Gerlind Vollmer

Der Industriekletterer

VJ-Reportage, DW-TV August 2008

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Steffen Burdack: “Was macht mir beim Putzen am meisten Spaß? Das kann ich so nicht sagen. Also als Industriekletterer oder Baumpflege machen wir ja auch. Am meisten Spaß macht mir eigentlich die Baumpflege. Also, Reinigung ist nicht so ganz mein Lieblingsmetier, aber ist halt eigentlich schon unser Hauptbeschäftigungsfeld, die Reinigung.”

Ich entdecke eine scharfe Wölbung. Gerade so halte ich das Gleichgewicht.

Ich bin beeindruckt, wie Steffen es schafft, in dieser Haltung noch zu arbeiten. Das bewundern auch die Bankangestellten.

Reporterin: „Gibt es denn auch mal einen Moment, wo du mal Angst hast?“
Steffen Burdack:“ Na eigentlich, also so Momente wie hier, also gut das geht jetzt wirklich noch. Aber so an der Dachkante, eigentlich immer, wenn man über eine Kante rüber geht, ist problematisch. Wenn man sich das erste Mal ins Seil reinhängt. Das erste Mal seine Knoten oder sein Abseilgerät belastet, ist immer wieder so: Na, hält’s auch? Aber ich glaube das ist auch eine gesunde Angst, die immer da sein sollte, dass man nicht unvorsichtig wird.”

Ein Menschenleben hängt an einer Öse. Gewöhnungsbedürftig.

Uns beobachtet Steffens Kompagnon Olaf Bürger. Er kontrolliert, ob die Platten richtig sauber werden.

Atmo-O-Ton Steffen Burdack: “Und o.k. die Platte, Olaf?”

Mit Abstand taxiert Olaf die Edelstahlfläche, gibt Anweisungen, wo nachpoliert werden muss.

Atmo-O-Ton Olaf Bürger: “Ja.”

Atmo-O-Ton Steffen Burdack: ”So sieht er jetzt aus.”

Gereinigt wird Bahn für Bahn. Olaf erklärt mir, wie die Kletterer sich an der Skulptur befestigt haben.

Atmo-O-Ton Olaf Bürger: “Unterm Dach eingestiegen ist halt die einfachste Variante da rein zu kommen und dann hier am Rand langspaziert.”

In die Dachkonstruktion haben Olaf und Steffen ihre Seile gehängt. Bis alles sauber ist, putzen sie mehrere Tage.

Olaf Bürger: “Zwei Stunden denke ich mal dauert eine Tour, eine Bahn, die wir her reinigen."

Es ist zwölf Uhr mittags. Touristen strömen in das Foyer, das Gebäude ist weltbekannt. Seit früh am Morgen haben die Kletterer gewischt und poliert. Jetzt ist es dafür zu heiß: Unter der Glaskuppel sind es 48 Grad. Für Steffen ist der Tag aber noch nicht zu Ende. Er hat noch einen Auftrag.

Im Auto erzählt er mir, dass er früher Leistungssportler war, Hammerwerfer. Mehr als 70 Meter hat er gschleudert. Die Kraft hilft ihm noch heute. Genauso wie seine Ausbildung zum Baufacharbeiter. Und natürlich: das Klettern.

Wir fahren zu dem Lager seiner Firma. Seile, Spanngurte und eine kleine Säge kommen in seinen Rucksack. Steffen muss rauf auf einen Baum. In einem Park hat der Wind hat einen Ast gebrochen.

Ich bin gespannt, wie er auf den angeschlagenen Ahorn kommt.

--Atmo frei: Katsche-

In Sekunden ist das Seil oben.

Wenig später hat er es fest vertäut und schon hängt auch Steffen wieder in der Luft.

--Atmo frei: Hochprusiken--

Draußen in der Natur selbstverantwortlich arbeiten. Das hat für Steffen einen Hauch von Freiheit.

Für mich dagegen ist es mühsam. Ich kämpfe mich hoch, gebe auf halber Höhe auf.

Steffen Burdack: “Ich mach jetzt eine Sicherung des Astes, da der angebrochen ist und hier nicht auf die Passanten fallen soll, ist das erst mal so eine vorübergehende Maßnahme.... (Ratschen), ist nichts dauerhaftes, aber erst mal, dass die Gefahr abgewendet ist.”

Klettern am Kunstwerk oder im Baum, was ist gefährlicher?

Steffen Burdack: Also Baum wird gefährlicher in dem Moment, wo man eine Kettensäge einsetzt. Dann wird’s gefährlicher.
Reporterin: “Warum?”
Steffen Burdack: “Naja, ne laufende Kettensäge, ich weiß jetzt nicht, wie viel Umdrehungen die hat, aber das ist einfach wie ein Messer, also, gut die Hose ist nicht kaputt, aber ich hab’ auch einige Schnittschutzhosen, wo ich mir schon reingesägt hab, in den Finger habe ich mir schon mal reingesägt. Und wenn man dann sieht, so ein dünnes Seil...also man hat dann ja diese Stahlkurzsicherung, da ist ein Stahlseil drin, insofern hat man schon eine gewisse Sicherheit, aber es ist schon immer ein kleiner Nervenkitzel mit bei.”

Und davon hat Steffen nach elf Stunden Kletterarbeit immer noch nicht genug.

Atmo-O-Ton Steffen Burdack am Telefon: “Ja, hey Mario, wie siehst aus?? Passt es Dir oder eher nicht? Ja? Nee, ich würde jetzt losmachen, also ne halbe Stunde ungefähr.”

Er verabredet sich mit seinem Freund Mario an einem künstlichen Kletterturm.

Atmo-O-Ton Mario: “Und den Rest kannst du drinne lassen.”

Die beiden wagen sich an schwierige, überhängende Aufstiege. Sie kennen die Routen an der Anlage aus Spritzbeton und analysieren jede Bewegung. Sie verstehen sich blind. Ich bin fasziniert, mit welcher Energie Steffen dabei ist. Mittlerweile ist es 19 Uhr. Morgen früh um 5 muss er in der Bank weiterputzen.

Atmo-O-Ton Mario: “Das sind die Blutspuren, vom Vorgänger.”

Bislang hat Mario gesichert, jetzt macht er sich kletterfertig. Dem Kunst-Felsen vertraue ich mehr als dem Baum. Ich bitte Mario für mich eine leichtere Tour auszusuchen, denn jetzt möchte ich doch noch einmal nach oben. Rauf zu Steffen, der sich in der Nachbar-Route weiter auspowert.

Steffen Burdack: “Ich bin zwar nicht der eleganteste Kletterer, aber es macht einfach Spaß sich zu bewegen an der Wand.”
Reporterin: “Und, ist das anstrengender?"
Steffen Burdack: “Ja auf jeden Fall. Also das kommt natürlich auf die Schwierigkeit des Weges an, aber der Weg ist schon, ja einfach mein Leistungslimit.”
Reporterin: “O.K. dann viel Spaß bei den letzten Metern.”
Steffen Burdack: “Ja, Danke.”

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