Die Idee stammt von dem Bluesmusiker Günther Holly Holwas.
Pfarrer Eppelmann erinnert sich.
O-Ton 3, Pfarrer Eppelmann "Das erste war, dass Holly
zu mir gekommen ist, klingelte eines Tages bei mir an der Tür
und sagte er würde mir gerne die Kirche voll machen und dann
hat er mir erzählt, er würde Bluesmusik machen und die würde
er bei mir machen und das Geld das dabei rein kommt könnte für
einen guten Zweck sein."
Sprecherin: Der damalige Kreisjugendpfarrer lässt
sich auf das Experiment ein und ist selbst erstaunt über das,
was er nun in seiner Kirche sieht. Nämlich,
O-Ton 4, Pfarrer Eppelmann "... dass da lauter Leute
ankamen und schon drinnen waren, die wie Holly aussahen. Also lange
Haare, Yak-Kutte, Niethosen und dann guckte hier eine Rotweinpulle
und da guckte eine raus und dann standen sie in der Kirche und
quatschten und haben auch zum Teil zumindest während des ganzen
Gottesdienstes dann da gestanden und miteinander gequatscht und wir
brauchten eine Weile um mitzubekommen, dass die das nicht getan
haben um uns zu provozieren, sondern weil sie noch nie in der Kirche
waren und also keine Vorstellung davon hatten, dass man sich
eventuell anders verhält als in einer Turnhalle."
Sprecherin: So eine Zusammenrottung von langhaarigen
Jugendlichen, die im offiziellen DDR-Jargon als "Asoziale"
bezeichnet wurden, ruft die Sicherheitsorgane auf den Plan. Den
Akteuren ist deutlich bewusst, dass die Stasi jedes Wort mithört
und mitschneidet.
Atmo-O-Ton 5, Bluesmesse 29. Februar 1980, Holly Holwas "Dass
so viel gekommen sind, darauf waren wir gar nicht vorbereitet. Ich möchte
ganz besonders die Leute begrüßen, die heute dienstlich
hier sind." (Klatschen!)
Atmo: Klatschen
Sprecherin: Die Texte haben es in sich. Zwar wird die
liturgische Form eines evangelischen Gottesdienstes eingehalten,
doch die Jugendlichen bewegt vor allem was in den Fürbitten
gesagt wird.
Atmo-O-Ton 6, Bluesmesse 29. Februar 1980 "Hilfe
Herr. Die, die zu Dir gehören, werden immer weniger und die
Gleichgültigen werden immer mehr. Eine Lüge fällt
ihnen schneller aus dem Mund, als eine Zeitung aus der Tasche. Sie
haben Köpfe mit zwei Gesichtern und machen sich gegenseitig ein
X für ein U vor. Sollte da nicht Gott dazwischenfahren, ihnen
ihre Lügenblätter um die Ohren schlagen, ihre Zeitungen,
die ewig Phrasen drucken von: Unser Kurs ist richtig'. Ach
wenn doch Gott ihre Radio-Sendungen stören würde."
Sprecherin: Einer der Höhepunkte ist ein Sketch.
Unkommentiert tragen Eppelmann und seine Mitstreiter in der Kirche
eine Collagen von Zeitungs-Überschriften aus Ost und West vor.
Atmo-O-Ton 7, Bluesmesse 29. Februar 1980, Überschriftencollage
- NATO-Raketenbeschluss gefährdet die Menschheit - Sowjetische
Mittelstreckenraketen bedrohen den Frieden - Afghanischen Freunden
wird alle Hilfe zu Teil - Sowjetunion beugt in Afghanistan militärisch
ein Ausweiten der islamischen Revolution im eigenen Land vor -
Jugendliche Rowdys störten das Geburtstagsfest der DDR auf dem
Alexanderplatz - Jugendliche Opposition protestiert am 7. Oktober in
Ost-Berlin
Sprecherin: Dann hält Eppelmann ein großen
Schild mit einem Fragezeichen hoch und lässt sich anschließend
umfallen - Stummer Protest gegen die hohlen Phrasen in den
Zeitungen. Atmo - (Johlen) Sprecherin: Die Macher der Bluesmessen
stoßen bald an Grenzen. Mit zunehmenden Erfolg steigt der
Druck und vor allem auch die Angst der Kirchenleitung. Man will
keine direkte Konfrontation mit dem Staat, man will die mühsam
erkämpften Freiräume nicht verlieren. Lorenz Postler
damals Diakon und Mitorganisator der Bluesmessen:
O-Ton 8, Lorenz Postler "Also da "Also da gab's
massive Versuche natürlich von Staat sowieso, die komplette
Veranstaltung zu verbieten, aber auch Diskussionen innerhalb der
Kircheleitung, hier moderater die Texte zu formulieren. Stellenweise
haben wir das auch machen müssen, also einfach ein paar
absolute Reizworte rauslassen, aber wir haben das immer so verpackt,
dass jeder bis in die letzte Reihe verstanden hat, was gemeint war."
- Musik Blues Lied -(liegt unter Sprecherin-Text und letztem
O-Ton)
Sprecherin: Bis 1986 gibt es die Bluesmessen. Doch am Ende
kommen nur noch wenige. Der Staat hat es geschafft, solchen Druck
auszuüben, dass die Texte entschärft werden und auch der
Blues gilt inzwischen als eine Musik von gestern. Radikal, hart und
neu - das sind jetzt die Punks. Dennoch, die Bluesmessen haben viele
Jugendliche politisiert, hier wurde das gesagt, was ihnen auf der
Seele brannte, hier schöpften sie Mut zum Protest. Für den
damals 16 Jahre alten Dirk Moldt waren die Bluesmessen der Anfang
vom Ende der DDR.
O-Ton 9, Dirk Moldt, Zeitzeuge "Es wurde eben so eine
Art Liturgie entwickelt durch die Freiheitsgedanken geäußert
werden konnten, die normalerweise nicht geäußert werden
durften. Also man konnte eben in diesem religiösen Rahmen sehr
deutlich auch politische Themen ansprechen und auch politisch aktiv
sein ohne gegen die Gesetze der DDR zu verstoßen und das ist
eben eine Art der politischen Meinungsäußerung gewesen,
die sich dann denke ich bis 1989 durchgetragen hat."
Musik- hoch-1 Min. stehen lassen, Rausgehen nach Belieben.
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