Timur Diehn

“Immer gerate ich an den Falschen“

Cosmopolitan

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Ist es Einbildung oder ein heimlicher Auftrag? Stur verlieben Sie sich in den gleichen Typ Mann. Und sind unglücklich mit ihm. Damit Ihnen das nie wieder passiert: Entschlüsseln Sie Ihren Liebes-Code.

Ein Blick genügt und Petras Hormone spielen verrückt: Auf der Sommerparty mit Hunderten von Gästen erspäht die 29-jährige Designerin einen unbekannten Mann. Sofort funkt es. Der Auserwählte ist mindestens 1,90 m, hat kurze, dunkle Haare und lustig blitzende Augen – er ist ein Abziehbild all ihrer Verflossenen. Wie sich später herausstellt, heißt er auch noch Peter, genauso wie ihre letzten drei Freunde. Ein Zufall oder steckt da mehr dahinter? Petra ist das ziemlich egal. Der Rausch der Gefühle hält an bis zum Hochzeitstag. Dann verplappert sich Petras Mutter beim Essen: „Eigentlich haben wir uns schon immer einen Peter gewünscht“ (und keine Petra). An diesen Satz erinnert sich ihre Tochter zehn Monate später noch immer. Die Ehe mit Peter ist gescheitert und Petra sucht Hilfe bei einem Therapeuten. So erfährt sie zum ersten Mal, dass ihre unglücklichen Beziehungen zu ähnlichen Männern doch kein Zufall sind, sondern psychologisch klar zu deuten: Ohne es zu wissen, hat Petra all die Jahre in ihrer Partnerwahl einen unbewussten Auftrag ihrer Eltern verfolgt – und sich immer Liebhaber ausgesucht, die ihnen als Sohn gefallen hätten. Bis hin zum Namen: Peter.

Die Liebeskarte

Petras Beispiel ist kein Einzelfall. Um die Motive unserer Partnerwahl durchschauen zu können, müssen wir meist tief in der Vergangenheit stöbern. Denn auf welchen Typ Mann wir stehen, entscheidet sich lange bevor wir uns überhaupt für das andere Geschlecht interessieren.

Bereits in den ersten Lebensjahren entwerfen wir einen exakten Bauplan unseres idealen Partners, behauptet der amerikanische Sexforscher John Money. Er nennt diesen Katalog an Merkmalen unsere persönliche Liebeskarte(Buchtipp: Helen Fischer: „Anatomie der Liebe“, Droemer Knaur Verlag). Einmal angelegt, wird diese Karte zu einem wichtigen Teil unser Identität, genauso wie das Gesicht oder der Fingerabdruck. Gespeichert werden Eigenheiten von Freunden und Verwandten, etwa wie die Mutter streichelt oder wie der Vater riecht. Diese Details fürgen sich zu einer unbewussten Schablone, was man als anziehend und was man als abstoßend empfindet. Laut Money ist es die Liebeskarte, die bewirkt, dass wir aus einer Vielzahl von Partygästen instinktiv den einen, umwerfenden Typen herauszupicken, während die beste Freundin ihn nicht einmal wahrnimmt.

Prägende Ereignisse

Auch die Familienkonstellation und Kindheitserlebnisse können uns später beinflussen. Beispiel Birgit: Zehn Jahre verliebte sich die Künstlerin in narzistische Surferboys, nur um von diesen coolen Selbstdarstellern wieder verlassen zu werden. „Den Vogel schoss meine große Liebe ab“, erinnerte sie sich heute: „Der hat mich in zwei Jahren dreimal sitzen gelassen“. Erst später fällt Birgit der Zusammenhang zwischen ihrem Beziehungsmuster und dem frühen Tod der Mutter auf. Tatsächlich aktivierten die bindungsscheuen Männer, die sie instinktiv auswählte, in ihr stets dasselbe Gefühlsprogramm: Unbewusst musste Birgit den Abschiedsschmerz wieder erleben, der für sie zu einer engen Beziehung einfach dazugehörte.

Weil wir uns bei der Partnersuche von unserer Liebeskarte und Kindheitserinnerungen lotsen lassen und nicht von unserer aktuellen Lebenssituation entspricht der Auserwählte oft nicht unseren wirklichen Bedürfnissen. Doch: „Den meisten bleibt verborgen, woher ihre Auswahlkriterien eigentlich stammen“, sagt Dr. Doris Wolf, Psychotherapeutin und Expertin für Paartherapie. Bei einem Fehlgriff in Sachen Männer werden die Ursachen im Hier und Heute gesucht, statt in der Vergangenheit. Die Folge: Man hält sich für beziehungsunfähig, wird verkrampft – und fällt beim nächsten Mal wieder auf den Falschen rein.

Rollenspiele

Auf der Suche nach Mr. Right steht vielen eine weitere Hypothek aus der Kindheit im Weg: die in der Familie antrainierte Rolle. Ein häufiges Beispiel ist eine angepasste und defensive Mutter, die das Vorbild für die Tochter bietet. „Wer dazu erzogen ist, immer nett und zuvorkommend zu sein, kommt an eine Vielzahl seiner Gefühle nicht mehr ran“, erklärt Paartherapeut Michael Cöllen (Buchtipp: „lasst uns für die Liebe kämpfen. Der neue Weg aus der Partnerkrise“, Kösel Verlag). So können unausgelebte negative Gefühle wie Zorn oder Wut, aber auch uneingestandene erotische Wünsche das Bild vom Idealpartner verzerren.

Später fällt vielen Betroffenen gar nicht mehr auf, dass ihre Beziehung die Neuinszenierung des eigenen Familiendramas ist. Nur in Extremfällen, etwa wenn sich eine Frau immer wieder Alkoholiker oder Kriminelle aussucht, um sich selbst in die Rolle der duldenden Gattin zu sperren, wird auch ohne therapeutische Beratung schnell klar, dass hier wiederkehrende Muster abgespult werden. Meistens aber ist die gewählte Konstellation weniger dramatisch und wird dementsprechend verdrängt. „Wir suchen uns immer den Mitspieler, der genau in das Rollenspiel passt, so wie der Schlüssel zum Schloss“, analysiert Dr. Wolf. Hat man diese tief verwurzelten Muster einmal aufgedeckt, sollte man sich fragen: Welche Rolle möchte ich angesichts meiner aktuellen Lebenssituation in einer Beziehung wirklich einnehmen? Sucht man sich dann noch den passenden Mann dafür, könnte schon der nächste Versuch ein Treffer sein.

Ein anderer typischer Fall: Wir wollen im Partner gerade die Seiten finden, die wir in der eigenen Familie nicht ausleben durften. So sucht sich eine erfolgreiche Powerfrau, die schon als Kind immer funktionieren musste, instinktiv den liebenswerten Chaoten. Eine Harmoniesüchte, die dazu erzogen wurde, Konfrontationen um jeden Preis zu vermeiden, fühlt sich eher vom aufbrausenden Egomanen angezogen.

Das kann schnell zu Problemen führen, denn: Gegensätze ziehen sich zwar an, übertönen aber manchmal auch die wenigen verbindenden Gemeinsamkeiten. Am Ende steht eine Kampfbeziehung, in der beide nicht einsehen wollen, dass sie sich gegenseitig etwas geben können, anstatt bis zum bitteren Ende am anderen herumzumäkeln. Solange man es nicht schafft, das eigene Rollenverhalten zu verstehen, kommt es jedes Mal wieder zum Desaster – man landet beim immer gleichen Typ, der Beziehungsfrust ist vorprogrammiert. Höchste Zeit, den Rückwärtsgang einzulegen.

Verborgene Wünsche

Verdrängte Bedürfnisse aus der Kindheit können ebenfalls zur Liebesfalle werden. Das sind Wünsche, die wir schon unseren Eltern nie mitteilen konnten uns seitdem mit uns herumtragen. Im Erwachsenenleben führen sie dann möglicherweise zu Fehlentscheidungen. Wie bei Andrea: Jahrelang suchte sich die erfolgreiche Marketingleiterin nette und verständnisvolle Männer, die ihre verletzte Kinderseele streicheln mussten. „Das Ganze lief ab wie bei einer Vertragserfüllung“, so Andrea heute. Alle ihre Männer kompensierten ein inneres Defizit: Mit ihrer sanften Art entschädigten die Liebhaber sie für die ständige Kritik des Vaters. Denn trotz bester Leistungen konnte Andrea dessen übertriebenen Ansprüchen nie gerecht werden – vor allem dann nicht, wenn es um ihr Gewicht und um ihr Aussehen ging.

„Solche Komplexe aus der Kindheit müssen wir uns bewusst machen, damit wir sie heilen können“, ist Katja Sundermeier, Leiterin von Single-Seminaren, überzeugt. Stattdessen projizieren wir unsere unerfüllten Wünsche oft auf den aktuellen Partner und erwarten von ihm, dass er sie befriedigt. Auch für ihn eine schwierige und kaum zu bewältigende Situation.

Reise ins Ich

Mittlerweile weiß Andrea über ihre eigenen Mechanismen bestens Bescheid. Warum sie sich jahrelang auf Männer einließ, bei denen ihr Blut nur halbherzig in Wallung geriet, fiel ihr erst auf, als sie ein Single-Seminar für Frauen besuchte. Wie alle anderen Kursteilnehmerinnen war auch Andrea schon am ersten Abend vom Ablauf des Seminars überrascht: „Anstatt über unsere Verflossenen zu reden, ging es nach einer kurzen Einführung nur noch um uns selbst“. Seminarleiterin Katja Sundermeier betont, wie wichtig die selbstkritische arbeit mit den eigenen Mechanismen für den Erkenntnisprozess ist: „Die Ursache für eine missglückte Partnerschaft ist immer in einem selbst zu finden. Streng genommen“, fügt die Psychotherapeutin hinzu, „suchen wir uns nie den Falschen aus“. Wenn wir jemanden kennen lernen, auf dem wir instinktiv abfahren, steckt immer ein unbewusster Auftrag dahinter.“ Auch wenn wir mit diesem Partner nicht glücklich werden – die Erfahrungen mit ihm können für spätere Beziehungen nützen. Allerdings nur dann, wenn wir uns über unsere innere Programmierung klar werden, sonst droht ein Teufelskreis: immer wieder dieselben frustrierenden Erlebnisse mit dem immer gleichen Partnertyp.

Natürlich ist es leichter, die Opferrolle für sich zu beanspruchen, anstatt die Verantwortung für die eignen Fehler und Schwächen zu übernehmen. Wenn das Liebesglück in die Brüche geht, wird die Schuld einfach beim Anderen gesucht. Um solche Gefühlsmuster deutlich zu machen, benutzt Katja Sundermeier in ihren Seminaren Rollenspiele und Übungen mit Symbolcharakter. Die Resultate sind verblüffend: Als Andrea am zweiten Tag des Seminars dem Vater ihr „Gewichtsproblem“ in Form eines Federkissens zurückgeben soll, bricht sie fast unter der Last zusammen. Schon einige Monate später, bringt sie zehn Kilo weniger auf die Waage und ist auch in ihrem Umgang mit Männern selbstbewusster und offener geworden. Nachdem sie im Seminar endlich am eigenen Körper erfahren hatte, dass sie sich zuerst um sich selbst kümmern muss, wagt sich Andrea endlich an ihre wahren Traummänner heran, ohne die mäkelnde Stimme des Vaters im Ohr zu haben.

Der richtige Zeitpunkt

Es muss nicht nur an verborgenen Aufträgen aus der Kindheit liegen, wenn wir regelmäßig beim Falschen landen. Oft verbirgt sich hinter deprimierenden Partnerschaftserfahrungen eine unbewusste Angst vor zu viel Nähe – etwas das viele Jahre nur Männern vorgeworfen wurde. Kerstin ist eine echte Expertin im Schaffen von Distanz: Jahr um Jahr führte sich die Hamburger Online-Redakteurin selbst hinters Licht, um sich vor allzu viel Intimität zu schützen. „Ich habe dabei wirklich keine Methode ausgelassen“, erzählt die attraktive Journalistin heute. Als Studentin verliebte sich Kerstin bevorzugt in schwule und bisexuelle Männer. Dann spezialisierte sie sich auf Fernbeziehungen nach Übersee: “Ein hervorragender Trick, um allen konkreten Avancen die Luft abzulassen, schließlich hatte ich ja immer einen festen Freund in der Hinterhand”. Als die Bindung mit einem amerikanischen Unternehmensberater auseinanderging, stürzte sich Kerstin in einen Sommer wilder Affairen, ohne sich wirklich auf einen Lover einzulassen.

In der heutigen, stark individualisierten Gesellschaft empfinden viele eine feste Bindung als Bedrohung für die eigene Selbständigkeit und Freiheit. Die amerikanische Buchautorin Sheila Gillooly schließt aus, „dass die lieb gewonnene Ansicht vieler Frauen, sie seien einfach nur Opfer männlicher Bindungsangst auf alarmierende Weise unzutreffend ist. In ihrem Buch „Vorsicht Liebe! Frauen auf der Flucht vor dem Mann fürs Leben“ (Rowohlt Taschenbuch Verlag) beschreibt Gillooly ihre eigenen Bemühungen den einzig wahren Mr. Right zu finden, als erlerntes und typisch weibliches Programm.

Bei Kerstin geschaht nach langem Suchen schließlich das Unerwartete: Sie verliebte sich. Acht Jahre lang verbanden sie und ihren jetzigen Freund Markus nur Freundschaft. Dass Markus bei ihren regelmäßigen Treffs ebenso aufgeregt war wie sie selbst, wollte Kerstin lange nicht wahrhaben. Heute ist sie überzeugt, dass sie ihren früheren Partnern fremd geblieben ist, weil sie sich selbst nie wirklich kannte. “Ich glaube, wir mussten uns erst füreinander vorbereiten”, kommentiert sie das jahrelange Katz und Maus Spiel mit Markus.

Land in Sicht

Oft ist es verblüffend, wie einfach die Mechanismen sind, die uns immer wieder in dieselbe Liebesfalle tappen lassen. Der sicherste Weg aus dem Teufelskreis: eine kritische Auseinandersetzung mit uns selbst und mit unserer Vergangenheit. Das ist nicht ganz einfach und erfordert den Mut, sich die eigenen Fehler und Schwächen einzugestehen – aber es lohnt sich. Stimmt die in meiner Kindheit geprägte Liebeskarte wirklich mit meinen aktuellen Bedürfnissen überein? Laufe ich deshalb dem falschen Typ Mann hinterher, weil ich mich unbewusst in Rollenmuster aus der Kindheit füge oder die Befriedigung verborgener Wünsche suche? Oder will ich eigentlich im Moment gar niemanden in mein perfekt durchorganisiertes Leben lassen?

Diese Fragen können Klarheit schaffen – und verhindern, dass wir bei unserer Suche nach dem Traummann weiterhin mit sicheren Griff danebenlangen. „Wirkliche Nähe zuzulassen, bedeutet Mut und ein klares Selbstbild“, so das Resümee der Autorin Gillooly. Wer die Chance nützt, aus gescheiterten Beziehungen zu lernen, hat beste Voraussetzungen den Richtigen doch noch zu treffen. „Die wahre Liebe wird sich erst blicken lassen, wenn wir so weit sind“.

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