"Guckense mal, die machen vorfristige Planerfüllung",
sagt Horst Langner, schiebt seinen Rollstuhl an den Couchtisch und
reicht einen Brief herüber. Petra Neukirch - die
Sozialarbeiterin - liest das Schreiben aufmerksam und atmet auf.
Horst Langners Mietvertrag wird noch vor Ablauf wird verlängert,
er kann noch mindestens ein halbes Jahr in der Übergangswohnung
bleiben. Vielleicht kann er die Wohnung auch ganz behalten. Sie
nimmt einen der dicken Aktenordner und heftet das Schreiben ab. Die
Wohnung ist behindertengerecht "nach DDR-Standart". Das
heißt, sie liegt im Erdgeschoss. Die Tür zur Küche
wurde entfernt, so dass ein Rollstuhl durchpasst. Um auf seine
Terrasse zu gelangen, muss Horst Langner einen kleinen steilen Hügel
hinauffahren, der sich von der Mitte des Wohnzimmers aus in Richtung
Terrassentür erhebt.
Seit ein paar Monaten betreut Petra Neukirch den 50jährigen.
Hilft ihm in Behördendingen, klärt Rentenansprüche
und versucht seine Schulden zu regeln. Eigentlich ist Horst Langner
Turbinenmaschinist, doch in seinem Beruf wird er wohl nie mehr zurückkehren.
23 Jahre und sechs Monate lang hat er im Wärmekraftwerk Halle
gearbeitet, hat die Dampfturbinen angefahren, kontrolliert und
gewartet. Doch 1994 machte das Kraftwerk zu und seitdem ging es für
ihn bergab. Langner fand keine neue Arbeit, seine Freundin trennte
sich von ihm, die Schulden wurden immer mehr und dann war da wohl
noch der Alkohol. Darüber spricht er nicht gern. Irgendwann kam
die Räumungsklage, die Miete hatte er schon seit Monaten nicht
mehr gezahlt. Er hätte vielleicht noch einige Wochen in der
Wohnung bleiben können, aber Horst Langner ist ein Dickkopf. "Wenn
die mich da nicht mehr wollen, dann gehe ich eben", mag er sich
gedacht haben. Es ist Dezember 2001 und bitterkalt. Horst Langner
lebt auf der Straße. Irgendwann im Januar wird er betrunken in
einem Park aufgefunden, er liegt im Gebüsch, die Beine sind
abgefroren, müssen unterhalb der Knie amputiert werden. Zwei
Monate Krankenhaus, dann kommt er ins Obdachlosenheim. "Da
wollte ich so schnell wie möglich wieder raus", sagt er.
Unterbringung im Dreibettzimmer, eine Dusche für alle auf dem
Flur.
Das Sozialamt verweist ihn an die "Wosohi", die
Wohnsozialisierungshilfe der Stadt Halle. Horst Langners Leben wird
wieder auf eine Bahn gesetzt. Die Sozialarbeiter beantragen
Erwerbsunfähigkeitsrente und Wohngeld für ihn, besorgen
ihm die Übergangswohnung. Einmal in der Woche kommt einen
Haushaltshilfe, kauft für ihn ein und putzt. Alles in Ordnung?
"Ich guck den ganzen Tag Fernsehen, was soll ich sonst weiter
machen", sagt Horst Langner. Er greift nach einer neuen
Zigarette, kratzt den Beinstumpf in der grauen schlabbrigen
Jogginghose. Als er sich die Zigarette ansteckt, ist für einen
kurzen Moment das zu sehen, was von seinen Zähnen noch übrig
ist, braune, zerschundene Stümpfe.
"Ich weiß, dass er eigentlich mal zum Zahnarzt müsste",
sagt Sozialarbeiterin Neukirch. Doch es gibt dringlicheres. Die
Prothesen passen nicht richtig, es war das billigste Modell. "Damit
kann ich nur Kurzstrecke gehen", sagt Horst Langner mit dem ihm
eigenen Galgenhumor. Ein elektrischer Rollstuhl ist beantragt, doch
die Krankenkasse stellt sich quer. Seit Monaten kämpft er mit
der Hausverwaltung, die Eingangsschwelle ist zu hoch, ohne Hilfe
kann er sie kaum überwinden. Vor allem im Winter, bei Glatteis
und Schnee wird es schwierig. Auch in den Bus kommt er nicht rein.
Der Abstand zwischen Bordsteinkante und Bustür ist einfach zu
groß. Auf andere angewiesen zu sein, das will er nicht, dazu
fallen ihm nur zynische Bemerkungen ein: "Die Leute helfen beim
Zugucken, wenn man auf die Straße gefallen ist."
Doch Horst Langner will sich nicht unterkriegen lassen. Einmal hat
er die sieben Kilometer bis ins Zentrum der Stadt mit seinem
Rollstuhl zurückgelegt: "Da haben mir aber dann die
Schulterblätter weh getan, das war nicht normal."
Einsamkeit, Isolierung, ein Leben als Kampf mit der Bürokratie.
"Wenn die eine Gebrauchsanweisung dazuschicken würden,
gerade wenn es Paragraphen sind", beklagt er sich über die
unverständlichen Schreiben der Ämter, "dann ging es
vielleicht." Bislang hilft ihm Petra Neukirch, das Behördenkauderwelsch
zu übersetzen, doch in ein paar Monaten endet die Betreuung
durch die "Wosohi". Horst Langners Wiedereingliederung in
die Gesellschaft gilt dann als geglückt. Von ihm wird in
Zukunft erwartet, dass er so wie jeder andere auch normale
Beratungsstellen aufsucht, wenn er Hilfe braucht. Die im
sozialarbeiterdeutsch "aufsuchende Hilfe" genannte Unterstützung
ist dann zu Ende.