Timur Diehn

Klassenprüfung

Wirtschaftsjournalist

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Wie viel Geld kann ein Nachrichtensender sparen, ohne an Qualität und Seriösität zu verlieren? Rote Zahlen zwingen n-tv zur Probe – doch nicht alle Mitarbeiter finden das schlecht.

Trainer und Geschäftsführung sind ratlos. Die hochbezahlten Profis des FC Bayern kommen in dieser Saison nicht in die Gänge, besonders nach der Halbzeit wirken Kahn, Elber & Co. lustlos und unmotiviert. Nur Manager Uli Hoeneß hat einen Verdacht: Sind die Nachrichten von n-tv etwa schuld am Leistungstief? Rauben purzelnde Börsenkurse, wie sie in der Kabine zur Halbzeit über den Schirm flimmern, den kickenden Aktionären jeden Schneid? In Sportredaktionen und bei den Fans in der Südkurve jedenfalls geht das Gerücht, dass Hoeneß im Pausenraum den Stecker ziehen ließ. Vorsichtshalber !

Trauerfeier
Doch Tatsache ist: „Wirtschaft“ und „Börse“, einst die Kernkompetenzen von n-tv, stehen seit einigen Monaten nicht mehr „oben auf der Agenda“, wie es auf der Homepage der Landesanstalt für Medien NRW Ende Oktober hieß. Den meisten Anlegern ist die Lust auf stetig fallende Börsenkurse vergangen. Die Zeiten, in denen Wirtschaftsmoderatoren als Meinungsführer gehandelt wurden, sind vorbei. Für n-tv hat die Wirtschaftskrise aber nicht nur sinkende Quoten zur Folge. Die Hauptklientel, Banken, Versicherungen und andere Finanzdienstleister hat die Werbebudgets besonders stark zurückgefahren. Nach Media Control verbuchte n-tv im ersten Halbjahr 2002 ein Umsatzminus von 32 Prozent. Höchste Zeit für Geschäftsführer Helmut Brandstätter die Notbremse zu ziehen: 70 betriebsbedingte Kündigungen stehen an, die meisten, berichten Mitarbeiter, werden die Techniker treffen.

Dass auch die Feier zum zehnjährigen Firmenjubiläum abgesetzt wurde, interessiert da bei dem Nachrichtensender in der Berliner Taubenstraße niemanden mehr. Während Geschäftsführung und Betriebsrat über das Wie und Wann der Entlassungen verhandeln, steigen die Verluste im laufenden Quartal weiter. Ende 2002 wird voraussichtlich „die 20- Millionen-Euro-Grenze erreicht werden. „Fünf Millionen mehr als im letzten Jahr“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Zahlen, die n-tv Sprecher Thomas Schultz „weder bestätigen noch dementieren“ möchte. Kein Wunder, bei einem angepeilten Nettoumsatz von insgesamt nur rund 60 Millionen Euro, stellt sich die Frage nach der mittelfristigen Zahlungsfähigkeit des Senders. Und das in einem Geschäftsjahr, in dem Bundeswahlkamp und das Hochwasser in Sachsen den Marktanteil zwischenzeitlich von 0,7 auf drei Prozent katapultierten.

Tauschhandel
Andreas Knaut, Sprecher der Verlagsgruppe Handelsblatt, einem Ableger des Holtzbrinck-Konzerns, weint den kürzlich veräußerten Beteiligungen an n-tv jedenfalls keine Träne nach: „Das war sicher kein Zwangsverkauf. Die ersten Sparmaßnahmen wurden bereits vor acht, neun Monaten ergriffen, aber in den nächsten Jahren wird die Situation für den Sender sicherlich nicht besser werden“. Perspektiven erhofft sich die Geschäftsführung vom neuen Teilhaber. 47,3 Prozent hat RTL vom Holtzbrinck-Konzern übernommen. Damit hält die zum Bertelsmann-Konzern gehörende RTL Group nur knapp weniger Stimmanteile als AOL/Time-Warner mit gut 49 Prozent. Mit dem Einstieg komplentiert die Sendergruppe (RTL, RTL 2, Super RTL und VOX) ihr Portfolio durch eine starke Nachrichtenmarke. Selbstbewusst kündigen RTL-Manager wie Gerhard Zeiler bereits weitere drastische Einsparungen an, um die 20-Millionen-Lücke zu füllen.

Was hat RTL wirklich vor? „Das fragt sich hier jeder, der noch bleiben darf“, beschreibt ein n-tv Redakteur die verunsicherte Stimmung im Team. Wird der Sender bald als Nachrichtendienstleister für die RTL-Gruppe arbeiten, ähnlich wie N24 für ProSieben und Sat.1? Immerhin hat RTL-Chefredakteur Hans Mahr bereits die neue Marschrichtung ausgegeben: „Mehr News, weniger Wirtschaft“, eine Strategie, die zum Programm von RTL passt. Die Sendergruppe hofft auf einsparende Synergie-Effekte. In der Auslandsberichterstattung wurden bereits Korrespondenten getauscht. Im Wahlkampf moderierte das prominenteste n-tv Gesicht Sandra Maischberger zusammen mit RTL-Moderator Peter Kloeppel die Sendung „Im Kreuzfeuer“. „Weitere Austauschmodelle sind prinzipiell denkbar“, so auch die offizielle Haltung des Nachrichtensenders. Und sicher bezieht sich diese Aussage nicht nur auf die gemeinsame Nutzung von Ü-Wägen wie während der Elbe-Flut. Neben weiteren Entlassungen könnten von RTL kostenlos übernommenen Magazinsendungen die Produktionskosten spürbar senken. Immerhin wird jede Zusammenlegung der Redaktionen von beiden Seiten noch heftig bestritten. Wie lange aber könnten die Börsen- und Nachrichtenteams noch unabhängig arbeiten, wenn RTL zunehmend Programmbedarf anmelden sollte? Ist die betont nüchterne, seriöse Marke des Senders in Gefahr, sollte es tatsächlich zur Auflockerung des Programms mit RTL-typischen Entertainment-Formaten kommen? Das neue Shopping-Fenster bei n-tv wird zum Beispiel bereits vom RTL-Shop mitproduziert. Die darin vorgestellten Produkte wie „rhino spray“ (mit dem Slogan „beamt den Schnupfen weg), sprechen ganz offensichtlich die RTL-typische Klientel an. Und prompt erregte sich ein n-tv Zuschauer im Chatroom des Nachrichtensenders: „Ist zu befürchten, dass C-Prominente wie Feldbusch, Naddel, Elvers ihr armseliges Leben künftig auch beim Berliner Nachrichtensender promoten?“ Solche Befürchtungen machen sich breit und jede neue Sparmaßnahme heizt die Gerüchteküche in der Taubenstraße an.

Kopfarbeit
Dass sich die Journalisten im News-Bereich auf neue Arbeitsmethoden einrichten müssen, zeichnet sich indes schon ab. Nachrichtenredakteure werden ihre Beiträge in Zukunft selbst am Rechner schneiden, ohne dass ihnen ein Cutter assistiert – bei amerikanischen Sendern wie CNN ist dies bereits üblich. Besonders Techniker haben bei n-tv jetzt blaue Briefe erhalten. Bei manchen freien Autoren, die auch andere private Sender von innen kennen, gelten diese Sparmaßnahmen als lange überfällig. „Straffe, effiziente Arbeitsabläufe sind bei n-tv nicht immer selbstverständlich“, gibt ein Moderator zu, der ungenannt bleiben möchte: „ In meiner Regie tummeln sich jetzt nicht mehr sechs Licht- und Tonmechaniker, sondern nur noch vier. Seitdem klappt es viel besser mit der Abstimmung, es wird nicht mehr so endlos lange diskutiert.“ Der langjährige n-tv Mitarbeiter ist überzeugt: „Sollte ich in Zukunft nur noch mit zwei Technikern zu tun haben, könnte die Sendung endlich schnell und präzise aufgenommen werden.“ Ein News-Autor bläst in dasselbe Horn: „Was ist so schlimm daran, wenn wir die Nachrichten jetzt selber vom Telepromter ablesen müssen?“ Auch dass offensichtlich die Abteilungsleiter auf der Abschussliste stehen und Nachrichten-und Börsenredaktionen in Zukunft unter verstärkten Druck arbeiten müssen, hält er nicht für wirklich beunruhigend: „Machen wir uns nichts vor. Politik und Wirtschaftsnachrichten basieren auch bei n-tv auf „Feed“, auf vorgedrehtem Material, das wir teils von CNN, aber auch von Agenturen übernehmen. Entscheidend für die Börsenkompetenz“, so der Redakteur weiter, „sind die Köpfe, die dieses Material sichten, werten und kommentieren.“ Einen wichtigen Kopf hat n-tv allerdings schon verloren: Sandra Maischberger wird im Herbst 2003 zur ARD wechseln.

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