Religiöser Fundamentalismus findet unter Muslimen in Deutschland bislang wenig Anklang. Migrationsexperten stellen jedoch bei Einwanderern der zweiten und dritten Generation wachsenden Nationalismus oder einen Rückzug in die Religion fest.
"Sehitlik" ist türkisch und bedeutet "Friedhof für diejenigen, die den heiligen Tod gestorben sind. Damit sind zum Beispiel Kinder gemeint, die früh ihr Leben verloren haben. "Sehitlik" ist auch der Name der grössten Moschee in Berlin. Der Bau im osmanischen Stil mit der grossen Kuppel und den Minaretten im Arbeiter- und Migrantenbezirk Neukölln ist ein Symbol für ein erstarkendes Selbstbewusstsein der Berliner Muslime, die sich zunehmend als ganz normaler Teil der deutschen Gesellschaft verstehen. Mehr als 120 Moscheen und Versammlungsräume gibt es heute für die rund 230'000 Muslime der Stadt. Für Aussenstehende sind sie meistens nicht zu erkennen: Gebetet wird in Privathäusern, stillgelegten Fabriken und in Hinterhöfen. Das soll sich jetzt ändern. Derzeit entstehen gleich in mehreren Bezirken repräsentative islamische Gotteshäuser, finanziert durch Spenden der Berliner Muslime. Nicht allen Deutschen gefällt diese Entwicklung. "An Moscheebauten manifestieren sich Ängste und Vorurteile gegenüber den Muslimen", sagt Günter Piening, Berliner Senatsbeauftragter für Integration und Migration. Viele Berliner befürchteten, dass hinter einer neuen Moschee demokratiefeindliche islamistische Organisationen stünden - Bedenken, für die sowohl Piening als auch die Sicherheitsbehörden bislang keinerlei Anhaltspunkte haben. Konflikte mit muslimischen Einwanderern, etwa das Problem von Zwangsehen, würden vorschnell der Religion zugeschrieben, so der Integrationsbeauftragte weiter. Der kulturelle Hintergrund der Migranten, nämlich dass die meisten Zuwanderer aus ländlichen Gebieten mit starken Stammestraditionen stammen, also stark konservativ geprägt sind, werde oftmals übersehen.
Multikulti und Vorurteile
Die überwiegende Mehrheit der islamischen Bevölkerung in Deutschland lebt unauffällig und kann mit religiösem Fanatismus nichts anfangen. Islamistische Bewegungen haben weit weniger Zulauf als in manchen anderen europäischen Ländern. Das bestätigt Burhan Kesici, Vizepräsident der Islamischen Föderation Berlin, dem Dachverband zahlreicher islamischer Vereine. "Fundamentalistische Propaganda findet keinen Nährboden, weil sich die Mehrheit der Muslime in Deutschland wohl fühlt, es ist ihre Heimat geworden", so Kesici.
In den 60er-Jahren kamen die ersten muslimischen Einwanderer aus der Türkei, um das deutsche Wirtschaftswunder in Schwung zu halten. Das Bild des Gastarbeiters, der irgendwann wieder in sein Heimatland zurückkehren würde, prägte bis weit in die 80er-Jahre die Ausländerpolitik: Deutschland wollte nicht wahrhaben, dass es längst ein Zuwanderungsland war. Die Migranten blieben und haben ihre Familien nachgeholt, inzwischen wächst die vierte Generation muslimischer Mitbürger heran. Doch bis heute fehlen schlüssige Konzepte für eine Integrationspolitik. "Heiraten wir Deutsche, durchrassen wir sie, heiraten wir Türken, überfremden wir Deutschland. Engagieren wir uns politisch, unterwandern wir Parteien, tun wir es nicht, sind wir nicht integriert. Kopftücher in Putzkolonnen und Fabriken stören niemanden, in der Schule werden sie zum Ärgernis", brachte es Mustafa Yoldas, Vorsitzender des Rats der islamischer Gemeinden in Hamburg, einmal polemisch auf den Punkt. Auf die wachsende Islamophobie in der westlichen Gesellschaft reagieren Politiker mit so unglücklichen Vorstössen wie die Forderung nach einem Demokratietest für einbürgerungswillige Muslime, wie ihn Baden-Württemberg seit kurzem kennt. Für die in Deutschland geborenen Türken, die deutsche Schulen besucht haben, ein Schlag ins Gesicht. Nicht weniger hilflos ist es, wenn man - wie insbesondere in Berlin - eine friedliche "Multikulti"-Gesellschaft heraufbeschwört, ohne jedoch deren Folgen in Kauf nehmen zu wollen. So ging kürzlich ein Aufschrei durch die lokalen Medien, als bekannt wurde, dass in Kreuzberg das deutschlandweit erste Pflegeheim für türkische Senioren entstehen soll.
Frust und Rückzug
Die soziale Ausgrenzung, wie sie Muslime in Deutschland erleben, birgt Zündstoff. Jugendliche erleben die Zurückweisung verstärkt, nämlich durch die Situation auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt: 40 Prozent der türkischstämmigen Schulabgänger finden keinen Ausbildungsplatz; in Berlin verlässt ein Viertel aller Migrantenkinder ohne Abschluss die Schule, nur acht Prozent machen Abitur. "Deutschland ist ihre Heimat. Doch aus Frust ziehen sich die Jugendlichen aus der Mehrheitsgesellschaft zurück", sagt Martha Galvis de Janzer, Co-Leiterin des Jugendclubs Manege in Neukölln, einem Treffpunkt vornehmlich von Jugendlichen türkischer und arabischer Herkunft. Ihre ungewisse Zukunft mache junge Muslime leicht manipulierbar. Viele identifizierten sich mit dem Islam, ohne wirklich gläubig zu sein, so Galvis de Janzer. Mit dieser Beobachtung steht die Jugendclub-Leiterin nicht alleine da.
Migrationsexperten stellen fest, dass die Religion bei Einwanderern der zweiten und dritten Generation eine starke Anziehungskraft ausübt. Je grösser dabei der Frust und das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden, desto eher sehnten sich die Jugendlichen nach demonstrativer Stärke und glaubten an eine Überlegenheit des Islam. Junge Türken, die eher laizistisch gesinnt sind, neigten zu einem übersteigerten Nationalismus und zu einer antiwestlichen Haltung. Von Parallelgesellschaften mag man zwar noch nicht reden, und von Zuständen wie sie letzten Sommer in Frankreichs Vorstädten herrschten, ist man in Deutschland weit entfernt. Dass der Rückzug in die Religion verbunden mit einer antidemokratischen Haltung junger Muslime eine alarmierende Entwicklung ist, darin ist man sich indes einig.
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