Gerlind Vollmer

Stadtplanung im Iran - eine ungewöhnliche Kooperation.

(WDR 5 in "Neugier genügt", Januar 2005. )

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Sprecherin: Der Stadtplaner von der Technischen Universität Berlin leistete im Iran und in Deutschland Überzeugungsarbeit. Schließlich gewann der Halbiraner den Deutschen Akademischen Austauschdienst dazu, einen deutsch-iranischen Studiengang zu finanzieren - etwas bis dahin einmaliges. Seine Herkunft ist seine Motivation. Für Stadtplanung als Studienfach entschied er sich, weil Planer im Iran gebraucht werden und seine Familie hat darauf gepocht, dass er sich engagiert.

O-TON 1 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin "Der iranische Teil meiner Familie, die haben mich in diese Richtung bewegt, weil ich damals 1991 das erste Mal seit der Revolution überhaupt im Iran war und die dann erfahren hatten, dass ich hier Stadtplanung studiere, da haben die mir gesagt: ‚Du musst uns versprechen, wenn du fertig bist mit dem Studium, musst du hier nach Iran kommen und musst dann hier arbeiten. Du musst immer daran denken, dein Vater kommt aus dem Iran.'"

Atmo Meeressrauschen

Sprecherin: Die Familie von Asad Mahrad kommt aus Gilan. Einer Provinz im Norden des Landes, direkt am Kaspischen Meer. Dort hat er Onkel, Tanten und Cousins, die ihn immer über das aufklären können, was gerade im Iran geht und wovon man besser die Finger lässt. Bei einem seiner Besuche hörte er, dass die Universität Gilan Anfang der 70er Jahre mit Hilfe der Uni Karlsruhe gegründet worden war. Deshalb gab es dort noch Professoren, die Deutsch konnten und gleich Begeisterung für eine neue deutsch-iranische Kooperation.

O-TON 2, Professor Jahanshah Pakzad, Universität Gilan "Für den Iraner gibt es keinen Unterschied zwischen Karlsruhe, Berlin, Hamburg oder so was. Die sind alle Deutsche, genau wie hier, dass bei uns, obwohl wir also aus etlichen Gruppen bestehen wie z.B. Gilakis, Kurden und Türken usw., dass wir uns alle als Iraner fühlen. Deswegen aufgebaut auf diese Tradition, dass die Deutschen hier an dieser Universität waren, haben die beiden Seiten beschlossen miteinander zusammenzuarbeiten. Das war der eigentliche Grund und der Katalysator bei der Sache war ja Asad Mahrad."

Sprecherin Asad Mahrad hat seine Familie nicht enttäuscht. Im vergangenen Oktober wurde der neue Studiengang offiziell eröffnet - der bisherige Höhepunkt seiner Aktivitäten. Atmo gesungene Koransure Sprecherin Es war ein feierlicher Moment. In nur wenigen Monaten hatten die iranischen Partner eine 150 Jahre alten Bürgervilla für den Studienbetrieb umgebaut, Computer besorgt, Möbel und Bücher gekauft. Die Eröffnung war ein Ereignis.

Atmo iranische Nationalhymme, erklingt aus scheppernden Lautsprechern

Sprecherin: Alle waren gekommen: Der Bürgermeister, der Rektor der Universität, eine Delegation der TU Berlin und natürlich die neuen iranischen Studentinnen und Studenten. Vor allem für sie war die Feier eine Überraschung.

O-TON 3, männlicher Student, Chermon Chodabash I just begun, all of the things are really new for us. We didn't have really have any background about this subject, about this cooperation and all of this program. It's kind of surprise. We didn't have any background for our future and this celebration and ceremony. "Wir hatten ja keine Ahnung, wir haben gerade erst mit dem Studium begonnen. Das ist alles so neu für uns. Wir wussten nichts von dieser Feier, dem Programm und der Kooperation."

Atmo Hymme aus scheppernden Lautsprechern einige Sekunden frei

O-TON 4, Professor Rudolf Schäfer, Dekan TU Berlin "Seit gut 4 Jahren läuft jetzt die Kooperation zwischen der TU Berlin und der Universität Gilan. Seit 2 Jahren habe ich das Vergnügen mit dabei zu sein und deswegen ist es mir eine große Freude und Ehre heute hier zu stehen und diesen Tag zu feiern."

Atmo Klatschen

Sprecherin: Bis dahin war es ein weiter Weg:

O-TON 5 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin "Universitäten haben immer einen Touch von Revolution hier in diesem Land und deswegen ist es eigentlich eine hochsensible Geschichte mit Universitäten zu arbeiten, vom Ausland her. Es gibt immer ne Gefahr, es wird immer gesehen, es könnte aus so einem Kontakt irgendetwas anti-staatliches werden und deswegen ist es ein sehr sehr hohes Risiko gewesen, hier überhaupt zu arbeiten."

Sprecherin: Um den Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat Asad Mahrad eine eigene Strategie entwickelt:

O-TON 6 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin "Wir versuchen, wenn wir dort rüberfahren uns sehr sehr hart an die Gesetze zu halten, sprich, Frauen sind extrem verschleiert, also mehr als vielleicht erwartet wird. Also wir schicken die nicht mit einer Burka da hin, aber sie sind schon ziemlich streng gekleidet. Und bei den Männern mach ich das genauso, also bei den männlichen Studenten, das die nicht mit T-Shirt da hin fahren dürfen."

Sprecherin: Damit haben sich die Berliner bei ihren iranischen Partnern Respekt verschafft. Kleine Tricks, um Vertrauen zu gewinnen.

O-TON 7 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin "Ich sehe unser Projekt als Türöffner für beide Systeme. Also im ganz kleinen Rahmen natürlich. Dass man erst mal zukünftige Key-Player jeweils aus den beiden Ländern zusammenbringt, das man überhaupt erfährt, was in dem anderen Land los ist. Gerade die iranischen Studenten, die hier nach Berlin gekommen sind und dann am Schluss gesagt haben: 'Oh, das hätte ich mir ja nie gedacht, dass es hier gar nicht so imperialistisch ist, wie wir uns das vorher vorgestellt haben.' Das ist genau das Gleiche auch für die deutschen Studenten, die sehen auch, dort laufen keine blutrünstigen Islamisten rum, die mit Sprengstoffgürteln üben, sondern das ist auch ein ganz normales friedfertiges Land ist und das die Leute genau die gleichen oder ähnlich geartete Probleme haben, des alltäglichen Lebens."

Sprecherin: Allerdings mit einigen Unterschieden. Der Iran boomt und die dortige Stimmung hat wenig mit den derzeitigen Problemen Deutschlands zu tun.

O-TON 8 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin "Der Iran ist im Umbuch begriffen und hat ein enormes Bevölkerungswachstum, also da gibt es viel zu machen, der gesamte Iran muss völlig modernisiert werden. Städte die vorher 50.000 Einwohner hatten, Anfang der 70er Jahre oder Mitte der 70er Jahre, haben jetzt plötzlich 300.000 Einwohner und da müssen Ideen entwickelt werden."

Sprecherin: Ideen, die in gemeinsamen Workshops entstehen sollen. Die iranischen Professoren haben einige Problemgebiete in der Nähe von Rasht ausgesucht.

O-TON 9 Asad Mahrad, wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Berlin "Es gibt 3, 4 Vorschläge: Ein ökologisch orientierter, also das ist in der Nähe von einem Naturschutzgebiet, ein zweiter ist ein Dorf, das direkt mit einem kleinen Fischerhafen versehen ist. Da sollen neue Wohngebiete entstehen und wir sollen zusammen mit den Iranern einen städtebaulichen Entwurf machen."

Sprecherin: Die besondere Schwierigkeit dabei: An den Projekten werden von deutscher Seite Studierende teilnehmen, die bereits kurz vor ihrem Abschluss stehen, während die Iraner Anfänger sind.

O-TON 10, weibliche Studentin, Mercedeh Madani We have some little information about it. But after Dr. Paksad and also our other teachers gave us some information about the university, they say that they have, that they are going to have a sight between Iran and German and there gonna be some student transfer between 2 universities. And he told us, that the background of german in this major is so big. And we can get so many information and also some help from them. Because it's new here, so new. "Wir wissen noch so wenig. Aber Dr. Paksad und die anderen Professoren haben uns viel über die TU Berlin und den Austausch zwischen Iran und Deutschland erzählt. Deutschland hat im Bereich der Stadtplanung so viele Erfahrungen, da können wir profitieren, denn für uns hier ist das alles noch Neuland."

Sprecherin: Die Kooperation ist dennoch keine Einbahnstraße. Beide Seiten lernen voneinander. Im Iran haben die meisten Universitäten eigene kleine Firmen und übernehmen Aufträge von Verwaltung und Wirtschaft.

O-TON 11, Professor Jahanshah Pakzad, Universität Gilan "Die sind sehr scharf darauf unsere Erfahrungen in dieser Beziehung zu erfahren und wir berichten die auch ganz detailliert, was wir machen und wie wir das machen und das muss jetzt verdeutscht werden für die deutsche Verhältnisse und etliche andere so Kleinigkeiten."

Sprecherin: Auf Asad Mahrad und seine iranischen Partner wartet noch jede Menge Arbeit. Die gemeinsamen Studienprojekte müssen im Detail geplant, Formalitäten erledigt werden, damit die ersten Gilaner Studenten auch wirklich in vier Jahren eine deutsch-iranischen Doppelabschluss bekommen. .

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