Paola Carega

Lungenoperation im Mutterleib

Berliner Zeitung, 30. Oktober 2007

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Wenn die Fruchtblase früh in der Schwangerschaft platzt, gibt es kaum Hoffnung für das Kind. Bonner Ärzte wagten einen rettenden Eingriff.

Lori H. war in der 20. Woche schwanger als es passierte: Die Fruchtblase platzte; Blasensprung heisst diese Komplikation im Fachjargon. Normalerweise leiten Ärzte in einem solchen Fall einen Schwangerschaftsabbruch ein. Denn zum einen drohen lebensgefährliche Infektionen, da das Ungeborene nicht mehr geschützt ist vor Keimen. Zum anderen wird das Kind ohne das schützende Fruchtwasser stark eingeengt, die Organe drücken auf die kindliche Lunge und verhindern, dass sie weiter wachsen kann. Eine unterentwickelte Lunge aber kann das Blut nicht mit Sauerstoff anreichern. Jedes zweite Kind stirbt nach der Geburt. Am Deutschen Zentrum für Fetalchirurgie und minimal-invasive Therapie (DZFT) des Universitätsklinikums Bonn wagten Mediziner um Thomas Kohl nun weltweit das erste Mal einen vorgeburtlichen Eingriff nach einem Blasensprung, um das Lungenwachstum des Fetus künstlich anzuregen. Wie die Forscher jetzt im Fachmagazin "Fetal Diagnosis and Therapy" berichten, glückte der Eingriff. Die im Mutterleib operierte Miriam ist inzwischen ein Jahr alt und kerngesund.

Die Operationstechnik, die Kohl und sein Team anwandten, ist nicht neu: Durch die Bauchdecke der Mutter führten die Chirurgen ein Fetoskop in die Fruchthöhle ein. Mit diesem schlauchförmigen Instrument, das etwa so dick ist wie eine Kugelschreibermine, tasteten sie sich mit Hilfe einer integrierten Kamera und Ultraschallkontrolle über den Rachen des Fetus bis zur Luftröhre vor. Dort wurde ein winziger Ballon aufgeblasen, der den Atemkanal verschloß. Dadurch konnte die von der Lunge produzierte Flüssigkeit nicht mehr abfließen. "Der so aufgebaute Flüssigkeitsdruck dehnte die Lunge und regte das Organ zum Wachstum an", erläutert Kohl. Ein bis zwei Stunden dauerte der minimal-invasive Eingriff an dem ungeborenen Mädchen.

Bislang wurde diese Art von vorgeburtlicher Chirurgie, sie wird fetoskopische Trachealballon-Okklusion genannt, nur bei Föten mit Zwerchfellhernie angewandt. Bei diesen Kindern ist das Zwerchfell nicht verschlossen, so dass Bauchorgane wie Magen, Milz und Darm in die Brusthöhle drängen, was ebenfalls die Lungen zusammendrückt. Operiert wird in der Regel jedoch erst nach der 30. Schwangerschaftswoche. Denn je älter der Fetus ist, desto größer sind seine Überlebenschancen. "Nach einem Blasensprung drängt aber die Zeit. Weil wir jederzeit mit einer Infektion und dadurch frühzeitig einsetzenden Wehen rechnen müssen, konnten wir mit der OP nicht so lange warten", erklärt Kohl. Um das Lungenwachstum zusätzlich zu beschleunigen, versetzte der Bonner Fetalchirurg die Lungenflüssigkeit mit Albumin. Dieses Protein zieht Flüssigkeit an, was die Wasseransammlung in der Lunge erhöht und so den Effekt des Latexballons verstärkt. Fünf Tage blieb der Ballon in der Lunge des ungeborenen Mädchens. "Das Lungenvolumen hat sich in dieser Zeit fast verdoppelt", sagt Kohl. Das Kind kam in der 33. Schwangerschaftswoche auf die Welt - sieben Wochen zu früh. Spezialisten übernahmen die nachgeburtliche Intensivversorgung. Zwei Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin konnten die Eltern ihr gesundes Kind mit nach Hause nehmen.

Viel versprechend - aber hoch experimentell

Die Ballontherapie nach einem frühen Blasensprung wollen die Bonner Fetalchirurgen nun weiter erproben. In Frage kommt der Eingriff, wenn die Fruchtblase in den frühen 20er-Wochen platzt, und sich die Frau trotz der Risiken, die ein Blasensprung mit sich bringt, für die Fortsetzung der Schwangerschaft entscheidet. Kohl: "Wir werden nur Kinder operieren, bei denen die Lunge noch sehr klein und kaum durchblutet ist." Ein Lungenfunktionstest, den die Bonner derzeit entwickeln, soll helfen, die schwächsten Kinder zu erkennen. Dass die Lungenoperation im Mutterleib zum Routineeingriff wird, ist nicht zu erwarten. "Die Ballontherapie ist eine viel versprechende, aber hochexperimentelle Operation, die nur in Einzelfällen in Frage kommt", sagt Jan-Peter Siedentopf, Gynäkologe und Oberarzt am Campus Virchow-Klinikum der Charité Berlin. Auch weiterhin werde es bei einem frühzeitigen Blasensprung zu Schwangerschaftsabbrüchen kommen. "Denn die verkümmerte Lunge ist nicht das einzige Problem", sagt Siedentopf. Die üblichen Risiken des Blasensprungs, etwa eine Frühgeburt, bleiben auch nach einer Ballontherapie bestehen. "Und wenn gar kein Fruchtwasser vorhanden ist, kommt es bedingt durch die Enge auch oft zu deformierten Extremitäten." Letztlich ist es die Entscheidung der Mutter, ob sie diese Risiken eingehen will.

Fetal Diagnosis and Therapy, Bd. 22, S. 462

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