Sprecherin: Der Stadtplaner von der Technischen Universität
Berlin leistete im Iran und in Deutschland Überzeugungsarbeit.
Schließlich gewann der Halbiraner den Deutschen Akademischen
Austauschdienst dazu, einen deutsch-iranischen Studiengang zu
finanzieren - etwas bis dahin einmaliges. Seine Herkunft ist seine
Motivation. Für Stadtplanung als Studienfach entschied er sich,
weil Planer im Iran gebraucht werden und seine Familie hat darauf
gepocht, dass er sich engagiert.
O-TON 1 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin
"Der iranische Teil meiner Familie, die haben mich in diese
Richtung bewegt, weil ich damals 1991 das erste Mal seit der
Revolution überhaupt im Iran war und die dann erfahren hatten,
dass ich hier Stadtplanung studiere, da haben die mir gesagt: Du
musst uns versprechen, wenn du fertig bist mit dem Studium, musst du
hier nach Iran kommen und musst dann hier arbeiten. Du musst immer
daran denken, dein Vater kommt aus dem Iran.'"
Atmo Meeressrauschen
Sprecherin: Die Familie von Asad Mahrad kommt aus Gilan. Einer
Provinz im Norden des Landes, direkt am Kaspischen Meer. Dort hat er
Onkel, Tanten und Cousins, die ihn immer über das aufklären
können, was gerade im Iran geht und wovon man besser die Finger
lässt. Bei einem seiner Besuche hörte er, dass die
Universität Gilan Anfang der 70er Jahre mit Hilfe der Uni
Karlsruhe gegründet worden war. Deshalb gab es dort noch
Professoren, die Deutsch konnten und gleich Begeisterung für
eine neue deutsch-iranische Kooperation.
O-TON 2, Professor Jahanshah Pakzad, Universität Gilan
"Für den Iraner gibt es keinen Unterschied zwischen
Karlsruhe, Berlin, Hamburg oder so was. Die sind alle Deutsche,
genau wie hier, dass bei uns, obwohl wir also aus etlichen Gruppen
bestehen wie z.B. Gilakis, Kurden und Türken usw., dass wir uns
alle als Iraner fühlen. Deswegen aufgebaut auf diese Tradition,
dass die Deutschen hier an dieser Universität waren, haben die
beiden Seiten beschlossen miteinander zusammenzuarbeiten. Das war
der eigentliche Grund und der Katalysator bei der Sache war ja Asad
Mahrad."
Sprecherin Asad Mahrad hat seine Familie nicht enttäuscht.
Im vergangenen Oktober wurde der neue Studiengang offiziell eröffnet
- der bisherige Höhepunkt seiner Aktivitäten. Atmo
gesungene Koransure Sprecherin Es war ein feierlicher Moment. In nur
wenigen Monaten hatten die iranischen Partner eine 150 Jahre alten Bürgervilla
für den Studienbetrieb umgebaut, Computer besorgt, Möbel
und Bücher gekauft. Die Eröffnung war ein Ereignis.
Atmo iranische Nationalhymme, erklingt aus scheppernden
Lautsprechern
Sprecherin: Alle waren gekommen: Der Bürgermeister,
der Rektor der Universität, eine Delegation der TU Berlin und
natürlich die neuen iranischen Studentinnen und Studenten. Vor
allem für sie war die Feier eine Überraschung.
O-TON 3, männlicher Student, Chermon Chodabash I just
begun, all of the things are really new for us. We didn't have
really have any background about this subject, about this
cooperation and all of this program. It's kind of surprise. We
didn't have any background for our future and this celebration and
ceremony. "Wir hatten ja keine Ahnung, wir haben gerade erst
mit dem Studium begonnen. Das ist alles so neu für uns. Wir
wussten nichts von dieser Feier, dem Programm und der Kooperation."
Atmo Hymme aus scheppernden Lautsprechern einige Sekunden frei
O-TON 4, Professor Rudolf Schäfer, Dekan TU Berlin "Seit
gut 4 Jahren läuft jetzt die Kooperation zwischen der TU Berlin
und der Universität Gilan. Seit 2 Jahren habe ich das Vergnügen
mit dabei zu sein und deswegen ist es mir eine große Freude
und Ehre heute hier zu stehen und diesen Tag zu feiern."
Atmo Klatschen
Sprecherin: Bis dahin war es ein weiter Weg:
O-TON 5 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin
"Universitäten haben immer einen Touch von Revolution hier
in diesem Land und deswegen ist es eigentlich eine hochsensible
Geschichte mit Universitäten zu arbeiten, vom Ausland her. Es
gibt immer ne Gefahr, es wird immer gesehen, es könnte aus so
einem Kontakt irgendetwas anti-staatliches werden und deswegen ist
es ein sehr sehr hohes Risiko gewesen, hier überhaupt zu
arbeiten."
Sprecherin: Um den Gegnern den Wind aus den Segeln zu
nehmen, hat Asad Mahrad eine eigene Strategie entwickelt:
O-TON 6 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin
"Wir versuchen, wenn wir dort rüberfahren uns sehr sehr
hart an die Gesetze zu halten, sprich, Frauen sind extrem
verschleiert, also mehr als vielleicht erwartet wird. Also wir
schicken die nicht mit einer Burka da hin, aber sie sind schon
ziemlich streng gekleidet. Und bei den Männern mach ich das
genauso, also bei den männlichen Studenten, das die nicht mit
T-Shirt da hin fahren dürfen."
Sprecherin: Damit haben sich die Berliner bei ihren
iranischen Partnern Respekt verschafft. Kleine Tricks, um Vertrauen
zu gewinnen.
O-TON 7 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin
"Ich sehe unser Projekt als Türöffner für beide
Systeme. Also im ganz kleinen Rahmen natürlich. Dass man erst
mal zukünftige Key-Player jeweils aus den beiden Ländern
zusammenbringt, das man überhaupt erfährt, was in dem
anderen Land los ist. Gerade die iranischen Studenten, die hier nach
Berlin gekommen sind und dann am Schluss gesagt haben: 'Oh, das hätte
ich mir ja nie gedacht, dass es hier gar nicht so imperialistisch
ist, wie wir uns das vorher vorgestellt haben.' Das ist genau das
Gleiche auch für die deutschen Studenten, die sehen auch, dort
laufen keine blutrünstigen Islamisten rum, die mit Sprengstoffgürteln
üben, sondern das ist auch ein ganz normales friedfertiges Land
ist und das die Leute genau die gleichen oder ähnlich geartete
Probleme haben, des alltäglichen Lebens."
Sprecherin: Allerdings mit einigen Unterschieden. Der Iran
boomt und die dortige Stimmung hat wenig mit den derzeitigen
Problemen Deutschlands zu tun.
O-TON 8 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin
"Der Iran ist im Umbuch begriffen und hat ein enormes Bevölkerungswachstum,
also da gibt es viel zu machen, der gesamte Iran muss völlig
modernisiert werden. Städte die vorher 50.000 Einwohner hatten,
Anfang der 70er Jahre oder Mitte der 70er Jahre, haben jetzt plötzlich
300.000 Einwohner und da müssen Ideen entwickelt werden."
Sprecherin: Ideen, die in gemeinsamen Workshops entstehen
sollen. Die iranischen Professoren haben einige Problemgebiete in
der Nähe von Rasht ausgesucht.
O-TON 9 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin
"Es gibt 3, 4 Vorschläge: Ein ökologisch
orientierter, also das ist in der Nähe von einem
Naturschutzgebiet, ein zweiter ist ein Dorf, das direkt mit einem
kleinen Fischerhafen versehen ist. Da sollen neue Wohngebiete
entstehen und wir sollen zusammen mit den Iranern einen städtebaulichen
Entwurf machen."
Sprecherin: Die besondere Schwierigkeit dabei: An den
Projekten werden von deutscher Seite Studierende teilnehmen, die
bereits kurz vor ihrem Abschluss stehen, während die Iraner Anfänger
sind.
O-TON 10, weibliche Studentin, Mercedeh Madani We have
some little information about it. But after Dr. Paksad and also our
other teachers gave us some information about the university, they
say that they have, that they are going to have a sight between Iran
and German and there gonna be some student transfer between 2
universities. And he told us, that the background of german in this
major is so big. And we can get so many information and also some
help from them. Because it's new here, so new. "Wir wissen noch
so wenig. Aber Dr. Paksad und die anderen Professoren haben uns viel
über die TU Berlin und den Austausch zwischen Iran und
Deutschland erzählt. Deutschland hat im Bereich der
Stadtplanung so viele Erfahrungen, da können wir profitieren,
denn für uns hier ist das alles noch Neuland."
Sprecherin: Die Kooperation ist dennoch keine Einbahnstraße.
Beide Seiten lernen voneinander. Im Iran haben die meisten Universitäten
eigene kleine Firmen und übernehmen Aufträge von
Verwaltung und Wirtschaft.
O-TON 11, Professor Jahanshah Pakzad, Universität Gilan
"Die sind sehr scharf darauf unsere Erfahrungen in dieser
Beziehung zu erfahren und wir berichten die auch ganz detailliert,
was wir machen und wie wir das machen und das muss jetzt verdeutscht
werden für die deutsche Verhältnisse und etliche andere so
Kleinigkeiten."
Sprecherin: Auf Asad Mahrad und seine iranischen Partner
wartet noch jede Menge Arbeit. Die gemeinsamen Studienprojekte müssen
im Detail geplant, Formalitäten erledigt werden, damit die
ersten Gilaner Studenten auch wirklich in vier Jahren eine
deutsch-iranischen Doppelabschluss bekommen. .
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