Timur Diehn

Ruhe im Puff

TIP Berlin Shopping-Guide

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Traditionelle Etablissements werden geschlossen, und die Konkurrenz aus Osteuropa wächst. Trotz allem fordern die Berliner Huren selbstbewusst ihre Anerkennung als freie Berufsgruppe.

Der Mann mit Tirolerhut und Trachtenjacke wehrt sich vergeblich. Resolut zieht die beleibte Berlinerin den Kunden in ein Haus an dessen Fassade sich spärlich bekleidete Berufskolleginnen lässig anlehnen. Über dem Hauseingang prangt ein überdimensionales Betttuch mit dem Schriftzug „Besetzt“. Die Prostituierte kann den Unwillen des bayerischen Touristen nicht ganz verstehen: „Wat hast`n eijentlich jejen die Besetzer. Ick habe in det öffentliche Haus jetzt mein eijenet Arbeitszimmer.“

Als die oben beschriebene Szene als Karikatur im “Tagesspiegel” erschien, waren die wilden Zeiten an „der Potse“ schon fast vorbei. Zwar tummelte sich im Winter 1981 auf der Potsdamer Straße immer noch ein buntes Potpourri gesellschaftlicher Subkulturen. Doch die Abrissbirnen standen schon bereit, um einer der verruchtesten Ecken des beschaulichen Westberlin den Garaus zu machen. Traditionelle Etablissements wie das Hotel Potsdam, die Bar Romantica oder das Excelsior wurden dem Erdboden gleichgemacht oder renoviert, Dealer und Huren „per Spitzhacke“ vertrieben. Dennoch ging das Kalkül der Stadtplaner nicht ganz auf. Leer stehende Häuser provozierten die ersten Hausbesetzungen, und in manchen besetzten Häusern machten selbstbewusste Proistiuierte gemeinsame Sache mit den langhaarigen Freaks aus der Polit-Ecke. 1980 besetzt das erste Berliner Prostitutionsprojekt Hydra die Potsdamer 139.

Im legendären Frauenclub Pelze drängten sich Anschaffende aus allen Ländern, Feministinnen aus der Uni und Politikerinnen aus dem Senat gleichermaßen am Tresen. „Das war eine unheimlich schöne, intensive Zeit“, erinnert sich Mahide Lein, die neben dem Pelze mit dem Café Winterfeld auf dem ehemaligen Transenstrich eine zweite erotische Bar für Frauen unterhielt. Anders als ihre Kolleginnen auf dem feinen Ku´damm verstanden sich die meisten Prostituierten im Schöneberger Kiez als eine von vielen alternativen Lebensformen, die sich den legendären Bülowbogen mit Schwulen und Lesben, kleinen Ganoven, Punks und den alternativen Studenten in ihren Wohngemeinschaften teilten. Das ist lange her. Auf der Potse wechseln sich heute Porno- und Döner-Läden mit türkischen Gebrauchtwarenhändlern ab. In der Kurfürstenstraße stehen sich blond gefärbte Studentinnen neben der Hausfrau aus Neukölln gelangweilt die Beine in den Bauch. Die wenigsten sieht man regelmäßig, einige sind wochenlang da und dann verschwunden. Drogenstrich.

„Sinkende Gewinnspannen seit der Wende, Telefonsex, die Konkurrenz aus dem Osten, hier ist nichts mehr wie früher“, erzählt Marco. Vor wenigen Wochen hat er den Tresen in „Buschies Bierstübchen“ übernommen, nachdem die Besitzerin, Marcos Mutter, überraschend gestorben ist. „Seit über 20 Jahren haben wir rund um die Uhr geöffnet“, erzählt er stolz. Wie lange das noch so bleiben wird, weiß der stämmige Body-Builder nicht. Die meisten Stammgäste sind zwischen 45 und 55, Frauen und Männer gleichermaßen. Junge Leute kommen kaum noch nach. Marco zuckt die Achseln: „Früher verdienten die Damen 3000 bis 5.000 Mark am Tag, heute sind es höchstens 500. Da bleibt auch am Tresen nicht mehr viel hängen.“ Spätestens seit dem Mauerfall hat sich die Szene auf die einzelnen Bezirke verteilt, und boomt dabei vor allem im Osten. „Eine ganz normale Entwicklung ist das, wie in jeder anderen Dienstleistungsbranche auch“, kommentiert Stephanie Klee. Die resolute Frau mit dem roten Pagenkopf verklagte als erste Anschaffende Deutschlands mit Erfolg einen Freier auf die Zahlung des vereinbarten Lohns und betreibt seit Jahren politische Lobbyarbeit für eine berufliche Gleichstellung der Prostitution.

Über ihre Agentur highLights beliefert Klee seit fünf Jahren Kolleginnen mit Kondomen, Gleitcremes und Sextoys und klappert dabei Nobelpuffs in Dahlem, Milieukaschemmen am Stuttgarter Platz und der Lietzenburgerstraße und den Straßenstrich auf der Oranienburger Straße ab. Überall macht sie denselben Trend aus: „Die Männer sind verunsichert, und wollen wieder geknuddelt werden.“ Die harte Welle, als die meisten Freier vor allem ihre pornografischen Phantasien ausleben wollten, ist seit zwei Jahren vorbei. „Viele Kunden haben Angst um ihren Job und sind verunsichert“, berichtet Klee. Seitdem fürchten stadtbekannte Dominas um ihre Stammkundschaft aus den Start-up-Firmen in Mitte. Der Trend zur sensiblen Sozialarbeit verführt viele Prostituierte sogar dazu, das letzte Tabu der Zunft über Bord zu werfen: Küssen.

„Anders als in Frankfurt oder Hamburg gibt es hier keine Sperrgebiete“, erklärt Klee. „Das macht die Branche anonymer aber auch freier“. Nur schätzungsweise 700 Frauen stehen überhaupt auf der Straße. Die meisten Geschäfte finden in Privatklubs und Massagesalons statt. Oder in unauffälligen Wohnungen, in denen die Frauen den Kunden auch emotional näher ranlassen können wenn sie wollen.

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap ergab, daß über 60 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung den Vorschlag der Familienministerin Christine Bergmann befürworten, Prostitution als normalen Beruf mit Kranken- Renten- und Sozialversicherungspflicht anzuerkennen. Tatsächlich ist das Selbstbewusstsein im Berliner Mileu so groß wie nie. Im Juni letzten Jahres organisierte Mahide Lein das erste europäische „KultHurfestival“ in der Ufa-Fabrik. Hydra hat sich zur senatsgeförderten Beratungstelle für Prostituierte gemausert. Und seit der Präzedensentscheidung des Berliner Verwaltungsgerichts, die den Freierbetrieb im Wilmersdorfer Café Psst als „nicht sittenwidrig“ einstufte, rückt die Anerkennung als freie Berufsgruppe ein messbares Stück näher. Doch der gesellschaftliche Skandal der Prostitution als Spiegel sozialer Missverhältnisse bleibt erhalten. Verrucht ist nicht mehr der Akt selbst, sondern die hinter ihm vermutete Ausbeutung. „Wir leben in einer zwei Klassen Gesellschaft“, kommentiert eine freie Mitarbeiterin von Hydra. „Besonders im Mileu“. Tatsächlich stammt mittlerweile jede zweite der fast 10.000 Anschaffenden aus Osteuropa. Zuerst waren es polnische Hausfrauen mit ihren Wohnwägen und mitgereisten Familien. Heute kontrollieren professionell organisierte Schlepperbanden den Frauenhandel aus Estland, der Ukraine und Russland. "Kurz nachdem die Frauen die Grenze passieren, wird ihnen der Pass abgenommen, sie werden weiterverkauft und zur Prostitution gezwungen. Wer Glück hat und bei einer Razzia gefunden wird“, erzählt Barbara Errit, „landet in Abschiebehaft. Doch die meisten verschwinden wieder, bevor es überhaupt zum Prozeß kommt, werden dann sowohl von den Verbrechern, als auch von der Polizei gesucht. Viele Schicksale bleiben ungeklärt.

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