Reiseführer für Literaturfreunde. Bildbände
für Grafikdesigner: Wie sich zwei Berliner Verlagsgründer
gegen die Großen der Branchen behaupten (Co-Autor: Oliver
Burgard)
Dass der Anruf aus Hamburg kam, erkannte sie am Tonfall.
„Frau Fritsch. Ihr Ding ist hier der absolute Renner“,
jubelte ein hanseatischer Buchhändler am anderen Ende der Leitung.
Noch am selben Tag hat Ute Fritsch ein dickes Bücherpaket zur Post
getragen und nach Hamburg geschickt. Absender: der Verlag Jena 1800, zu
finden in einer Altbauwohnung über den Dächern des Prenzlauer
Bergs in Berlin. Hier entstand der Stadtführer Literarisches
Hamburg der 99 Künstler mit ihren Wohnorten und
Wirkungsstätten präsentiert. In welchem Hotel traf Gottfried
Benn seine junge Geliebte? In welchem Plattenstudio machten John Lennon
und die Beatles ihre ersten Aufnahmen? Die Antworten liefert das
schmale, blau eingefasste Buch.
Als ich 1997 den Verlag gegründet habe, war mir nicht
klar, dass ich mit den literarischen Stadtführern eine
Marktlücke getroffen habe“, erzählt die
35-jährige. Und noch vor ein paar Wochen konnte sie nicht ahnen,
dass ausgerechnet das zehnte Buch ihrer Reihe Hamburg ein
Verkaufsschlager werden würde. Wieder einmal war Ute Fritsch mit
dem Auto in eine fremde Stadt gefahren, den Kofferraum voller
Bücher, um für ihr Produkt zu werben. Die obligatorische
Vertriebstour, wie sie bei jeder Neuerscheinung fällig wird
– zehn oder zwölf Verkaufsgespräche am Tag sind dabei
durchaus normal. „Vor einem Jahr in München haben die
Buchhandlungen gleich 10 oder 20 Exemplare geordert“,
erzählt sie.
Techno für den Pastor
Anders in Hamburg. Mal verkaufte Fritsch fünf
Bücher. Mal nur drei. Es gab viel Lob fürs Produkt –
und viel Frust bei den Buchhändlern. Die Rezession. „Nach
drei Tagen war ich psychisch am Boden. Dachte, ich schaffe die
Deckungsauflage nicht.“ Ein verlegerischer Albtraum, denn erst
wenn die Deckungsauflage verkauft ist, bringt ein Buch dem Verlag
Gewinn. Bei Kleinverlegern sind die Kalkulationen meist so knapp, dass
schon ein einziger Ladenhüter eine Firma an den Rand der Pleite
bringen kann.
Sechs Wochen später knallten im Verlag Jena 1800 die Sektkorken.
Die Deckungslauflage war erreicht. Buchhändler orderten Nachschub.
In Berlin wurden Kisten gepackt und Rechnungen geschrieben. Ute Fritsch
beschloss, einer Praktikantin eine feste Stelle anzubieten, zum ersten
Mal. Schon stehen die nächsten Projekte an: zwei Neuerscheinungen
noch in diesem Jahr. Bis zur Buchmesse im Oktober soll alles fertig
sein, kaum Zeit, um Hunderte von Texten zu lektorieren, Grafiken
anfertigen zu lassen, fertige Layouts zu prüfen.
Expansion trotz Rezession: Das ist kein unternehmerischer
Größenwahn, sondern das Ergebnis einer cleveren
Positionierung auf dem hart umkämpften Büchermarkt.
„Nischenverlage sind ziemlich krisenfest“, sagt auch Ute
Fritschs Verlegerkollege Robert Klanten. Anders als „die Rowohlts
und die Eichborns“, die mit Umsatzrückgängen zu
kämpfen hätten, setzen Nischenverlage auf high interest
groups, die auch in Krisenzeiten Bücher kaufen. Die high interest
groups das sind zum Beispiel die intellektuellen Lokalpatrioten in
Hamburg, Leipzig oder München – Zielgruppe des Verlags Jena
1800. Oder aber die internationale Gemeinde der Grafikdesigner –
Zielgruppe des Verlags Die Gestalten, den der Industriedesigner Klanten
1995 mit zwei Exkommilitonen ins Leben rief. Eigentlich hatte er nie
vor, einen Verlag zu gründen. In den späten Achtzigern kam
Robert Klanten als Student mit Techno in Berührung, tauchte ein in
die Frankfurter Partyszene, „als alles noch frisch und neu
war“. Das Studium in Essen lief eher nebenbei – Kunst,
Industriedesign, Geschichte. Als sich zwei innovative Studienkollegen
von Frankfurt nach Berlin verabschiedeten, zog Klanten mit. Im Berliner
e-werk wird die Ausstellung chromapark organisiert, ein Querschnitt
durch die Technokunst der frühen neunziger Jahre. Parallel dazu
entstand 1994 ein Buch, der localizer 1.0. Klanten und seine Freunde
sind dabei: „Wir wollten nicht einfach ein Buch über Techno
machen, sondern innovative Designkonzepte und Flyer-Illustrationen mit
theoretischen Texten kombinieren. „Das Buchkonzept wurde zur
Blaupause eines ganzen Verlags. Ohne Geld und Vorkenntnisse läuft
der Vertrieb ausschließlich über persönliche Kontakte.
Szenezeitschriften wie Frontpage nehmen Bestellzettel auf und machen
Werbung. Mit den gesammelten Bestellzetteln ging Klanten zur Bank und
besorgte den notwendigen Kredit für den Druck.
Als das Buch auf den Markt kam, wurde es auf Anhieb zum
Selbstläufer. Feuilletonjournalisten, Kuratoren,
Kulturfunktionäre, alle waren neugierig. „Sogar ein Pastor
rief uns an, der sich über Techno informieren wollte“.
Plötzlich kannte man Klanten und sein Team in der kleinen,
überschaubaren Gemeinde, die sich für Techno und Grafikdesign
interessiert. Besonders aus den USA und Japan häuften sich
Nachfragen nach weiteren Produkten.
Doch wie weitermachen? Der localizer 1,0 brachte seinen
Machern zwar internationales Ansehen, aber die Auflage war viel zu
gering, als dass man davon hätte leben können. Klanten warf
sich in Schale, präsentierte den Bucherfolg im Kompetenzcenter der
Deutschen Bank und hatte Glück: Sein Berater kannte das
Verlagsgeschäft, gab Tipps, motivierte das junge Team. Und: Die
Bank gab ein Darlehen für die Gründung eines Verlags.
An manchen wundert sich Ute Fritsch, wie aus der
Geisteswissenschaftlerin mit dem Faible für Hölderlin eine
knallhart kalkulierende Verlagsmanagerin werden konnte. Nach ihrem
Studium der Germanistik und Geschichte hatte die Frau aus Jena für
das lokale Kulturamt und die Universität gearbeitet, später
Touristen auf den Spuren von Dichtern und Denkern durch Thüringen
geführt. „Die Leute haben immer wieder gefragt, wo man die
netten, kleinen Geschichten lesen kann, die ich erzählt
habe.“ Da hat sie mit den Schultern gezuckt. Und irgendwann
gedacht: warum nicht selber machen? Die ersten beiden Stadtführer
schrieb sie selbst, danach heuerte sie externe Autoren an und
konzentrierte sich auf die Geschäftsführung. Auch im
Gestalten-Verlag war schnell klar, dass nicht jeder der drei
Unternehmensgründer kreativ arbeiten kann. Da Klanten den besten
Draht zu den Banken hatte, kümmerte er sich weiter um die
Geschäfte. „Das hat nicht nur Spaß gemacht“,
erinnert er sich, „da gehen auch schon mal Träume über
Bord“. In den ersten drei Jahren schlief der Verlagsgründer
bei Freunden auf der Couch im Schlafsack. Um Fixkosten zu minimieren.
Als der Verlag Gewinn macht, bildet er einen Mitarbeiter aus der
Buchhaltung zum Vertriebsleiter aus. Trotzdem: „Die
Geschäftsführung bleibt ein Fulltimejob“. Jedes
Buchprojekt beginnt mit sorgfältiger Marktforschung. Die
Verlegerin Frisch kalkuliert Preis, Ausstattung und Seitenumfang ihrer
Neuerscheinungen möglichst so, dass sie sich deutlich von den
vorhandenen Titeln im Buchhandel unterscheiden. Und sie sorgt
persönlich dafür, dass ihre Produkte in die Regale kommen.
Auch der Verlag Die Gestalten muss sich von der Konkurrenz absetzen.
„Wir lassen oft Themen beiseite, die einfach nur trendy
sind“, sagt der Chef. Dafür leistet er sich ein eigenes
Beobachterteam, das neue Ideen prüft, vergleicht.
Leser in Urugay
Für den Verlag sind die internationalen Vertriebswege
lebenswichtig. „In Uruguay zum Beispiel gibt es nur einen Shop
der uns verkauft, aber alle Grafikexperten im Land kennen ihn. Oder
Australien: Dort werden wir in sieben oder acht Geschäften
verkauft. Die Leute, die da reingehen, haben eine hohe Fachkenntnis und
sind neugierig, wenn etwas Neues aus Deutschland kommt.
Die meisten Verlagsgründer scheitern an einem schlechten oder
nicht vorhandenen Vertriebskonzept .Der Börsenverein des Deutschen
Buchhandels kritisiert, dass Verlagsgründer meist nicht
überlegen, in welchen Geschäften sie ihr Sortiment verkaufen
können und wie sich ein Produkt am Markt platzieren lässt.
Dabei herrscht auf dem deutschen Buchmarkt ein erbarmungsloser
Verdrängungswettbewerb. 90.000 Neuerscheinungen buhlen jedes Jahr
um den begrenzten Platz in den Regalen der Buchhandlungen. Deswegen
empfiehlt der Börsenverein den Gründern die Sparten
Wissenschaft und Fachbuch: je spezieller das Programm, desto kleiner
die Konkurrenz. Oder Regionalia, taugt doch ein unentdeckter
Heimatdichter weit eher zur cash cow als eine neuer
Großstadtneurotiker, der ähnlich schreibt wie die Jungstars
bei den großen Verlagen.
Ute Fritsch und Robert Klanten setzen auf die Zugkraft ihres
anspruchsvollen Nischenprogramms. Als sie ihre Verlegerlaufbahn
starteten, gab es keinen Businessplan. Beide bezeichnen sich gerne als
Quereinsteiger – obwohl sie schon Experten für ihr
Marktsegement waren, lange bevor sie das erste Buch produzierten.
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