Timur Diehn

Aufbruch und Stillstand:

Bringt der europäische Forschungsrat frischen Wind in die europäische Forschungslandschaft?

Wirtschaft und Wissenschaft

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Schlechte Nachricht aus Kalifornien: Im Mai hat der britische Ölkonzern British Petrol die amerikanische Berkeley Universität mit einem fünfhundert Millionen Dollar schweren Forschungsauftrag zum Thema Biokraftstoffe beauftragt. Begründung: „in Europa kämen die notwendigen Ressourcen an Forschern und Drittmitteln nicht zusammen“. Eher Ausnahme als Regel? Wohl kaum. Kürzlich hat ein Strategieforum unter Leitung des britischen Physikers John Wood eine Liste von 35 Großproduktionen vorgelegt, die sofort umgesetzt werden müssten, will Europa nicht zunehmend von Bangalore, Berkeley oder Singapur ausgebremst werden. Bisher erhielt nur eines der Projekte, das Europäische Röntgenlaserprojekt XFEL, einen Teil der notwendigen Finanzmittel zugebilligt.

Rein theoretisch soll eine Flut von Forschungsergebnissen zur Zellbiologie, zur Klima- oder Hirnforschung in der Eurozone wirtschaftliches Wachstum und neue Arbeitsplätze erzeugen. Die Vision erfordert, was die europäische Gemeinschaft nur begrenzt vorweisen kann: gebündelte Finanzkraft und schwieriger noch: unbürokratische, internationale Zusammenarbeit zwischen erfolgreichen Forscherteams. 14 Milliarden Euro, so Wood, wären notwendig, etwa für leistungsfähige Neutrinoquellen, Weltraumteleskope und zur Klimaforschung.

Kann Europa für Spitzenforscher wieder attraktiver werden? Ist eine Trendwende möglich weg von der üblichen Gemengelage zwischen Finanzknappheit und Kompetenzgerangel? Nach neun Jahren Dienstzeit als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft glaubt Ernst Ludwig Winnacker, die Gründe für das zähe Wachstum der europäischen Forschungslandschaft erkannt zu haben: „Erstens“, so seine Bilanz, „chronische Unterfinanzierung, zweitens zu wenig europäischer Wettbewerb, drittens die Vernachlässigung der Grundlagenforschung“.

Seit Ende Februar steht Winnacker als Generalsekretär einer neu gegründeten Institution vor, die eine Trendwende herbeiführen soll: 22 ausgewählte Spitzenforscher werden ab 2007 im Europäischen Forschungsrat (ERC) international herausragende Talente und Forschungsvorhaben ausfindig machen, finanzieren und so für Europa anwerben oder halten. Das Budget wird mittelfristig eine Milliarde Euro pro Jahr erreichen. Zu fördern wäre ein neues Verständnis für die Grundlagenforschung ohne thematische Einschränkung, hochriskante Pionierforschung inklusive.

Was hoffen lässt: die erste Mittelzuteilung von 300 Millionen Euro speist sich nicht aus bereits bestehenden Forschungsetats. Stattdessen fließt der größte Teil der Summe aus dem Agraretat der EU und damit aus jenen milliardenschweren Agrarsubventionen, die in Zukunft wenigstens teilweise für Investitionsausgaben umgebucht werden sollen. Weitere 50 Millionen entstammen aus dem Personaletat der Kommission. Nach dem Willen von Dr. Jorgo Chatzimarkakis, Mitglied des europäischen Parlamentes für die Liberalen, soll das auch Marschrichtung bleiben: „Der Lissabon-Beschluss gibt klar vor, dass Forschungsmittel nicht mehr für neue Projekte kannibalisiert werden dürfen.“

Im Januar gab die EU ihr siebtes „Forschungsrahmenprogramm“ bis 2013 bekannt. Die Zahlen sind beeindruckend: knapp 54 Milliarden Euro will sich Europa Forschungsausgaben kosten lassen, ein Plus von knapp die Hälfte zum letzten Programm. Das neue Filetstück: der Forschungsrat. Sein erstes Förderprogramm wird junge Spitzenforscher identifizieren und fördern, die frisch nach ihrer Promotion ihr erstes eigenes Forscherteam zusammenstellen oder die erste unabhängige Forschung planen. Jährlich sind knapp 250 Stipendien geplant, mit bis zu fünf Jahren Laufzeit. Für den ersten Call im Frühjahr 2007 flatterten über neuntausend Bewerbungen ins Haus, das sind dreimal mehr als erwartet. Diese positive Reaktion junger Forscher auf das erste Nachwuchsprogramm verweist mit der niedrigen Bewilligungsquote junger Forscher an den Hochschulen auf einen Makel der europäischen Forschungslandschaft. Auch in Deutschland fehlt für Nachwuchsförderung oftmals das Geld. Löbliche Ausnahmen, meint Winnacker, wären das Emmy-Noether Programm des DFG und die Nachwuchsgruppen der Max Planck-Gesellschaft.

Das zweite Förderprogramm des Rates wird erfahrenen Wissenschaftlern in späteren Phasen ihrer Karriere mit hohen Beträgen ermöglichen, in Ruhe zu arbeiten anstatt immer wieder neue Förderanträge zu schreiben. Beide Programme sollen möglichst unbürokratisch wirken, so erfordert die erste Bewerbungsstufe keine ausführliche Projektbeschreibung.

Die Wetten stehen gut, dass auch der Call für das zweite Förderprogramms weit besser angenommen wird als so manch „klassisches“- mit Bürokratie überladenes - Modell der EU-Förderung. So kritisierten auf der diesjährigen Bundestagung der Koordinierungsstelle zur EU-Forschungsförderung (KOWI) Professoren wie Firmenmanager stets die gleichen Aspekte: Je nach EU-Programm regeln unterschiedliche Standarts nach eigenen Kriterien Arbeitsverträge, Kooperationsbedingungen, Kostenmodelle und Steuersätze neu. Aus Sicht der Forscher nervt zudem der EU-Rechnungshof, zum Beispiel mit seinen dezidierten Abrechnungsmodellen zu jedem geförderten Mitarbeiter. Kein Wunder, dass sich manche Forschungsgruppen einen eigenen Projektmanager für EU-Förderung leisten - full time versteht sich. “Nur“, fragt etwa der Abteilungsleiter Forschung und Technologietransfer der Uni Mainz Christian Spath, „wo packe ich meinen Projektmanager hin, wenn die Förderung nach einigen Jahren zu Ende geht?“ Zunehmend scheinen sich nur große Organisatoren, wie die Forschungszentren in Karlsruhe und Jülich den personalen Aufwand für die notwendige Koordination leisten zu wollen. Deutsche Unis drohen da weiter zurück zu fallen: Mittlerweile speisen sich ungefähr sechs Prozent ihres Gesamthaushaltes an Drittmittel über die EU, die Hälfte stammt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Was hier helfen könnte, wäre mehr kompetente Beratung von unabhängiger Seite, wie sie bundesweit KOWI und auf Landesebene Initiativen wie die saarländischen Beratungsgesellschaft EURICE leisten.

Neben „Bürokratie“ bleibt „Politik“ das wichtigste Wort in der europäischen Forschungslandschaft. Ausgerechnet der Forschungsrat soll da die große Ausnahme bilden: Obwohl als Organisation Teil der EU-Bürokratie, muss seine Leitung in seinen Entscheidungen keine Rücksicht auf die einzelnen Mitgliedsstaaten nehmen, was die Auswahl der bewilligten Projekte betrifft. Dieses Novum hat aber nur Bestand, solange die Kommission ihr Versprechen einhält und die inhaltliche Unabhängigkeit des Rates schützt. Immerhin sollen die Fördermittel für rein wissenschaftliche Kriterien und nicht - wie gewohnt- auch nach Proporz verteilt werden, wie bei der Förderung strukturschwacher Regionen. So kann der Forschungsrat gezielt Projekte fördern, die national keine guten Fördermöglichkeiten haben. „So entsteht mehr Wettbewerb und Vielfalt“, hofft Brigitte Klemt, Leiterin der Abteilung Forschung und Technologie im Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Rheinland-Pfalz: „Wir brauchen die europäische Exzellenzförderung ebenso dringend wie beispielsweise die Graduiertenschulen des DFG in Deutschland“.

Vor allem versteht sich der Forschungsrat als Reaktion auf mangelnden Kooperationswillen in der europäischen Forschungslandschaft: „Es kann nicht angehen“, schimpft EU-Abgeordneter Chatzimarkakis, „dass Gruppen, die europaweit zu gleichen Themen forschen, nicht einmal von ihrer gegenseitigen Existenz wissen“. Die gängige Praxis verweist auf einen Aspekt, den Insider oft bemängeln: der mangelnde Zusammenarbeit zwischen den nationalen Forschungsfonds. Für seine Vielfalt nimmt Europa eben auch in Kauf, das 26 Mitgliedsländer auch dort auf eigene Verwaltungsstrukturen pochen, wo eine Bündelung von Kräften effizienter sein könnte. So finden sich im kleinen Belgien zwei unabhängige Forschungsfonds, in Großbritannien sind es schon sieben. Zudem sind im europäischen Entscheidungsprozeß relativ kleine Player großen Organisationen, wie dem DFG mit seinem zwei Milliarden Etat, nominell gleichgestellt. Die Folge: Jedes Land bemüht ihr eigenes System zur Forschungsförderung, wobei die wenigen gemeinsamen Großprojekte diesen Trend nicht gerade umkehren. Fehlender Wille zum Wettbewerb scheint ein Hauptproblem zu sein. Winnacker: „Hätten die nationalen Forschungsorganisationen nur fünf Prozent ihrer Etats in einen gemeinsamen Topf eingebracht, wäre der Europäische Forschungsrat bereits vor Jahren entstanden.“ Jüngstes Beispiel für die mangelnde Kooperation: der gemeinsame EURYI Award für europäische Nachwuchswissenschaftler. Die Erfolgsstory wurde 2007 gekippt, weil sich die beteiligten Fonds nicht mehr auf eine gemeinsame Finanzierung einigen konnten.

Proporze gehören zur politischen Kultur in Europa, weil sie Ungleichheiten zwischen einzelnen Ländern abfedern. Aus dieser Position heraus wird es aber schwer bleiben, Kräfte zu bündeln, damit zum Beispiel internationale Spitzenforscher angemessen bezahlt oder angeworben werden. Immerhin soll jetzt der „European Young Inventor Awards“, ein Zusammenschluss von 18 Förderorganisationen, die gemeinsam ausgesuchte exzellente junge Nachwuchsforscher fördern, in den europäischen Forschungsrat überführt werden. Ein erster Schritt hinein in die Rolle, die der Rat in Zukunft spielen könnte? Nicht als Konkurrenz sondern als aufgesetzte Spitze einer Förderstruktur, die übernationale Ziele stemmt, die die einzelnen Länder nicht mehr bewältigen? Schon hoffen Optimisten, dass hier eine ähnlich führende Institution wie der amerikanische National Science Foundation entstehen könnte, „das wird aber bis zu dreißig Jahre dauern“, betont die Leiterin der Abteilung Programm- und Infrastrukturförderung beim DFG Beate Konze-Thomas. Im Moment unterstützt die Deutsche Forschungsgesellschaft den Forschungsrat willig mit Mitarbeitern und Know-How. Und auch in weiter Zukunft werden nationale Fonds sicher nicht überflüssig werden.

EU-Abgeordneter Chatzimarkis hofft vor allem, dass der Forschungsrat dazu beitragen kann, ein neues Verständnis für Grundlagenforschung anzuregen. So konnte sich die EU beim Klimawandel an die Spitze der Deutungshoheit setzen. Dass heute die Welt zu diesem Thema verhandelt, sei „gemeinsames Vermächnis der Europäer, was eben auch Innovationsfelder erschließen kann“, hofft Chatzimarkis: „Zum Beispiel müssten jetzt im Automobilbereich die Forschungsausgaben massiv erhöht werden, damit die Branche angemessen auf den Klimawandel reagieren kann“. So gesehen wären EU-Projekte wie das (kommerziell gescheiterte) europäische Satellitenüberwachungssystem Galileo oder die Entwicklung nachhaltiger Biokraftstoffe weitere Beispiele für „strategische Ziele“, die auch die Grundlagenforschung stimulieren sollen. Was bliebe aber in fünf, sechs Jahren von der angekündigten Unabhängigkeit des Forschungsrates, wenn der Druck steigt, sich auf die Förderung dieser gesetzten „strategischen Ziele“ zu konzentrieren? Noch gibt sich Winnacker überzeugt, dass die Kommission dem Rat seine Unabhängigkeit belassen wird. Dazu passt, dass intern nur grob festgelegt wurde, wie die Mittel in Zukunft verteilt werden. „Langfristig wird der Forschungsrat seine Unabhängigkeit wohl nur partiell durchsetzen“, fürchten hingegen unabhängige Beobachter wie Peter Niederelz, Ministerialdirigent und Referatleiter für Forschung und Innovation im hessischen Umweltministerium. So könnten sich nach Ende der deutschen EU-Ratspräsidentschaft nationale Einzelinteressen wieder stärker zu Wort melden. Dann muss sich der Rat auch auf internen Druck gefasst machen, will er seine Mittel ungleich verteilen.

Politisches Tauziehen gehört in Brüssel wohl einfach dazu, das zeigt auch die laufende Standortdebatte zum zweiten aktuellen Statusprojekt der europäischen Spitzenforschung: dem „European Institute of Technology“ (EIT). So hat erst kürzlich Polen zwei Milliarden Euro auf den Tisch gelegt, um Breslau als künftigen Standort durchzusetzen. Andere Stimmen bevorzugen Strassburg, das zur „Forschungsstadt Europas“ gepusht werden soll, auf deutscher Seite wird die Rhein-Zone diskutiert. Da war man schon froh, dass die Entscheidung vertagt wurde, anstatt einfach Polen den Standort „aus politischen Gründen“ zuzuschanzen.

Generell beleuchtet das Tauziehen um das EIT, wie es wirklich um den europäischen Forschungsraum steht: Der Wunsch des Kommissionspräsidenten Barroso nach einem eigenständigen europäischen Technologieinstitut scheint jedenfalls zerplatzt. Ursprünglich sollten hier exzellente Bereiche einzelner Hochschulen übersiedeln und zusammenwachsen, jetzt wird es das EIT nur - so das Zauberwort- als „virtuelle Struktur“ geben, als eine weitere der vielen politisch erwünschten Partnerschaften zwischen Universitäten und High-Tech Firmen. So können Mitgliedsstaaten und Universitäten besser auf eigene Kompetenzen beharren, ohne fürchten zu müssen, ihre besten Köpfe - oder Institute - an ein ausgelagertes Großinstitut zu verlieren. Eigene EU-Forschungszentren ohne nationale Kontrolle? Dafür scheint die Zeit noch nicht reif. Stellt sich nur die Frage, wer eigentlich in Kürze die vielen notwendigen Großprojekte stemmen soll?

Immerhin, der Europäische Forschungsrat scheint solide finanziert. Die Hoffnung ist groß, dass sich Europas Spitzenforscher auch beim nächsten Call nicht von bürokratischen Hürden abschrecken lassen. Winnacker: „Bei uns einen Antrag zu stellen, ist nicht viel schwerer, als ein US-Visum zu beantragen. Na ja, vielleicht ein wenig aufwändiger. Aber machbar“.

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