Katja Hanke

"Unsere einzige Hoffnung sind die Mönche"

BIRMA - Mit brutaler Gewalt dämmt die Junta die Proteste gegen ihre Herrschaft ein. Diplomaten berichten von Dutzenden Todesopfern in Rangun. Internet- und Telefonverbindungen sind gekappt.

Berliner Zeitung 29. September 2007

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HPA AN/BERLIN. Als in den vergangenen Tagen in Birma die protestierenden Mönche auf die Straße gingen, waren stets Bürger-Journalisten mit Handykamera dabei, die anschließend ihre Berichte und Videos ins Internet stellten und so die Zensur der Militärs umgingen. Seit gestern ist dieser Nachrichtenkanal versperrt. Die Junta schnitt ihren Bürgern den Zugang zum weltweiten Datennetz ab, Internet-Cafés blieben geschlossen. Das Regime mauert sich ein. Was im Lande vorgeht, soll draußen niemand erfahren.

Eine der wenigen Quellen ungefilterter Information aus Birma sind unter diesen Umständen Touristen, die als Pauschal- oder auch als Individualreisende das Land durchqueren. Sie kommen auch an Orte, zu denen gewöhnlich kein Journalist vordringt, sie sprechen mit Menschen, deren Stimme ansonsten nie ins Ausland dringen würde. Und wenn sie Glück haben, treffen sie auf jemanden wie Min Awng.

In heller Anzughose und blau-weiß kariertem Hemd sitzt Min Awng an diesem Abend im März auf seinem Moped, seinem wichtigsten Arbeitsgerät. Der schmächtige Mittvierziger mit dem dunklen, sonnengegerbten Gesicht ist Mopedtaxi-Fahrer und Touristenführer in Hpa-An im Südosten Birmas. "Eigentlich habe ich Jura studiert", sagt er, und ein erwartungsvolles Leuchten in seinen Augen signalisiert: Du kannst mich alles fragen. Das passiert dem Reisenden selten in Birma, denn viele Leute haben Angst. Auch Touristenführer können sich nicht zwanglos mit Ausländern unterhalten. Spione sind überall. Am sichersten ist es auf dem Moped.

Auf breiten, leeren Straßen geht es auf Herrn Awngs Moped durch die Stadt: mehrstöckige Häuser, verputzt und angestrichen, schicke Villen mit neuen Jeeps davor, Restaurants, die sogar Fassbier anbieten, und prall gefüllte Geschäfte. "Hier kann man alles kaufen", sagt Herr Awng. "Aus Thailand. Gute Qualität. Alles vom Schwarzmarkt." Auch sein Moped hat er dort gekauft, für 500 Dollar. Das Geld hat ihm seine Schwester geschickt. Sie arbeitet in einer Fabrik in Thailand. Obwohl Herr Awng für birmanische Verhältnisse gut verdient, hätte er sich ein Moped nie leisten können. In der Trockenzeit, wenn einige Touristen in die Stadt kommen, läuft das Geschäft gut, in der Regenzeit dagegen nicht. Dann hilft er seiner Frau, die jeden Morgen aus Sojabohnen Tofu macht und ihn auf dem Markt verkauft.

Nur ein Bruchteil der Birmanen hat eine reguläre Arbeit. Die meisten halten sich durch Reis- und Gemüseanbau und ein bisschen Handel über Wasser. Ein Großteil der Bevölkerung, vor allem in den Bergregionen, hat keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Strom und fließend Wasser sind dort Luxus. Es gibt einige asphaltierte Überlandstraßen und ansonsten mehr oder weniger befestigte Pisten. Eine Reise von 200 Kilometern kann bis zu zwölf Stunden dauern. Immer wieder sieht man Frauen und Kinder, die in brütender Hitze am Straßenrand hocken und mit Hämmern Steine zerschlagen. Andere schleppen Bottiche mit Teer und gießen ihn in die Löcher. Meist steht ein Beamter daneben und sieht zu.

In Hpa-An sind die Straßen in gutem Zustand. "Hier ist viel Militär stationiert", ruft Herr Awng beim Fahren nach hinten. "Es ist die einzige Stadt im ganzen Land, in der nie der Strom ausfällt." Bis vor einigen Jahren noch war die Stadt für Ausländer gesperrt, sie galt als Hort des Widerstandes: Das Bergvolk der Karen wehrte sich vehement gegen Zwangsarbeit und die tägliche Unterdrückung durch die Armee. Den Konflikt gibt es immer noch, doch er hat sich hundert Kilometer nach Osten verlagert, in die Berge an der Grenze zu Thailand. So weit kommen Touristen nicht, die Militärsperre vierzig Kilometer hinter der Stadt dürfen sie nicht passieren.

An der Stadtgrenze von Hpa An wird die Asphaltstraße zu einem Sandweg, den Bambusgebüsch und Holzhäuser auf Pfählen säumen. Kinder in weiß-grünen Uniformen laufen in ein flaches, türkises Gebäude, die Grundschule: ein Raum, drei Tafeln nebeneinander, vor jeder fünf Bankreihen. Klasse eins bis drei. Die vierte Klasse muss draußen sitzen. Die Lehrerin kommt jeden Tag mit dem Bus aus der Stadt. Im Unterricht springt sie zwischen den Klassen hin und her. Manchmal geht der Bus kaputt, dann kommt sie gar nicht. "Die Lehrer sind schlecht ausgebildet und nicht gut bezahlt", sagt Herr Awng. "Schlechte Lehrer bedeuten schlechte Bildung, das erhält das System."

In Birma beendet kaum die Hälfte der Kinder die Grundschule. Das war nicht immer so. Bis Anfang der 60er Jahre galt das Bildungssystem als vorbildlich. Das Land war die Perle Asiens: Reis im Überfluss, Bodenschätze, ein gutes Gesundheitssystem. Dann riss das Militär die Macht an sich. Von da an wanderte der Reichtum in nur noch wenige Taschen. Wer nicht verwandt oder verbandelt ist, geht leer aus.

Die Fahrt geht durch eine grüne Ebene, aus der einzelne Felsen steil empor ragen. Vor dem 700 Meter hohen Berg Zwekabin sind in einem weitläufigen Garten eintausend identische Buddha-Figuren verteilt. Kein ungewöhnlicher Anblick in diesem Land, in dem 90 Prozent der Bevölkerung Buddhisten sind. Mönche in weinroten Kutten prägen überall in Birma das Straßenbild. Jeder Junge wird wenigstens einmal in seinem Leben für kurze Zeit im Kloster leben. Viele Söhne armer Bauern erhalten dort die Bildung, die ihre Eltern sich nicht leisten könne.

Viel wichtiger ist aber, dass der Gang ins Kloster der ganzen Familie als Verdienst angerechnet wird und die Aussichten auf eine gute Wiedergeburt vergrößert. Die ist den Gläubigen wichtig. Verdienst sammelt man auch, indem man für die Pagoden oder für noch mehr Reliquientürmchen - Stupas genannt - spendet. "Die Leute geben ihr letztes Geld dafür", sagt Herr Awng. "Vor allem die Armen."

Auch Herr Awng ist Buddhist. Aber er spendet nicht, sondern er bezahlt den Schulbesuch seiner Kinder. Bildung ist für ihn das Wichtigste. Ende der Achtziger war er einer der demonstrierenden Studenten in Rangun. Er hatte Glück. Einige seiner Freunde sind immer noch im Gefängnis. Auf die heutigen Studenten zählt Herr Awng nicht mehr. "Die einzige Hoffnung auf Veränderung sind die Mönche", sagt er. "Studenten interessieren sich nur für Mopeds und Mädchen. Sie diskutieren nicht mehr, so wie wir es damals taten."

Als Anwalt wollte er eine neue Gesellschaft aufbauen. Da Anwälte in Birma aber den Militärs immer Recht geben müssen, ist Herr Awng lieber Taxifahrer. Arm, aber ehrlich. "Manchmal ist es schrecklich", sagt er. "Ich spreche Touristen an und lächele, aber innerlich schreie ich." Herr Awng redet schnell, schaut sich ständig um. Als ein junges Paar vorbeiläuft, schweigt er. "Wenn die Zeit kommt", sagt er, als sie weit genug weg sind, "werde ich mit dabei sein und das Land wieder aufbauen." Eines Tages, da ist er sich sicher, wird er sein eigenes Büro betreten, durch eine Tür mit dem Schild: Min Awng, Rechtsanwalt.

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