Timur Diehn

Gemütlich, aber wie?

TIP Berlin Shopping-Guide

zurück {short description of image}

Das Wohnzimmer als behagliches Refugium ist passé. Was früher der Entspannung diente, hat sich zur medientechnologischen Ausstellungsfläche gewandelt. Der Wunsch nach Wohnlichkeit wird zum Problem

Das Loch in der Brandwand wird immer größer. Langsam aber sicher staubt das Zimmer ein. Grunzend vor Freude schwingt Michel Piccoli den Hammer bis erste Sonnenstrahlen in die muffige Wohnung dringen. Dann wirft Themroc, der Amok laufende Proletarier aus Claude Faraldos gleichnamigen Kultfilm, den ganzen angesammelten Kram einfach durch die aufgebrochene Öffnung. Sofas, Hirschgeweihe, Zinnkrüge und Schrankwände landen krachend auf dem Hinterhof. Am Ende des Films schließen sich unzählige andere dieser Lebensweise an: aufgebrochene und entleerte Wohnungen en masse.

Der anarchistische Amoklauf Anfang der 70er amüsiert heute eher, als dass er noch schockieren könnte. Welcher stilbewußte Berliner würde ernsthaft auf die Idee kommen, seinen Fernseher, das Art-déco-Gemälde oder den japanischen Polstersessel aus dem Fenster zu werfen? Die Zeiten in denen wir in kalten, nackten Fabriketagen hausten und noch stolz darauf waren, sind längst vorbei. Auch die Ära der kleinbürgerlichen Tapetenhöhle mit ihren überladenen Wohnzimmern, dunkelbraunen Sitzgruppen, Tischdeckchen und künstlichen Fruchtarrangements neigt sich dem gnädigen Ende entgegen. Wir machen es uns zwischen den Extremen gemütlich. Platz ist angesagt und Licht. Und der richtige Krempel in der richtigen Ecke.

Anders als Schlafraum, Küche und Bad transportiert das Wohnzimmer weniger praktische Notwendigkeit, sondern lädt ein zur symbolischen Show der Persönlichkeit. Hier ist der Ort, an dem wir Gäste auf Couch und Sessel platzieren und ihnen einen Drink in die Hand drücken, bevor wir mit Hilfe von Deckenstrahlern, Bücherwänden, und überdimensionalen Musikboxen präsentieren wollen: Gemütlichkeit und Wärme oder schmerzende Banalität und Langeweile. Als Muster- und Empfangszimmer gibt das Wohnzimmer etwas von uns preis.

Noch vor zwanzig Jahren dienten Living-Rooms als reine Ausstellungsräume, als Gruselkabinette persönlicher Erinnerungen, familiärer Ambitionen und Trophäen. Heute ist er zum wichtigsten Brückenkopf der schönen, neuen Medienwelt geworden. Ganze Generationen ergaben sich schon dem visuellen Ansturm der TV-Jukebox, um sich in stumme Couchpotatoes zu verwandeln. Dann mutierte der Wohnraum zum Arbeits- und Bürozimmer für moderne Stadtmenschen und New-Economy Kids. Seitdem summen und schnurren die Festplatten, Scanner, DVDs und CDs so munter in der Wohnung umher wie einst die Katzen auf Omas Sofa. "Gemütlich wird es", so tönt es aus diesen modernen Wohnzimmern (und Büros) heute, "wenn jemand endlich von n-tv auf MTV umschaltet".

Wo die Abgrenzung zur Arbeitswelt weiter verschwimmt, drängt der Trend zur Telearbeit das Projekt "Gemütlichkeit" hinaus in die Nacht. "Komm, lass uns ins Wohnzimmer am Helmholtzplatz gehen", sagen junge Prenzl´berger wenn sie sich zu Hause langweilen. Das Boudoir, der legendäre Abhäng- und Wohlfühlort der 90er, lockte noch mit einem riesigen Himmelbett, doch mittlerweile läßt sich das erschöpfte Party-Volk lieber in den dezent angestrahlten Sessel fallen. In einer der zahllosen Lounges der Stadt suchen wir wie im Nachtleben nach genau dem, was wir zu Hause nicht finden können. Das Lieblingsbier, die schummrige Beleuchtung und die auf leise gestellten Zart-Core und Lo-Fi-Pop-Bands dienen vor allem der beabsichtigten Illusion des Nachtschwärmers, er hätte sein eigenes Wohnzimmer nie verlassen.

Umgekehrt wird die schicke Gemütlichkeit der Bars und Lounges zum Vorbild für das zurückgebliebene Wohnzimmer zu Haus. Ein junger Architekt beispielsweise, mit entspannter Auftragslage, hasst Krempel in der eigenen Wohnung. Trotzdem grast er am Wochenende die Trödelläden ab. "Am schönsten ist es für mich, wenn sich die Gäste im Wohnzimmer amüsieren können, obwohl ich nebenan noch am Computer sitze." So liegt im Wohnzimmer Oma Inges Teppich einträchtig neben der Sitzgruppe von Onkel Franz. Vor dem Fenster prangt ein altes Schultheiss-Fass, das gekonnt zur Mini-Bar umfunktioniert wurde. Gedimmtes Licht fällt auf das helle Ofengrün der Wände, das wiederum mit dem grünen Kachelofen korrespondiert. Ein Diaprojektor strahlt abstrakte Fotos in den Raum. TV-Gerät und CD-Anlage halten sich dezent im Hintergrund. Der Architekt weiß, dass sich seine Gäste hier wohl fühlen. Trotzdem räumt er gerne immer wieder um und will das dann sofort allen Freunden zeigen und Party machen.

Wer das Wohnzimmer nicht als Bar begreifen möchte, muß sich weiter mit dem stummen Auftrag abplagen, den jede geräumige Wohnung schweigend anmahnt. Ein weiteres Beispiel: Ein Autor beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen verbringt relativ wenig Zeit in den eigenen vier Wänden, fast nie nutzt er dabei das ausladende Wohnzimmer. Der große, helle Raum verkommt langsam aber sicher zur Abstellkammer. In der Berliner Salonwohnung fällt das nur auf, wenn Besuch durchs Durchgangszimmer in den fast ebenso großen Büroraum geschleust wird. Hier stehen neben der Computerecke noch eine Couch und die TV-Station. Richtig gemütlich ist es aber nicht. Der Autor zuckt mit den Achseln. "Meine Freundin und ich diskutieren seit Monaten: Schmeißen wir den ganzen Krempel aus dem Zimmer und stellen einen großen Esstisch rein, oder breche ich durch die Wand zum Büroraum durch? Dann hätten wir ein großes, schönes Loft mit verschiedenen Nutzungsflächen. Wenn sich keine unverhoffte Lösung findet, wird er wohl wie viele andere um das leidige Problem "Wohnzimmer" einfach weiter drumherum wohnen.

zurück zum Textanfang {short description of image}