Paola Carega

Aus der Maulwurfperspektive

Basler Zeitung, 6. November 2007

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Wer Berlin und seine wechselvolle Geschichte aus einer ungewöhnlichen Perspektive erleben will, sollte mit dem Verein "Berliner Unterwelten" in den Untergrund absteigen.

Eine unscheinbare grüne Eisentür versperrt den Eingang in die Unterwelt. Hunderte Berliner laufen täglich daran vorbei, nicht ahnend, was für geschichtsträchtige Räume sich dahinter verstecken. An diesem Morgen steht die Tür allerdings offen. Ein schmaler Gang mit nackten Betonwänden ist zu sehen, ausgeleuchtet von Glühbirnen; am Ende des Gangs führt eine Treppe steil nach unten. Es ist der Eingang einer Bunkeranlage aus dem Zweiten Weltkrieg. Das unterirdische Gewölbe erstreckt sich als riesiges Labyrinth über vier Ebenen unter dem Bahnhof Gesundbrunnen im Berliner Stadtteil Wedding. Mehrere Tausend Menschen fanden darin Zuflucht. "Bitte bleiben Sie immer schön zusammen, damit wir niemanden verlieren", mahnt Sascha Keil vom Verein "Berliner Unterwelten". Dann fällt die grüne Tür hinter dem letzten Besucher wieder ins Schloss. Vertraute Geräusche wie das Rattern der einfahrenden U-Bahn oder die Rufe der Zeitungsverkäufer sind nicht mehr zu hören, statt ihrer herrscht plötzlich beklemmende Stille. Über dem Eingang zum ersten Schutzraum steht mit weisser Farbe gepinselt "Männerabort". Die Männertoilette besteht lediglich aus einem Dutzend Kloschüsseln, die ein wenig verloren an der Wand stehen. So etwas wie Waschbecken oder gar Trennwände gibt es nicht. "Wir haben alles originalgetreu eingerichtet, mit Fundstücken aus verschiedenen Bunkern", erläutert Keil. Im nächsten Raum reihen sich an beiden Seiten schmale dreistöckige Betten aneinander. "28 Personen ohne Belüftung. 47 Personen mit Belüftung" informiert ein zerkratztes Emailleschild. Tagelang hätten die Menschen manchmal hier unten ausharren müssen, sagt Keil. "Vor allem gegen Ende des Krieges, als die Alliierten Angriff auf Angriff flogen."

Zufällig entdeckt

Der Verein "Berliner Unterwelten" besteht seit zehn Jahren. 1997 wurde er vom heutigen Vorsitzenden Dietmar Arnold, seinem Bruder Ingmar und einer Handvoll Mitstreitern gegründet, mit dem Zweck, den Untergrund der Stadt zu erforschen. Bald stiessen Architekten, Bauplaner und Historiker dazu, aber auch Rentner, Schüler, Lehrer und Justizbeamte - allen gemeinsam war die grosse Faszination für den Untergrund. "Am Anfang dachten viele, wir spinnen. Aber was man im Bauch einer Stadt wie Berlin alles finden kann, ist unglaublich spannend", schwärmt Arnold. Den Bunker unter dem Bahnhof Gesundbrunnen etwa hat der Verein zufällig entdeckt: Die Anlage war nach Kriegsende in Vergessenheit geraten. Bei einer Erkundungstour durch das Quartier fiel einem Mitglied die grüne Tür im U-Bahnhof ins Auge. Der Verein suchte damals nach unterirdischen Ausstellungsräumen für ein Museum. "Ein einmaliger Fund und für uns ein Riesenglück", sagt Arnold. Der zuständige Baustadtrat liess sich nämlich davon überzeugen, dem Verein den Bunker zu überlassen. "Alles war voll Müll und Bauschutt", erinnert sich der Vorsitzende. Über 10'000 ehrenamtliche Arbeitsstunden leisteten die Untergrundfans, um die Anlage wieder zugänglich zu machen. Heute steht der Bunker unter Denkmalschutz und wird vom Verein für Führungen und als Büro genutzt; eine über 1000 Quadratmeter grosse Ausstellung informiert über die Geschichte Berlins aus der "Maulwurfperspektive".

Offiziell bot die Bunkeranlage unter dem Bahnhof Gesundbrunnen Platz für 1300 Menschen. Doch in den letzten Kriegsjahren drängten sich mehr als 5000 Menschen hinein. Man nahm die fürchterliche Enge in Kauf, froh, noch einen Schutz gefunden zu haben. Ein trügerischer Schutz, wie "Berliner Unterwelten" bei Nachforschungen herausgefunden hat: Die 120 Zentimeter dicken Betondecken waren nur bedingt bombensicher - einem direkten Treffer hätten sie nicht standgehalten.

Fundstück macht Schlagzeilen

"Berliner Unterwelten" kann heute auf ein vielfältiges Führungsangebot verweisen. Das Unternehmen zählt rund 230 Mitglieder und 20 fest angestellte Mitarbeiter und entwickelt sich zu einem nicht unbedeutenden Touristenfaktor. Über 80'000 Berliner und Touristen stiegen 2006 in den Untergrund. Ob zivile Luftschutzanlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Kalten Krieges, das einstige Rohrpostsystem oder historische Bierkeller - der Verein bemüht sich, unterirdische Bauwerke aufzuspüren, zu bewahren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein Fund sorgte dereinst sogar für weltweite Schlagzeilen: In einer ehemaligen Werkschutzanlage fanden die Untergrundforscher im Jahr 2000 eine Zwangsarbeiter-Kartei mit mehr als 3000 Namen. Auf Metallschildchen waren die Namen der Arbeiter, die vor allem aus osteuropäischen Ländern stammten, eingestanzt. Die Kartei war eine kleine Sensation. Auf einen Schlag konnten Tausende von Frauen und Männer den Beweis erbringen, dass sie im Dritten Reich als Zwangsarbeiter geschuftet und damit Anrecht hatten auf nachträgliche Entschädigung.

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