"Amerika ist der letzte Zufluchtsort für
Künstler. Der Gedanke, dass ein Musiker oder Komponist
aufgrund seiner Abstammung ausgegrenzt wird, ist hier so
lächerlich, als würde ich mein Stradivarius Cello
zerstören, weil ein Italiener es gemacht hat."
O-Ton Emanuel Feuermann 1939:
Sprecher:
Emanuel Feuermann, einer der
großen Cellisten des 20. Jahrhunderts wäre heute 100
Jahre alt geworden. Der Sohn einer jüdischen Musikerfamilie
aus Galizien musste 1938 aus Berlin fliehen. In Amerika spielte
Feuermann mit den berühmtesten Musikern seiner Zeit, darunter
Jascha Heifetz und Artur Rubinstein. Auf dem Höhepunkt seiner
Karriere stirbt Feuermann im Alter von 39 Jahren an den Folgen einer
Routineoperation.
Atmo: Cello-Konzert im jüdischen Museum
Sprecher:
Zu Feuermanns 100. Geburtstag findet in der
Berliner Philharmonie ein internationaler Cello-Wettbewerb statt. Der
"Grand Prix Emanuel Feuermann" führt ehemalige
Schüler, Verwandte und Bewunderer des Virtuosen zusammen. In
der international besetzten Jury sitzt auch Wolfgang Boettcher. Der
Professor an der Universität der Künste in Berlin hat
den Wettbewerb mit ins Leben gerufen:
O-Ton Professor Wolfgang Boettcher:
"Wissen Sie, wir
verehren diesen Mann eben unglaublich. Wir haben ihn ja leider erst, er
ist mit 39 Jahren schon gestorben, nicht mehr hören
können, aber seine Aufnahmen die sind derartig faszinierend
und von einer solchen Vorbildlichkeit, da gibt’s einen Don
Quichote zum Beispiel mit Toscanini, das ist von einer solchen
Perfektion, das kann man eigentlich jedem Cellisten in die Hand geben
und sagen: so muss es sein. Es gibt auch andere Aufnahmen, die von so
einer stupenden Virtuosität sind, und einer so wunderbaren
Klarheit in der Artikulation..."
Atmo: Stimmengewirr Konzertveranstaltung
Jüdisches Museum, Berlin
Sprecher:
Ein weiteres Mitglied der Jury kommt aus den
USA. Bernhard Greenhouse ist ein ehemaliger Schüler
Feuermanns. Heute gilt er als einer der besten Cello-Interpreten
weltweit. Wie viele Musiker aus seiner Generation hält
Greenhouse den frühen Tod des Meisters 1942 für eine
Zäsur in der Musikgeschichte.
O-Ton Bernhard Greenhouse:
“The first thing that comes to my mind is a great sadness.
Because this was a man, who had brought to America a new way of a new
approach to the instrument not only wonderful musicianship, but an
enormous ability on the instrument. It was quite extraordinary, we
hadn’t heard anything like it.”
Übersetzung:
Ich bin sehr traurig, wenn ich daran denke. Dieser Mann hat eine
völlig neue Art zu spielen mit nach Amerika gebracht. Er war
nicht nur ein wundervoller Musiker, er hatte auch eine enorme
Fingerfertigkeit am Instrument. Es war
außergewöhnlich – wir hatte so etwas noch
nie vorher gehört.
Sprecher:
Feuermann galt schon als Kind als
Ausnahmemusiker. Während andere hoffnungsvolle Cellisten
während der großen Rezession in Cafés
spielen mussten, wurde er mit 21 Jahren Deutschlands jüngster
Professor. 1929 erhielt Feuermann sogar den Lehrstuhl an der
renommierten Berliner Hochschule für Musik.
Musik: Feuermann spielt
Sprecher:
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten erhält
Feuermann von der Hochschule sein Entlassungsschreiben. Insgesamt
verlieren 33 Lehrer mit jüdischer Abstammung ihre Stelle.
Atmo: Papier raschelt
Sprecher Feuermann (liest seine Kündigung):
"Sehr geehrter Herr Professor! Durch Ermächtigung des Herrn
Reichskommissar für das Preußische Ministerium
für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung beurlaube ich Sie mit
sofortiger Wirkung bis zum Ablauf des Vertrages. Mit freundlichen
Grüßen!
Sprecher:
Feuermann verlässt Deutschland, die
Emigration wird zum Motor für sein internationale Karriere.
Zahlreiche Konzertreisen und Plattenaufnahmen führen den
gefragten Cellisten durch Europa und bis nach Japan, 1938 werden die
USA für Feuermann und seine Frau Eva zur neuen Heimat.
O-Ton Eva Feuermann: (Sprecherin):
"when he came first
to America, he was so pleased with the country, because he played in
god-forsaken little villages also, and people came hundres of miles to
hear one Bach piece, that was unique"
Übersetzung:
Als wir in Amerika ankamen, hat er sich sehr wohl gefühlt.
Selbst wenn er in kleinen verschlafenen Örtchen gespielt hat,
kamen die Leute meilenweit um ihn zu hören. Das war
einzigartig.
Sprecher:
Als Lehrer war Feuermann in den Staaten
stets ausgebucht, auch wenn er als besonders streng und schwierig galt.
O-Ton Bernhard Greenhouse:
"you see, he was a little
sarcastic, a little sardonic, but that was his way. He had such an
ability that it was difficult for him to understand what a struggle it
might be for someone else to attain, what he had already attained
– naturally"
Übersetzung:
„Er wirkte sarkastisch, fast schon höhnisch, aber
das war halt seine Art. Sein Talent war eben so groß, dass er
einfach nicht verstehen konnte, dass andere sich sehr schwer taten, so
zu spielen, wie er es ganz natürlich konnte.“
Sprecher:
Von 1938 bis 1942 machten Artur Rubinstein,
Jascha Heifetz und Emanuel Feuermann als Meistertrio von sich reden.
Nur wenige große Solisten gelten als gute Kammermusiker, doch
die drei Ausnahmemusiker verstanden sich auf Anhieb.
O-Ton Boettcher:
"Der Jasha Heifetz muss den Feuermann so sehr geschätzt und
gemocht haben, dass er angeblich, ich kann das jetzt nicht belegen,
nach seinem so tragischen frühen Tod 15 Jahre lang mit keinem
Cellisten mehr gespielt hat."
Sprecher:
Auch der weltberühmte Pianist Artur
Rubinstein, zeigte sich von Feuermanns Können zutiefst
beeindruckt. Nicht nur für ihn war das Wunderkind aus Galizien
der bedeutenste Cellist des 20. Jahrhunderts.
Atmo: Cello-Solo von Feuermann
O-Ton:
Artur Rubinstein: “The solo cello of
Feuermann was something which led me on what music really means, what
it has to say. It was the most masterly, most devine performance I have
ever heard and I don´t want to ever hear it again by anybody
else. And this is a declaration.“
Übersetzung:
„Das Solo-Spiel von Feuermann hat mir gezeigt, was Musik
wirklich bedeutet. Es war das meisterlichste, wahrhaft
göttlichste Cello-Spiel, dass ich je gehört habe. So
eine Musik möchte ich nie wieder von jemand anderem
hören. Das ist mein bitterer Ernst!“
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