Katja Hanke

Wo die Nacht tanzt

Die Berliner Club-Szene hat eine eigene Tradition, die aus der Zeit nach der Wende stammt: Man feierte in ehemaligen Tresorräumen, in Bunkern, alten Kaufhallen, Baracken oder feuchten Kellern. Manche Clubs gab es nur wenige Wochen, andere über Jahre. Was ist von dem nächtlichen Treiben übriggeblieben?

zeit.de, 24. August 2007

zurück {short description of image}

Durch eine Stahltür geht es in den Untergrund, auf blanken Treppen in ein Kellergewölbe, durch schmale Durchgänge in den unverputzten Mauern, in den Club Icon. Lüftungsrohre ziehen sich unter der Decke entlang, schlängeln sich um die Ecken. Junge Leute lungern in Sofas. Dezente Lichtprojektionen werfen etwas Farbe auf die staubigen Ziegelsteine. Für Nicht-Berliner höchstwahrscheinlich ein bizarrer Ort, für Einheimische eine Erinnerung an die Zeit der ausgefallenen Club-Location.

Die war Anfang der Neunziger, als Nachtschwärmer verlassene Gebäude in der Stadt für sich entdeckten, dort ihre Anlangen aufbauten, eine Nacht lang zu Techno-Bässe durchs Gemäuer sprangen und am nächsten Tag wieder abzogen. Manche blieben auch, richteten die Gebäude notdürftig her und veranstalteten regelmäßig Partys. Miete verlangte niemand, die Besitzverhältnisse waren ungeklärt und die Ämter hatten andere Sorgen. Man feierte in ehemaligen Tresorräumen, in Bunkern, alten Kaufhallen, wackeligen Baracken oder feuchten Kellern. Manche Clubs gab es nur ein paar Wochen, andere über Jahre. Neben der völlig neuen Musik waren es die zweckentfremdeten Orte, die das Feiern so beeindruckend machten. Sie waren wie ein großer Spielplatz, auf dem es viel zu entdecken gab. Das ist vorbei, aber einige der etablierten Clubs sind direkte Nachfolger dieser Läden oder zumindest von ihnen beeinflusst.

Der Keller des Icon ist in einem Backsteinbau, der Anfang des 20. Jahrhunderts als Brauerei und später auch als Zucker- und Schokoladenfabrik genutzt wurde. Nach der Wende stand das Gebäude leer. Im Keller feierte man erst nur sporadisch. Seit elf Jahren hat das Icon hier sein Zuhause und ist zu einer Institution für gebrochene Beats geworden. Der Drum'n'Bass-Hype ist schon längst vorbei, doch Trends kümmern hier niemanden. Der Laden ist rappelvoll. Jungs mit Baseball-Kappen und Kapuzen-Pullis und ein paar Frauen in dunkler, schlichter Kleidung schieben sich durch die kleinen Räume. Nette Leute mit freundlichen Blicken, die auch mal ein Gespräch mit Unbekannten anfangen. Wie Greg aus Brighton: der rutscht auf dem vollen Sofa noch etwas weiter - um Platz zu machen. Er ist begeistert, genauso hätte er sich Berlin vorgestellt. Sein Kumpel springt sturzbetrunken vor den Sofas umher und ruft: Amazing, man, amazing! Greg schaut lieber nicht hin. "Engländer", denken die anderen Gäste und lächeln Greg amüsiert zu. Dann düst der Kumpel ab, auf die Tanzfläche. Die ist in einem schmalen Raum, der schnell etwas eng werden kann, den Sound aber hervorragend hält. Es ist heiß, die Luft ist schlecht und die Stimmung einfach super.

Unterkühlter geht es dagegen im Moskau zu. Dort sitzt hippes Studentenvolk vor raumhohen Glasscheiben und blickt auf die 70er-Jahre-Glaskasten-Architektur des Innenhofes. Nette House-Musik füllt den Raum, der in rotes Licht gehüllt ist. Früher war hier das Restaurant Moskau, das Aushängeschild Ostberliner Gastronomie, berühmt für sein exklusives Ambiente. Mitte der Neunziger stand das Gebäude vorwiegend leer, bis sich kurzzeitig der umherziehende WMF-Club dort einquartierte und das Moskau wieder salonfähig machte. Jetzt finden regelmäßig Partys statt: House, Hip Hop, Reggae, Live-Konzerte. Eine rot beleuchtete Wendeltreppe aus Marmor führt ins Untergeschoss, wo früher eine Nachtbar war: die Decke ist niedrig, rote Ledersitzecken mit Tischchen davor ziehen sich an den Wänden entlang und auch die ovale Bar ist mit rotem Leder verkleidet. Seichter R'n'B fließt aus den Boxen. Wo sich einst seriöse Herrschaften in Paaren über die Tanzfläche schoben, grooven nun Fashion-Victims durch den Retro-Schick.

Auch der Club Weekend ist in einem 70er-Jahre-Haus. Retro-Ambiente versprüht es aber nicht. Das Haus des Reisens am Alexanderplatz ist ein schmuckloses Hochhaus. Im 12. Stock hat sich das Weekend vorläufig eingenistet. Früher verwaltete das Reisebüro der DDR von hier aus die Badeurlaube der Bürger am Schwarzen Meer. Ein Reisebüro ist im Erdgeschoss immer noch. Bald soll das Gebäude einem neuen Hochhaus weichen. Bis es so weit ist, wird aber im Weekend weiter gefeiert - mit grandiosem Ausblick: bunte Lichter bis zum Horizont, vor der Nase der angeleuchtete Fernsehturm und ganz unten Spielzeugautos, die auf der Leipziger Straße Richtung Westen kriechen. Vor dieser Kulisse loungen die Gäste auf breiten, gepolsterten Fensterbänken, die Cocktailgläser in der Hand. Die Musik läuft leise: unaufdringlicher, deeper House. Die Tanzfläche ist noch leer, die Bar dafür umso voller. Rechteckig thront sie genau im Zentrum und ist von allen Seiten belagert: von Männern in dunklen Hemden oder Polo-Shirts, die aussehen, als kämen sie gerade aus dem Büro und stark geschminkten Frauen auf hohen Hacken, die in ihren Handtäschchen kramen. Allmählich erst wird die Musik lauter und die Tanzfläche voller. Gegen drei Uhr kommt Stimmung auf, doch zu ungraziösen, überschwänglichen Bewegungen lässt sich hier niemand hinreißen. Die meisten Frauen kreisen wohl dosiert ihre Hüften und schlängeln zu den sexy House-Tunes die Arme sinnlich durch die Luft. Zwei dürfen das sogar neben dem DJ tun, hinter sich das passend weltstädtische Panorama.

Fantastisch ist der Ausblick auch im Watergate: Wasser auf voller Länge. Die untere Ebene des Clubs ist von der Tanzfläche bis zur Chill-Out-Area verglast. Das angeleuchtete Gebäude am anderen Ufer wirft gelbliches Licht über das Wasser. Von rechts leuchtet die Oberbaumbrücke. Mid-Zwanziger lümmeln auf dunklen, schnörkellosen Würfelsofas, zu ihren Füßen die ruhig dahin fließende Spree. Der Club ist dunkel und nüchtern eingerichtet. Das meiste Licht kommt von draußen und mit ihm die Gemütlichkeit. Sogar auf der Tanzfläche glitzern einem die Lichter durch das Gedränge entgegen. Wie vor einer riesigen Fototapete legt der DJ seine Platten auf: anspruchsvoller House und Techno, mitreißend und groovy. Die Tanzfläche rockt, die Leute jubeln, grinsen, hüpfen. Einheimische, Umlandberliner und Touristen tanzen miteinander, rufen sich freundliche Bemerkungen zu, setzen sich hin, reden, rauchen, trinken. Einige sitzen allein, blicken in sich versunken aufs Wasser und nicken zufrieden mit dem Kopf im Takt. Allmählich wird es hell, die Lichter über dem Wasser verblassen, das rauschende Fest geht langsam zu Ende.

Zu fortgeschrittener Stunde kommt im Berghain die Party erst richtig ins Rollen. Eine Wand aus Bässen knallt jedem entgegen, der das stillgelegte Heizkraftwerk aus den 50er Jahren betritt, ein Moloch aus Stahl, Beton und Glas. Die Decke ist schwindelerregend hoch: 18 Meter, ein gigantischer Raum. Eine Stahltreppe führt zur Tanzfläche, die auf einer Zwischenebene ist. Kahle Männer mit durchtrainierten nackten Oberkörpern posieren dort und begutachten mit blasiertem Blick jeden Typ, der vorbeikommt: hippe Bubis mit gestylten Haaren, schwere Jungs in schwarzem Leder und normale Heteros. Aus vier Boxen dröhnt infernalisch laut düsterer, peitschender Techno auf die Tanzfläche. Die Luft vibriert. Hunderte Leiber zucken im Takt. Grelle Lichteffekte zerschneiden die Dunkelheit. Konsequent zerlegt die Musik das Gehirn und hebt es allmählich in neue Gefilde des Bewusstseins. Eine andere Metalltreppe führt weiter zur darüberliegenden Panoramabar. Sie ist bekannt für dezentere Klänge. Zu minimalem House oder Techno tanzt man da oder steht einfach an der Bar und redet. Doch schnell zieht es einen zurück nach unten, ins Techno-Metropolis: harte Musik und rohes Industrial-Ambiente. Eine beeindruckende Kombination.

zurück zum Textanfang {short description of image}