Timur Diehn

„Happy Birthday, Mr. Feuermann“

"Resonanzen" WDR, 22.11. 2001

(Co-Autorin: Karin Dietzel)

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"Amerika ist der letzte Zufluchtsort für Künstler. Der Gedanke, dass ein Musiker oder Komponist aufgrund seiner Abstammung ausgegrenzt wird, ist hier so lächerlich, als würde ich mein Stradivarius Cello zerstören, weil ein Italiener es gemacht hat." O-Ton Emanuel Feuermann 1939:

Sprecher:
Emanuel Feuermann, einer der großen Cellisten des 20. Jahrhunderts wäre heute 100 Jahre alt geworden. Der Sohn einer jüdischen Musikerfamilie aus Galizien musste 1938 aus Berlin fliehen. In Amerika spielte Feuermann mit den berühmtesten Musikern seiner Zeit, darunter Jascha Heifetz und Artur Rubinstein. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere stirbt Feuermann im Alter von 39 Jahren an den Folgen einer Routineoperation.

Atmo: Cello-Konzert im jüdischen Museum

Sprecher:
Zu Feuermanns 100. Geburtstag findet in der Berliner Philharmonie ein internationaler Cello-Wettbewerb statt. Der "Grand Prix Emanuel Feuermann" führt ehemalige Schüler, Verwandte und Bewunderer des Virtuosen zusammen. In der international besetzten Jury sitzt auch Wolfgang Boettcher. Der Professor an der Universität der Künste in Berlin hat den Wettbewerb mit ins Leben gerufen:

O-Ton Professor Wolfgang Boettcher:
"Wissen Sie, wir verehren diesen Mann eben unglaublich. Wir haben ihn ja leider erst, er ist mit 39 Jahren schon gestorben, nicht mehr hören können, aber seine Aufnahmen die sind derartig faszinierend und von einer solchen Vorbildlichkeit, da gibt’s einen Don Quichote zum Beispiel mit Toscanini, das ist von einer solchen Perfektion, das kann man eigentlich jedem Cellisten in die Hand geben und sagen: so muss es sein. Es gibt auch andere Aufnahmen, die von so einer stupenden Virtuosität sind, und einer so wunderbaren Klarheit in der Artikulation..."

Atmo: Stimmengewirr Konzertveranstaltung Jüdisches Museum, Berlin

Sprecher:
Ein weiteres Mitglied der Jury kommt aus den USA. Bernhard Greenhouse ist ein ehemaliger Schüler Feuermanns. Heute gilt er als einer der besten Cello-Interpreten weltweit. Wie viele Musiker aus seiner Generation hält Greenhouse den frühen Tod des Meisters 1942 für eine Zäsur in der Musikgeschichte.

O-Ton Bernhard Greenhouse:
“The first thing that comes to my mind is a great sadness. Because this was a man, who had brought to America a new way of a new approach to the instrument not only wonderful musicianship, but an enormous ability on the instrument. It was quite extraordinary, we hadn’t heard anything like it.”

Übersetzung:
Ich bin sehr traurig, wenn ich daran denke. Dieser Mann hat eine völlig neue Art zu spielen mit nach Amerika gebracht. Er war nicht nur ein wundervoller Musiker, er hatte auch eine enorme Fingerfertigkeit am Instrument. Es war außergewöhnlich – wir hatte so etwas noch nie vorher gehört.

Sprecher:
Feuermann galt schon als Kind als Ausnahmemusiker. Während andere hoffnungsvolle Cellisten während der großen Rezession in Cafés spielen mussten, wurde er mit 21 Jahren Deutschlands jüngster Professor. 1929 erhielt Feuermann sogar den Lehrstuhl an der renommierten Berliner Hochschule für Musik.

Musik: Feuermann spielt

Sprecher:
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten erhält Feuermann von der Hochschule sein Entlassungsschreiben. Insgesamt verlieren 33 Lehrer mit jüdischer Abstammung ihre Stelle.

Atmo: Papier raschelt

Sprecher Feuermann (liest seine Kündigung):
"Sehr geehrter Herr Professor! Durch Ermächtigung des Herrn Reichskommissar für das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung beurlaube ich Sie mit sofortiger Wirkung bis zum Ablauf des Vertrages. Mit freundlichen Grüßen!

Sprecher:
Feuermann verlässt Deutschland, die Emigration wird zum Motor für sein internationale Karriere. Zahlreiche Konzertreisen und Plattenaufnahmen führen den gefragten Cellisten durch Europa und bis nach Japan, 1938 werden die USA für Feuermann und seine Frau Eva zur neuen Heimat.

O-Ton Eva Feuermann: (Sprecherin):
"when he came first to America, he was so pleased with the country, because he played in god-forsaken little villages also, and people came hundres of miles to hear one Bach piece, that was unique"

Übersetzung:
Als wir in Amerika ankamen, hat er sich sehr wohl gefühlt. Selbst wenn er in kleinen verschlafenen Örtchen gespielt hat, kamen die Leute meilenweit um ihn zu hören. Das war einzigartig.

Sprecher:
Als Lehrer war Feuermann in den Staaten stets ausgebucht, auch wenn er als besonders streng und schwierig galt.

O-Ton Bernhard Greenhouse:
"you see, he was a little sarcastic, a little sardonic, but that was his way. He had such an ability that it was difficult for him to understand what a struggle it might be for someone else to attain, what he had already attained – naturally"

Übersetzung:
„Er wirkte sarkastisch, fast schon höhnisch, aber das war halt seine Art. Sein Talent war eben so groß, dass er einfach nicht verstehen konnte, dass andere sich sehr schwer taten, so zu spielen, wie er es ganz natürlich konnte.“

Sprecher:
Von 1938 bis 1942 machten Artur Rubinstein, Jascha Heifetz und Emanuel Feuermann als Meistertrio von sich reden. Nur wenige große Solisten gelten als gute Kammermusiker, doch die drei Ausnahmemusiker verstanden sich auf Anhieb.

O-Ton Boettcher:
"Der Jasha Heifetz muss den Feuermann so sehr geschätzt und gemocht haben, dass er angeblich, ich kann das jetzt nicht belegen, nach seinem so tragischen frühen Tod 15 Jahre lang mit keinem Cellisten mehr gespielt hat."

Sprecher:
Auch der weltberühmte Pianist Artur Rubinstein, zeigte sich von Feuermanns Können zutiefst beeindruckt. Nicht nur für ihn war das Wunderkind aus Galizien der bedeutenste Cellist des 20. Jahrhunderts.

Atmo: Cello-Solo von Feuermann

O-Ton:
Artur Rubinstein: “The solo cello of Feuermann was something which led me on what music really means, what it has to say. It was the most masterly, most devine performance I have ever heard and I don´t want to ever hear it again by anybody else. And this is a declaration.“

Übersetzung:
„Das Solo-Spiel von Feuermann hat mir gezeigt, was Musik wirklich bedeutet. Es war das meisterlichste, wahrhaft göttlichste Cello-Spiel, dass ich je gehört habe. So eine Musik möchte ich nie wieder von jemand anderem hören. Das ist mein bitterer Ernst!“

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