Die anhaltenden Proteste sprengen die dreitägige Tagung
iranischer Reformpolitiker mit dem Titel "Iran nach den
Parlamentswahlen - Die Reformdynamik der Islamischen Republik".
Siebzehn Intellektuelle, Journalisten, Theologen und Politiker aus
dem Iran hatte die Heinrich-Böll-Stiftung der deutschen Grünen
Anfang April ins Haus der Kulturen der Welt nach Berlin geladen.
Allesamt ReformerInnen und AktivistInnen, die im eigenen Land
Meinungsfreiheit, demokratische Strukturen und die Aufhebung der
Zensur fordern, und das, obwohl einige der Geladenen bereits
innerhalb des herrschenden Systems Karriere machten. Akbar Ganji zum
Beispiel mutierte vom Leibwächter Chomeinis zum profiliertesten
Enthüllungsjournalisten des Landes. Auch Hamid Reza Djalaipur,
Herausgeber von "Djameéh" -einer Tageszeitung die
regelmäßig über Verhöre, Mordanschläge und
Foltermethoden berichtet, war in jungen Jahren ein Anhänger der
Revolution. Solche Brüche in der eigenen Vita finden sich nicht
nur bei islamisch geprägten Intellektuellen, sondern in einer
ganzen Generation, die vorerst Chomeinis Bann erlag, um nach Jahren
der Frustration allmählich umzudenken. Die Mehrheit der
IranerInnen durchlief in den letzten zehn Jahren diesen
schmerzhaften Prozess. Die militanten ExilantInnen aber, die die
Berliner Tagung in ein Tollhaus verwandelten, konnten diese Position
nicht gelten lassen. Für sie kommt nur eine einzige politische
Alternative in Frage: die Abschaffung des verhassten Systems -durch
eine zweite Revolution.
Nach 22 Jahren islamischer Diktatur ist in Teheran der Machtkampf
wieder in vollem Gange. Der Reformprozess löst aber nicht nur
bei den fundamentalistischen Machthabern Panik aus, sondern auch bei
so manchen ExilpolitikerInnen, die sich zu Recht aufs Abstellgleis
versetzt sehen müssen. Während zum Beispiel die
Volksmudjahedin seit über zehn Jahren von ihren Militärbasen
im Irak Guerillaaktionen starten, greift im Land eine neue
Generation von Politikern nach der Macht. Dabei ist die Koalition
der Reformer weitaus weniger homogen, als sie sich in der Öffentlichkeit
präsentiert. Säkularisten finden sich mit liberalen
Geistlichen wie Hotjatoleslam Yousefi Eshkevari, einem der
profiliertesten Kleriker im Land im selben Boot. Noch eint sie alle
das gemeinsame Ziel: die Umwandlung der Mullahdiktatur in eine mehr
oder weniger islamisch geprägte Zivilgesellschaft,
Pressefreiheit, Wirtschaftswachstum und Menschenrechte inklusive.
Wenn Wahlen etwas Ändern
Dieses Ziel schwebte auch den zwanzig Millionen Wählern vor,
die im Mai 1997 mit überwältigender Mehrheit den liberalen
Kleriker Muhammed Chatami zum Präsidenten kürten. Der
Krieg gegen den Irak von 1980 bis 1989, eine dreistellige
Inflationsrate und 35 Prozent Arbeitslosigkeit hatten besonders bei
den jungen WählerInnen das Vertrauen in die Diktatur schwinden
lassen. Dabei sind mehr als fünfzig Prozent der Bevölkerung
jünger als 25 Jahre. Für die Mehrzahl von ihnen wirkte die
Wahl Chatamis wie ein Fanal. Das neue Staatsoberhaupt ermunterte
nicht nur zur Gründung liberaler Tages- und Wochenzeitungen,
sondern ermöglichte mit seiner beharrlichen Forderung nach
einer "islamischen Zivilgesellschaft" erstmals ein öffentliches
Klima, in dem über politische Veränderungen diskutiert
werden konnte. Seitdem kämpfen Reformer und Konservative mit
harten Bandagen um die Macht. Während die Reformer regelmäßig
an der Wahlurne abräumen, setzt das politische Establishment
lieber auf die altbewährten Mittel seiner Machtstruktur: das
unkontrollierte Netzwerk aus Revolutionsgarden (Pasdaran),
islamischen Schlägertrupps (Basidji und Hizbullah) und den fünf
Geheimdiensten des Landes. Dazu kommt eine konservativ
eingeschworene Justiz und der Wächterrat, das von den
Fundamentalisten gehaltene Verfassungsgericht, das mit seinen
Petitionen die Reformen regelmäßig zu stoppen versucht.
Das Kalkül ist klar: Willkürliche Aktionen sollen Unruhen
schüren, um die Reformfraktion dann medienwirksam als
Handlanger destabilisierender ausländischer Mächte
anprangern zu können. Die brutale Ermordung des politischen
Aktivisten Dariush Forouhar, einer der liberalen "Helden"
der islamischen Revolution, und seiner Frau im November 1998 war
Teil des kalkulierten Terrors. Dann verbot nach dem zweiten grossen
Erfolg der Reformer bei den Kommunalwahlen 1999 das
Justizministerium die beliebteste der liberalen Tageszeitungen "Salam".
Als Reaktion gingen im Juli in Teheran und anderen Städten die
StudentInnen auf die Strasse und boten dem Regime so eine
willkommene Gelegenheit zur Machtdemonstration: Bei einem Sturm
islamischer Schläger auf ein Studentenheim in Teheran fanden
mehrere Protestierende den Tod. Hunderte StudentInnen wurden
inhaftiert.
Trotz der rabiaten Wahl ihrer Mittel bilden die Konservativen auch
keinen homogenen Block. Ähnlich wie Chatami fungiert
Revolutionsführer Ali Chameinei eher als schlichtender
Vermittler innerhalb der herrschenden Schicht, denn als starker Mann
im System. Offiziell behandelt Chamenei dabei selbst den lästigen
neuen Präsidenten als Mitglied der eigenen Gruppe
staatstragender Kleriker und nicht als politischen Gegner. Sogar
Vorgänger Chomeini hat nie alle Geistlichen auf seinen
Hardliner-Kurs einschwören können. So ist beispielsweise
Ajatollah Montazeri, lange Jahre Chomenis designierter Nachfolger
wegen seiner Einforderung der Menschenrechte zu lebenslangem
Hausverbot verdammt. Montazeri steht in der religiösen
Hierarchie trotzdem weit über Religionsführer Chamenei.
Seine immer noch zahlreichen religiösen Anhänger in der
Stadt Qom, einer Hochburg des schiitischen Klerus, bilden den größtmöglichen
Gegensatz zu Hardlinern wie Mullah Mortazavi, dem gefürchteten
Vorsitzenden des Gerichtshofes für Presseangelegenheiten oder
dem Freitagsprediger aus Ghom Ajatollah Mezbahyazdi (Spitzname "das
Krokodil"), der die vom Ausland bezahlten "Agenten"
am liebsten zum Abschuss freigeben würde.
Seit langem verlieren die Konservativen den Rückhalt - vor
allem bei den urbanen Schichten. Das bewiesen zuletzt die
Parlamentswahlen vom 18 Februar, die zusammen mit den Nachwahlen
Anfang dieses Monats nun den dritten überwältigenden
Wahlsieg der Reformer in drei Jahren brachten. Die dabei
neugewonnene Zweidrittelmehrheit im Parlament stützt sich vor
allem auf die Wahlen in Teheran. Dort gewann die sozialdemokratisch
orientierte "Partei der kollektiven Zusammenarbeit" (IIPP)
alle Sitze. Das Wahlergebnis ist für die Machthaber peinlich:
Prominente KandidatInnen der IIPP, wie Mohammed-Reza Chatami, der
Bruder des Präsidenten oder die Frauenrechtlerin Jamileh
Kadivar -sie tritt beherzt für eine Reform des Scheidungsrechts
ein- setzten sich mit grosser Mehrheit selbst gegen gemäßigte
Konservative wie den ehemaligen Präsidenten der Republik,
Ajatollah Rafsandschani durch. Doch auch nach dieser Wahlschlappe
liess die Reaktion der Hardliner nicht lange auf sich warten:
Diesmal boten die Tumulte während der Berliner Reformkonferenz,
zu der auch Abgeordnete des neuen Parlaments geladen waren, den
Propagandaexperten des staatlichen Fernsehens im "Ministerium für
islamische Angelegenheiten" eine willkommene Gelegenheit
loszuschlagen. Nachdem der staatliche Nachrichtensender IRNA
geschickt geschnittene "Verbrüderungszenen" zwischen
Reformern und Exil-Kommunisten ausstrahlte, wurden vier der
Konferenzmitglieder verhaftet, darunter Akbar Ganji und Jamileh
Kadivar, die beide nun ebenso im berüchtigten Evin-Gefängnis
einsitzen wie die Teheraner Rechtsanwältin Merangis Kar, die in
ihren Artikeln immer wieder vehement die Gleichstellung der
Geschlechter fordert.
Feindliche Mächte in Teheran
Da Terroranschläge und Verhaftungswellen aber die Bevölkerung
nicht vom Wählen abhalten, stellen konservative Medien regelmäßig
die moralische Integrität der Reformer in Frage. Im Moment
trifft es Kulturminister Ajatollah Mohadscherani. Ihm wird
vorgeworfen, auf der Privatparty eines bekannten Teheraner Teppichhändlers
mit den Botschaftern "feindlicher Mächte" ins Gespräch
gekommen zu sein. Der ebenfalls beklagte Partyveranstalter beteuert,
dass er nur Diplomaten befreundeter islamischer Staaten engeladen
habe. Mittlerweile hat der ebenso eingeladene libanesische
Botschafter öffentlich gegen dieses Verfahren protestiert.
Solche eher lächerlichen Diffamierungsversuche sind nicht neu.
Schon im Vorfeld der Parlamentswahlen wurde der Favorit der
Reformer, der ehemalige Innenminister Nuri mit Verfahren förmlich
überhäuft und wie die meisten anderen prominenten
nichtreligiösen Kandidaten von den Wahlen ausgeschlossen.
Trotzdem finden besonders die Laizisten immer neue fähige
Kandidaten für das Parlament. Und die zwei noch erscheinenden
liberalen Blätter "Bayan" und "Bahar" haben
mittlerweile eine ähnlich hohe Auflage wie alle vierzehn
verbotenen Zeitungen zusammen. Selbst die Verhaftungen bekannter
Oppositioneller scheinen da nicht mehr den gewünschten Effekt
zu erzielen. Trotz des persönlichen Risikos will sich Irans
neue politische Elite nicht mehr einschüchtern lassen.
Emaneddin Baqi, einer der erfolgreichsten investigativen
Journalisten des Landes, drohte kürzlich bei einem Termin vorm
Revolutionsgericht mit neuen Beweisen im Mordfall Forouhar und
beschuldigte dabei öffentlich Pasdaran und Geheimdienst der
Mordtat. Und in Berlin erklärte Hotjatoleslam Eshkevari, der
ketzerische Mullah der die Trennung von Staat und Religion fordert,
dass er trotz Haftbefehls in Kürze in sein Heimatland zurückkehren
will.
Sie alle treibt die Hoffnung auf ein neues Parlament. Zwar wurde
das Teheraner Wahlergebnis vom Wächterrat noch immer nicht
akzeptiert, dass aber die neugewählte Madjles -das Parlament
der Republik- zusammentreten wird, bezweifelt heute kaum noch
jemand. So wird am 28 Mai erstmals die Legislative in die Hände
der Reformer fallen. Dementsprechend diszipliniert verhalten sich im
Moment die politisierten Studentengruppen, und das trotz der
Verhaftung ihres charismatischen Führers Ali Afshari vor
mehreren Wochen. Die Liberalen hoffen, dass das neugewählte
Parlament die Zeitungsverbote aufheben wird, und dass es den
Reformern gelingt, das Justizministerium ebenso zu unterwandern, wie
es beispielsweise mit dem Innenministerium teilweise schon geschehen
ist. Erst dann könnten die ersten wirklichen Reformen in die
Tat umgesetzt werden. "Zabr", das iranische Wort für
Geduld, wird so zum Motto der Stunde. In einem Aufruf an die Bevölkerung
schreibt der Schriftsteller Mahmud Doulatabadi: "Wir alle sind
bis zum Überlaufen erfüllt von Geduld". Womöglich
gilt sein besänftigendes Diktum aber nur bis zur ersten Sitzung
der sechsten Madjles. Bis dahin werden sich Studenten und Bevölkerung
ruhig verhalten. Dann aber müssen Irans Reformer Farbe
bekennen, wollen sie eine Explosion verhindern. (polyeides)
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