Um Innovationen erfolgreich auf dem Markt zu
platzieren,
genügt es nicht, nur bessere Patente zu entwickeln. Die
Entwicklungen müssen in der Gesellschaft auch
„ankommen“. Stärker als von vielen
Entwicklern gedacht
sind neue Produkte von der gelungenen Markteinführung
abhängig.
Es war einmal: Vor 13 Jahren ersann ein deutscher
Biochemiker eine neue Methode, den Stoffwechsel von Tumorzellen zu
hemmen. Sofort machte er sich mit den besten Teamkollegen
unabhängig, kooperierte erfolgreich mit deutschen Firmen und
stellte einige Jahre später ein bahnbrechend neues Medikament
vor.
„Wenn das so einfach
wäre“, seufzt
Professor Axel Ullrich, Direktor am Martinsrieder Max-Planck-Institut
für Biochemie. Tatsächlich entdeckte Ullrich vor 13
Jahren,
wie bei Krebszellen ein bestimmter Rezeptor biochemisch blockiert
werden kann und ebnete so den Weg für einen grundlegend neuen
Ansatz in der Tumortherapie. Das Ergebnis nach über zehn
Jahren
Forschung und Entwicklung: Im Juli 2006 wurde unter dem Namen Sutent
erstmals in Europa ein Krebsmedikament zugelassen, das aus der
Grundlagenforschung eines deutschen Forschungsinstitutes hervorging.
Doch statt deutscher Pharmafirmen wird der amerikanische Konzern Pfizer
die neue „multi-targeted drug“ weltweit vertreiben.
Pfizer
finanzierte die langwierigen klinischen Tests und erhofft sich bis zu
einer Milliarde Euro Umsatz.
Für Axel Ullrich hätte die
langjährige
Kooperation mit dem amerikanischen Pharmaunternehmen nicht besser
laufen können. Zuvor hatten Finanzprobleme und endlos
langwierige
Entwicklungsphasen das Projekt fast scheitern lassen. Wenn es darum
geht, auf dem langen Weg zur Marktreife finanzielle Risiken einzugehen,
beobachtet der Krebsforscher immer wieder, dass deutsche Firmen
zurückschrecken. Obwohl er bis heute vier Biotech-Unternehmen
gründen und rund 60 Patente anmelden konnte, bleibt Ullrich
überzeugt, dass die meisten viel versprechenden Pharmapatente
in
Deutschland nicht zur Marktreife gelangen, weil sich zwischen
Kapitalgebern und Wissenschaftlern nur wenige produktive Kooperationen
ergeben. Ausgerechnet vor innovativen Patentideen, würden
Banken
und Unternehmen zurückschrecken, kritisiert der Max-Planck
Direktor. Schuld sei auch die „Me-too-Strategie“
vieler
Firmen, die erst investieren, „wenn die Konkurrenz schon in
demselben Bereich investiert hat“. Schlimmer noch, so
Ullrich,
sei dann nur, wenn Forschungsabteilungen großer
Pharmakonzerne
aus Konkurrenzangst, externe Kooperationsvorschläge
– etwa
von der Max Planck Gesellschaft - so lange kritisieren, bis sie endlich
abgelehnt werden können.
Dabei gelingen den großen Pharmakonzernen
intern immer
weniger bahnbrechende Neuentwicklungen. Deswegen werden Medikamente,
die mit Hilfe junger Biotechnologie-Firmen entwickelt wurden, immer
wichtiger – und damit auch die Kooperation mit
unabhängigen
Forschern, die sich mit Spin-Offs unabhängig machen. Schon
steigen
die Lizenzgebühren, die Pharmamultis für neue
Produkte zu
zahlen bereit sind, was kleine, innovative Biotechfirmen rentabler
macht. Nach Aussage der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie
(DIB) werden „zukünftig 50 Prozent aller
pharmazeutischen
Produkte aus biotechnologischen Verfahren stammen“. Kein
Wunder,
dass mittlerweile auch Deutschlands Pharmabranche die Ausgaben
für
FuE-Aufwendungen erhöht: Nachdem in den letzten Jahren
abgebaut
wurde, stieg die Zahl beschäftigter Forscher 2005 um
fünf
Prozent an.
Michael Dowling überrascht dieser Trend
nicht. Der
Professor für Innovations- und Technologiemanagement an der
Universität Regensburg lehrte acht Jahre an amerikanischen
Hochschulen. Seitdem wundert Dowling sich, wenn Kollegen prinzipiell
davon ausgehen, dass die USA in allen FuE-Bereichen stets die Nase
vorne haben. „Natürlich haben die Amerikaner zum
Beispiel
Silicon Valley entwickelt, aber sie haben auch 40 Jahre dafür
gebraucht“, sagt Dowling, der die meisten technisch
innovativen
Branchen in Deutschland auf einem guten Weg sieht,
Rückstände
aufzuholen. Vor allem schaffen regionale Cluster-Initiativen, die
Forschungsverbunde mit Industrien und Universitäten vernetzen,
eine neue Grundlage für eine verbessere Zusammenarbeit
zwischen
Wirtschaft und Forschung.
Besonders junge, hochinnovative Neugründungen
profitieren in der schwierigen Startphase von vernetzten Anlaufstellen.
So stellt die Münchner Gesellschaft „Bio
M“ als
Service- Beratungs- und Finanzierungsgesellschaft erstes Kapital
bereit, bringt aus dem eigenen Netzwerk „passende“
Unternehmer, Wissenschaftler und Kapitalgeber zusammen und versucht in
Abstimmung mit politischen Entscheidungsträgern, die neuen
Ideen
optimal zu fördern. „Für erfolgreichen
Technologietransfer genügt es aber nicht, nur die richtigen
Leute
zusammen zu bringen, betont Dr. Rudolf Straub vom
Projektträger
Jülich, das im Auftrag des Bundesforschungsministeriums
Startups
aus der Biotechnologie zu Fördermöglichkeiten
berät.
„Auch die politischen Randbedingungen müssen
stimmen. Um
Fremdkapital anzuziehen, müssen Genehmigungsverfahren
transparenter werden, Know How effizienter geschützt und
Länderbehörden aktiver einbezogen werden“.
Generell erhofft man sich von Cluster-Bildungen, dass
im
konkreten Fall notwendige Abstimmungen aller beteiligten Partner besser
koordiniert werden. Ein weiterer Grund, warum Regionen in Zukunft
Cluster stärker fördern werden, sind aber auch
steigende
Anforderungen, denen sich auch wirtschaftlich gut entwickelte Regionen
stellen müssen, wenn sie im globalen Wettbewerb um exzellent
ausgebildete Wissensarbeiter attraktiv bleiben wollen. Richard Florida,
Politikwissenschaftler an der Washingtoner George Mason
Universität analysierte die globale Wanderung hoch
qualifizierter
Milieus, jener „kreativen Klasse“ von High
Potentials, die
vor allem jene Regionen bevorzugen, die eine ausgewogene Mischung aus
„spannenden Berufsangeboten, Lebensqualität und
einer
Vielfalt der Kulturen“ anbieten. Auch aufgrund ihrer
Attraktivität für Spitzenforscher produziert z.B. die
Region
New York heute ebensoviel Umsatz wie ganz Brasilien oder Russland.
Der globale Wettbewerb, den diese
„Treibhäuser
der Innovation“ um die fähigsten Köpfe
austragen,
steigert den Druck, mehr Forschungs- und Entwicklungskompetenz zu
bündeln, um mithalten zu können. Noch bietet etwa
München, mit seiner von Hightech-Firmen besiedelten Umgebung
genügend wirtschaftliche Anziehungskraft, um im Wettlauf um
die
besten Köpfe mitzuhalten. Die Forschungsabteilungen von
Unternehmen wie von Instituten müssen sich in ihren
Forschungszielen aber besser koordinieren, damit man auch in Zukunft
als Region vermitteln kann, optimale Forschungsbedingungen für
das
jeweilige Fachgebiet anzubieten. Leuchtturmprojekte wie die
„Cluster-Offensive Bayern“ oder
überregionale
Cluster-Netze mit thematisch klarer Ausrichtung, verfolgen eben auch
dieses Ziel.
Politik und Industrie sind sich prinzipiell einig,
dass vor
allem mehr Innovationen das Land wettbewerbsfähig halten. Wie
etwa
die „High Tech Strategie“ der Bundesregierung
zielen
deswegen auch Cluster-Bildungen darauf ab, die Zahl neuer Entwicklungen
zu steigern. Die Frage, wie effizient Innovationen in
marktfähige
Produkte umgesetzt werden, steht viel seltener zur Debatte. Trotzdem
ist bekannt, dass Märkte nicht immer ausreichend
„wissen“, welche Entwicklungen bereits zur
Verfügung
stehen. So kritisieren Firmenberater, dass vor allem kleinere, aber
besonders innovative Firmen („Garagen“) zu wenig
Geld oder
Manpower in Marketing und PR investieren, um eigene Entwicklungen
bekannt zu machen. Dabei müssen gerade in hochinnovativen
Märkten, wie etwa der IT-Branche, Innovationen schnell
kommuniziert werden, bevor sie von einer neueren Entwicklung
„überholt“ werden.
In einer bekannten Berliner Softwareschmiede wurde das
Problem öfters diskutiert - und wieder vertagt: Erst
kürzlich
blieb dem Entwicklerteam nach Programmierung einer Rich Client Software
für ein Berliner Ministerium keine Zeit, das neue Produkt auf
Messen oder Fachkonferenzen vergleichbaren Kunden vorzustellen. Der
nächste Großkunde wartete schon auf die
nächste Idee.
„Wozu ein Fass aufmachen, das zu Beginn nur Kosten
aufwirft?“, so die Argumentation der
Geschäftsführung,
die das Dilemma der IT-Entwickler zwar einsieht, trotzdem aber darauf
beharrt, dass für „sowas“ niemand
abgestellt werden
kann.
Kleine und mittelständische Firmen
müssen von Fall
zu Fall neu bewerten, was ihnen an Wachstumspotential entgeht, wenn sie
Anlaufkosten für Marketing oder PR höher bewerten,
als die
Chance, eigene Innovationen auch international besser zu verkaufen.
Wenn Innovationen von Teilen der Gesellschaft oder bereits etablierten
Konkurrenzfirmen als „Störfaktor“
angesehen werden,
leidet der Standort Deutschland. So bewirkte die Gen-Debatte
für
die Biotechnologie, was lange Zeit politische Unstimmigkeiten
für
alternative Energietechnologien bedeuteten: Ist das Image einer jungen
Branche erst in Frage gestellt, halten sich Investoren zurück,
verstreichen Zeit und Chancen, um international Wettbewerbsvorteile zu
erreichen. „Schafft eine Innovation eher soziale als
technische
Veränderungen, braucht die Gesellschaft Zeit, um sich an die
Konsequenzen zu gewöhnen“, sagt Alexander Nick vom
Lausanner
International Institute for Management Development (IMD). Erst
kürzlich brachte eine europaweite Befragung durch das IMD zu
Tage,
dass Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt gesehen ökologische
und
soziale Themen in der Unternehmensstrategie als relativ unwichtig
einschätzen.
Dabei boomt der Export deutscher Umwelttechnologien
wie
Abfall- und Wassertechnik oder erneuerbare Energien, seitdem weltweit
die Energie- und Rohstoffpreise anziehen. Nicht nur der
Siemens-Vorstand bezeichnet heute Öko-Effizienz neben
Gesundheit
und steigenden Energieverbrauch als wirtschaftlichen Megatrend der
Zukunft. Das alte Argument, „Umweltschutz schade der
Wirtschaft
nur“, wird durch den wachsenden Anteil Energie und Rohstoff
sparender Produkte und Verfahren am Umsatzwachstum vieler Branchen
widerlegt. So wurden bereits 2003 in Deutschland 20 Prozent aller
Innovationen nicht durch Einführung neuer sondern durch die
Verbesserung bestehender Produkte und Verfahren erzielt.
Im Jahre 2003 investierte etwa die Energie- und
Wasserversorgung 61 Prozent aller FuE-Aufwendungen in
„neue“, also energiesparende Verfahren. So
unterstützt
BASF chinesische Firmen, umweltfreundlicher zu produzieren und
verschafft sich damit Vorteile für die eigenen Standorte. RWE
entwickelt das weltweit erste kohlendioxidfreie Kraftwerk mit
angeschlossener CO2-Speicherung – „mit weltweiten
Exportmöglichkeiten“, wie Dr. Johannes Heithoff, RWE
Leiter
für Forschung und Entwicklung betont. Lange Zeit wurden neue
Energielösungen vor allem von Kleinunternehmern vorangetrieben
– und diese als „Visionäre“
belächelt.
Vielleicht ist das der Grund, „warum manche Produkte eher
reif
für den Markt wurden, als der Markt für die
Produkte“,
wundert sich Franz Asbeck, Geschäftsführer der
deutschen
„Solarworld“, einem der zur Zeit erfolgreichsten
Exporteure
von Solarzellenanlagen.
Wo sie etablierte Branchen oder gesellschaftliche
Trends in
Frage stellen, werden besonders innovative Technologien nur
zögerlich gefördert. Das kann Staat und Unternehmer
dazu
motivieren, eher in etablierte Strukturen zu investieren, anstatt
Ressourcen frühzeitig dorthin zu verteilen, wo gerade Neues
entsteht. Für Unternehmensberater wie Uli Waibel ist das nur
ein
Aspekt jener grundsätzlichen Erkenntnis, das
„Innovationen
allein nicht viel nützen, sondern von einer gelungenen
Markteinführung abhängig sind.“ Waibel
beruft sich auf
Studien der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte, die
zeigen, dass allein in der produzierenden Industrie 50-70 Prozent der
Neuprodukt-Innovationen nach ein paar Monaten aus dem Sortiment
verschwinden. Deswegen moderierte der Österreicher als
Produktmanager für „Philips Speech
Processing“ von
Beginn jeder Entwicklung an gemeinsame Gespräche zwischen
Forschungs- und Marketingabteilung und mit potentiellen Kunden. Waibel:
„Viele Unternehmen entwickeln einfach drauflos und bemerken
vor
lauter Dynamik zu spät, dass sie den Kontakt zum Kunden
verloren
haben.“
Ein Beispiel wäre der einst
führende
Maschinenbauer, der Kundenvorschläge, wie man bereits
ausgelieferte Maschinen weiter verbessern könnte, nicht
aufgriff,
weil ihm die Umsetzung technisch zu aufwändig erschien.
„Dabei ging es dem Kunden keineswegs um eine bahnbrechende
Innovation, auf die er dann Jahre warten muss, bis sie zur Marktreife
kommt“, betont Waibel. So landete der Großkunde am
Ende
auch bei dem einzigen Mitbewerber, der sich die Mühe machte,
laufende Maschinen mit den richtigen Detailverbesserungen zu
optimieren. Waibel: „Manchmal genügte da schon ein
Draht und
ein wenig Fingerspitzengefühl an der richtigen
Stelle“.
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