Dafür spricht auch der kleine Kohleknöddel, der in einer Vitrine des AZT-Foyers ausgestellt ist. Vormals war das eine Maus - bis sie ein Kabel anknabberte, einen Kurzschluss verursachte und so ein ganzes Hochhaus abfackelte. Oder das abgebrannte Gerippe eines Elektrorollstuhls: Er hatte Feuer gefangen, als der Akku geladen wurde.
Um "Pathologie der modernen Technik", gehe es hier, sagt Jürgen Lieske. Der promovierte Wissenschaftshistoriker und Japanologe forscht am AZT. Er hat all die großen und kleinen Technikkatastrophen zusammengetragen. Die Firma ist eine Tochter des Versicherungskonzerns Allianz. Die rund 90 Mitarbeiter arbeiten vor allem an der Beantwortung einer Frage: Was geht als Nächstes kaputt? Im AZT geht es darum, Schäden zu erforschen, damit man sie in Zukunft vermeiden kann. Ganze Unternehmen werden hier auf Schwachstellen abgeklopft. Denn zu Bruch geht eine Menge: Dem Verband der Deutschen Versicherungswirtschaft nach hatten die deutschen Versicherer im Jahr 2003 fast 142 Milliarden Euro Aufwendungen für Schadensfälle.
Um aus Schaden klug zu werden, muss aber erst einmal etwas kaputtgehen. Und dabei wird im AZT kräftig nachgeholfen. In den unteren Räumen des Technikzentrums befinden sich die Folterkammern des Hochtechnologiezeitalters. An keinem anderen Ort in Deutschland wird mit solcher Akribie zerstört wie hier: Im "Brandlabor" wird zurzeit getestet, unter welchen Umständen ein Computer Feuer fängt. Denn oft fehlen an den Leitungen so genannte "Brandmanschetten", weshalb Lieske gerne von "Stangenbenzin" redet. In anderen Räumen werden Schrauben so lange gequält, bis sie bersten. Sogar ein "Kerntechnisches Werkstofflabor" gibt es.
Besonders geflissentlich kümmern sich die Wissenschaftler natürlich um das Auto. Die Sparte "Kraftfahrzeuge" ist ein eigenständiger Geschäftszweig beim AZT. Wichtigster Raum in Kfz-Forschungstrakt ist die Halle mit der "Allianzstraße". Dort ist jede Fahrt kurz und endet schlimm: an einem Rammbock.
Man kann gar nicht genug Crashtests machen, gemessen daran, was es alles Interessantes über Unfälle zu lernen gibt. Was passiert, wenn sich beim Aufprall der Airbag aufbläst und der Fahrer, der in den Luftsack hineinprallt, eine Brille trägt? Was, wenn er eine Zigarette im Mundwinkel hat? Die Forscher haben es ausprobiert. Ergebnis: Die Zigarette wird im Auge ausgedrückt, wogegen die Brille ohne Schaden für den Träger zerbröselt. Beim Raucher, der schlecht sieht, schützt die Brille vor der Glut. Wer also im Auto rauchen muss: besser mit Brille.
Die Experimente werden in einer Videothek des Schreckens dokumentiert. Ein Gruselklassiker ist das Band mit dem Titel: "Wenn Waldi zum Geschoss wird". Was, so fragten sich die Forscher, passiert beim Unfall mit dem Zwergschnauzer auf der Rückbank? Der kleine Film ist Tierfreunden nur bedingt ans Herz zu legen. Obwohl der Zwergschnauzer eine Puppe ist, kann man sich die Folgen für Hund und Herr recht plastisch ausmalen.
Aber alle Filme haben ein Happy End. Denn schließlich gibt es auch hier eine Lösung: ein mittlerweile handelsübliches Hundeschutzgitter, entworfen in der Werkstatt des AZT.
Es menschelt an allen Ecken
Die Forscher sehen in der Wirtschaft einen einzigen potenziellen Schadensfall. Meist sind es kleine, minimale Abweichungen von den Regeln, die sich ein Unternehmen gegeben hat, die zur Katastophe führten. "Es menschelt", sagt der Zwei-Meter-Mann Lieske dann, und er sagt es wie jemand, der Rauch wittert, lang bevor der Brand zu sehen ist. "Es menschelt an allen Ecken und Enden." Da gibt es Brandschutztüren und Fluchtwege, die mit Büromaterial zugestellt sind - passiert doch sowieso nichts.
Jürgen Lieske erzählt von einer Firma, die scheinbar an alles gedacht hatte: Bei einem Stromausfall im Rechenzentrum würden wichtige Daten verloren gehen, darum installierte man ein Diesel-Notstromaggregat. Als Lieske allerdings zur Inspektion da war, konnte ihm niemand so richtig sagen, wo sich der Tank befindet. Deswegen hatte auch niemand gesehen, dass der Tank leer war und das ganze Notstromaggregat somit überflüssig.
Allerlei Horror-Statistiken kann Lieske aus dem Kopf hersagen: dass die Hälfte der Unternehmen nach einem Großbrand sofort Pleite geht und weitere 30 Prozent die folgenden zwei Jahre nicht überleben. Das liegt auch daran, dass die größten Probleme häufig gar nicht vom materiellen Schaden an sich rühren. Im Unglücksfall, so Lieske, kann für ein Unternehmen im internationalen Wettbewerb jeder Tag, vielleicht jede Stunde Betriebsunterbrechung den Ruin bedeuten.
Zum Beispiel die Anschläge vom 11. September 2001. Da war zum einen die physische Attacke. Doch was den Sachschaden angeht, "war beim World Trade Center das Immaterielle bei weitem die größere Geldvernichtung". Ein Drittel reiner Sachschaden, bilanziert Lieske, der Schaden durch Betriebsunterbrechung aber war doppelt so hoch.
Das "Business Continuity Management" ist deshalb ein wachsendes Aufgabenfeld des AZT. Die Mitarbeiter durchleuchten die Strukturen eines Unternehmens, entwerfen Worst-Case-Szenarien und überlegen, wie eine Firma aufgebaut sein muss, damit sie nach einem großen Schadensfall möglichst schnell wieder funktionieren kann. Die Fantasie und Experimentierlust der Ingenieure zahlt sich für Wirtschaft und Versicherung aus. Unternehmen wie Siemens, DaimlerChrysler oder Linde zählen zu den Kunden.
" Ein Euro, der in die Arbeit des AZT investiert wird, erzeugt einen Nutzen von 6 Euro", sagt AZT-Geschäftsführer Lutz Cleemann. "Wir erzeugen jährlich einen Nutzen von rund 50 Millionen Euro." Das taucht aber in keiner Bilanz auf: "Wir waren dann erfolgreich, wenn nichts passiert." Am meisten profitiert der Mutterkonzern Allianz von dem Technik-Zentrum. Wo Schaden entsteht, müssen Versicherungen zahlen.
AZT hat Wegfahrsperre maßgeblich mitentwickelt
Dass das AZT etwa die Wegfahrsperre maßgeblich mitentwickelt hat, liegt durchaus im Interesse der Allianz. "Denn damals", sagt ein Mitarbeiter, "wurden die Autos schneller gestohlen, als unsere Mathematiker rechnen konnten." Damals, das war nach dem Fall der Mauer, als Banden aus Osteuropa im großen Stil große Autos aus Deutschland stahlen. Bis 1993/94 hatte sich die Zahl der gestohlenen Wagen fast verdoppelt: Schlecht für die Versicherung, ungünstig für die Besitzer der Autos, die immer höhere Prämien für die Versicherung hinlegen mussten. Und ungünstig auch für die Autoindustrie, da sich diebstahlgefährdete Modelle immer schlechter verkauften.
Seit die Wegfahrsperre bei großen Limousinen zum Standard gehört, hat sich die Zahl der Fahrzeugdiebstähle wieder auf das Niveau, das es vor dem Mauerfall gab, eingependelt. Eigentlich ein Grund zur Beruhigung, oder?
Aber Risikoforscher werden niemals wirklich ruhig. Es kann ja immer so viel schief gehen! Und niemand versteht so gut, was alles passieren kann, wie Jürgen Lieske und seine Kollegen. Es was vorigen Sommer, erzählt er, als er unruhig wurde. Auf dem Flachdach neben seinem Büro fingen die Bauarbeiter zu schweißen an, die Flamme direkt neben einer Plastikfolie. Brandgefährlich, fand Lieske und suchte sich ein Fenster mit noch besserem Ausblick. Doch da standen schon drei Kollegen, genauso nervös wie er. "Was Risiken angeht", sagt Lieske, "wird man in unserem Job schon leicht paranoid."
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