Monika Wimmer

Manuskript: Floaten im Samadhi-Tank

(DeutschlandRadio Berlin, Kompass, 19.09.2003)

zurück {short description of image}

Regina: Das Floaten beginnt ja erst mit dem Duschen. Danach, bevor Sie dann in die Floatwanne steigen, würde ich Sie bitten, hier das Licht auszumachen. Das hat den Hintergrund, möchten Sie gerne ganz im Dunkeln floaten, wäre auch wenn der Deckel geschlossen ist so n kleiner Lichteinfall im Tank, das könnte unter Umständen dann stören. Ja, dann geht es hier rein - unbekleidet. Und Sie legen sich so hin, dass sie mit dem Kopf hier vorne liegen, damit sie an die verschiedenen Knöpfe kommen. Der schwarze Knopf ist für den Deckel, wenn sie da drauf drücken, schließt der Deckel sich, wenn sie hier drauf drücken, öffnet er sich wieder. Er lässt sich jetzt nicht stufenweise regulieren.

Martina: Okay, dann muss ich jetzt noch einmal auf die Toilette.

Regina: Gut, dann wünsch ich Ihnen schöne Entspannung.

Sprecherin: Deckel auf, Martina rein, Deckel zu. Eine Stunde darf die Studentin nun in einer rundum verschlossenen Riesenbadewanne plantschen - genau genommen in einem Isolations-Tank im Float Centre am Berliner Gendarmenmarkt. Der Tank sieht aus wie eine Mischung aus Delfin und Riesenei. Bläulich schimmernd, rund, 2,40 Meter lang, 1,60 Meter breit. Gefüllt ist er mit einer Lösung aus 600 Litern körperwarmen Wasser und 300 kg Salz. Drinnen ist es zappenduster. Nach 10 Minuten verstummt die Musik. Martina ist völlig abgeschirmt von der Außenwelt. Sie sieht nichts, hört nichts, spürt noch nicht einmal ihr eigenes Gewicht. Beim Floaten treibt der Körper wie ein Korken auf dem Salzwasser - und der Geist entschwebt in tiefere Sphären.

Werner Held: Ich hab mit dem Tank rumgeschmust, mit diesem warmen Wasser sich so treiben lassen, sobald man sich bewegt, ist der Körper wieder da und er ist sehr schön da.

Benjamin Tochtermann: Der Tiefegrade, den ich einfach erfahren habe, ist dass ich das Gefühl hatte in nem unendlichen Raum zu sein, und auch das Oben-und-unten-Gefühl sich aufgelöst hat, wie n Bewusstseinspunkt in irgend einem undefinierten Raum sich zu bewegen und damit hebt sich n bisschen auch diese Zeitwahrnehmung auf.

Jörg Karst: Also das Gefühl, das ich immer wieder habe, ist mitten auf dem Meer zu liegen und mich um mich selbst zu drehen, was natürlich de facto gar nicht geht, ich bin ein 2-Meter-Mann und die Tanks sind ein bisschen größer als ich. Aber das ist das Gefühl der absoluten Entspannung.

Sprecherin: Jörg Karst ist betreuender Arzt im Berliner Floatcenter. Vor einem Jahr haben er uns seine Frau das Zentrum gegründet - als Entspannungsoase für gestresste Großstädter.

Jörg Karst: Also der wichtigste Punkt liegt darin, dass die Muskulatur gelöst wird, dass die Verspannungen gelöst werden, dann führt diese Entspannungssituation zu einer Weitstellung der Gefäße, dadurch sinkt der Blutdruck. Ganz wichtig ist noch der therapeutische Nutzen für Hauterkrankungen bzw. bei Neurodermitis oder Schuppenflechte, weil auch Dermatologen dieses Epsom Salz benutzen - und wenn man davon ausgeht, dass jede Erkrankung eine psychische Komponente hat, durch die Entspannungssituation einmal die Möglichkeit dem Alltagstrott zu entfliehen und ein bisschen aus dem täglichen Ablauf rauszukommen.

Sprecherin: Ein Rundum-Wohlfühl-Programm also - für 50 Euro pro Stunde. Pech haben nur die Floater, die dann anstatt im Alltagstrott im Tank gefangen sind - wie zum Beispiel Martina.

Martina: Ich bin am Anfang ziemlich schnell eingeschlafen und dann bin ich aufgewacht und es war stockdunkel und ich hab gedacht, ich muss jetzt ganz kurz öffnen, und bei dieser Eingangseinweisung hat man das ja so erklärt bekommen, man drückt den Knopf und ich greif nach links, und da ist kein Knopf, und ich taste die Wand ab, und da ist überhaupt nichts, wo man draufdrücken könnte, alles glitschig glatt, und dann hab ich hochgegriffen und dann hab ich richtig so getrommelt. Also da bin ich regelrecht panisch geworden. Und dann hab ich auch gedacht, oh Gott, wie eng, und du hältst es hier keine Sekunden mehr aus - da kann man schon Platzangst kriegen.

Sprecherin: Auch bei Werner Helds ersten Float-Versuchen wollte sich die ersehnte Entspannung nicht so richtig einstellen.

Werner Held: Ich hatte zuerst größere Probleme, meinen Kopf loszulassen, die Schultern loszulassen, hatte da stark damit zu kämpfen, dass ich immer gedacht hab, dass mein Kopf dann unter Wasser geht und die erste Erfahrung war dann auch, wie dann alles Licht aus war und der Tank zu war, hatte ich für nen Moment mal nen richtigen Schreck: Jetzt bin ich hier begraben.

Sprecherin: Schweben ohne Panik ist eine Kunst die geübt sein will. Bloß wie? Manche Float-Fans meinen, dass es genügt, auf Kaffee zu verzichten. Manche schwören auf autogenes Training. Nachdem Martina dann doch noch den richtigen Schalter im Tank gefunden hat, hat sie es mit progressiver Muskelentspannung versucht. Muskeln anspannen, Muskeln locker lassen. Erst der Unterkiefer, dann die Stirn, dann der Nacken, dann die Wirbelsäule.....

Martina: Ich hatte oft den Eindruck, dass ich ja n Hohlkreuz so n bisschen, und dadurch hab ich dann gedacht, um dagegen zu steuern, dass ich mal die Beine anziehe - eben in dieser Embryonalhaltung, und dann bin ich beinahe kopfüber gegangen.

Sprecherin: Zum Glück nur beinahe. Und die Embryonalhaltung tat ihr Übriges. Seelig waberte Martina im Mutterleib.+

Martina: Es ist wirklich so n Film auf der Haut, das gibt einem tatsächlich, das hat so was Glitschiges, das gibt einem bisschen das Gefühl wirklich in so ner Hülle zu liegen. Und dadurch war bei mir der Impuls, du musst die Beine anziehen. Ich hätte es mir schön vorgestellt, wenn das Ei gestanden hätte, und man in der Hocke drin gewesen wäre. Und das war auch immer mein Bestreben in diese Position zu kommen. Das fand ich total schön, diesen glitschigen Film auf der Haut.

Sprecherin: Die Floating-Welle ist erst vor wenigen Jahren aus den USA nach Deutschland geschwappt. Sechs Float-Center sind mittlerweile in Berlin entstanden

Jörg Karst: Also ich kann sagen, dass unsre Klientel sehr gemischt ist. Da gibt's natürlich vorrangig die jüngeren Leute, die mal gucken wollen was das ist, da gibt's was Neues und die wollen sehen, was in Berlin hip ist. Aber ich kann auch sagen, dass alle Altersstufen uns besuchen und mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen an das Floating und die Floating-Sessions herangehen.

Sprecherin: Rückenverspannte Manager lassen sich ebenso gerne im Solewasser treiben wie prüfungsgestresste Studenten. Sportler visualisieren vor ihrem inneren Auge Bewegungsabläufe, um sich für's nächste Training fit zu machen. Und wer gerne ein paar Pfund abnehmen möchte, kann im Tank diese Botschaft seinem Unterbewusstsein suggerieren. Gefloatet wird mal mit Musik, mal mit Meeresrauschen, aber auch völlig abgeschottet von jedem Außenreiz. Die Isolations-Tanks haben sich zum Wellness-Vehikel für Körper und Geist gemausert. Dabei fing ihre Geschichte ganz anders an - und zwar mit einem wissenschaftlichen Experiment. Anfang der 50er Jahre bekam der kalifornische Arzt und Neuropsychologe John G. Lilly einen Auftrag vom National Institute of Mental Health. Lilly sollte herausfinden, wie das menschliche Gehirn reagiert, wenn ihm jeder Reiz entzogen wird. Benjamin Tochtermann ist Personalberater, Float-Fan und Lilly-Experte.

Benjamin Tochtermann: Also man hatte zwei Hypothesen, was passiert mit dem menschlichen Gehirn, wenn ich Reize entziehe, die erste Hypothese war, das Gehirn ist nicht überlebensfähig, wenn´s nicht stimuliert wird, da ist man sogar so weit gegangen, dass da Zellen absterben, oder dass man dann ins Koma fällt. Die zweite Hypothese, die Lilly vertreten hat, ist, dass das Gehirn selbstregulierend funktioniert, das heißt keine Stimulanz braucht, um aktiv zu sein, um zu leben.

Sprecherin: Um sein Hypothese zu überprüfen, entwickelte Lilly 1954 den ersten Isolationstank. Ganze Nächte verbrachte er in seinem selbstgebastelten Riesenei. Er fand seine Annahme bestätigt - und machte noch eine weitere Entdeckung: Zwei Stunden im Tank sind genauso erholsam wie eine ganze Nacht im Bett. 1957 bekundete das amerikanische Militär Interesse am Samadhi-Tank. Man munkelte von Gehirnwäscheexperimenten für Strafgefangene. Um unabhängig von staatlichen Organisationen zu sein, distanzierte Lilly sich vom National Institute of Mental Health und gründete sein eigenes Forschungslabor. Regelmäßig stieg er in den Isolationstank, warf ein bisschen LSD ein und begab sich auf Psychotrips. Für Lilly wurde der Tank das ideale Vehikel, um in sein tiefstes innerstes Selbst zu reisen. Seine Erfahrungen schrieb er in seinem Buch "im Zentrum des Zyklons" auf.

Benjamin Tochtermann: Was er beschreibt ist, dass er mit Bewusstsein konfrontiert ist, aber Bewusstsein oder Intelligenz, oder intelligenten Formen von Bewusstein außerhalb seiner selbst. Also sprich, er beschreibt die Begegnung mit Wesenheiten, deren Intelligenz größer ist als die seine, deren Bewusstheit umfassender ist als die seine, die ihn aufklären, dass sind auch biographische Daten, die diese Wesen parat haben und - ja - ne regelrechte Philosophie.

Sprecherin: "Im Bereich des Geistes gibt es keine Grenzen", proklamierte Lilly und löste in den 70er Jahren einen wahren Tank-Boom unter den Selbsterforschungs-Jüngern aus. Auch heute noch suhlt sich so manch einer gerne in der Salzlake, um sein Bewusstsein zu erweitern - zum Beispiel Werner Held.

Werner Held: Es ist so, als würde man in einer Masse liegen, dieses Salz ist ja schon leicht gelartig, das dann de Körper dann so n bisschen schluckt, das ist wie als würde man in so eine Marmelade reingezogen, und dann überlässt man irgendwann der Marmelade den Körper und macht stattdessen andere Dinge.

Sprecherin: Zum Beispiel, Kontakt zu Delfinen und anderen Meerestieren knüpfen. Natürlich nur auf spiritueller Ebene. Aber auch die hatte für Werner Held Folgen im realen Leben. Er stellte nicht nur fest, dass er sich immer häufiger im "Delfinlook" kleidete - also in grauen Pullovern und Hosen. Nein, er spürte auch ungeahnte Kräfte in sich aufsteigen.

Werner Held: Man wird zum Träger einergewissen Energie, die im alltäglichen Leben auch immer wieder erfordert wird. Delfine sozusagen, Freude am Spiel mit den Elementen. Es taucht so eine ursprüngliche Freude auf, das spielerische, Es taucht so eine sehr starke mitmenschliche Verbundenheit, oder mitfischliche Verbundenheit auf, die dieser Qualität, die dort bei den Delfinen gelebt wird, entspricht.

Sprecherin: Derartig prägende Begegnungen dürften den meisten Tank-Besuchern vorenthalten bleiben. Letztlich muss jeder selbst herausfinden, wofür er ein Bad im Samadhi-Tank nutzen kann, meint Benjamin Tochtermann. Für den Personalberater ist der Samadhi-Tank zum Think-Tank geworden.

Benjamin Tochtermann: Mir hat's sehr geholfen bei Netzwerkaufgaben. Ja, wenn Sie verschiedene Leute eingebunden haben in ne Thematik. Dann können Sie sich zum einen sehr viel besser reinversetzen in die verschiedenen Personen. Sie sehen aber auch viel, viel besser das ganze System. Sie sehen diese systemischen Aspekte viel klarer. Wer agiert wie in dem System. Man hat einfach so ne Art Vogelperspektive.

Sprecherin: Und Martina? Delfine sind ihr keine begegnet, Jobprobleme hat sie auch keine gewälzt und trotz Mutterleibsgefühl fühlt sie sich nicht so richtig entspannt. Und trotzdem will sie wieder in den Tank. Vor allem wegen der letzten Minuten.

Martina: Also dann setzt die Musik ein und das fand ich total schön, das war Klaviermusik, so ne ganz zarte Musik, das war was schönes, in dieses Nichts kam was ganz schönes, also für mich persönlich ist das auch was sehr schönes, aangenhme Musik zu hören, und da hab ich auch gedacht, das hätte jetzt noch so gehen können......

Bandansage: Ihre Floatsession neigt sich jetzt langsam dem Ende zu. Wir hoffen, Sie haben sich gut entspannen können. Sie können jetzt selbst von innen das Licht anmachen und den Tankdeckel öffnen. Wir möchten Sie bitten, den Tank dann von außen wieder zu schließen, bevor sie die Dusche benutzen. Übrigens - der Lichtschalter für die Dusche befindet sich unter der Handbrause. Genießen Sie jetzt noch einen Moment die Entspannung in Schwerelosigkeit.

zurück zum Textanfang {short description of image}