Androgene Subfertilität stand im Untersuchungsbericht.
Unzureichende Spermienqualität, erklärte der Arzt. Als
Sabine Weber das Ergebnis hörte, war sie zunächst
schockiert - und dann fast ein wenig erleichtert. Endlich kannte sie
den Grund dafür, dass das Kinderzimmer immer noch leer stand.
Etwa 2 Millionen Paare in Deutschland sind unfreiwillig ohne
Nachwuchs. Jede 6. bis 7. Ehe ist betroffen. Von ungewollter
Kinderlosigkeit sprechen Mediziner dann, wenn der Kindersegen
ausbleibt, obwohl die Partner ein bis zwei Jahre lang regelmäßig
ungeschützt miteinander schlafen.
Sabine Weber und ihr Mann hatten schon mehrere Jahre lang
vergeblich geübt, bevor sie sich in einem Kinderwunschzentrum
untersuchen ließen. Der Reproduktionsmediziner machte
Hoffnung, riet zur künstlichen Befruchtung. Die Webers seien
jung und gesund und hätten somit die besten Chancen. Einen
ganzen Monat lang dauerte das Prozedere: Bluttests,
Ultraschalluntersuchung und Hormonspritzen. Nach zwei Wochen wurden
die Eizellen im Reagenzglas befruchtet, zwei Tage später übertrugen
die Ärzte zwei Embryonen in die Gebärmutter. Dann hieß
es wieder zwei Wochen warten, bis Sabine Weber einen
Schwangerschaftstest machen konnte. Das Ergebnis: Negativ. "Ich
bin erst mal in ein schwarzes Loch gefallen", erinnert sich die
heute 32-Jährige: "Zum ersten Mal habe ich mir die Frage
gestellt: Was passiert, wenn wir tatsächlich niemals ein Kind
bekommen?"
"Viele Paare geraten in eine existenzielle Krise, wenn sie
merken, dass der Traum von der eigenen Familie sich vielleicht nicht
erfüllt", sagt der Psychologe Tewes Wischmann von der
Universität Heidelberg.. Wischmann berät seit fast 20
Jahren an Paare, die unter ungewollter Kinderlosigkeit leiden. Die
Diagnose Unfruchtbarkeit kann die Psyche von Frauen genauso stark
belasten wie eine Krebserkrankung, haben amerikanische
Wissenschaftler festgestellt. "Aber auch die
reproduktionsmedizinische Behandlung belastet viele unfruchtbare
Paare", sagt Anke Rohde, Leiterin der Abteilung für Gynäkologische
Psychosomatik am Universitätsklinikum Bonn. Sie war an einer
Studie beteiligt, in der die Forscher 1.033 Frauen und Männer
befragten, die sich gerade einer künstlichen Befruchtung
unterzogen. Rohde fand heraus, dass je ein Drittel der Männer
und Frauen überdurchschnittlich starke Symptome einer
Depression zeigten. "Manche Kinderwunsch-Paare leiden unter
Schuldgefühlen", erläutert Rohde. "Zum Beispiel,
weil sie die Kinderfrage sehr lange hinaus geschoben haben, um
berufliche Ziele zu verfolgen". Bei anderen gerät das
Selbstvertrauen ins Wanken, weil sie das Gefühl haben, die
Kontrolle über ihre Lebensplanung zu verlieren. Auch Männern
und Frauen, die mit einem Kind ihre eigenen emotionale Bedürfnisse
stillen wollen, neigen zu Depressionen. Das gilt zum Beispiel für
Paare, die sich Kinder wünschen, um im Alter nicht allein zu
sein. Genauso fällt es Menschen schwer mit ihrer
Unfruchtbarkeit umzugehen, weil sie glauben, dass Kinder eben "einfach
dazu gehören".
Dass Kinder heute mehr denn je zur gesellschaftlich erwünschten
Norm erklärt werden, ist weder zu überhören noch zu übersehen.
"Kinder sind Zukunft" propagierten zum Beispiel kürzlich
alle Hörfunk- und Radiosender der ARD eine ganze Woche lang.
Aber wie sieht die Zukunft der Männer und Frauen aus, die sich
zwar sehnsüchtig ein Baby wünschen, jedoch keines bekommen
können? Bis vor fast 30 Jahren Louise Brown, das erste
Retortenbaby, geboren wurde, mussten sich die meisten Paare mit der
Diagnose "unfruchtbar" abfinden. Heute verspricht die
moderne Reproduktionsmedizin fast allen Rettung. Egal ob die
Spermien zu langsam oder die Eileiter verklebt sind - es gibt kaum
einen Befund, bei dem die Ärzte Paaren nicht trotzdem zu einem
Kind verhelfen kann. Doch die Erfolgschancen dieser Therapien sind
begrenzt. Bei einer Reagenzglasbefruchtung, werden pro Versuch
gerade einmal etwa 25 Prozent der Frauen schwanger. Die Zahl der
Lebendgeburten, die so genannte "Baby-Take-Home" - Rate,
liegt noch niedriger. Nur 15 % der Frauen halten 9 Monate nach einer
künstlichen Befruchtung ihr Baby im Arm. Solange die
biologische Uhr der Frauen noch tickt und keine besonderen
Komplikationen auftreten, lässt sich eine künstliche
Befruchtung aus medizinischer Sicht beliebig oft wiederholen. Für
die ersten drei Versuche übernehmen die Krankenkassen die Hälfte
der Kosten. Jeder Versuch kostet ein Par dann zwischen 1000 und
2.000. Euro. Nach drei Behandlungszyklen werden etwa 40 % der Frauen
Mütter. "Bis zu zwei Drittel aller Paare geben vorher auf",
sagt Tewes Wischmann. "Meist, weil sie die seelischen, oder
auch die finanziellen Belastungen nicht mehr tragen können".
"Irgendwann hat sich mein ganzes Leben nur noch um meinen
Kinderwunsch gedreht", erzählt Sabine Weber. "Urlaub,
Freizeit, Arbeit - alles haben wir nach meinem Eisprung und den
Terminen in der Kinderwunschklinik geplant". Auch Sex gab es
bei den Webers bald nur noch an Sabines fruchtbaren Tagen. Die Lust
an diesem Pflichtprogramm ist den Beiden immer mehr vergangen.
Gesprochen haben sie darüber kaum. In den Tagen, nachdem sie
mit ihrem Mann geschlafen hatte, beobachtete Sabine ihren Körper
immer besonders genau: Ein Ziehen im Kreuz, ein Ziepen im Unterleib
- waren das Zeichen für eine Schwangerschaft? Doch dann kündigte
sich jedes Mal wieder die Monatsblutung an.
Dass eine Kinderwunschbehandlung die Partnerschaft zumindest
zeitweise beeinträchtigt, bestätigen auch mehrere Studien.
"Bei bis zu 60 Prozent der Paare ist die Sexualität im
Laufe einer reproduktionsmedizinischen Behandlung zumindest
zeitweise gestört", sagt Tewes Wischmann. Doch die meisten
Männer und Frauen reden nicht gerne über dieses Thema. Oft
wird auch das Thema Kinderwunsch selbst zum Tabu. Vor allem Männern
fällt es schwer, über ihre Gefühle zu sprechen. Die
Frauen fühlen sich dann alleine gelassen und ziehen sich zurück.
Manchmal vermeiden auch beide Partner über den fehlenden
Nachwuchs zu sprechen, um die ohnehin strapazierte Beziehung nicht
noch mehr zu belasten. Dabei sei es außerordentlich wichtig,
im Gespräch zu bleiben, sagt Tewes Wischmann. "Um viele
Fragen kommen die Paare ohnehin nicht herum", sagt der
Psychologe:"Welchen Schritt gehen wir als Nächstes ?
Brauchen wir eine Pause? Und vor allem: Wenn der Erfolg ausbleibt -
wann verabschieden wir uns von der Idee, eine Familie zu werden?"
Wischmann empfiehlt seinen Patienten, möglichst früh einen
Therapiefahrplan zu entwickeln. Die Paare sollen sich im Vorfeld darüber
einig sein, wie viele Versuche sie wagen wollen. Der Psychologe rät
den Betrofffenen auch dazu, früh über die Möglichkeit
eines Lebens ohne Kind nachzudenken. Denn nur dann könnten sie
sich eines Tages vom Kinderwunsch verabschieden und neue
Lebensperspektiven entwickeln.
Im Leben der Webers war Plan B nicht vorgesehen. Sie hatten jung
geheiratet, ein Haus gebaut. "Zum Glück fehlte nur noch
das Baby", erinnert sich Sabine. Doch während in der
Nachbarschaft immer mehr Frauen stolz Kinderwägen vor sich her
schoben, blieb das Babyzimmer leer. Vielen Ihrer Freunde und
Bekannten hatten Sabine und ihr Mann von Anfang an erzählt,
dass das Kinderkriegen ein Problem für sie geworden war. Die
zeigten Verständnis - und dennoch fiel es ihnen schwer, sich in
die Situation hinein zu versetzen. Sabine Weber erinnert sich noch
gut an den Tag, als eine Bekannte mit dickem Bauch zu Besuch kam.
Sie war fast sofort schwanger geworden, nachdem sie die Pille
abgesetzt hatte. "Du musst Dich einfach nur entspannen",
riet sie Sabine. "Dann klappt das bestimmt". Sabine bat
sie, zu gehen.
Dass derartige Ratschläge kinderlose Paare kränken,
findet Tewes Wischmann verständlich.. "Schließlich
geben ihnen die wohl meinenden Freunde so die Schuld daran, dass der
Kindersegen ausbleibt", sagt er. Der Einfluss der Psyche auf
die Fruchtbarkeit werde stark über schätzt. Schließlich
bekämen selbst Frauen in Kriegs- und Krisengebieten Kinder.
Wenn der Kindersegen ausbliebe, läge das in den meisten Fällen
an körperlichen Ursachen. Nichtsdestoweniger ist die Idee, dass
seelische Blockaden eine Schwangerschaft verhindern, tief in den Köpfen
verwurzelt. Grund dafür sind Theorien, die Psychoanalytiker
seit den 50er Jahren verbreiteten. Gerne schrieben sie den Paaren,
die "unbedingt" ein Kind wollten, einen krankhaft überwertigen
Kinderwunsch zu. Auch eine krankhafte Persönlichkeit oder
neurotische Konflikte dienten oft als Erklärung für den
fehlenden Nachwuchs. So veröffentlichten Psychoanalytiker
detailreiche Einzelfallstudien, in denen sie von kinderlosen Frauen
berichteten, die eine Schwangerschaft unbewusst ablehnten - zum
Beispiel, weil sie ein zwiespältiges Verhältnis zur
eigenen Mutter hatten. Heute ist erwiesen, dass
Kinderwunschpatienten keineswegs neurotischer sind als andere
Menschen - weder was ihre Persönlichkeit oder die Qualität
ihrer Partnerschaft angeht, noch was ihre Einstellung zur Sexualität
betrifft. Von einer seelischen Blockade der Fruchtbarkeit spricht
der Psychologe Wischman nur dann, wenn Paare ihre Chancen auf die
ersehnte Schwangerschaft trotz besseren Wissens verringern. Manche
geben zum Beispiel das Rauchen nicht auf. Andere können sich an
den fruchtbaren Tagen der Frau nicht zum Geschlechtsverkehr
aufraffen. Wieder andere schieben die aus medizinischer Sicht
notwendige Kinderwunschbehandlung immer wieder hinaus. "Wer
sich so verhält, sollte seinen Kinderwunsch auf alle Fälle
noch einmal überdenken", rät Wischmann. "Vielleicht
ist er doch nicht so eindeutig, wie das Paar glaubt." In aller
Regel seien psychische Probleme eher die Folge als die Ursache
ungewollter Kinderlosigkeit, betont Wischmann immer wieder. Viele
Kinderwunschzentren arbeiten daher heute mit Psychologen zusammen.
Die Therapeuten unterstützen die Kinderwunschpatienten zum
Beispiel dabei, Schuldgefühle zu verringern oder andere
Lebensperspektiven zu entwickeln. Und sie helfen ihnen, Ängste,
Depressionen und Stress abzubauen, die im Laufe der
Kinderwunschtherapie oft zunehmen. Manche Experten, wie die Bonner
Psychiatrie-Professorin Anke Rohde, halten es für möglich,
dass sich dadurch nicht nur das seelische Wohlbefinden, sondern auch
die Chancen auf eine Schwangerschaft verbessern. Schließlich
kann sich Stress ungünstig auf den Hormonhaushalt und damit auf
die Fruchtbarkeit auswirken. Eine der wenigen Studien, die diese
These belegen, stammt von der Psychologin Alice Domar am IVF-Zentrum
des New England Deaconess Hospitals in Boston, USA. In einer
Gruppentherapie lernten die Teilnehmerinnen Stress verursachende
Gewohnheiten zu ändern und trainierten Entspannungstechniken.
Das Ergebnis. Die Schwangerschaftsraten der Teilnehmerinnen lagen
15-25 % höher als die der Frauen in der Kontrollgruppe.
Sabine Weber hat in der Zeit ihrer Kinderwunschbehandlung keine
psychologische Hilfe angenommen. Der Austausch mit anderen
Betroffenen, die sie im Internet kennen gelernt hatte, genügte
ihr. Nach der dritten Reagenzglasbefruchtung wurde sie tatsächlich
schwanger. Nach mehreren Jahren des Hoffens und Bangens schien alles
gut zu werden - doch dann erlitt sie eine Fehlgeburt. Den Traum vom
eigenen Kind hat Sabine Weber danach endgültig begraben. Zu
stark sei sie verletzt worden.
"Eine Fehlgeburt trifft Kinderwunschpatienten viel härter
als Paare, die auf natürlichem Weg schwanger geworden sind",
sagt der Heidelberger Psychologe Tewes Wischmann. Aber auch Männer
und Frauen, die trotz aller Bemühungen niemals ein Baby
erwartet haben, müssten Trauerarbeit leisten. Genau wie jeder
andere Mensch, der etwa einen Angehörigen verliert oder eine
Trennung verkraften muss. Doch wie verabschiedet man sich von einem
Kind, das noch nicht einmal gezeugt wurde? "Unsere Gesellschaft
sieht dafür keine Rituale vor", sagt Wischmann. Er rät
den Paaren daher dazu, eigene Trauer-Rituale zu finden, um sich von
ihrem Kinderwunsch zu verabschieden. Manche Frauen verschenkten zum
Beispiel ihre letzten Hormonspritzen, andere Paare würden das
leere Kinderzimmer in ein Gästezimmer umwandeln.
Auf lange Sicht sind kinderlose Menschen nicht unglücklicher
als Menschen mit eigenem Nachwuchs. So lautet das Ergebnis einer
Studie der Universität Freiburg sowie der Universität
Jena. Die Psychologen hatten 424 Frauen und Männer zwischen 43
und 65 Jahren befragt - je zur Hälfte Kinderlose und Eltern. "Kinderlose
Paare sind genauso glücklich und sozial eingebunden, sie sind
nicht kränker oder gesünder, haben nicht mehr
psychosomatische Störungen, depressive Verstimmungen oder
andere Erkrankungen als andere", fasst Diplom-Psychologin Karla
Ningel von der Friedrich-Schiller-Universität Jena zusammen.
Der entscheidende Schritt für eine erfolgreiche psychische Bewältigung
von Kinderlosigkeit sei es, alternative Lebenskonzepte zu
entwickeln, sagt Projektleiter Bernhard Strauß. Für
manche Paare bedeutet das, ein Kind zu adoptieren. Andere gehen
Hobbys nach, auf die sie mit Familie verzichten würden. Wieder
andere machten die Partnerschaft zu ihrem gemeinsam "Kind".
Sabine Webers Ehe war nicht mehr zu retten. Der Kinderwunsch hatte
so viel Raum eingenommen, dass die Beziehung auf der Strecke
geblieben war. Nachdem sie ihr ungeborenes Kind verloren hatte,
geriet sie in eine tiefe Depression. Das Gefühl, versagt zu
haben wurde immer stärker. Sie entschloss sich zu einer
Psychotherapie. "Zum ersten Mal habe ich mich gefragt, was mir
außer einem Kind wichtig ist im Leben", erzählt sie.
Heute lebt Sabine Weber ein neues Leben mit ihrem neuen Freund. Ein
Mann, mit dem sie über alles reden kann. Am Wochenende
verbringt sie oft auch Zeit mit dessen Tochter aus erster Ehe.
Weitere Kinder will er nicht. Aber das ist für Sabine nicht
entscheidend. Heute stellt sie eine funktionierende Partnerschaft über
den Wunsch nach einem Kind. "Das Leben lässt sich nicht so
steuern und planen wie man will", sagt sie.
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