranger: „ Moin Herr Volkwartsen.“
Bürgermeisterfrau: „Ein Traumwedder. Moin Jochen.“
Jochen: „Grüß dich.“
Bürgermeisterfrau: „Grüß dich.“
Anders als Rainer hat der Bürgermeister nicht für die Anerkennung des Wattenmeers als Weltnaturerbe gekämpft. Er hatte Angst um die lokale Wirtschaft und die Bauern.
Bürgermeister Johannes Volkwartsen: „Wir haben nur Befürchtungen gehabt, dass der Titel Weltnaturerbe bewirken kann, dass die Bewirtschaftung in den anliegenden Kögen eingeschränkt wird. Und das…, diese Angst ist uns genommen worden und wir hoffen, dass es jetzt auch so eingehalten wird.“
Ranger: „Ich mein, solche Diskussionen sind ja auch durchaus gewünscht und so muss es ja auch sein. Es ist ja nicht von oben herab diktiert worden.“
Bürgermeister Johannes Volkwartsen: „Wenn wir es auch noch nicht gefeiert haben, aber wir werden es akzeptieren. So ist das nicht.
Ranger: Es ist eine Auszeichnung für uns alle.
Bürgermeister Johannes Volkwartsen: „Ja das ist ja ein Zeichen, dass…
Ranger: „für uns alle Nordfriesen…einzigartiger Lebensraum
Bürgermeister Johannes Volkwartsen: “…unsere Natur in Ordnung ist.“
Auf dem Dach entdecke ich einen schönen Vogel mit rotem Schnabel. Ich erfahre: Das ist ein Austernfischer. Der Vogel fliegt über die Salzwiesen der Hamburger Hallig zu seinem Nest. Hier gibt es keine Bäume, also legen die Vögel ihre Eier einfach in eine Bodenkuhle. Das ist doch gefährlich, denke ich. Und wirklich. Auf der Hallig gibt es seit kurzem einen Fuchs, der Jungvögel frisst, Nester zerstört. Barbara und Rainer kontrollieren deshalb jeden Tag, welche Gelege noch da sind. Nest Nummer drei ist komplett.
--Atmo frei Vögel-Tschirpen--
Reporterin: „Was machst du da jetzt?“
Ranger: „Also kurz vor dem Schlupf geben die Jungvögel schon einen Laut ab, im Ei. Die piepsen schon, wenn man so will. Also es gibt schon Lautäußerungen, dann weiß man dass sie in den nächsten ein, zwei Tagen schlüpfen werden.“
Reporterin: „Und was ist jetzt mit den Eiern?“
Ranger: „Die sind bebrütet, das merkt man an der Wärme, wenn man sie anfasst und die Eier geben noch keine Laute von sich, sind aber so weit in Ordnung. Die werden in den nächsten Tagen wohl zum Schlupf kommen.“
--Atmo frei Vögel-Tschirpen--
2.000 verschiedene Tierarten leben IM Wattenmeer. Rainer nimmt mich mit. Wir fahren zum nächsten Hafen. Mit der Adler V geht es auf Seetierfang. Die Fahrt ist beliebt, das Schiff: Ausgebucht.
--Atmo O-Ton Ranger: „Ich freue mich, Sie hier an Bord begrüßen zu dürfen und werde Sie dann über Flora und Fauna hier im Nationalpark, im WeltNATURerbe Wattenmeer informieren.“
Der Steuermann bereitet alles für den Seetierfang vor. Das Netz wird bis auf den Meeresboden versenkt und dann eine Weile mitgeschleift, erklärt er mir. Den Blick auf das Wasser genieße ich. Langsam verstehe ich, warum die UNESCO das Wattenmeer ausgezeichnet hat.
Ranger: „Man ist auch auf eine gewisse Weise stolz darauf, Weltnaturerbe zu sein, eben in einer Landschaft zu leben, die einzigartig ist, einmalig und auch, dass es Weltnaturerbe geworden ist, dazu beigetragen zu haben.“
Jetzt ist es soweit. Das Netz wird an Bord gezogen. Hier geht es nicht darum, Tiere zu fangen, sondern sie kennen zu lernen.
--Atmo O-Ton Steuermann frei: „So, nun, aber ein bisschen weg hier.“
Den meisten Touristen scheint der Fang nicht ganz geheuer. Rainer ist in seinem Element.
Atmo O-Ton Rainer frei: „Dwastepper, also Querläufer, weil sie eben nur quer laufen kann.“
Einige sind sicherheitshalber auf dem Oberdeck geblieben. Ich aber habe meine Scheu verloren. Das da, das ist doch eine Strandkrabbe.
Alle Augen Richtung Steuerbord, heißt es wenig später. Seehunde in Sicht. Auch ich will mir das nicht entgehen lassen. Einen Seehund in freier Wildbahn habe ich noch nie gesehen.
Nach dreieinhalb Stunden Fahrt sind die meisten an Bord erschöpft. Für Barbara und Rainer geht ein langer Tag zu Ende. Und ich muss sagen: Rainer hat es geschafft. Seine Faszination für das Watt hat mich berührt. Bestimmt werde ich wieder kommen.
Reporterin: „Tschüß, Vielen Dank.
Ranger: „Ja, Tschüß. Gerne. Tschüß“