Katja Hanke

Die Grenze im Wasser

Von Kambodscha nach Vietnam können Touristen jetzt ganz entspannt auf dem Mekong durch das Delta reisen

Frankfurter Rundschau 24./25. Dezember 2004

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"Wohin fährst du als nächstes?", fragt Chet, der Eigentümer des Hotels, schon zum dritten Mal an diesem Tag. Vietnam. "Very nice", sagt er und grinst. "Hast du schon ein Visum?" Denn das könne er bis zum nächsten Tag besorgen. Wie fast jedes Hotel in der kambodschanischen Stadt sieht auch Chets Hotel eher aus wie ein Reisebüro: Prospekte auf dem Tresen, an den Wänden Poster, Zettel, Angebote. Hier kann man alles buchen, egal ob Weiterreise oder Tagestour zu den Killing Fields, jenem Ort außerhalb der Stadt, an dem die Roten Khmer tausende Menschen ermordeten und verscharrten. Noch nicht einmal 30 Jahre ist es her, das dunkelste Kapitel der kambodschanischen Geschichte. Ganz früher galt Phnom Penh als eine der bezauberndsten Kolonialstädte Indochinas. Und dieser Charme ist heute noch zu spüren.

Chet ist ein junger Typ. Seine Baseballkappe trägt er so tief im Gesicht, dass nur seine dunklen, vollen Lippen zu sehen sind. Er zeigt auf die riesige, weiße Tafel hinter sich, auf der mit blauen Klebebuchstaben Reiseziele aufgelistet sind. Fahrtkarten gibt es bei ihm: mit dem Bus nach Sihanoukville, Battambang, Saigon oder mit dem Boot zu den Tempeln von Angkor, nach Kratie oder Thailand. Die Tafel ist rundherum mit Fotos von schönen Landschaften und lächelnden Reisenden beklebt. Und in der unteren Ecke, zwischen zwei Fotos eingequetscht, steht mit Hand geschrieben: Boot nach Vietnam (Chau Doc). "Chau Doc ist übrigens im Mekong Delta", sagt Chet. "Nicht weit, nur vier bis fünf Stunden." Die Route ist relativ neu und darum noch unbekannt. Die meisten Touristen, die von Phnom Penh nach Vietnam weiterreisen, nehmen den Bus nach Saigon.

Von Chau Doc nach Phnom Penh, erzählt er, habe man schon immer auf dem Wasserweg reisen können. In umgekehrter Richtung sei die Grenze erst seit zwei Jahren offiziell geöffnet. Seitdem würden die Boote täglich fahren. Die Schiffsreise ins Nachbarland beginnt in einem kleinen Ort 80 Kilometer südöstlich von Phnom Penh. Mit einem Minibus werden die Reisenden dorthin gebracht. Warum das Schiffchen nicht direkt vom Pier in der Stadt abfährt, weiß Chet auch nicht. Ein kleines Ausflugsboot ist es, das am Ufer des Mekong auf die Reisenden wartet: ein paar Bänke unter einem Holzdach. Ungefähr 30 Passagiere haben hier bequem Platz. An diesem Morgen sind es nur zehn. Sie suchen sich gleich einen Platz auf dem Dach, das mit Strohmatten belegt ist. Von dort aus hat man den besten Ausblick.

Die Ufer sind mit Bambus bewachsen. Dicht an dicht stehen die hohen Büsche. Ab und zu machen sie platz für einzelne Holz- und Palmblatthütten, die wegen gelegentlichen Hochwassers auf Pfählen stehen. Kühe grasen an der Böschung. Das Boot steuert in die Mitte des Flusses, bis das Ufer nur noch ein leuchtend-grüner Streifen ist. Ein warmer Wind weht. Gemächlich surrt das Boot über den gewaltigen Mekong. Rund viertausend Kilometer hat der Fluss von der Tibetischen Hochebene auf seinem Weg ins Südchinesische Meer bis hierher zurückgelegt. Und kurz hinter der vietnamesischen Grenze wird er sich in unzählige Seitenarme, das Mekong Delta, verzweigen.

Nach zwei Stunden erreichen wir die Grenze. Die kambodschanische Station liegt in einer idyllischen Gartenanlage. In einem kleinen Holzhaus sitzen zwei Beamte unter einem riesigen Portrait von König Sihanouk und Gemahlin. Der Reihe nach drücken sie Ausreisestempel in die Pässe. Hundert Meter flussabwärts befindet sich die vietnamesische Einreise: ein paar niedrige Betongebäude, abgesperrt mit rot-weißen Schranken. Daneben grasen Wasserbüffel unter einem Baum, der breite Schatten wirft. Wir gehen von Bord und schleppen das Gepäck in ein Häuschen. Zwei gelangweilt dreinschauende Beamte übernehmen die Rucksäcke und schieben sie durch eine neue Röntgenanlage. Draußen empfängt uns eine junge Frau. "Ich bin Ha", sagt sie und lächelt unter ihrem weißen Anglerhut hervor, "ich werde euer Boot nach Chau Doc begleiten". Um die Einreiseformalitäten kümmert sie sich auch. Grenzen in Asien auf dem Landweg zu überqueren ist normalerweise überaus anstrengend: da stehen die Reisenden in brütender Hitze Schlange, werden von Händlern unentwegt am Ärmel gezupft und von Beamten, die sich nur gegen extra Bezahlung rühren, ignoriert. Doch an diesem Grenzübergang geht es entspannt zu. Ha sammelt die Reisepässe ein und bringt sie zum Schalter. Wir brauchen nichts zu tun - nur in einem Restaurant sitzen und warten.

Nach einer Stunde kommt Ha mit den Pässen zurück, und wir klettern in ein neues Schiffchen. Das alte ist bereits mit Reisenden der Gegenrichtung auf dem Weg zurück nach Phnom Penh. "Auf dem Hinweg war dieses Boot voll", sagt Ha. Jetzt ist es leer. Aber das sei immer so. "Viel mehr Leute fahren von Vietnam nach Kambodscha als umgekehrt", sagt sie. "Die buchen in Saigon eine Tour ins Mekong Delta mit Weiterreise nach Phnom Penh." Das Boot biegt in einen schmalen Kanal, tuckert immer geradeaus, so langsam, dass wir in die Häuser am Ufer schauen können. Menschen dösen auf Strohmatten, kochen auf Holzfeuer, sitzen auf dem Boden und spielen Karten.

Das Mekong Delta ist der südlichste und fruchtbarste Teil Vietnams. "Reiskorb" nennen die Vietnamesen diese Gegend. Drei Ernten fahren manche Bauern pro Jahr ein. Ihre Gärten sind kleine Obstplantagen, auf denen sie Mangos, Bananen und Ananas anbauen. Das Delta ist VON Kanälen und Sümpfen durchzogen. Wichtigstes Transportmittel ist das Boot. Immer wieder schlingern schwimmende Läden an uns vorbei, schmale Boote, auf denen Berge von Flaschen, Obst und Gemüse gestapelt sind. Vor einem Haus hat eine mobile Dreschmaschine angelegt. Dort steht eine Familie und guckt dabei zu, wie ihr Reis enthülst wird. Ein paar Meter weiter liegt ein Sägewerk, das auf zwei Boote verteilt ist. Männer tragen wuchtige Bretter an Land. Kinder winken von kleinen Fischfarmen: treibende Hütten, unter denen sich im Wasser die Aufzuchtkäfige befinden.

Während der Fahrt verteilt Ha Visitenkarten von einem Hotel in Chau Doc. "Ihr müsst dort nicht bleiben", sagt sie schüchtern. Ha nennt sich zwar "Reiseführerin", doch ihr Job ist es vor allem neue Gäste vom Boot in das Hotel zu holen. In Vietnam und Kambodscha arbeitet fast jedes Transportunternehmen mit einem Hotel zusammen. Die Fahrt ist dadurch unschlagbar billig: sechs Euro für die gesamte Strecke. Das Hotel beteiligt sich an den Fahrtkosten und dafür werden neue Gäste vor der Tür abgesetzt.

Nach einer Stunde gemächlicher Fahrt geht der schmale Kanal in einen breiten Fluss über. Boote knattern kreuz und quer durch das Wasser. Bassac heißt der Fluss und ist ein Nebenarm des Mekong. An dessen Ufer liegt Chau Doc, eines von sieben größeren Handelszentren im Delta. Fast 100 000 Menschen wohnen in dieser typisch vietnamesischen Stadt mit viel Verkehr, Gewusel und einem großen Markt. Als wir anlegen, ist es bereits später Nachmittag. Acht Stunden waren wir unterwegs, einen ganzen Tag. Ha organisiert Fahrradtaxis zum Hotel. An der Rezeption sitzt ein älterer Mann. "Wohin fährst du morgen?", fragt er später und zeigt auf die große, weiße Tafel hinter sich. "Bootstour durchs Mekong Delta" steht dort. Und "Bus nach Saigon, jede Stunde".

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