Monika Wimmer

Schwanger werden nur die Anderen

(Psychologie heute, Mai 2009)

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Androgene Subfertilität stand im Untersuchungsbericht. Unzureichende Spermienqualität, erklärte der Arzt. Als Sabine Weber das Ergebnis hörte, war sie zunächst schockiert - und dann fast ein wenig erleichtert. Endlich kannte sie den Grund dafür, dass das Kinderzimmer immer noch leer stand. Etwa 2 Millionen Paare in Deutschland sind unfreiwillig ohne Nachwuchs. Jede 6. bis 7. Ehe ist betroffen. Von ungewollter Kinderlosigkeit sprechen Mediziner dann, wenn der Kindersegen ausbleibt, obwohl die Partner ein bis zwei Jahre lang regelmäßig ungeschützt miteinander schlafen.

Sabine Weber und ihr Mann hatten schon mehrere Jahre lang vergeblich geübt, bevor sie sich in einem Kinderwunschzentrum untersuchen ließen. Der Reproduktionsmediziner machte Hoffnung, riet zur künstlichen Befruchtung. Die Webers seien jung und gesund und hätten somit die besten Chancen. Einen ganzen Monat lang dauerte das Prozedere: Bluttests, Ultraschalluntersuchung und Hormonspritzen. Nach zwei Wochen wurden die Eizellen im Reagenzglas befruchtet, zwei Tage später übertrugen die Ärzte zwei Embryonen in die Gebärmutter. Dann hieß es wieder zwei Wochen warten, bis Sabine Weber einen Schwangerschaftstest machen konnte. Das Ergebnis: Negativ. "Ich bin erst mal in ein schwarzes Loch gefallen", erinnert sich die heute 32-Jährige: "Zum ersten Mal habe ich mir die Frage gestellt: Was passiert, wenn wir tatsächlich niemals ein Kind bekommen?"

"Viele Paare geraten in eine existenzielle Krise, wenn sie merken, dass der Traum von der eigenen Familie sich vielleicht nicht erfüllt", sagt der Psychologe Tewes Wischmann von der Universität Heidelberg.. Wischmann berät seit fast 20 Jahren an Paare, die unter ungewollter Kinderlosigkeit leiden. Die Diagnose Unfruchtbarkeit kann die Psyche von Frauen genauso stark belasten wie eine Krebserkrankung, haben amerikanische Wissenschaftler festgestellt. "Aber auch die reproduktionsmedizinische Behandlung belastet viele unfruchtbare Paare", sagt Anke Rohde, Leiterin der Abteilung für Gynäkologische Psychosomatik am Universitätsklinikum Bonn. Sie war an einer Studie beteiligt, in der die Forscher 1.033 Frauen und Männer befragten, die sich gerade einer künstlichen Befruchtung unterzogen. Rohde fand heraus, dass je ein Drittel der Männer und Frauen überdurchschnittlich starke Symptome einer Depression zeigten. "Manche Kinderwunsch-Paare leiden unter Schuldgefühlen", erläutert Rohde. "Zum Beispiel, weil sie die Kinderfrage sehr lange hinaus geschoben haben, um berufliche Ziele zu verfolgen". Bei anderen gerät das Selbstvertrauen ins Wanken, weil sie das Gefühl haben, die Kontrolle über ihre Lebensplanung zu verlieren. Auch Männern und Frauen, die mit einem Kind ihre eigenen emotionale Bedürfnisse stillen wollen, neigen zu Depressionen. Das gilt zum Beispiel für Paare, die sich Kinder wünschen, um im Alter nicht allein zu sein. Genauso fällt es Menschen schwer mit ihrer Unfruchtbarkeit umzugehen, weil sie glauben, dass Kinder eben "einfach dazu gehören".

Dass Kinder heute mehr denn je zur gesellschaftlich erwünschten Norm erklärt werden, ist weder zu überhören noch zu übersehen. "Kinder sind Zukunft" propagierten zum Beispiel kürzlich alle Hörfunk- und Radiosender der ARD eine ganze Woche lang. Aber wie sieht die Zukunft der Männer und Frauen aus, die sich zwar sehnsüchtig ein Baby wünschen, jedoch keines bekommen können? Bis vor fast 30 Jahren Louise Brown, das erste Retortenbaby, geboren wurde, mussten sich die meisten Paare mit der Diagnose "unfruchtbar" abfinden. Heute verspricht die moderne Reproduktionsmedizin fast allen Rettung. Egal ob die Spermien zu langsam oder die Eileiter verklebt sind - es gibt kaum einen Befund, bei dem die Ärzte Paaren nicht trotzdem zu einem Kind verhelfen kann. Doch die Erfolgschancen dieser Therapien sind begrenzt. Bei einer Reagenzglasbefruchtung, werden pro Versuch gerade einmal etwa 25 Prozent der Frauen schwanger. Die Zahl der Lebendgeburten, die so genannte "Baby-Take-Home" - Rate, liegt noch niedriger. Nur 15 % der Frauen halten 9 Monate nach einer künstlichen Befruchtung ihr Baby im Arm. Solange die biologische Uhr der Frauen noch tickt und keine besonderen Komplikationen auftreten, lässt sich eine künstliche Befruchtung aus medizinischer Sicht beliebig oft wiederholen. Für die ersten drei Versuche übernehmen die Krankenkassen die Hälfte der Kosten. Jeder Versuch kostet ein Par dann zwischen 1000 und 2.000. Euro. Nach drei Behandlungszyklen werden etwa 40 % der Frauen Mütter. "Bis zu zwei Drittel aller Paare geben vorher auf", sagt Tewes Wischmann. "Meist, weil sie die seelischen, oder auch die finanziellen Belastungen nicht mehr tragen können".

"Irgendwann hat sich mein ganzes Leben nur noch um meinen Kinderwunsch gedreht", erzählt Sabine Weber. "Urlaub, Freizeit, Arbeit - alles haben wir nach meinem Eisprung und den Terminen in der Kinderwunschklinik geplant". Auch Sex gab es bei den Webers bald nur noch an Sabines fruchtbaren Tagen. Die Lust an diesem Pflichtprogramm ist den Beiden immer mehr vergangen. Gesprochen haben sie darüber kaum. In den Tagen, nachdem sie mit ihrem Mann geschlafen hatte, beobachtete Sabine ihren Körper immer besonders genau: Ein Ziehen im Kreuz, ein Ziepen im Unterleib - waren das Zeichen für eine Schwangerschaft? Doch dann kündigte sich jedes Mal wieder die Monatsblutung an.

Dass eine Kinderwunschbehandlung die Partnerschaft zumindest zeitweise beeinträchtigt, bestätigen auch mehrere Studien. "Bei bis zu 60 Prozent der Paare ist die Sexualität im Laufe einer reproduktionsmedizinischen Behandlung zumindest zeitweise gestört", sagt Tewes Wischmann. Doch die meisten Männer und Frauen reden nicht gerne über dieses Thema. Oft wird auch das Thema Kinderwunsch selbst zum Tabu. Vor allem Männern fällt es schwer, über ihre Gefühle zu sprechen. Die Frauen fühlen sich dann alleine gelassen und ziehen sich zurück. Manchmal vermeiden auch beide Partner über den fehlenden Nachwuchs zu sprechen, um die ohnehin strapazierte Beziehung nicht noch mehr zu belasten. Dabei sei es außerordentlich wichtig, im Gespräch zu bleiben, sagt Tewes Wischmann. "Um viele Fragen kommen die Paare ohnehin nicht herum", sagt der Psychologe:"Welchen Schritt gehen wir als Nächstes ? Brauchen wir eine Pause? Und vor allem: Wenn der Erfolg ausbleibt - wann verabschieden wir uns von der Idee, eine Familie zu werden?" Wischmann empfiehlt seinen Patienten, möglichst früh einen Therapiefahrplan zu entwickeln. Die Paare sollen sich im Vorfeld darüber einig sein, wie viele Versuche sie wagen wollen. Der Psychologe rät den Betrofffenen auch dazu, früh über die Möglichkeit eines Lebens ohne Kind nachzudenken. Denn nur dann könnten sie sich eines Tages vom Kinderwunsch verabschieden und neue Lebensperspektiven entwickeln.

Im Leben der Webers war Plan B nicht vorgesehen. Sie hatten jung geheiratet, ein Haus gebaut. "Zum Glück fehlte nur noch das Baby", erinnert sich Sabine. Doch während in der Nachbarschaft immer mehr Frauen stolz Kinderwägen vor sich her schoben, blieb das Babyzimmer leer. Vielen Ihrer Freunde und Bekannten hatten Sabine und ihr Mann von Anfang an erzählt, dass das Kinderkriegen ein Problem für sie geworden war. Die zeigten Verständnis - und dennoch fiel es ihnen schwer, sich in die Situation hinein zu versetzen. Sabine Weber erinnert sich noch gut an den Tag, als eine Bekannte mit dickem Bauch zu Besuch kam. Sie war fast sofort schwanger geworden, nachdem sie die Pille abgesetzt hatte. "Du musst Dich einfach nur entspannen", riet sie Sabine. "Dann klappt das bestimmt". Sabine bat sie, zu gehen.

Dass derartige Ratschläge kinderlose Paare kränken, findet Tewes Wischmann verständlich.. "Schließlich geben ihnen die wohl meinenden Freunde so die Schuld daran, dass der Kindersegen ausbleibt", sagt er. Der Einfluss der Psyche auf die Fruchtbarkeit werde stark über schätzt. Schließlich bekämen selbst Frauen in Kriegs- und Krisengebieten Kinder. Wenn der Kindersegen ausbliebe, läge das in den meisten Fällen an körperlichen Ursachen. Nichtsdestoweniger ist die Idee, dass seelische Blockaden eine Schwangerschaft verhindern, tief in den Köpfen verwurzelt. Grund dafür sind Theorien, die Psychoanalytiker seit den 50er Jahren verbreiteten. Gerne schrieben sie den Paaren, die "unbedingt" ein Kind wollten, einen krankhaft überwertigen Kinderwunsch zu. Auch eine krankhafte Persönlichkeit oder neurotische Konflikte dienten oft als Erklärung für den fehlenden Nachwuchs. So veröffentlichten Psychoanalytiker detailreiche Einzelfallstudien, in denen sie von kinderlosen Frauen berichteten, die eine Schwangerschaft unbewusst ablehnten - zum Beispiel, weil sie ein zwiespältiges Verhältnis zur eigenen Mutter hatten. Heute ist erwiesen, dass Kinderwunschpatienten keineswegs neurotischer sind als andere Menschen - weder was ihre Persönlichkeit oder die Qualität ihrer Partnerschaft angeht, noch was ihre Einstellung zur Sexualität betrifft. Von einer seelischen Blockade der Fruchtbarkeit spricht der Psychologe Wischman nur dann, wenn Paare ihre Chancen auf die ersehnte Schwangerschaft trotz besseren Wissens verringern. Manche geben zum Beispiel das Rauchen nicht auf. Andere können sich an den fruchtbaren Tagen der Frau nicht zum Geschlechtsverkehr aufraffen. Wieder andere schieben die aus medizinischer Sicht notwendige Kinderwunschbehandlung immer wieder hinaus. "Wer sich so verhält, sollte seinen Kinderwunsch auf alle Fälle noch einmal überdenken", rät Wischmann. "Vielleicht ist er doch nicht so eindeutig, wie das Paar glaubt." In aller Regel seien psychische Probleme eher die Folge als die Ursache ungewollter Kinderlosigkeit, betont Wischmann immer wieder. Viele Kinderwunschzentren arbeiten daher heute mit Psychologen zusammen. Die Therapeuten unterstützen die Kinderwunschpatienten zum Beispiel dabei, Schuldgefühle zu verringern oder andere Lebensperspektiven zu entwickeln. Und sie helfen ihnen, Ängste, Depressionen und Stress abzubauen, die im Laufe der Kinderwunschtherapie oft zunehmen. Manche Experten, wie die Bonner Psychiatrie-Professorin Anke Rohde, halten es für möglich, dass sich dadurch nicht nur das seelische Wohlbefinden, sondern auch die Chancen auf eine Schwangerschaft verbessern. Schließlich kann sich Stress ungünstig auf den Hormonhaushalt und damit auf die Fruchtbarkeit auswirken. Eine der wenigen Studien, die diese These belegen, stammt von der Psychologin Alice Domar am IVF-Zentrum des New England Deaconess Hospitals in Boston, USA. In einer Gruppentherapie lernten die Teilnehmerinnen Stress verursachende Gewohnheiten zu ändern und trainierten Entspannungstechniken. Das Ergebnis. Die Schwangerschaftsraten der Teilnehmerinnen lagen 15-25 % höher als die der Frauen in der Kontrollgruppe.

Sabine Weber hat in der Zeit ihrer Kinderwunschbehandlung keine psychologische Hilfe angenommen. Der Austausch mit anderen Betroffenen, die sie im Internet kennen gelernt hatte, genügte ihr. Nach der dritten Reagenzglasbefruchtung wurde sie tatsächlich schwanger. Nach mehreren Jahren des Hoffens und Bangens schien alles gut zu werden - doch dann erlitt sie eine Fehlgeburt. Den Traum vom eigenen Kind hat Sabine Weber danach endgültig begraben. Zu stark sei sie verletzt worden.

"Eine Fehlgeburt trifft Kinderwunschpatienten viel härter als Paare, die auf natürlichem Weg schwanger geworden sind", sagt der Heidelberger Psychologe Tewes Wischmann. Aber auch Männer und Frauen, die trotz aller Bemühungen niemals ein Baby erwartet haben, müssten Trauerarbeit leisten. Genau wie jeder andere Mensch, der etwa einen Angehörigen verliert oder eine Trennung verkraften muss. Doch wie verabschiedet man sich von einem Kind, das noch nicht einmal gezeugt wurde? "Unsere Gesellschaft sieht dafür keine Rituale vor", sagt Wischmann. Er rät den Paaren daher dazu, eigene Trauer-Rituale zu finden, um sich von ihrem Kinderwunsch zu verabschieden. Manche Frauen verschenkten zum Beispiel ihre letzten Hormonspritzen, andere Paare würden das leere Kinderzimmer in ein Gästezimmer umwandeln.

Auf lange Sicht sind kinderlose Menschen nicht unglücklicher als Menschen mit eigenem Nachwuchs. So lautet das Ergebnis einer Studie der Universität Freiburg sowie der Universität Jena. Die Psychologen hatten 424 Frauen und Männer zwischen 43 und 65 Jahren befragt - je zur Hälfte Kinderlose und Eltern. "Kinderlose Paare sind genauso glücklich und sozial eingebunden, sie sind nicht kränker oder gesünder, haben nicht mehr psychosomatische Störungen, depressive Verstimmungen oder andere Erkrankungen als andere", fasst Diplom-Psychologin Karla Ningel von der Friedrich-Schiller-Universität Jena zusammen. Der entscheidende Schritt für eine erfolgreiche psychische Bewältigung von Kinderlosigkeit sei es, alternative Lebenskonzepte zu entwickeln, sagt Projektleiter Bernhard Strauß. Für manche Paare bedeutet das, ein Kind zu adoptieren. Andere gehen Hobbys nach, auf die sie mit Familie verzichten würden. Wieder andere machten die Partnerschaft zu ihrem gemeinsam "Kind".

Sabine Webers Ehe war nicht mehr zu retten. Der Kinderwunsch hatte so viel Raum eingenommen, dass die Beziehung auf der Strecke geblieben war. Nachdem sie ihr ungeborenes Kind verloren hatte, geriet sie in eine tiefe Depression. Das Gefühl, versagt zu haben wurde immer stärker. Sie entschloss sich zu einer Psychotherapie. "Zum ersten Mal habe ich mich gefragt, was mir außer einem Kind wichtig ist im Leben", erzählt sie. Heute lebt Sabine Weber ein neues Leben mit ihrem neuen Freund. Ein Mann, mit dem sie über alles reden kann. Am Wochenende verbringt sie oft auch Zeit mit dessen Tochter aus erster Ehe. Weitere Kinder will er nicht. Aber das ist für Sabine nicht entscheidend. Heute stellt sie eine funktionierende Partnerschaft über den Wunsch nach einem Kind. "Das Leben lässt sich nicht so steuern und planen wie man will", sagt sie.

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