Sie wirkt etwas melancholisch und zerbrechlich. Doch das täuscht. Niemand schreibt so gnadenlos über die Abgründe der Liebe wie Zeruya Shalev. Jetzt wurde ihr Bestseller "Liebesleben" verfilmt.
Interview: Paola Carega
annabelle: Zeruya Shalev, warum finden Frau und Mann in Ihren Büchern nicht zusammen?
Zeruya Shalev: Weil das Zusammenleben so schwierig ist. Wir streben nach Zweisamkeit, bleiben aber Individuen. Letztlich ist jeder Mensch alleine.
annabelle: Das hört sich deprimierend an.
Zeruya Shalev: Ja.
annabelle: Glauben Sie denn gar nicht an die glückliche Liebe?
Zeruya Shalev: Ich glaube an glückliche Momente. Aber als Schriftstellerin interessiert mich die Vielschichtigkeit einer Liebesbeziehung - die Fragen, die eine Beziehung aufwerfen kann. Der Zustand des Glücks interessiert mich nicht so sehr, denn Glück stellt keine Fragen.
annabelle: Wenn Sie die Abgründe der Liebe schildern, lässt man sich als Leserin auf eine intensive Gefühlswelt ein. Woher kommt diese Intensität?
Zeruya Shalev: Ich schreibe zwar nicht über mich, aber meine Erfahrungen als Ehefrau und Mutter fliessen in die Arbeit ein. Alles was ich zu Papier bringe, ist bereits in mir vorhanden. Manchmal komme ich mir wie ein Medium vor, das Stimmen hört und diese zu Papier bringt. Vor allem beim ersten Entwurf passiert es häufig, dass ich in eine träumerische Konzentration falle und stundenlang ununterbrochen schreibe. Es ist ein merkwürdiger Zustand, aber ein sehr schöner, intensiver.
annabelle: Sie leben in Jerusalem. Wie wirkt sich der Krieg zwischen Israel und Palästina auf Ihr Leben und Ihr Schreiben aus?
Zeruya Shalev: Der Krieg ist eine ständige Bedrohung. Als ich Anfang der 90er-Jahre "Liebesleben" schrieb, war es relativ ruhig. Im Herbst 2000 fing die zweite Intifada an. In solchen Zeiten ist die Gefahr in Jerusalem sehr real. Ich versuche dann jeweils, das Grauen zu verdrängen und ein Stück Normalität zu wahren. Wenn ich schreibe, blende ich den Krieg total aus.
annabelle: Wie schützen Sie sich und Ihre Familie?
Zeruya Shalev: Wenn die Gefahr eines Anschlags konkret ist, bleiben wir zu Hause. Zu den intensivsten Zeiten der Intifada durften meine beiden Kinder für zwei Monate nicht in die Schule. Ab und zu habe ich meiner Tochter erlaubt, ins Café zu gehen, unter der Bedingung, dass sie sich ins Lokal reinsetzt - die Plätze draussen galten als gefährlicher. Bis die erste Bombe in einem Café drin explodiert ist. So geht es immer: Etwas gilt als relativ sicher, und dann entpuppt sich auch das als Illusion. Es kann einen fast verrückt machen, jeden Morgen neu entscheiden zu müssen, was gefährlich ist und was nicht - und es letztlich nie wirklich zu wissen. Im Moment ist in Jerusalem die Gefahr eines Anschlags zum Glück weniger konkret.
annabelle: Haben Sie jemals daran gedacht auszuwandern?
Zeruya Shalev: Das ist keine Option für mich. Trotz allen Schwierigkeiten lebe ich gern in Jerusalem. Meine Großeltern kamen aus Polen und Russland, um dieses Land aufzubauen. Als ihre Enkelin bin ich ein Stück weit dafür verantwortlich, dass Israel weiter existiert.
annabelle: Während den Dreharbeiten zu "Liebesleben" wurden Sie selbst Opfer eines Selbstmordattentats.
Zeruya Shalev: Ich hatte grosses Glück. In einem vorbeifahrenden Bus explodierte eine Bombe, und ich wurde von umher fliegenden Splittern verletzt. Nachdem die Verletzungen abgeheilt waren, war ich noch längere Zeit krank und depressiv. Ich wünschte mir, nie wieder einen Bus sehen zu müssen. Es war schwer, in den Alltag zurückzufinden. Ein halbes Jahr konnte ich kein Wort schreiben, weil ich meine ganze Kraft brauchte, um mich vom Erlebten zu befreien.
annabelle: Hat das Attentat Ihre politischen Ansichten verändert?
Zeruya Shalev: Nein, ich bin in meiner politischen Einstellung gemässigt geblieben.
annabelle: Die deutsche Schauspielerin Maria Schrader führt in "Liebesleben" erstmals Regie. Warum haben Sie sich bei der Verfilmung für sie entschieden?
Zeruya Shalev: Das geschah sehr spontan und intuitiv. Auf unserer gemeinsamen Lesereise vor einigen Jahren sind Maria und ich enge Freundinnen geworden. Ich war sehr beeindruckt, mit welcher Hingabe sie den deutschen Text von "Liebesleben" las.
annabelle: Hatten Sie keine Bedenken, weil Maria Schrader eine Deutsche ist?
Zeruya Shalev: Die Nähe zwischen uns spielt eine viel grössere Rolle als unsere Nationalität. Es war für mich trotzdem wichtig, dass Maria eine positive Einstellung gegenüber dem Judentum hat.
annabelle: Hat sich dadurch Ihr Verhältnis zu Deutschland verändert?
Zeruya Shalev: Das hat sich schon früher verändert: Als ich Deutschland das erste Mal besuchte, habe ich mich sehr unwohl gefühlt, alles schien mir bedeutungsschwer und mit der Vergangenheit verbunden. Inzwischen habe ich in Deutschland enge Freunde gefunden und festgestellt, dass viele Deutsche mehr Verständnis für die jüdische Geschichte haben als andere Europäer.
annabelle: Haben Sie sich gefreut, als Sie erfuhren, dass der Film in Israel gedreht wird?
Zeruya Shalev: Zuerst war ich gar nicht glücklich darüber. Ich befürchtete, dass sich Bilder von Israel in den Vordergrund drängen würden. In meinen Büchern wird der Krieg ja nie direkt thematisiert, man spürt die Wirklichkeit vielmehr im Hintergrund. Das wollte ich bewahren.
annabelle: Sie selbst spielen im Film auch eine kleine Rolle.
Zeruya Shalev: Ja, Maria bot mir das an. Ich bin ganz kurz zu sehen, als Bibliothekarin in der Universität. Das war die einzige Rolle, die ich mir vorstellen konnte, weil ich als Studentin in der Uni-Bibliothek in Jerusalem gearbeitet habe. Genau der gleiche Ort, der auch im Film vorkommt.
Box: Liebesforscherin
Zeruya Shalev, 48, wurde in einem Kibbuz in Galiläa geboren. Sie ist die Tochter einer Malerin und Kunstdozentin und eines Literaturkritikers. Zudem ist sie die Cousine des Schriftstellers Meir Shalev. Nach ihrer Militärzeit studierte sie Bibelwissenschaften und arbeitet heute als Schriftstellerin und Lektorin. Zeruya Shalev ist in dritter Ehe mit dem Schriftsteller Eyal Megged verheiratet und lebt mit ihren zwei Kindern in Jerusalem. 2004 überlebte sie nur knapp ein Selbstmordattentat, als ein Mann vor ihren Augen einen Bus in die Luft sprengte. Der internationale Durchbruch gelang Zeruya Shalev mit "Liebesleben", dem ersten Band ihrer Romantrilogie über die moderne Liebe, der 2000 auf Deutsch erschien. Darin beschreibt sie eine junge Frau, die der Anziehungskraft eines älteren Mannes verfällt und für diese obsessive Amour fou Ehe und Karriere aufs Spiel setzt.
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