Gerlind Vollmer

Bluesmesse - die Anfänger der Friedensbewegung in der DDR

(Gesendet als ‚Zeitlupe" von swr2 am 8. November 2005)

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Die Idee stammt von dem Bluesmusiker Günther Holly Holwas. Pfarrer Eppelmann erinnert sich.

O-Ton 3, Pfarrer Eppelmann "Das erste war, dass Holly zu mir gekommen ist, klingelte eines Tages bei mir an der Tür und sagte er würde mir gerne die Kirche voll machen und dann hat er mir erzählt, er würde Bluesmusik machen und die würde er bei mir machen und das Geld das dabei rein kommt könnte für einen guten Zweck sein."

Sprecherin: Der damalige Kreisjugendpfarrer lässt sich auf das Experiment ein und ist selbst erstaunt über das, was er nun in seiner Kirche sieht. Nämlich,

O-Ton 4, Pfarrer Eppelmann "... dass da lauter Leute ankamen und schon drinnen waren, die wie Holly aussahen. Also lange Haare, Yak-Kutte, Niethosen und dann guckte hier eine Rotweinpulle und da guckte eine raus und dann standen sie in der Kirche und quatschten und haben auch zum Teil zumindest während des ganzen Gottesdienstes dann da gestanden und miteinander gequatscht und wir brauchten eine Weile um mitzubekommen, dass die das nicht getan haben um uns zu provozieren, sondern weil sie noch nie in der Kirche waren und also keine Vorstellung davon hatten, dass man sich eventuell anders verhält als in einer Turnhalle."

Sprecherin: So eine Zusammenrottung von langhaarigen Jugendlichen, die im offiziellen DDR-Jargon als "Asoziale" bezeichnet wurden, ruft die Sicherheitsorgane auf den Plan. Den Akteuren ist deutlich bewusst, dass die Stasi jedes Wort mithört und mitschneidet.

Atmo-O-Ton 5, Bluesmesse 29. Februar 1980, Holly Holwas "Dass so viel gekommen sind, darauf waren wir gar nicht vorbereitet. Ich möchte ganz besonders die Leute begrüßen, die heute dienstlich hier sind." (Klatschen!)

Atmo: Klatschen

Sprecherin: Die Texte haben es in sich. Zwar wird die liturgische Form eines evangelischen Gottesdienstes eingehalten, doch die Jugendlichen bewegt vor allem was in den Fürbitten gesagt wird.

Atmo-O-Ton 6, Bluesmesse 29. Februar 1980 "Hilfe Herr. Die, die zu Dir gehören, werden immer weniger und die Gleichgültigen werden immer mehr. Eine Lüge fällt ihnen schneller aus dem Mund, als eine Zeitung aus der Tasche. Sie haben Köpfe mit zwei Gesichtern und machen sich gegenseitig ein X für ein U vor. Sollte da nicht Gott dazwischenfahren, ihnen ihre Lügenblätter um die Ohren schlagen, ihre Zeitungen, die ewig Phrasen drucken von: ‚Unser Kurs ist richtig'. Ach wenn doch Gott ihre Radio-Sendungen stören würde."

Sprecherin: Einer der Höhepunkte ist ein Sketch. Unkommentiert tragen Eppelmann und seine Mitstreiter in der Kirche eine Collagen von Zeitungs-Überschriften aus Ost und West vor.

Atmo-O-Ton 7, Bluesmesse 29. Februar 1980, Überschriftencollage - NATO-Raketenbeschluss gefährdet die Menschheit - Sowjetische Mittelstreckenraketen bedrohen den Frieden - Afghanischen Freunden wird alle Hilfe zu Teil - Sowjetunion beugt in Afghanistan militärisch ein Ausweiten der islamischen Revolution im eigenen Land vor - Jugendliche Rowdys störten das Geburtstagsfest der DDR auf dem Alexanderplatz - Jugendliche Opposition protestiert am 7. Oktober in Ost-Berlin

Sprecherin: Dann hält Eppelmann ein großen Schild mit einem Fragezeichen hoch und lässt sich anschließend umfallen - Stummer Protest gegen die hohlen Phrasen in den Zeitungen. Atmo - (Johlen) Sprecherin: Die Macher der Bluesmessen stoßen bald an Grenzen. Mit zunehmenden Erfolg steigt der Druck und vor allem auch die Angst der Kirchenleitung. Man will keine direkte Konfrontation mit dem Staat, man will die mühsam erkämpften Freiräume nicht verlieren. Lorenz Postler damals Diakon und Mitorganisator der Bluesmessen:

O-Ton 8, Lorenz Postler "Also da "Also da gab's massive Versuche natürlich von Staat sowieso, die komplette Veranstaltung zu verbieten, aber auch Diskussionen innerhalb der Kircheleitung, hier moderater die Texte zu formulieren. Stellenweise haben wir das auch machen müssen, also einfach ein paar absolute Reizworte rauslassen, aber wir haben das immer so verpackt, dass jeder bis in die letzte Reihe verstanden hat, was gemeint war."

- Musik Blues Lied -(liegt unter Sprecherin-Text und letztem O-Ton)

Sprecherin: Bis 1986 gibt es die Bluesmessen. Doch am Ende kommen nur noch wenige. Der Staat hat es geschafft, solchen Druck auszuüben, dass die Texte entschärft werden und auch der Blues gilt inzwischen als eine Musik von gestern. Radikal, hart und neu - das sind jetzt die Punks. Dennoch, die Bluesmessen haben viele Jugendliche politisiert, hier wurde das gesagt, was ihnen auf der Seele brannte, hier schöpften sie Mut zum Protest. Für den damals 16 Jahre alten Dirk Moldt waren die Bluesmessen der Anfang vom Ende der DDR.

O-Ton 9, Dirk Moldt, Zeitzeuge "Es wurde eben so eine Art Liturgie entwickelt durch die Freiheitsgedanken geäußert werden konnten, die normalerweise nicht geäußert werden durften. Also man konnte eben in diesem religiösen Rahmen sehr deutlich auch politische Themen ansprechen und auch politisch aktiv sein ohne gegen die Gesetze der DDR zu verstoßen und das ist eben eine Art der politischen Meinungsäußerung gewesen, die sich dann denke ich bis 1989 durchgetragen hat."

Musik- hoch-1 Min. stehen lassen, Rausgehen nach Belieben.

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