Wer hat noch nicht über das eigene schlechte Gedächtnis
geflucht? Etwa wenn man im Supermarkt ratlos vor den gefüllten
Regalen steht und nicht mehr weiß, welche absolut
unverzichtbare Zutat für das Abendessen mit Freunden noch
fehlt. Oder man trifft an der Kasse überraschend eine alte
Bekannte, kann sich aber partout nicht an ihren Namen erinnern. Das
zweite Beispiel zeigt schon, dass es das eine Gedächtnis
nicht gibt. Man erkennt das Gesicht der Bekannten ja durchaus
wieder, und weiß auch noch, wie und wo man sich kennengelernt
hat. Nur ist der Abruf des Namens gerade blockiert.
Dank moderner Untersuchungsmethoden, die Bilder von der
Gehirnaktivität gesunder Versuchspersonen liefern, sind heute
die Hirnregionen recht genau bekannt, in denen sich die Gedächtnisprozesse
abspielen. So sind die einzelnen Inhalte offenbar genau in den
Bereichen abgelegt, die auch bei der Wahrnehmung und Verarbeitung
des Erlebten beiteiligt waren. Wie die Stimme der Bekannten klingt,
ist also im Hörzentrum gespeichert, ihr Aussehen im Sehzentrum,
und so weiter. Sich dann später an jemanden zu erinnern, ist
ein komplizierter Vorgang, bei dem die Informationen aus den
einzelnen Bereichen wie ein Puzzle zusammengesetzt werden. Dabei
kann es schon mal vorkommen, dass ein Puzzle-Steinchen fehlt. Ins
Bewusstsein gelangt jedenfalls erst das - mehr oder weniger vollständige
- Gesamtbild.
Doch wie entstehen im Gehirn diese Netzwerke aus miteinander verknüpften
Gedächtnis-Fragmenten? Und was genau passiert dabei in den
Nervenzellen? Um diese Fragen zu beantworten, haben Neurobiologen
seit den sechziger Jahren die molekularen Prozesse in und an den
Nervenzellen (Neuronen) untersucht. Sie arbeiteten anfangs aber
nicht an den komplizierten Gehirnen von Säugetieren, die aus
bis zu hundert Milliarden Neuronen bestehen, sondern mit einfacheren
Organismen.
So wählte der österreichisch-amerikanische Neurobiologe
Eric Kandel, der dieses Jahr gemeinsam mit Arvid Carlsson und Paul
Greengard den Medizin-Nobelpreis erhalten hat, die Meeresschnecke
Aplysia californica (Seehase) als Studienobjekt. Wenn man die Kieme
von Aplysia mit einem Pinsel berührt, zieht sie sich unter den
Mantelrand der Schnecke zurück. Kandel untersuchte nun, wie
bestimmte Reize diesen Schutzreflex verstärken oder schwächen.
Die Veränderungen, die er dabei an den Kontaktstellen
(Synapsen) der Nervenzellen beobachtete, wurden in den letzten
Jahren prinzipiell auch für Wirbeltiere und Menschen bestätigt.
Lernen - so die Quintessenz dieser Forschung - hinterlässt
Spuren an den Synapsen, indem es ihre Übertragungs-stärke
verändert. Diese Modifikationen sind möglich, weil die
Nervensignale an den Synapsen gleich zweimal quasi in eine andere
Sprache übersetzt werden. Zuerst verwandelt die sendende
Nervenzelle den elektrischen Reiz in eine chemische Botschaft, indem
sie spezielle Moleküle (Neurotransmitter, wie z.B. Glutamat) in
den Spalt zwischen den Zellen ausschüttet. Sie binden auf der
Membran der Empfängerzelle an Ionenkanäle, durch die dann
wieder ein elektrisches Signal entsteht, das von der zweiten
Nervenzelle weitergeleitet wird. Wenn die erste Zelle besonders
stark erregt ist und schnell hintereinander mehrere Glutamat-Salven
loslässt, verändert sich an bestimmten Synapsen das Übersetzungsverhältnis
zwischen dem chemischen Botenstoff und dem entstehenden elektrischen
Signal. Dadurch wird die Zielzelle empfindlicher für ankommende
Reize. Langzeit-Potenzierung, englisch Long Term Potentiation (LTP),
nennt sich dieser Verstärkungseffekt.
Der Schlüssel zur Langzeit-Potenzierung ist eine andere
Klasse von Neurotransmitter-Empfangsstationen auf der
Zielzelle: die NMDA-Rezeptoren. Sie werden nur aktiv, wenn die
Nervenzelle durch das vorangegangene Glutamat-Dauerfeuer bereits
erregt ist. Bei einem erneuten Reiz starten die NMDA-Rezeptoren eine
Kettenreaktion, die letztlich die Ionenkanäle so verändert,
dass sie sich leichter öffnen und in Zukunft ein kräftigeres
elektrisches Signal erzeugen.
Aber eine Signalverstärkung erklärt noch keine Gedächtnisbildung.
Lernprozesse erfordern, dass wirklich neue Schaltkreise entstehen;
dass im Gehirn Nervenzellen anders verdrahtet werden als bisher. Und
tatsächlich können die NMDA-Rezeptoren dieses leisten,
indem sie einen Zusammenhang zwischen gleichzeitig auftretenden
Ereignissen herstellen. Ihre Wirkung als Koinzidenz-Detektoren,
wie der Martin Korte vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie
in Martinsried es ausdrückt, beruht darauf, dass die
NMDA-Rezeptoren eine Synapse auch dann verstärken, wenn die
empfangende Zelle zeitgleich von einer dritten Nervenzelle erregt
wurde. Durch die LTP entsteht dann eine Art Verknüpfung
zwischen den beiden Reizen, die bei der empfangenden Zelle
eintreffen.
Das einfachste Beispiel für diese assoziativ wirkende LTP ist
die Klassische Konditionierung, die schon der Russe Iwan
Pawlow an Hunden beobachtet: Einem Hund wird ein Glockenton
vorgespielt, und kurz darauf erhält er eine Futterration.
Bestimmte Neuronen registrieren den Ton, andere den Anblick und
Geruch des Futters. Dort wo diese Informationskanäle
zusammenlaufen, werden die beiden Ereignisse durch LTP miteinander
verkoppelt. Wenn von nun die Glocke erklingt, wird der Hund frisches
Futter erwarten, und der Speichel rinnt im ins Maul: Das Tier hat
einen Zusammenhang gelernt. (Dass das Glockensignal in Wahrheit
nicht die Ursache für das Futterangebot ist, spielt für
den Lernprozess des Hundes keine Rolle.)
Auch das Lernen von bewusst abrufbarem Wissen beruht
wahrscheinlich darauf, dass sich viele tausend Nervenzellen zu jenen
Netzen zusammenschließen, die in der Großhirnrinde
bestimmte Erinnerungen darstellen - etwa alle Fakten und Ereignisse,
die mit einer Person zusammenhängen. Gedächtniskünstler
schaffen ganz bewusst solche Assoziationen, indem sie sich zu jeder
Ziffer einer Telefonnummer einen Gegenstand vorstellen und daraus
eine kleine Geschichte basteln. Diese können sie dann im Geiste
leicht wieder erleben.
Für diese Leistungen muss nach Ansicht der Neuro-Forscher die
durch NMDA-Rezeptoren in Gang gesetzte Langzeit-Potenzierung einer
der entscheidenden zellulären Prozesse sein. Experimente des
US-Forschers Joe Tsien von der Princeton University untermauern
dieses Vorstellung: Er veränderte Mäuse so, dass bei ihnen
das soganannte NR2B-Gen aktiver ist, welches die Bauanleitung für
eine Untereinheit des NMDA-Rezeptors enthält. Diese Supermäuse
lernten besser, fanden sich beispielsweise schneller in einem
Labyrinth zurecht, und erinnerten sich länger an Objekte, die
ihnen von den Forschern schon einmal gezeigt wurden.
Eine langfristige Speicherung ist durch chemische Veränderungen
an den Proteinen der Ionenkanäle aber nicht zu erreichen. Denn
der normale Zellstoffwechsel lässt sie nach rund drei bis vier
Stunden wieder verschwinden, und damit verblasst die Erinerung an
das Gelernte. Diese Vorgänge entsprechen somit mechanistisch
dem, was Psychologen als Kurzzeitgedächtnis
beschreiben.
Inhalte, die Tage oder sogar Jahre überdauern, erfordern
stabilere Modifikationen der Synapsen. In dieser zweiten oder späten
Phase der Langzeit-Potenzierung muss die Zelle neue Proteine
herstellen. Dieser Prozess der Übertragung ins Langzeitgedächnis
(Konsolidierung) nimmt eine Weile in Anspruch, was begreiflich
macht, warum sich Unfallopfer oft nicht an den Hergang erinnern können:
Durch den Schock oder die Bewusstlosigkeit wurde die Konsolidierung
unterbrochen, die letzten Ereignisse unmittelbar vor dem Unfall sind
noch nicht fest gespeichert. Zudem könnt hier auch eine Erklärung
- und möglicher Behandlung - für die Altersvergesslichkeit
und bestimmte Demenzerkrankungen liegen. Untersuchungen an Mäusen
zeigten, dass bei alten, besonders vergesslichen Tieren eine
entstandene LTP nicht so lange aufrecht erhalten bleibt.
Welche Prozesse könnten bei ihnen gestört sein? Die
Neuro-Wissenschaftler meinten schon länger, dass sich die
synaptische Übertragung dauerhaft verstärkt, indem zusätzlich
Ionenkanäle in die Membran eingebaut werden. Außerdem
entstehen durch Teilung der Synapsen neue Kontakte zwischen den
Neuronen. Den langersehnten Beweis für diese Vermutung
erbrachten im vergangenen Jahr weltweit dann gleich drei
Forscherteams - unter anderem Florian Engert und Tobias Bonhoeffer
vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie. Ihnen gelangen
mikroskopische Aufnahmen von Nervenzellen, die nach der Stimulation
mehr Synapsen besaßen als vorher: sichtbar gemachte
Langzeit-Speicherung.
Bislang war die LTP aber ein reines Laborphänomen, erzeugt
durch künstliche Reizung von isolierten Nervenzellen.
Verhaltensforscher und Psychologen waren den Theorien der
Neurowissenschaftler gegenüber deshalb bisher recht kritisch.
Nun zeigte die US-Forscherin Mengia Rioult-Pedotti kürzlich in
Experimenten an Ratten, dass LTP auch tatsächlich im lebenden
Gehirn stattfindet, wenn Tiere lernen. Die Wissenschaftler von der
Brown Universität in Providence brachten Ratten dazu, immer nur
mit einer Vorderpfote - etwa ausschließlich der linken - eine
Taste zu drücken. Bei der späteren Untersuchung von
lebenden Gewebeschnitten des Gehirns stellten sie fest, dass das
Training die Signalübertragung der Synapsen tatsächlich
gestärkt hatte. Auf der trainierten rechten Seite ließ
sich kaum noch künstliche LTP an den Zellen erzeugen, während
die Übertragung in der untrainierten linken Gehirnhälfte
noch steigerungsfähig war; ganz wie es die Forscher erwartet
hatten.
Natürlich sind noch zahllose Fragen unbeantwortet. Erst kürzlich
überraschten US-Forscher der New York University die Fachwelt
mit dem Befund, dass auch vermeintlich sicher
abgespeicherte Inhalte durch das Erinnern selbst wieder instabil
werden. Doch insgesamt fügen sich die Erkenntnisse der
verschiedenen Forschungsdisziplinen zu einem immer vollständigeren
Bild der Gedächtnisprozesse. Und in einigen Fällen
schlagen sie schon eine Brücke von der molekularen Ebene zu
psychologischen Phänomenen: So fand Uwe Frey vom
Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg Hinweise
darauf, dass auch die Übertragung von nur schwach erregten
Synapsen dauerhaft verstärkt wird, falls kurz vorher ein
anderer, starker Reiz die Proteinherstellung der späten
LTP-Phase in Gang gesetzt hat. Diese Beobachtung könnte erklären,
warum sich Extremsituationen oft mit all ihren unwichtigen
Begleitumständen so fest ins Gedächtnis einbrennen - etwa
gemäß der oft berichteten Erfahrung: Ich weiß
noch genau, wo ich war und was ich gerade tat, als ich die Nachricht
von der Ermordung Kennedys hörte.
(Financial Times Deutschland, 8. Dezember 2000)
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