Die Haschischmengen, die die Drogenfahnder vor allem in den südspanischen Provinzen Cádiz und Malaga sicherstellen, werden immer größer: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die der Schmuggel offiziellen Zahlen zufolge verdreifacht. Erst Mitte Juni machten die Fahnder einen ihrer bisher größten Fänge: Im Hafen von Algeciras kam ihnen ein Lastwagen mit Meeresfrüchten aus Marokko verdächtig vor. Er hatte fast 26 Tonnen Haschisch geladen. Es war eher ein Zufallsfund, denn nur ein Bruchteil der jährlich ungefähr 100.000 nach Europa übersetzenden Laster kann kontrolliert werden.
Spektakuläre Fahndungserfolge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Polizei und Zoll gegen die immer professioneller agierenden Schmugglerbanden auf verlorenem Posten kämpfen. Und das trotz ihrer Hubschrauber, Schnellboote und eines neuen Radar-Überwachungssystems, dem bis auf 20 Kilometer vor der Küste keine Bewegung illegaler Einwanderer und Drogenschmuggler entgehen soll. Seit einem Jahr bilden drei fest installierte Wachtürme und zahlreiche mobile Beobachtungsstationen einen elektronischen Schutzwall. In einigen Orten der Küste sind trotzdem längst alle Dämme gebrochen.
Barbate ist so ein Dorf von 22.000 Seelen, wichtigster Wirtschaftsfaktor am Ort ist der Fischfang, sagt der Bürgermeister. Doch dazu gibt es auch andere Zahlen. Zahlen der Regierung, die belegen, dass 1500 Personen in Barbate vom Schmuggel leben, darunter 300 Jugendliche. Der Bürgermeister kennt die Statistik. „Mich stört, dass Barbate immer nur mit Drogen gleichgesetzt wird“, sagt Juan Manuel de Jesús, und lockert ungehalten seinen Krawattenknoten. De Jesus kommt gerade von einer Preisverleihung für junge Unternehmer, auf seinem Schreibtisch hat er die Pläne für drei Luxusherbergen drapiert, die eine Hotelkette in seiner Gemeinde bauen will. „Vor drei Jahren herrschte hier reine Anarchie. Im Vergleich dazu sind wir wieder ein normaler Ort geworden“, sagt de Jesús und wischt sich den Schweiß aus der Stirn.
Es ist Mittag, das weiße Fischerdorf duckt sich in der Sommerhitze. Dass im Polizeiquartier dicke Luft herrscht, liegt kaum am Wetter. José ist da, einer der Buscimanos genannten Schmuggler, die Barbate zu zweifelhaftem Ruhm verholfen haben. Vor zwei Jahren noch waren die jungen Drogenkuriere mit ihren Motorrollern die Herren des Dorfes, und José wirkt, als ob sich daran nicht viel geändert habe. Er will seinen Führerschein zurück. „Komm morgen wieder“, schnauzt ihn ein Beamter an. „Nein, jetzt“, sagt José, der sich unmissverständlich in der Tür breit gemacht hat. Und genüsslich grinst, als schließlich der Roller mit seinen Kumpels heranbraust.
Zu gern würden die Polizisten solche Provokationen an sich abprallen lassen, doch das geht nicht mehr. Nicht, seit an die 50 solcher Jungs einen der ihren mit Gewalt aus der Arrestzelle befreit haben. Vor wenigen Jahren haben sie einen Kollegen aus dem Revier umgebracht. Der Dorfpolizist Diego Perez wollte einen Drogenkurier kontrollieren. Kaum hatte er die Papiere des Rollerfahrers verlangt, kam ein Dutzend weiterer Schmuggler, und schlug ihn zusammen. Perez starb wenig später im Krankenhaus. Auf einmal roch es nach Tod statt nach Fisch in den Straßen von Barbate. „Eine gesetzlose Stadt“, nannte die Zeitung „El País“ damals Barbate.
„Wir waren zu hundert Prozent ein Fischerdorf. Niemand hat je über Alternativen nachgedacht“, sagt der Bürgermeister. Noch vor vier Jahren lebte Barbate nahezu sorgenfrei vom Sardellenfang vor der marokkanischen Küste. Alle paar Jahre zitterte man ein wenig, wenn die Fischereiabkommen mit dem Nachbarn neu verhandelt werden mussten. Es ging immer gut, doch plötzlich komplizierten sich die Verhandlungen. Die EU beschloss, die Fangquoten zu verringern und Fischereiflotten abzubauen. „Als das Abkommen Ende 1999 endgültig scheiterte, stand unser Dorf vor dem Nichts.“
Tausende gingen auf die Straße, wütende Fischer besetzten das Rathaus, reckten die Faust gen Madrid, gegen den Fischereiminister, von dem sie sich verraten fühlten. Jetzt liegt die Arbeitslosigkeit bei etwa 40 Prozent, die Fischer leben mehr schlecht als recht von Beihilfen und der Stilllegungsprämie für ihre Schiffe. Am Hafen nagt der Zahn der Zeit, und an den Schiffen der starke Atlantikwind, der hier eigentlich immer weht. Der bunte Lack blättert, und das Holz ist morsch geworden vom langen Warten.
Gegenüber in der Hafenkneipe sitzen Männer wie Bäume auf den Barhockern, mit zerfurchten Gesichtern, und trinken ihren Milchkaffee aus Gläsern, die in ihren Händen zerbrechlich wirken.
Die Fischer reden nicht gerne. „Alle haben uns allein gelassen,“ sagt schließlich doch einer. „Unsere Söhne sind geboren, um Fischer zu werden, und jetzt gibt es keinen Fisch mehr für uns. Aber wir sind gewohnt, uns selbst zu helfen. Unsere Jungs kennen das Meer“, sagt er mit vielsagendem Lächeln.
Der Schmuggel brachte den Wohlstand in das gottverlassene Nest. Jungs aus dem Dorf protzten mit Geld in den Kneipen, in den Juwelierläden. Ein Motorradhändler aus Barbate verkaufte in einem Jahr mehr Roller als jeder andere Händler in Europa. 5000 davon gibt es in dem bitterarmen Dorf, das zudem die höchste Handy-Dichte Spaniens hat. Die jungen Neureichen fahren ihre Luxuswagen auf der schnurgeraden Avenida del Generalísimo spazieren. Sie genießen die empörten Blicke der älteren und den Neid der Jungen.
Der Platz mit dem Leuchtturm am Ende der Avenida ist perfekt für jugendliches Schaulaufen: Gestylte Kids mit schweren Rollern posieren an der Rotunde. Maribel weiß, wer von ihnen schmuggelt, und nickt unauffällig in Richtung zweier kurzgeschorener Jungs, die einen getunten Golf spazieren fahren.
„Durch die Buscis gibt es hier viel Neid“, sagt die 17-jährige, die sich mit ihren Freundinnen hier einen Joint teilt. „Sie haben drei oder vier Roller, Autos und oft schon eine eigene Wohnung. Die normalen Jungs dagegen haben gar nichts.“
Das Einzige, wovon Maribel genug hat, ist Zeit. Zeit, die unter dem Knattern der Roller vielleicht in kürzerem Takt vergeht. „Es ist fatal, dass es hier keine Jobs gibt“, sagt sie, die seit einem Jahr ohne Arbeit ist. Ihre Freundinnen sind es noch länger. „Entweder du gehst weg von hier, oder du landest im Drogenhandel.“
Der Schmuggel begann als Abenteuerspiel. Als am Strand die ersten Bündel auftauchten, die irgendein Schmuggler aus dem nahen Marokko im Atlantik abgeworfen hatte, war es wie ein Wettlauf. Wer schneller am Strand war und die Päckchen einsammelte, kassierte.
Mittlerweile ist der Schmuggel straff organisiert, und das Haschisch schafft Arbeitsplätze: Es gibt die Piloten der Schlauchboote und die, die die am Strand die Ladung in Empfang nehmen. Andere bewachen mit ihren Motorrädern strategische Punkte im Ort. Oder sie überwachen die Polizei, hängen sich an die Streifenwagen und geben jede Bewegung durch, die die Schmuggler interessieren könnte.
„Der Drogenhandel hat eine asoziale Mentalität geschaffen, und legale Arbeit entwertet“, sagt Antonio Rodriguez von der Anti-Drogen-Vereinigung „La Comunidad“, „ein bedeutender Teil der Jugend hat sich ans schnelle Geld gewöhnt.“ In Barbate antworten Kinder auf die Frage, was sie in Zukunft werden wollen, „Drogenhändler“. Einmal wollte ein Schüler von seinem Lehrer wissen, was er denn im Jahr verdiene: „Gut 21.000 Euro“, antwortete der wahrheitsgemäß. „Das“, entgegnete der Junge, „verdiene ich in sechs Nächten“.
„Die Droge hat das gesellschaftliche Leben vergiftet“, sagte Antonio Rodriguez. Er spricht von Zwietracht, die mit dem schmutzigen Geld gesät wurde. Er erzählt von der Geldwäsche, von gewissen Geschäften, die „wie die Pilze aus dem Boden schießen“, und den ehrlichen Händlern mit Dumpingpreisen das Leben schwer machen. Rodriguez nuschelt ein wenig beim Sprechen, seit ihn die Drogenhändler krankenhausreif geschlagen haben. Sie haben auch versucht, seinen Vater zu töten: Der 90-jährige wurde auf einem Waldweg mit einem Geländewagen überfahren. „Das schlimmste daran“, sagt Rodriguez, „ist die Schutzlosigkeit, die wir erfahren haben.“
Wenn Rodriguez durch die weiß gekalkten Gassen Barbates spaziert, begleitet ihn nun ein Schäferhund, und er sieht sich an jeder Ecke um. Er sagt, er habe viele Unterstützer im Dorf. Sein Verein sammelt Hinweise auf Drogenschmuggel und zeigt dann die Clans an.
Die wichtigsten Banden der Küste sind trotzdem bis heute nicht aufgeflogen, erklärt Antonio Rodriguez, „aber seit der Sache mit Antón agieren sie viel vorsichtiger“. Antón und seine Bande wurden wegen Haschischschmuggels in großem Stil verurteilt. Lange schon galt der 28-jährige in Barbate als Prototyp des übermächtigen Drogenbosses. Dass die Polizei sein Auto beschlagnahmte, weil er ohne Führerschein gefahren war, imponierte ihm nicht besonders: er nahm einfach ein anderes aus seinem Fuhrpark. Strafzettel bezahlte er nicht, Antón galt offiziell als mittellos. Als er mit einem jungen Löwen durch die Straßen von Barbate marschierte, griff die Polizei zu. Sie beschlagnahmte das Tier.
Bis sich die Justiz zu einem Vorgehen gegen Antón und seinen Clan entschieden hatte, dauerte es allerdings, und auch die sechs Jahre und neun Monate, zu denen er schließlich verurteilt wurde, muss er nicht absitzen. Im August ist Antón vorläufig freigekommen, weil er gegen das Urteil beim obersten Gerichtshof Berufung eingelegt hat. Denn Antón kann sich die besten Anwälte leisten.
Das Gefängnis hat er als reicher Mann verlassen. Ein Verfahren wegen Geldwäsche wurde eingestellt – mangels Beweisen.
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