Kein Wunder, schließlich ist es die Geschichte eines Iren, mit der McKeever 1987 die ungeteilte Aufmerksamkeit der US-Comicszene gewann: Eddy Current ist jener durchgeknallte Wuschelkopf, der um 18.00 Uhr mal schnell ausbricht, um bis 6.00 Uhr morgens die Welt zu retten. Sein Schöpfer ist ein Mann, dem das Leben nur zwei Alternativen zu stellen schien: Müllmann oder Comiczeichner zu werden. McKeever wählte letzteres: Nicht erst seit den Werken „Metropol“ und „Der Extremist“, die sich in Grenzbereiche menschlicher Erfahrung vorwagen, erscheinen seine Serien wie Inseln der Lesbarkeit im oft allzu glatten Serienwirrwarr des amerikanischen Comicmarktes. McKeever will mehr: Ohne zu werten oder in platten Voyeurismus abzufallen, beschreibt er die Auflösung jener künstlichen Grenze, die der (Spieß-)Bürger zieht, um seine Moralvorstellungen aufrechterhalten zu können.
Der „Extremist“, die zweite Kultfigur die McKeever Amerikas Undergroundläden bescherte, bricht mit der Erlebniswelt des Normalbürgers. (Scheinbarer) Latex-Mann und Killer zugleich ist der Extremist rächender Schutzengel einer urbanen S&M Szenewelt und entpuppt sich doch als weibliches, verletzliches Wesen: Als Judy den wahren Grund des Todes ihres Gatten erfährt, stülpt sie sich die Maske des gefürchteten wie bewunderten Szenegottes über, taucht eine in eine Welt aus „Leder und Schleim“. Es sind nicht nur Sex-Phantasien, die für eine einst brave Ehefrau in Erfüllung geraten, erfüllend ist auch der Sog der faszinierenden Halbwelt. McKeever weiß: „Der Wahnsinn muss nicht stumm bleiben, ihm kann eine Stimme gegeben werden, er kann ausgesprochen werden“.
Auch Lilan Mousil sorgte für politisch korrekten Aufruhr, als sie 1993 die Leserschaft der TAZ mit ihrem „Grusel-Alphabet“ verstörte. Zeigt die in Amerika geborene Berlinerin und „Exilantin“ doch keine Scheu, im kindlich naiven Stil Grausamkeiten und Unglücksfälle aller Art („Die kleine Annette schluckte die falsche Tablette“), ja selbst Kannibalismus („Emil der Tropf, kochte im Topf“) zu kombinieren und lustvoll durch den Kakao zu ziehen. Die alternative TAZ verlor manch treuen Abonnementen, doch für L.G.X., wie Mousil sich nennen lässt, begann mit der dadaistischen Tat eine steile Karriere als junges Aushängeschild der Berliner Underground-Szene. Ihre Sammlung von Cartoons („Teufel“), und schon ihre erste Geschichte („Liebe in Zeiten der Drachen“) wurden von Szenekritik und Feuilleton gleichermaßen abgefeiert. Sprache und Graphik in „Teufel“ sind knapp, klar und überzeugend. Mit kindlichem Ernst, naiv und weise zugleich, entführt Mousil in die Welt ihrer Kinderträume und damit in den Bereich körperlich ausgelebten Horrors. Die Geschichten sind so eindringlich, dass der Leser sich beim Gedanken ertappt, gerade etwas Verbotenes zu tun, wenn er liest und betrachtet.
In „Teufel“ berichtet Mousil von einem kleinem Satansbraten, den man keine Sekunde aus den Augen lassen darf, und von zwei Mädchen: Während die eine ihren Freund vergewaltigt, ist ihre Altersgenossin andauernd sabbernden „Onkeln“ und „Tanten“ ausgeliefert. In ihrer „Liebe in Zeiten der Drachen“ geht es um eine Liebesgeschichte und um (kleine und große) Drachen, deren menschliche Besitzer für immer glücklich sein könnten. Doch den Augen der Menschen fehlen die Pupillen, was bleibt, blickt böse, ausdruckslos, bestenfalls fragend. Und dennoch geht die Geschichte gut aus. Mousils Kollege McKeever weiß, warum: „Liebe in Zeiten der Drachen ist eine Seltenheit unter den Comics. Eine geheimnisvolle und magische Geschichte, erzählt aus dem Herzen der Autorin“.
zurück
zum Textanfang 