Gerlind Vollmer

Der lange Weg zurück ins Leben. Menschen am Rand der Gesellschaft - ein Beispiel aus Halle.

(Erschienen in: "Der Zivildienst", Heft 2/2004. )

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"Guckense mal, die machen vorfristige Planerfüllung", sagt Horst Langner, schiebt seinen Rollstuhl an den Couchtisch und reicht einen Brief herüber. Petra Neukirch - die Sozialarbeiterin - liest das Schreiben aufmerksam und atmet auf. Horst Langners Mietvertrag wird noch vor Ablauf wird verlängert, er kann noch mindestens ein halbes Jahr in der Übergangswohnung bleiben. Vielleicht kann er die Wohnung auch ganz behalten. Sie nimmt einen der dicken Aktenordner und heftet das Schreiben ab. Die Wohnung ist behindertengerecht "nach DDR-Standart". Das heißt, sie liegt im Erdgeschoss. Die Tür zur Küche wurde entfernt, so dass ein Rollstuhl durchpasst. Um auf seine Terrasse zu gelangen, muss Horst Langner einen kleinen steilen Hügel hinauffahren, der sich von der Mitte des Wohnzimmers aus in Richtung Terrassentür erhebt.

Seit ein paar Monaten betreut Petra Neukirch den 50jährigen. Hilft ihm in Behördendingen, klärt Rentenansprüche und versucht seine Schulden zu regeln. Eigentlich ist Horst Langner Turbinenmaschinist, doch in seinem Beruf wird er wohl nie mehr zurückkehren. 23 Jahre und sechs Monate lang hat er im Wärmekraftwerk Halle gearbeitet, hat die Dampfturbinen angefahren, kontrolliert und gewartet. Doch 1994 machte das Kraftwerk zu und seitdem ging es für ihn bergab. Langner fand keine neue Arbeit, seine Freundin trennte sich von ihm, die Schulden wurden immer mehr und dann war da wohl noch der Alkohol. Darüber spricht er nicht gern. Irgendwann kam die Räumungsklage, die Miete hatte er schon seit Monaten nicht mehr gezahlt. Er hätte vielleicht noch einige Wochen in der Wohnung bleiben können, aber Horst Langner ist ein Dickkopf. "Wenn die mich da nicht mehr wollen, dann gehe ich eben", mag er sich gedacht haben. Es ist Dezember 2001 und bitterkalt. Horst Langner lebt auf der Straße. Irgendwann im Januar wird er betrunken in einem Park aufgefunden, er liegt im Gebüsch, die Beine sind abgefroren, müssen unterhalb der Knie amputiert werden. Zwei Monate Krankenhaus, dann kommt er ins Obdachlosenheim. "Da wollte ich so schnell wie möglich wieder raus", sagt er. Unterbringung im Dreibettzimmer, eine Dusche für alle auf dem Flur.

Das Sozialamt verweist ihn an die "Wosohi", die Wohnsozialisierungshilfe der Stadt Halle. Horst Langners Leben wird wieder auf eine Bahn gesetzt. Die Sozialarbeiter beantragen Erwerbsunfähigkeitsrente und Wohngeld für ihn, besorgen ihm die Übergangswohnung. Einmal in der Woche kommt einen Haushaltshilfe, kauft für ihn ein und putzt. Alles in Ordnung?

"Ich guck den ganzen Tag Fernsehen, was soll ich sonst weiter machen", sagt Horst Langner. Er greift nach einer neuen Zigarette, kratzt den Beinstumpf in der grauen schlabbrigen Jogginghose. Als er sich die Zigarette ansteckt, ist für einen kurzen Moment das zu sehen, was von seinen Zähnen noch übrig ist, braune, zerschundene Stümpfe.

"Ich weiß, dass er eigentlich mal zum Zahnarzt müsste", sagt Sozialarbeiterin Neukirch. Doch es gibt dringlicheres. Die Prothesen passen nicht richtig, es war das billigste Modell. "Damit kann ich nur Kurzstrecke gehen", sagt Horst Langner mit dem ihm eigenen Galgenhumor. Ein elektrischer Rollstuhl ist beantragt, doch die Krankenkasse stellt sich quer. Seit Monaten kämpft er mit der Hausverwaltung, die Eingangsschwelle ist zu hoch, ohne Hilfe kann er sie kaum überwinden. Vor allem im Winter, bei Glatteis und Schnee wird es schwierig. Auch in den Bus kommt er nicht rein. Der Abstand zwischen Bordsteinkante und Bustür ist einfach zu groß. Auf andere angewiesen zu sein, das will er nicht, dazu fallen ihm nur zynische Bemerkungen ein: "Die Leute helfen beim Zugucken, wenn man auf die Straße gefallen ist."

Doch Horst Langner will sich nicht unterkriegen lassen. Einmal hat er die sieben Kilometer bis ins Zentrum der Stadt mit seinem Rollstuhl zurückgelegt: "Da haben mir aber dann die Schulterblätter weh getan, das war nicht normal."

Einsamkeit, Isolierung, ein Leben als Kampf mit der Bürokratie. "Wenn die eine Gebrauchsanweisung dazuschicken würden, gerade wenn es Paragraphen sind", beklagt er sich über die unverständlichen Schreiben der Ämter, "dann ging es vielleicht." Bislang hilft ihm Petra Neukirch, das Behördenkauderwelsch zu übersetzen, doch in ein paar Monaten endet die Betreuung durch die "Wosohi". Horst Langners Wiedereingliederung in die Gesellschaft gilt dann als geglückt. Von ihm wird in Zukunft erwartet, dass er so wie jeder andere auch normale Beratungsstellen aufsucht, wenn er Hilfe braucht. Die im sozialarbeiterdeutsch "aufsuchende Hilfe" genannte Unterstützung ist dann zu Ende.

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