Timur Diehn

Hoffnung für das Stiefkind

Exzellenz und Hochschullehre. Passt das zusammen? Neue Vorschläge bringen Bewegung in die Debatte.

Wirtschaft & Wissenschaft

zurück {short description of image}

Berlin, Anfang November: Festakt zur Eröffnung des Nordamerika-Kollegs der FU. Während die Vizepräsidentin der Universität in ihrer Rede die Bedeutung der Exzelleninitiative für die neue Forschungseinrichtung herausstreicht, verteilten Studenten Flugblätter mit einer abgedruckten Erklärung des FU-Präsidenten Dieter Lenzen. Einige Wochen zuvor hatte der Erziehungswissenschaftler offiziell bedauert, „dass die berechtigte Forderung nach einer hoch qualitativen Ausbildung an die Grenzen des finanziell Möglichen stoße“.

Man spricht nicht gern über sein ungeliebtes Stiefkind. Man nennt es nicht beim Namen. Am Besten sollte es wenig kosten und dabei trotzdem irgendwie „funktionieren“. Wirft das Arrangement Probleme auf, werden diese so lange verleugnet wie möglich - bis die Sache zu peinlich wird und gewohnte Erklärungsmuster, die lange einen Anschein von Gewöhnung vorgaukelten, nicht mehr greifen.

„Die Krise der deutschen Universitäten ist eine Krise ihrer Lehre“, formulierte der Wissenschaftsrat kürzlich in seinen Empfehlungen für eine Reform der Personalstruktur an Hochschulen. Wer in den letzten Jahrzehnten sein Studium an einer deutschen „Massenuni“ absolvierte, kennt die Absurditäten, mit denen akademische Hochschullehre aufwarten kann: Endlose Monologe statt lebendiger Vorlesungen, Standartnoten für achtlos überflogene Hausarbeiten, Rausschmisse aus Pflichtveranstaltungen wegen Überbelegung, Kommilitonen die sich im Seminar zu siebt ein Referat teilen. Das Ergebnis? Fast dreißig von hundert Studienanfängern verlassen die Hochschulen ohne Abschluss. 2,2 Milliarden Euro kosten nach Berechnungen des Stifterverbandes Studienabbrecher an Universitäten und Fachhochschulen jährlich den Staat. „Spitzenlehre ist ebenso wichtig wie Spitzenforschung. „Das Land braucht Eliten auch außerhalb der Wissenschaft“, warnt Christian Bode, Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD.

Es könnte schlimmer werden. Die starke Verkürzung vieler Studienzeiten durch den Bologna-Prozess mache es notwendig, so glaubt der Wissenschaftsrat, je nach Fach pro Bachelor- oder Masterstudenten sehr schnell einen erhöhten Betreuungsaufwand bis zu zwanzig Prozent zu erreichen. Parallel droht in den kommenden Jahren der größte „Studentenberg“ seit langem. Dies sind nur zwei von mehren Faktoren, die den Schwerpunkt der Reformdebatte an Hochschulen verstärkt auf die akademische Lehre und damit auf ein klassisches Stiefkind des Hochschulsystems selbst lenken.

Die Krise lösen könnte das neue Berufsbild des Lehrprofessors. Dieser soll zwölf statt acht Lehrstunden pro Woche übernehmen und dafür reichlich mit Tutorenstellen, Bibliotheksmittel und Korrekturassistenten bedacht werden. Kann dieses neue Berufsbild aber auch die Didaktik-Krise an den Hochschulen beenden? Konsens scheint zumindest, dass die Lehre an den Universitäten gegenüber der Forschung bei Hochschuldozenten kaum Reputation hat, zugleich aber die Zahl der Lehrdeputate höher angesetzt ist als in vielen vergleichbaren Ländern. Würde man nun diese weiter erhöhen, droht die Abwanderung erfolgreicher Hochschulforscher ins Ausland. Auch deswegen soll jetzt der Lehrprofessor ran. „Solange aber diese Vorstellung vorherrscht, es zähle vor allem die Forschung, wird der Lehrprofessor immer ein Professor zweiter Klasse bleiben“, warnt Professor Rolf Sethe, Direktor des Instituts für Wirtschaftsrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Im März 2007 erhielt der Zivilrechtler den „Ars-legendi-Preis für exzellente Hochschullehre“. Die Begründung der Jury: „Sethe vermittelt in seinen Veranstaltungen für Studienanfänger auf vorbildliche Weise Studiertechniken. Er räumt der Vermittlung von juristischen Schlüsselqualifikationen breiten Raum ein, wie etwa juristische Rhetorik, Mediation oder Verhandlungsmanagement. Darüber hinaus bietet er ein umfangreiches Examensrepetitorium an.“ Finden sich unter diesem Programmangebot nicht auch Standarts? „Theoretisch ja“, meint Sethe. Und praktisch? „Erhielten gute Lehre und didaktische Fortbildung von Hochschullehrern endlich stärkere Anerkennung, wäre die Debatte um die didaktischen Defizite an den Hochschulen schnell vom Tisch“, ist der Preisträger überzeugt.

Solange allerdings Best Practice Beispiele nicht spürbar belohnt werden und zur Nachahmung einladen, kann sich an der mangelnden Reputation der Lehre nicht viel ändern. „Wir müssen die Identität der Hochschullehrer weiter entwickeln, jenseits der rein fachlichen Ausrichtung“, hofft Sascha Spoun, Präsident der Universität Lüneburg. Alljährlich werden an seiner Lüneburger Leuphana Universität die zehn innovativsten Lehrveranstaltungen prämiert, die überzeugendsten methodischen Konzepte und Lehrformate im Rahmen eines Festaktes der Öffentlichkeit vorgestellt. Mittlerweile werden an verschiedenen Hochschulen solche Lehrpreise auch für wissenschaftliche Mitarbeiter und Tutoren, ausgeschrieben, bleiben allerdings meist ohne Außenwirkung. Bundesweit ist der Ars-legendi-Preis mit seinen 50.000 Euro Preisgeld noch eines der wenigen Instrumentarien, um exzellente Hochschullehre sichtbar zu machen. Dabei ist man an der kürzlich preisgekrönten juristischen Fakultät der Uni Halle-Wittenberg davon überzeugt, dass die exzellente Lehre am eigenen Institut mit dafür verantwortlich ist, dass die Fakultät im Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) in die Spitzengruppe aufrücken konnte.

Zu lange, so der Anschein, wurde die Bedeutung guter Lehre schlichtweg verdrängt. Zum Beispiel evaluieren Fakultäten zur Didaktik ihrer Dozenten, behalten die Ergebnisse aber oft für sich. Ob ein Dozent dann auf interne Kritik eingehen will, bleibt ihm überlassen. Alles andere käme, besonders auf professoraler Ebene, einer Art „Majestätsbeleidigung“ nahe, das berichten jedenfalls Dozenten aus dem Mittelbau – allerdings nur unter der Hand - und verweisen als Referenz auf die heftigen Debatten um die Internet-Seite "Meinprof.de". Auf dieser Homepage können Studenten nach amerikanischem Vorbild die Lehrleistung ihrer Hochschuldozenten bewerten und damit öffentlich machen. Professoren der RWTH Aachen und einiger anderer Hochschulen klagten sofort, als negative Bewertungen ihrer Lehrleistungen auftauchten, wurden aber vor Gericht abgewiesen. Für Flavio Trilló, Fachschaftsvertreter der Rechtswissenschaft an der FU Berlin, zeigt sich an diesem Vorgehen ein verdrängtes psychologisches Problem, nämlich „die scheinbare Unantastbarkeit mancher Lehrenden aus verschiedenen Fachbereichen, die ohne jede Kritikfähigkeit ihrer eigenen Routine nachgehen wollen.“

Eine zweite erfolgreiche Strategie um Vorschläge zur Verbesserung der Lehre abzuwiegeln, ist es regelmäßig die methodischen Probleme bei der Evaluierung von Lehre zu betonen. „Kann man gute Lehre überhaupt messen?“, diese Frage wird hierzulande heftiger debattiert, als zum Beispiel in Großbritannien. Es geht dabei auch um Macht im System, denn wer die Kriterien für „qualitativ gute Lehre“ definiert, bestimmt, wohin Gelder fließen werden, wenn Hochschullehre beizeiten dann doch stärker gefördert werden sollte. „Man muss nicht alles exakt messen können, um Qualitätsmängel festzustellen oder zu beheben“, relativiert Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, die Debatte. Zum Beispiel könnten studentische Befragungen, wenn sie professionell erstellt werden, wertvolle Hinweise auf Stärken und Schwächen der Studienangebote geben und schnelle Verbesserungen im Einzelfall ermöglichen.

Die geringe Wertschätzung guter Lehre im „Betrieb“, sie zeigt sich aber auch am Anspruch der Exzellenziniative „Eliteuniversitäten“ nur durch ihre Forschungsleistungen zu identifizieren. Macht es aber wirklich Sinn wissenschaftliche Leistungen ausschließlich anhand der Höhe eingeworbener Drittmittel zu bewerten? Was ist mit den Studienbedingungen? Was mit dem didaktischen Können der Hochschuldozenten? Fraglos fördert die Exzellenzinitiative die Ausbildung begabter Nachwuchsforscher in Forschungsverbünden und von Doktoranden in den prämierten Graduiertenschulen - aber nur als Nebeneffekt. Bei der Bewertung der „Exzellenz“ von Universitäten fällt deren Auftrag zu lehren als Kriterium unter den Tisch. Für die Programmleiterin für Studienreform des Stifterverbandes spiegelt sich in dieser Präferenz ein altbekanntes Muster wieder: „Deutsche Hochschulen sind im internationalen Vergleich generell unterfinanziert“, betont Bettina Jorzik „darunter leiden Universitäten mehr als ausseruniversitäre Institutionen und darunter wiederum die Lehre stärker als die Forschung.“

Wie könnte dieser Knoten aus Unterfinanzierung und Überbeanspruchung zerschlagen werden? Die aktuellen Empfehlungen des Senats der Hochschulrektorenkonferenz an die Länder kann man hierzu getrost als Kampfansage an die Politik lesen: „Es geht um eine dringende Qualitätsoffensive für die Lehre und eine deutliche Intensivierung der Betreuung. Die Zahl der Dozenten muss in den nächsten fünf Jahren verdoppelt werden. Wie das finanziert werden soll, bleibt weiter unklar“, mahnt Margret Wintermantel, Präsidentin des HRK. Erwartungsgemäß verwies der Präsident der Kultusministerkonferenz im Gegenzug auf den im Hochschulpakt vereinbarten Ausbau der Studienplätze. Tatsächlich haben Hochschulen solche Teilaufstockungen des Lehrpersonals schon des Öfteren erlebt, meistens konnte aber nur der Status Quo in der Versorgung gehalten werden, während die Qualität der Lehre weiter vernachlässigt wurde. Ist diese Spirale nach unten nicht mehr zu stoppen? Werden auch in Zukunft Karriere bewusste Nachwuchsakademiker die Lehre vernachlässigen, weil es „hier nichts zu holen gibt“?

In diesem Zusammenhang fordert nun der Stifterverband eine nationale Qualitätsoffensive für die Lehre. Dem etablierten System der Forschungsförderung soll ein ähnliches System zur Förderung guter Didaktik zur Seite gestellt werden. Konkret wirbt der Stifterverband für die Implementierung einer Deutschen Studien- und Lehr-Gemeinschaft (DLG), die nach dem Vorbild der DFG Initiativen und Schwerpunkte setzen kann, um gute Lehre konsequenter zu fördern. Vorgeschlagen wird eine Mitgliedsorganisation, bei denen Hochschulen vor ihrem Eintritt definierte Mindeststandarts erfüllen müssen. „Es geht uns primär um die Perspektive einer dauerhaften Drittmittel-Förderung, nicht um die Institution“, erklärt Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes die Zielsetzung. Vor allem geht es um neue Möglichkeiten für alle, die sich in der Lehre besonders engagieren, dabei aber vom System alleingelassen werden. Als weiterer Schritt soll schnell eine zweite Exzellenzinitiative an den Start gehen, die diesmal bundesweite Beispiele für herausragende Hochschullehre ausfindig macht. Langfristiges Ziel dieser Maßnahmen wäre, exzellente Konzepte und Leistungen über Drittmittel, Preise und Freisemester nachhaltig zu belohnen, um die Reputation von Lehrkonzepten und von Forschungsvorhaben zur Lehre aufzuwerten.

Sicher scheint schon jetzt, dass die Vorschläge eine neue -dringend benötigte- Debatte zum Thema entfachen. Skeptiker betonen, dass selbst bei Erfolg das enorme Finanzierungsproblem der Universitäten und damit die Überbelegung von Seminaren und Pflichtvorlesungen nicht behoben werden kann. „Qualität hat auch mit Motivation und damit mit Aussicht auf Besserung zu tun. Ich glaube nicht, dass eine solche Initiative im Moment diesen Effekt erzielen würde“, sagt Bernhard Jussen, Geschichtswissenschaftler der Universität Bielefeld. Der Leibniz-Preisträger 2007 ist überzeugt: „Da die Politik von den Universitäten erwartet, dass mehr Schulabgänger als bisher die Hochschulen durchlaufen, wird das Studierendenniveau zwangsweise schlechter. Dies kann man mit besserer Lehre auffangen, aber darüber kann man nur reden, wenn in den Grundkursen und den Seminaren endlich nicht mehr als 25 Teilnehmer sitzen“. Andererseits, so könnte man hier als Gegenposition setzen, müsse dringend beides zugleich gefördert werden: die finanzielle Versorgung und die Qualität der Lehre.

Übrigens: im Ausland verspüren Uni-Dozenten den „Zwang“, gute Lehre für gute Forschung vernachlässigen zu müssen, oft nicht so stark und zwar dort, wo die Vielfalt an Universitätstypen größer ist. So betreiben in Frankreich die Eliteschulen des Landes, die Grandes Ècoles, überhaupt keine Forschung, dennoch ziehen sie die besten Studenten an. Manche amerikanische Hochschulen wiederum mit Eliteimage in der Forschung sehen sich nicht in der Pflicht Studienanfänger auszubilden. Und unter den beliebtesten Hochschulen für Undergraduates finden sich Universitäten die kaum forschen. Deswegen hält als Vision DAAD Generalsekretär Christian Bode eine Vielzahl an Uni-Typen vorstellbar, die je nach eigener Ausrichtung, zum eigenen Gleichgewicht zwischen Forschung und Lehre finden. Notwendig wäre diese Wahlmöglichkeit auch aus dem Zwang heraus, dass die Hochschulen hierzulande vor allem in der Lehre noch für lange Zeit unterfinanziert bleiben dürften.

zurück zum Textanfang {short description of image}